Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-29 · 26 (29.6.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
26 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613973--2762-2620271
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

.i.ü'JK'./j in begreifen es, wenn er es ihnen mit leiser Stimme erklärt." Sie wissen nicht, daß Hillel, auch erst arm, ernst ähnliches gelehrt hat,;a, „beinah mit denselben Worten dasselbe". Es gefällt ihnen, daß Christus sich mit ihnen abgibt, zu ihnen kommt, daß er das lebt, was er sagt. Er will auch keine Lebensabgewandtheit, sondern Freudigkeit. ,^ZHm soll keine rabbinische Formel die Stunde der Heiterkeit stören." Selbst das Vaterunser „wird keine Formel". Er sammelt Anhänger um sich, auch Judas. „Keine Stimme warnt Jesus, diesen Mann zum Vertrauten zu machen." Die Frauen „begreifen ihn leichter, da er nichts lehrt als die Liebe". Er sucht sie nicht und entbehrt sie doch nicht gern, „eben weil er dre Frauen entbehrt." Man hieß in dem neuen Lehrer einen Propheten. Er will auch nicht mehr sein. „Er nennt sich zwar Gottes Sohn, aber er tut es wie jeder, der die schöpferischen Kräfte in sich fühlt, aus denen wir stammen." Mit den Pharisäern, den Priestern wird er langsam verfeindet. Schon keimt der Gedanke „er ist des Todes". Bis zu Johannes im Gefängnis dringt sein Ruf. Der erkennt sich rn diesem Menschen wieder, „der kämpft, so wie er kämpfte" Aber ganz sicher ist er nicht. So schickt er Boten zu ihm, ob er der Erlöser sei. Diese Frage regt den „Geist des Eiferers" in ihm auf, er antwortet mit „schneidenden Worten". Es „dröhnt von seinen Lippen". Sein Selbstgefühl regt sich, vielleicht ist die Frage des Johannes ein „Wink des Herrn". Er will nach Haus, er hat' gehört, daß seine Mutter ihn „von Sinnen nennt," er spricht im Tempel, sieht die Empörung gegen sich gerichtet und da „fühlt er sich zum Kampf geführt, eine Bahn feurigen Leidens dehnt sich vor ihm aus." Er flieht die Seinigen, flieht aus Galiläa und — heilt die Tochter der Heidin, „denn plötzlich sieht sein Prophetenauge... das Gleichnis einer neuen Welt, die nach Erlösung stammelt." „Verdunklung", das 3. Kapitel schildert seine stete unruhige Wanderung. Er fühlt, daß er kämpfen muß. Verkennung, Verleumdung, Spott haben ihn getroffen, aber das steigert sein Selbstgefühl, „verdunkelt" sein Wesen. Die Zusammenstöße mit den Pharisäern setzen immer heftiger ein. „Jesus fühlt seine Worte brennen." In seinen Reden an seine Jünger klingt seine Bitterkeit durch, und doch sind sie ihm „Mutter und Brüder". Aber wenn er Kinder sieht, findet er die „alte holde Weise" wieder. Da setzen neue Aufstände ein und Johannes wird enthauptet. „Jesus erstarrt. Wird ihm sein ganzes Schicksal vom Täufer vorgelebt?" Er fragt die Jünger, wer er sei, und als ihn einer „erkennt, erkennt er erst recht sich selber". Er will, er muß nach Jerusalem, die Folgen kümmern ihn nicht. „Der große Vater, von dem er nur Liebe kannte, soll nun dre Schlacht entscheiden zwischen den Gerechten und den Ungerechten." Er wird männlicher, kälter, dunkler", als je sein Wesen ahnen lreß. Sein Verhältnis zu Gott wird „hochfahrende Exstase". (Dabei ist er aber so „klug", die Steuer zu bezahlen, die er zuerst ablehnt.) „Anfangs ging es um das „Ausraufen der Aehren am Sabbath, jetzt geht es um den „Erlöfer". Herodes hört es, hält ihn für den auferstandenen Johannes, die Jünger warnen. Mer Christus wehrt sie ab. ,',Jch muß wandern" — nach Jerusalem. „Kampf" — 4. Kapitel. Unter „Hosianna" und „Halleluja" zieht Ehr. in Jerusalem ein, in dem es „klappert, knirscht, wo man stöhnt, flucht, Hunde winseln, Kinder schreien". Keiner beugt freilich das Knie vor ihm, aber feindliche Gesichter tauchen aus. Er kommt zum Tempel, „umbrandet vom Getümmel". Soll er das sein? „Ein strenger Gott, Herr dieses Staates, ein Richter waltet vielleicht hier im kalten Marmor, ein Denker, ein Rächer. Der Vater aber, der liebende aus den Tälern von Nazareth, kann hier wicht hausen." Immer stärker dringt das Getümmel auf ihn ein, da „fährt in Jesus von Nazareth ein heiliger Zorn, den er noch nie gefühlt". Er wirft alle und alles hinaus. Nur für einen Augenblick stimmt ihn das Hosianna von Kinderstimmen wieder sanft. Aöer als er am Feigenbaum keine Frucht sieht, die ihn eruqicke, da „führt ihn der Zorn sogar zum Fluch gegen ein schuldloses Wesen". Der Widerstand gegen ihn geht weiter, man stellt Fragen an ihn, aber er antwortet so, daß sie feinen Geist nur bestaunen können. Als er die „vornehmsten" Gebote nennt, steht der Hörer „betroffen, dunkel fühlt er, wie „alter Glaube und neue Deutung sich hier in zwei Sätzen begegnen". „Und so für einen Augenblick nähern sich die zwei Welten." Aber nur füv einen Augenblick. Wieder greift er an, wieder weist er im Anblick der armen Witwe, die ihr Geld in den Kasten tut, auf wahre Frömmigkeit hin. Die Entscheidung aber rückt näher und fällt — durch Judas. Dieser Jünger will Tat, Erfüllung sehen. Er hat Anspruch darauf, denn er hat viel aufgegeben. Er versteht es auch nicht, daß sich der Maister mit Oel salben läßt, das 300 Groschen wert ist, er hält es für Ruhmsucht. Er denkt an den Mosespruch, daß der Prophet, dessen Erfüllung nicht eintrifft, aus „Vermessenheit^ geredet habe. Aber dazu kommt aus „Prophetenpathos" heraus der Gedanke, daß der Messias sich vielleicht „leidend" am ehesten bezeugen könne. So geht er und setzt sich mitz den Priestern in Verbindung. „Leiden." 5. Kapitel. — Jesus wittert Gefahr. Er spricht vom „Schwert", das die Jünger kaufen sollen. Er sucht Perstecke. „Am letzten Tage seines Lebens sucht Jesus seinen ersten Versteck." Er wird furchtsam, er bittet, betet, daß „der Kelch vorübergehe". „Doch nicht, was ich will, sondern was du willst." Er will mit den Jüngern reden, aber sie — schlafen. „Und die Enttäuschung eines Menschenlebens liegt in dem Wort." Da dringt der Hauptmann mit der Wache und Judas ein. „Mein Freund, warum bist du hierhergekommen?" fragt Christus. „Das Wort lähmt alle." Sie fühlen Verrat. Einer schlägt mit dem Schwert zu, aber Christus wehrt ihm. Da „verraten ihn alle" und laufen davon. Verhör. „Auf ein Todesurteil ist es abgesehen." Er spricht sein „Du sagst es" und wird vom Rat verurteilt. Verhör vor Pilatus. „Wahrheit, was ist Wahrheit?" Als das Volk aber das Wort „Galiläa" ausspricht, da erinnert er sich an Herodes, dem Galiläa gehört, schickt Christus zu ihm, der aber schweigt vor Herodes und wird als Narp zurückgeschickt und endgültig von Pilatus verurteilt. Das Volk wÜl es. Kreuzigung. Hohn. „Ein Dieb und Mörder ahnt die Kraft des Menschensohnes." Aber diese Kraft läßt nicht nur äußerlich nach. Niemand bei ihm, allein im Leiden, drei fremde Frauen weinen von fern. In einem Schrei „bricht alle Menschenqual hervor". „Es ist klar: dre Vater, dem er sich so gläubig hingegeben, hat sich vom liebestärksten seiner Söhne abgewandt. Der Vater ist kein Vater." Seine Leiche soll fortgegeben werben, wird aber nicht gefunden. Die Priester prophezeien „endlosen Aerger". Man werde sagen, er sei auferstanden. Und die Frauen glauben wirklich in „wachen Träumen" den auferstandenen Jesus zu sehen. Hier endet das Buch. (Schluß folgt.) Umschau Beschlüsse der Jewish Agency-Kommifsion. Nach einem Abkommen zwischen Marshall und Weizmann soll die Jewish Agency, die gemäß der Bestimmung des Palästinamandats die Mandatarmacht und die Palästinaregierung in allen Fragen des sogenannten „Jüdischen Nationalheims" beraten soll, umgebildet werden. Bisher fungierte die Leitung der zionistischen Weltorganisation als Jennsh Agency; fortan soll sie durch eine Organisation repräsentiert werden, die zur Hälfte von der zionistischen Organisation, zur andern Hälfte von anderen Instanzen, unter Beteiligung von Nichtzionisten, besetzt wird. Als Vorstufe zu dieser umgebildeten Agency, von der man in den offiziellen zionistischen Kreisen eine Ueberwindung der jetzigen Stagnation im Aufbau erhofft, war die Joint Palestine Survey Commission eingesetzt worden, der Persönlichkeiten der internationalen Welt wie Lord Melchett (früher Sir Alfred Mond), die amerikanischen Wirtschaftsführer Felix M. Marburg und Dr. Lee K. Frankel sowie der Direktor der Deutschen Bank, Oscar Wassermann, angehören. Diese Kommission hat nun in London beraten und ihre Auffassung in einem 200 Druckseiten starken Bericht niedergelegt. Die Vorschläge der Kommission wenden sich 1. an die Mandatarmacht, 2. an die mit dem Aufbau Palästinas unmittelbar beschäftigten Zionisten, 3. an die Judenheit der ganzen Welt. In einem Vorwort wird die Geschichte der zionistischen Bewegung bis zu den Beschlüssen von San Remo behandelt. Der erste Hauptteil beschäftigt sich mit dem gegenwärtigen Stand des Palästinawerks und dem Bericht der Sachverständigen. Der zweite Hauptteil enthält die Empfehlungen und Schlußfolgerungen der Kommission. Zwischen beiden Teilen findet sich ein besonderes Kapitel über die Pflichten der Mandatsregierung. In diesem heißt es nach der Wiedergabe der Jüdischen Telegraphen-Agentur: „Wenn auch Palästina nicht ein verfassungsmäßiges britisches Territorium und auch nicht ein Protektorat ist, so steht es doch unter der Kontrolle des britischen Kolonialamtes. Ist es auch, streng genommen, nicht eine britische Kolonie, so trägt es nichtsdestoweniger den Charakter einer Kolonie." Gestützt auf diese Verbindung von Großbritannien und Palästina und auf einzelne Bestimmungen des Mandates wird eine stärkere Unterstützung des Ausbauwerks durch die englische Regierung gefordert. Es wird eine Sonderstellung für Palästina verlangt, und es heißt in diesem Zusammenhang: „Selbst wenn ein solcher Vorzug nicht als ein absolutes Recht angesehen werden sollte, würde die Gewährung eines solchen schon durch Erwägungen gerechtfertigt sein, wie sie zwischen einem Vormund und seinem Mündel am Platze sind." In dem Bericht werden dann zahlreiche, sehr ins einzelne gehende Vorschläge auf wirtschaftlichem Gebiet gemacht, die von eingehendem Studium der Verhältnisse und ernstein Willen zur Sanierung und Förderung des Werkes in Palästina zeugen. Tie Kommission stellt fest, daß das bisherige Budget der zionistischen Fonds in keiner Weise für eine Erweiterung der Aufbauarbeit reicht. Nach ihrer Ansicht ist ein Minimalbudget von einer Million Pfund jährlich unerläßlich, wobei sie das Budget des Keren Kajemeth außer Betracht läßt. Es handelt sich also ungefähr um eine Verdoppelung des bisherigen Palästina-Budgets, die zunächst für die kommenden fünf Jahre durch einen Appell an die gesamte jüdische Welt erreicht werden soll. Die Wirkung der Vorschläge, die von zionistischer Seite etwas vorschnell und übertrieben als „ein Wendepunkt in der Geschichte des jüdischen Aufbaues in Palästina" bezeichnet werden, bleibt abzuwarten. Ob durch Kommissionsbeschlüsse für die Kolonisation eines Landes überhaupt Wesentliches zu erreichen ist, kann bezweifelt werden. Wichtig ist auch, welche Ausnahme der Bericht in zionistischen Kreisen selbst finden wird. Die Jüdische Rundschau schreibt: „Tie Hauptsache aber ist die Erkenntnis, daß eine aktive Mitwirkung der Gesamtjudenheit bei der Aufbringung der Mittel unerläßlich ist und daß der Fortschritt und das Tempo des Aufbaues proportional ist zu der Größe der Mittel. Es liegt die Befürchtung nahe, daß innerhalb des Zionismus ein erbitterter Streit um Einzelheiten des Berichtes ausbrechen wird, in Verkennung der einzigartigen Situation, die durch den Bericht geschaffen ist." Die Rolle, die in diesen Sätzen den Nichtzionisten zugedacht ist — „Ausbringung der Mittel" —, scheint uns bei einem leider nicht nur philantropischen, sondern in erster Linie politischen Werk etwas reichlich mager. Das liberale Judentum Deutschlands beispielsweise hat wie» holt seine Bereitwilligkeit erklärt, an der Uebersiedlung von Juden, die in ihren jetzigen Ausenthaltsländern leine Heimat finden können, milzuwirken, wenngleich es für gewiß hält, daß eine Lösung der Judenfrage nur in den einzelnen Ländern möglich ist. Und es hat mehrfach seinem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß es sich heute von derartigen Ausgaben in Palästina fernhalten muß, weil diese dort jetzt nicht um ihrer selbst willen, sondern nur als Mittel zum Zweck betrieben werden. Zum Zweck, das Judentum zu nationationalisieren. Es wird sich zeigen, ob sich hieran etwas ändern wird. Die Wahlordnung für den Preußischen Landesverband. Im nächsten Jahre werden zum zweiten Mal Wahlen zum Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden stattfinden. Die Liberalen hatten auf dem letzten Verbandstag eine Verfassungsänderung beantragt, nach der die Mandatsverteilung-sich nicht nach der Seelenzahl der Bezirke, sondern nach der Zahl der abgegebenen Stimmen richten sollte; für diese demokratische Selbstverständlichkeit fand sich im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden nicht die für Verfassungsänderungen erforderliche - z-Mehrheit. Auch weiterhin wird also auf je 3000 Seelen ein Abgeordneter entfallen. Danach kann sich z. B. wiÄerholen, daß in Westfalen durch 9525 abgegebene Stimmen 5 Mandate bestimmt werden, in Frankfurt a. M. aber durch 9130 abgegebene Stimmen 10 Mandate; oder daß in Köln durchschnittlich nur 810 Stimmen, in Sachsen aber 1577 Stimmen pro Mandat erforderlich sind. Die Liberalen wollten neben der Beseitigung dieser Unsinnigkeit auch eine Verkleinerung des Verbandstages, weil nach ihrer Ansicht durch die Parlamentsspielerei im Preußischen Landesverband die Verwaltungskosten ungebührlich hoch sind. Auch für diesen Vorschlag fand sich keine -^-Mehrheit. Dabei dürfte aber unbeachtet geblieben sein, daß die Zahl der „Abgeordneten" nach der geltenden Bestimmung im nächsten Verbandstag noch größer sein wird als jetzt. Da nach der Verfassung für die Wahlen die letzten statistischen Feststellungen maßgebend find, so muß die Volkszählung vom 16. Juni 1925 Berücksichtigung finden. Hierdurch ergeben sich gegenüber der ersten Wahl nicht unwesentliche Aenderungen, wie die nachstehende Tabelle zeigt, die jedoch mit Rücksicht auf die nicht zum Verband gchörigen Gemeinden noch geringer Korrekturen bedarf. Wahlkreis: Israelitische Zahl der Seelenzahl Mandate 1925 1929 Ost- und Westpreußen 11337 4 4 Groß-Berlin 172672 53 58 Brandenburg, Pommern, Grenzmark 19640 5 7 Breslau 23 240 10 8 Schlesien 16 782 6 6 Sachsen 8 341 2 3 Hannover 14 895 5 5 Schleswig-Holstein 4 152 2 1 Westfalen 21595 5 7 Frankfurt a. M. 29 385 10 10 Hessen-Nassau 23 372 4 8 Köln 16 093 7 5 Rheinprovinz 42 465 10 14 403969 123 136 Die Wahlordnung selbst, die für den ersten Verbandstag galt, kann für die kommenden Wahlen nicht ohne weiteres übernommen werden. Sie war ihrer ganzen Anlage nach nur als Provisorium gedacht und übertrug verschiedene Obliegenheiten dem Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, die jetzt, nach den Arbeiten der Landesverbandsoraanisativn, anderen Instanzen zufallen dürften. Nach der Verfassung bestimmt das Nähere über die Bildung der Wahlbezirke und das Wahlverfahren die durch übereinstimmenden Beschluß des Rates und des Verbandstages sestzusetzende Wahlordnung. Da der zur Vorbereitung einer diesbezüglichen Vorlage zuständige t Rechtsausschuß (Vorsitzender Dr. Jsmar Freund) bisher diese Aufgabe noch nicht erfüllt hat, sollte er nunmehr schleunigst das Versäumte nachholen. Der Rechtsausschuß könnte sich dann auch dazu aufraffen, einige andere Aufgaben, die von dem Verbandstag beschlossen sind und in sein Gebiet fallen, zu erfüllen. Die Mnkowski-Aussiellung in Berlin Durch die gut informierende Sonderausstellung der Ghettobilder des polnisch-jüdischen Malers Moritz Minkowski hat sich die Berliner Kunstkammer von Martin Wasservogel ein außerordentliches Verdienst erworben. Der Erfolg der Veranstaltung war mit Recht sehr groß. — Bisher kannte man diesen bedeutenden Künstler nur unvollkommen aus gelegentlichen Beschickungen deutscher Ausstellungen, aus Kartenvervielfältigungen und Illustrationen. Jetzt ist uns zum ersten Mal ein imponierender Ueberblick seines Gesamtschaffens vermittelt worden. Erstaunt stellt man fest, mit welcher Sicherheit und Unbeirrbarkeit dieser Maler seinen Weg gegangen ist. Keine der in den letzten Jahrzehnten ephemer auftretenden und wieder abflauenden Moden hat ihn irgendwie merklich beeinflussen können. Gelernt hat er von allen, verschrieben hat er sich keiner! — Das macht den Maler als solchen sympathisch. Als Menschen macht ihn sein Mit Erleben und Mil-Leiden so liebenswert! Zu was für erschütternden Anklagen sind seine vielen Pogrombilder geworden, diese an den Chausseerändern kauernde vertriebene jüdische Bevölkerung mit den leiddurchfurchten Zügen, der aber auch all' das furchtbare Unglück eine gewisse seelische Hoheit nicht hat rauben können! Und in vielen Bildern immer wieder jüdische Physiognomien, alle verschieden, alle mit unendlicher Anteilnahme gemalt, alle zeigend, daß es so etwas wie jüdischen Adel doch gibt. Das Können Minkowskis als Porträtist ist übrigens ganz hervorragend. Die Bilder des Schauspielers Ernst Deutsch und des Kunstsammlers Martin Wasservogel z. B. sind Kunstwerke hohen Grades. Die bei Gelegenheit dieser Ausstellung wiederum aufgeworfene Frage, ob es ejne spezifische „jüdische Kunst" gäbe, muß verneint werden. Aber sicher gibt es in allen Künsten eine jüdische Geistigkeit, die Nüancen schafft, und zwar oft höchst beachtliche und bemerkenswerte. An äußeren Daten sei erwähnt, daß Minkowski 1881 als Sproß einer reichen, dem Judentum entfremdeten Fabrikantenfamilie in Warschau geboren wurde. Seit seiner Kindheit taubstumm, hat sich die ganze Schaffensenergie und Intuition des Künstlers schon seit seiner Knabenzeit der visuellen Beobachtung und zeichnerisch-farbigen Darstellung zugewandt. Erst das schreckliche Erlebnis des Pogroms hat 1905 aus Minkowski den „jüdischen Maler" gemacht. Bedauerlich ist es, nebenbei bemerkt, daß die Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde keins der Werke Minkowskis erworben hat. — Zahlreiche Privatsammler — darunter auch nur mäßig Begüterte — haben sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen. Warum hat die größte deutsche Gemeinde nicht etwas Geld für derartige Zwecke übrig? Sie hat einen Jahresetat von fast zehn Millionen; da müßte sie auch Beträge für die ewigen Dinge, für die Kunst zur Verfügung stellen können! Dr. Ludwig D a v i d s o h n, Berlin. * Aus den Gemeinden Berlin. (Sitzung des Siedlungsausschusses des R. j. F.) Am Montag, den 18. Juni, fand die erste Sitzung des neuen» vergrößerten Siedlungsausschusses des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, dem prominente Führer des jüdischen öffentlichen Lebens, aus dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, aus der Berliner Jüdischen Gemeinde, aus den großen jüdischen Organisationen aller Richtungen in Deutschland beigetreten waren, statt. Auch die Vorsitzenden der Landesverbände des R. j. F. gehören dem Siedlungsausschuß an. Nach der erfolgten Konstituierung des erweiterten Ausschusses wurde beschlossen, die Arbeit mit erneuter Kraft weiter fortzuführen. Es werden nun beschleunigt die einzelnen Arbeitsausschüsse gebildet werden. Berlin. (7 0. Geburtstag von Sigmund Salinger.) Am 1. Juli vollendet Herr Sigmund Salinger, Begründer und Senior-Chef der Wäschefabrik Sigmund Salinger, Berlin, das 70. Lebensjahr. Geboren in Marienwerder (Westpreußen), kam der Jubilar vor mehr als 50 Jahren in die Reichshauptstadt, wo er alsbald eine Wäschefabrik gründete. Rastloser Fleiß, unbeugsame Energie und hohes Pflichtbewußtsein ließen das Unternehmen in steter Entwicklung zu seiner heutigen Bedeutung empor wachsen. Hilfsbereites Wesen und aufrechte Gesinnung erwarben Herrn Salinger in weiten Kreisen Achtung und Ansehen. Die Wertschätzung der Mitwelt dokumentierte sich in der Uebertragung zahlreicher Ehrenämter, insbesondere in der jüdischen Gemeinde Berlins und ihren Wohlsahrtseinrichtungen. So bekleidet ' crr Salinger das Amt eines Borstehers in der Synagoge FasanensUaße, ist im Vorstand des dortigen Synagogenvereins, ferner Vorstandsmitglied des Vereins der Freunde der Taubstummen und anderer Institutionen. «Sein starkes reli, 'ses Empfinden macht ihv

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.