Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 26 (29.6.1928)
- Date
- 1928-06-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Wische Wie Zakob Wassermann „Panta rhei" — alles fließt — hat Heraklit, der griechische Weise, aesagt. Das bedeutet, daß die Materie die Substanz des Lebens — sich in ständiger Bewegung befindet. Was Geltung hat für die materiellen Weltenenergien, hat nicht mindere Gültigkeit für die immateriellen Kräfte des Daseins, für die Geistes- und Gefühlsströmungen, die von Hirn und Herz des Menschen ausstrahlen. Geistes- und Gesühlsströmungen des schaffenden Menschen aber halten das Sefcen der schönen Künste in Atem, und eben darum ist das schöpferische Denken und Bilden des Menschen dem Gesetz ewigen Wandels unterworfen. Jedes Kunstwerk ist ein Kriterium der Zeit, aus der es entstand. Insbesondere aber darf die poetische Schöpfung — und vorzugsweise die epische — als Kulturspiegel betrachtet werden. Zumal der Roman häufig einem kristallenen Prisma gleicht, worin sich die Leuchtkräfte der Zeit vielfarbig brechen. In der Geschichte des Romans lösen Revolution und Evolutioü einander ab. Es gibt Perioden wilder, unvermittelter Umstürze, dmen sich Zeitläufte friedsamer Entwicklung sanft angliedern. Fast immer aber ist die Wahrheit von heute die Lüge von morgen. Künstlerische Dogmen sterben schnell. Und die Mortalität ästhetischer Imperative ist erschreckend. Man verfolge Wegspuren! Der Neuzeit allein! Von dem sentimentalen Roman Deutschlands, der sich im „Werther" Gattung und Standard-Work gleichzeitig schuf und von dem keine weite Strecke zurückzulegen war bis zu den Gefühlsmanationen der Romantik! Aber auch neuen Göttern (oder Götzen — „wer wagt sie zu nennen, wer sie zu bekennen") war der Scheiterhaufen bald gerichtet. Die Forderungen des Tages lauteten immer anders. Zeit- und Streitfragen wurden begehrt. Und in den Werken einer uns schon Vergangenheit dünkenden Aera wetterleuchteten schon die Interessen der herrschenden Stunde und der Oeffentlichkeit. Der Roman wurde zum Turnierplatz, auf dem sich die Kämpen des Idealismus wacker tummelten. Und sie schlugen so gute Klingen, daß man zuweilen vergaß, daß die Schwerter — aus Papier waren. Neue Morgenröten tagten, als in Deutschland die Keller und Fontane auf den Plan traten, nachdem in Frankreich Beyle, Balzac und Flaubert den Boden urbar gemacht hatten für die Goncourts und Zola. Psychologische Analyse und Realistik hießen die neuen Werte, denen eifervoll gedient wurde. Skandinavien eröffnete seine vivisektorische Tätigkeit an Menschenseelen. Der soziale Roman feierte seine Geburt. Und während auf der einen Seite die Streiter der Idee ihre inodernen Epen mit wahrhaft biblischer Schleuderkraft hinwarfen, gedieh auf der anderen Seite die Bekenntnisliteratur zu üppiger Reife. Ein hemmungsloser Subjektivismus brach sich Bahn. Das Jchbuch kam in Mode. Früher hatte man den Künstler hinter dem Kunstwerk entdeckt. Jetzt stellte sich der Künstler vor sein eigenes Werk oder mitten hinein und verdunkelte es nicht selten durch seine aufdringliche Allgegenwart. Und heute? Heute ruft man wieder Anathema und ückt den Bannstrahl, wo man vor kurzem' noch Hosianna chrie. Denn die Worte des Gestern gelten nichts vor dem Forum des Morgen. Gestern noch galt der Triumph der Empfindsamkeit, heute steht ein eiskühler Rationalismus auf der Tagesordnung. Heute beherrscht die Technik die Welt. Wie hätte die Kunst — die große Jmpressionable — sich dem Einfluß dieser wahrhaften Großmacht entziehen sollen? Die Kunst gebar darum schließlich den technischen Roman, das „Epos des Eisens". In unfern modern-allzumodernen Romanen rasen und reisen wir unter der Erde und unter dem Wasser, wie in den Lüften, auf Sternenbahnen, mit gleichem Komfort und Vielhundert Pferdekräften; hören, sehen, sprechen wir von Gnaden des alleinseligmachenden Funkens (des wirklichen „göttlichen Funkens", den Prometheus — Mensch nutzbar machte) in die fernsten Fernen und erfahren wir immer aufs neue, daß dem lebenden Menschen kein Ding mehr unbezwinglich dünkt. Der Roman von heute spiegelt uns. Unfern Haß und unsere Liebe. Unfern Wahn und unser Wähnen. Und was von den Dokumenten des modernen Romans gilt, gilt in erhöhtem Maße von dem Roman Helden aller Zeiten. Der Mensch sucht immer sich selbst. Manchmal auch sind die Hell>en moderner Romane keine einzelnen Menschen, sondern es sind — sterbende Völker oder neugeborene Ideen — dann aber, nur dann — werden diese Bücher meist nicht gelesen. Denn sie tragen den Geruch der Ewigkeit an sich. Nur eine Form der Unsterblichkeit wird im Romanideal unserer Zeit toleriert und propagiert: das ist die des großen Eros. Unsere dank mehr denn vierzehn Jahren Krieg und Staatsumsturz aus den Fugen gerissene Welt hat längstens alle „Bande frommer Scheu" gelöst und gefällt sich in einem wilden Taumel entfesselter Triebe und verachteter Hemmungen. Aber schon wieder macht das „Alles fließt" sich geltend, und es scheint, als ob auf die Exzesse der letzten Jahre eine dämpfende Reaktion sich wohltuend bemerkbar mache. Wohlverstanden: gerade heute oder vielmehr gerade heute wieder wird der Roman zum Exponenten und Protagonisten unseres eigenen Lebens. Wie in allen bedeutsamen Kultur- Epochen der Völker tritt der Dichter hervor und wirft sich um Sprecher der Nation auf. Im Spiegel der belletristichen Literatur wird Gegenständliches und Psychologisches klüglich gemischt. Immer waren es die großen Romandichter, die ihrer Zeit das Glas entgegenhielten, auf daß sie darin ihre Sonderheiten und Eigentümlichkeiten, bar jeden Truges, erkennen lernte. „Am farbigen Abglanz erkennt ihr das Leben!..." Die Dichter von heute setzen sogar ihre Ehre darein, dem modernen Menschen — und darüber hinaus dem modernen Staat mit allen Mitteln ihrer Phantasie und Gestaltungskraft vor uns hinzustellen und, ohne etwa irgerweine „sittliche Forderung" zu erheben, vorhandene Schäden erbarmungslos aufzudecken, einer fortschrittlichen Entwicklung oder dem, was sie dafür halten, hingegen leidenschaftlich das Wort zu reden. Als einer der hervorragendstenRepräsentanten deutscher Romandichtung gilt heute ohne Zweifel der deutsche Jude Jakob Wassermann. Und zwar nicht etwa, wie manche seiner Brüder in Apoll, etwaiger repräsentativer Eigenschaften seines Geistes oder seiner Persönlichkeit willen, die ihn zum Mitglied der preußischen Akademie der Dichtkunst oder zum Mitglied des „P e n k l u b s" qualifiziert haben mögen, sondern weit eher um seiner tiefen Verwurzelung in seiner Zeit und deren Bedingtheit willen. Es ist von jeher eine alte Forderung an den Charakter des Romanes gewesen, daß er ein umfassendes Gemälde der zeitgenössischen Kultur, ihrer Bewegungen und Auswirkungen in großartiger Expansion darbiete. Und eben diesem Imperativ wird kaum ein anderer Dichter so gerecht wie Jakob Wassermann. Wenn Goethe sich — in einem höheren und erhabeneren Sinn, als gemeinhin vom bürgerlichen Leser verstanden wird — als emen „Gelegenheitsdichter" bezeichnete, so könnte auch Jakob Wassermann, in gebotenem Abstand, ein gleiches von sich behaupten. Von seinem Erstlingswerke an, den ziemlich unbeachtet gebliebenen „Juden von Zirndorf" die er mit 23 Jahren schrieb, bis zu seinem jüngsten Sensationserfolg, dem „Fall M a u r i z i u s", ist jede W a s - Hürmannsche Schöpfung das Produkt individuellen Erlebens oder zeitgeschichtlicher Erscheinungen. Wir machen immer wieder die gleiche Erfahrung, daß uns in den Romanen Wassermanns seltsame häufig kriminelle Begebenheiten begegnen, die sich im Laufe des letzten Menschenalters in Wirklichkeit zugetragen und die Oeffentlichkeit lange Zeit hindurch beunruhigt und in Atem gehalten haben. Es ist, als ob derlei ungewöhnliche und aufsehenerregende Ereignisse in den Geist Jakob Wassermanns wie in einen tiefen Brunnen versinken, um zu gelegener Stunde wieder emporzusteigen und nunmehr, durch das dichterische Temperament Jakob Wassermanns gesehen und transfiguriert, in neuer, veränderter aber doch immer noch erkennbarer Gestalt vor uns zu erscheinen. Bisweilen geht diese Gebundenheit des rein Stofflichen so weit, daß man sich versucht fühlen möchte, von einem Schlüsselroman zu sprechen, wenn nicht die erlesene Kunst der Darstellung, die tiefschlürfende Psychologie sowie die meisterliche Beherrschung des Wortes, das so nur einmal und unverg leichbar schlechthin in unserer Phantasie zu wirken vermag, eine derart nüchterne Folgerung alsbald als abwegigen Trugschluß ad absurdum führen würden. Jakob Wassermann, 1873 zu Fürth in Franken geboren, dieweil seine ganze weitere Familie nach der Vertreibung der Juden aus Nürnberg im 15. Jahrhundert in Bamberg, Würzburg, Zirndorf, Schwabach, Roth am Sand und an anderen Weilern des Maintales seit Jahrhunderten ansässig war, ist unter den kümmerlichsten Verhältnissen aufgewachsen und mußte sich von Kindheit an, trotz dem angeblichen „Zeitalter der Toleranz" mit vermeintlichen Rassegegensätzen unb Religionsstreitigkeiten herumplagen, ohne selbst einen Trennungsstrich zwischen Glaubensbekenntnissen, geschweige denn zwischen „Blutarten" fühlen oder erkennen zu können. Die Unduldsamkeit, die in seiner Heimat den Juden noch immer als einen „Menschen zweiter Klasse" verfolgte, lastete schwer auf den Entwicklungsjahren des heranreifenden Dichters und beschattete seine Werde- und Wanderjahre mit finsterem Gewölk. Er hat selbst im Jahre 1921, nach dem Weltkriege, als der Antisemitismus in Deutschland eine Wiedergeburt von ungeahntem Umfang erlebte, in der kleinen, von Bitterkeit und Ressentiment durchtränkten Schrift „M e i n Wegals Deutscher und Jude" vor der Oefsentlich-' keit Rechenschaft abgelegt über die Konflikte, die die Kindheit des Dichters vergiftet haben und die sich um so tiefer in! den Juden Wassermann hineinfraßen, je mehr er sich als Deutscher, leidenschaftlich und sehnsüchtig als Deutscher fühlte und bekannte. Diese Polemik, die ungeachtet aller Schärfe und Härte danach trachtet, kritische Objektivität Christen wie Juden gegmüber zu bewahren, die die Ungerechtigkeiten Andersgläubiger unerbittlich verzeichnet, ohne darob die Fehler der eigenen Stammes- und Glaubensgenossen zu verkennen, kann noch heute als ein Postulat unbestechlicher Zeitkritik gelten. Mutige Feststellungen treffen ins Herzblatt her Dinge. So z. B. die Erkenntnis von der gottgewollten Zwiespältigkeit jüdischen Schicksals: „Es ist die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gesühl der B r a n d m a r k u n g. In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. Es hat sich mir bei fast allen Juden, denen ich begegnet bin, bestätigt, und es ist der tiefste, schwierigste und wichtigste Teil des jüdischen Problems." Jedenfalls deckt diese Schrift all die unheilbaren Wunden ruf, die dem deutschen Juden Wassermann mit seiner Doppelliebe und seinem Kampf nach zwei Fronten, der ihn oft hart an den Schlund der Verzweiflung gedrängt hat, zugefügt worden sind. Wir bedürften dieses mit vollem Freimut abgelegten Zeugnisses nicht; wir bedürften auch keiner aus zuckendem Herzen empordrängenden Geständnisse, wie beispielsweise „Leider steht es so, daß der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes. Oder „Die Deutschen haben zu wenig Liberalität, wenigstens seit der Gründung des Reiches". Oder „Die Deutschen wollen einen Sündenbock. Immer, wenn es ihnen schlecht ergangen, nach jeder Niederlage, in jeder Klemme, in jeder heillen Situation machen die Deutschen die Juden für ihre Verlegenheit verantwortlich. So ist es seit Jahrhunderten." Wir bedürften, so sagten wir, solcher präzisen Formulierungen nicht. Denn, wenn wir das gesamte Letz e n s w e r k Jakob Wassermanns von seinen „Juden von Zirndorf" an über „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs", die den Ruhm des Dichters zuerst durch die Lande trug, über das deutsche Bekenntnisbuch vom „Caspar Hauser", das er dank privaten Ueberlieferungen seiner eigenen, in Franken und Baden behausten Familie und kraft des Einfühlungsvermögens des geborenen Dichters atempressend zu gestalten wußte, oder über die immer reiferen Kunstwerke „Das Gänsemännchen", „Christian Wahnschasfe", „Oberlins drei Stufen", „Ulrike Woytech", „Laudin und die Seinen" bis zu seinem jüngsten Standartwerk „Der Fall' Maurizius" verfolgen, so schmecken wir in jedem dieser Offenbarungsbücher, die eben „Gelegenheitsdichtungen" im Goethefchen Sinne sind, allezeit die gleiche salzig bittere Träne, begegnen wir stets der gleichen, unverharschten, immer aufs neue aufbrechenden Wunde. Denn in jedem dieser Werke gibt es eigentlich immer zwei Gestalten, die man wohl ehedem als „Romanhelden" bezeichnet hätte. Einen aktiven und einen passiven, einen Menschen der Tat und einen Menschendes Leidens, oder, auf die kürzeste Formel gebracht: einen Deutschen und einen Juden, nach der Sonderung, die Wassermann wider sein besseres Fühlen bis in das reife Mannesalter von außen aufoktroyiert worden ist. Der jüdische „Held" ist häufig eingefangen in eine still und abseits, im Schatten stehende Episodenfigur, deren Antlitz verklärt wird von leidvoller Schöne oder der Schönheit des Leids, dem Deutschen hingegen, der als lächelnder Sieger, ohne akavistische Hemmungen, seine Straße zieht, gilt oft die unbewußte Sehnsucht und Zärtlichkeit seines Erzeugers und Gestalters: des deutschen Juden Jakob Wassermann. Wir treffen diese rührenden Nebenfiguren Verhandlung, die fast immer ihre Hände ins Weite und Leere strecken, um nach dem „Bruder Mensch" zu greifen, in so vollendeten Schöpfungen wie dem „Gänsemännchen", „Christian Wahnschafse", „Laudin und die Seinen" und anderen mehr. Nur in seinem letzten Werk, dem „Fall Maurizius", der vielfach, obzwar fälschlich, mit dem Fall Hau identifiziert worden ist, und worin Wassermann zum ersten Mal den Juden als aktive Gestalt in dem genialen Hochstapler und verbrecherischen Doppelgänger Waremme-Warschauer auftreten läßt, bricht die leidenschaftliche Beredsamkeit, und der glühende Eifer einer Jahrtausende hindurch geknechtet und entrechtet gewesenen Volksgenieinschaft durch und aus. Und obzwar Wassermann in seiner autobiographischen Schrift: „Mein Weg als Deutscher und Jude"" seinen Glaubensgenossen vorwirft, daß sie bei manchem „Bildersturm, manchem Paroxysmus oder mancher sozialen Forderung in der vordersten Linie standen und kämpften", daß, „wo das Unbedingte verlangt, wo reiner Tisch gemacht wurde, wo der staatliche Erneuerungs- §edanke mit frenetischem Ernst in Tat umgesetzt werden sollte, luden die Führer waren", jene Juden, die er als „Jakobiner der Epoche" bezeichnet und verurteilt, scheint ihm im „Fall Maurizius" doch die berechtigte Vorstellung aufzudämmern, daß „Spartakus" aller Orten und aller Zeiten auferstehen kann, wo Sklaverei — gleichviel, ob aus staatlichen oder demagogischen Gründen — betrieben wird." „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Bor dem freien Menschen erzitt're nicht!" Dem Juden Wassermann sollte in seiner Kindheit und Jugend und bis in die Sphäre der Mannhaftigkeit das beschämende Zeichen der Minderwertigkeit auf die Stirne gebrannt werden. Dem Deutschen Jakob Wassermann, der allen Anfeindungen und Widersachern zum Trotz sich zum freien Schöpfer durchgerungen hat, sollte es jedoch beschieden sein, die deutsche Sprache durch seine lebendige Kunst am Worte stetig schaffend zu bereichern und somit, obwohl oder vielleicht gerade weil als deutscher Jude, zum Repräsentanten deutschen Geistes zu werden. Heute, nachdem der Ruhm und die Anerkennung seiner eigenen Nation ihn gekrönt haben und der Beifall fremder Völker stürmisch zu ihm dringt, wird er die Worte, die er noch 1921 schrieb, wohl selbst als gegenstandslos erkennen und wird daher gerne widerrufen, was er noch dazumal, gegen Ende des fünften Jahrzehntes seines Lebens, für unwiderruflich gehalten haben mag. „Niemals kann ein deutscher Dichter, und nun gar ein Romandichter (den Begriff gibt es erst seit zwanzig Jahren, vordem haben die Professoren nicht gestattet, daß man einen Romanschreiber Dichter nenne), im selben Sinn die Nation repräsentieren wie etwa Balzac Frankreich, Dickens England, Tolstoi Rußland repräsentiert hat. Ter deutsche Epiker hängt in der Luft, er spielt im Dasein des Volkes keine Rolle, und zwingt er das Augenmerk und die Herzen dennoch zu sich, so spürt er zugleich einen sonderbaren öffentlichen Widerstand, eine ebenso sonderbare heimliche Abwehr, als ginge dies gegen den Ernst und die Würde." Die Auflagen seiner Bücher innerhalb und außerhalb Deutschlands, die Ehren, die ihm seitens seiner christlichen wie jüdischen Mitbürger heute verschwenderisch gezollt werden, der hohe Rang, den er, unbestreitbar und unbestritten, auf hem deutschen Parnaß einnimmt, werden ihm, auch wenn noch einstige Wunden bisweilen brennen mögen, gleich den ehrenvollen Narben, die der siegreiche Krieger aus gewonnener Schlacht heimgebracht hat, beweisen, daß es ihm trotzdem und alledem gelungen ist, die Synthese zwischen dem Deutschen und dem Juden in sich zu finden. Der schöpferische Genius des deutschen Dichters Jakob Wassermann, und zwar eines Jakob Wassermann, der es nicht mehr nötig hat, den Juden in sich vor irgend' jemand schamhaft zu verleugnen, verkörpert eben diese Synthese ebenso rühmlich wie überzeugend vor den Besten seiner Zeit wie vor denen, die nach ihm kommen mögen. Seit vielen Jahren hat Jakob Wassermann in dem weicheren und liebenswürdigeren Deutsch-Oesterreich — an der Seite einer kongenialen Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Martha Karlweis, eine zweite Heimat gefunden. Eine Stätte rastlosen und friedsamen Schaffens wohlverstanden, nicht etwa ein erschlaffendes Capua. Und während er zwischen dem deutschen Nationaldichter Gerhart Hauptmann und anderen Dichtern und Denkern rein arischen Geblütes berufen und auserwählt ward, die Republik des deutschen Geistes würdig zu repräsentieren, kreisen seine Gedanken, seine Phantasie und seine hochgezüchtete Gestaltungskunst weiterhin um die Probleme, die das staatliche und soziale Leben des deutschen Volkes ihm unaufhaltsam zuträgt. Daß daneben die Bitternisse und Leidenschaften seines eigenen Lebensweges zu bedeutsamen Schöpfungen transponiert werden, wer wollte das einem Dichter verargen, dem schon die feinem Auge entströmende Träne in ihrem Fall zum Poem sich verdichten muß? DorisWittner. Geschäftliches. Konditorei Adler am Dönhoffplatz hat ihre Räume bedeutend erweitert und sehr nette geschmackvolle, modern eingerichtete Gesellschafts- und Vereinszimmer geschaffen, die sich besonders gut für Vereine und sonstige Veranstaltungen eignen. Kalendarium f. die Zeit v. 23.6. b. 30.6.28 Juli 192« Tammus 5688 Sonnabend 30 12 Wochenabschnitt: Chukaß-Bolok Haftarah: Micha Kap. 5, 6—14; 6, 1-3 Sonntag 1 13 Montag 2 14 Dienstag 3 15 Mittwoch 4 16 Donnerstag 5 17 Fasttag Schiwoh oßor b'tammus Freitag 6 18 Sonnabend 7 19 Wochen-Abschnitt: Pinchas Haftarah: Jeremia Kap. 1—19, 2 l * 3 Sabbat-Ausgang: 9.29 Uhr