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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-22 · 25 (22.6.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
25 (22.6.1928)
Date
1928-06-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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macht trotz alledem unverkennbare Fortschritte und erstreckt füh erfreulicherweise auf immer weitere Kreise der Land- und Aickeiterbevölkerung. Cs scheint daher wichtig, durch energische Abwehr- und Borbeupungsarbeit zu verhindern, daß der Bazillus des Rassenantisemitismus, der auf den Hochschulen in Reinkultur gezüchtet wird, sich der Gemüter jener bildungshungrigen und nach Kultur dürstenden weiten Kreise bemächtige, daß das Gift in die noch unverdorbenen Seelen eindringe und dort Verheerungen anrichte. Dann werden jene Hochschulen und Akademien, welche sich dem Geiste einer auf breiterer Basis fundierten und gesitteten Kultur, dem Geiste einer freien und fortschrittlichen Welt nicht werden fügen wollen, als isolierte Fremdkörper ohnedies zu allmählichem Abfterben verurteilt sein, ebenso wie Körperteile absterben müssen, bei denen der frische Blutzustrom unterbunden ist. II. Wenn wir daher auch die Tragweite der Vorgänge, die sich derzeit an den Hochschulen abspielen, nicht unterschätzen dürfen, so brauchen wir sie sicherlich auch nicht zu überschätzen, da sie glücklicherweise nicht mehr den Geist des Volkes repräsentieren. Denn der Geist des Volkes und zumal des deutschen Volkes ist weder ein völkischer noch ein rassischer. So sehr sich auch politische Agitatoren und nationalistische Hetzer bemühen, die Liebe zur Heimat und zu den Volksgenossen, die allen Schichten des deutschen Volkes gemein ist, in einen rassischen Instinkt umzufälschen, der „rassische Geist" kann schon deshalb nicht erweckt werden, weil ihm die natürlichen, d. h. in der ethnischen Struktur der Volksgesamtheit gelegenen Unterlagen vollständig fehlen. Die Deutschen sind kein Rassevolk. Wer sie gewaltsam dazu machen, chr Volkstum auf Rasse, ihr Nationalbewußtsein auf Rasseninstinkt gründen will, wird unausweichlich zum Zerstörer am Deutschtum selbst. Jeder solche Versuch verurteilt sich selber dazu, das Wesen des Deutschtums zu vernichten. Denn derjenige, welcher die Deutschen zu „Germanen" stempelt und diesen Begriff im Sinne einer Rasse gebraucht — mit bestimmten physischen Merkmalen: hochwüchsig, langschädlig, blauäugig, blondhaarig etwa —, der stößt Millionen und Abermillionen Deutscher aus dem deutschen Volkstum aus, der müßte die Deutschen vielleicht auf ein Drittel chres sonstigen Bestandes reduzieren, um diesen Rest mit anderen Volkstümern (skandinavischen, niederländischen, teilweise angelsächsischen und nordfranzösischen) zu einer neuen Einheit zu verbinden. Wenn auch über diese Tatsachen im Volke noch keine klare Kenntnis besteht, so scheint dennoch eine Art unbewußtes Gefühl hierfür vorhanden zu sein, daß der Rassendogmatismus, der in erster Linie den „fremdrassigen" Juden das deutsche Volkstum abspricht, sich schließlich gegen das deutsche Volk als Ganzes richtet und daß somit der Rassenfanatismus, welcher den Schutz des Volkstums durch Rassenschutz bewirken will, gerade der Zerstörer des Volkstums ist, das er zu schützen vorgibt. Diese Gefühle im Volke zu stärken, und in klare Erkenntnis überzuführen, heißt, das deutsche Volk gegen die Ansteckung durch den Rassebazillus immunisieren. Dadurch aber, daß man aufzeigt, daß die Deutschen die buntrassigsten unter den großen Nationen Europas sind, wird dem deutschen Volkstum nichts von seiner Würde genommen, sondern ganz im Gegenteil dieses aus der Sphäre des Rassisch-Tierischen in die des Geistig-Menschlichen emporgehoben. Indem an die Stelle der (tatsächlich nicht existierenden) R a s - senaemeinschaft die Volksgemeinschaft aller deutschen gesetzt wird, wird nicht nur einer Forderung der Wahrheit Genüge getan, sondern auch einem ethischen Postulate Rechnung getragen, das im Volkstum weniger etwas Gegebenes, als etwas Aufgegebenes, zu Erfüllendes erblickt. Deutschtum ist somit kein Erzeugnis des Blutes, sondern ein Produkt des Geistes. Niemals'und nirgendwo sindVölkerBlutsorten gewesen. Weder die Juden, die sowohl von deutschvölkischer als auch von jüdischnationaler Seite so gern zur „Rasse" gestempelt werden, noch auch die Griechen und Römer bilden eine Rassengemeinschaft, weder die Franzosen der Bourbonenzeit, noch die Angelsachsen, noch auch die modernen Italiener können als solche angesehen werden. Der ganze neuzeitliche Nationalbegriff hat sich nicht an der Rasse, sondern ausschließlich an der Sprachgemeinsamkeit entfaltet. Die deutlich vernehmbare Stimme der Rede und nicht die metaphorische und stumme Stimme des Blutes ist es, welche die „Nationalität" der Menschen bedingt; ist sie verklungen, steht sie nicht mchr in lebendem Gebrauch, dann kann — das mögen sich auch jüdische „Nationalisten" gesagt sein lassen — von „Nation" keine Rede sein. Je weiter wir in unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Vereäungsgesetze fortschreiten, je tiefer Anthropologie und Biologie in das Geheimnis des Werdens und Vergehens des Einzelnen sowohl wie der Völker einzudringen vermögen, desto hoffnungsloser wird die Meinung, als lasse sich der Stammbaum eines Menschen als „rasserein" garantieren oder züchten. Was will man z. B. gegen die neuestens durch einwandfreie Forscher gemachte Entdeckung unternehmen, daß die Schädelform sich mit dem — Ortswechsel verändert? Denjenigen, welche chr Rassendogma so gerne in den Gegensatz von ,/irisch" und „semitisch" kleiden, die sich stolz als „Arie r" oder „Germanen" bezeichnen und auf die „Semiten" verächtlich herabblicken, — ein Grund zu Stolz oder Verachtung läge natürlich auch dann nicht vor, wenn diese Anschauung richtig wäre, — denen wäre gegenüberzuhalten, daß weder „germanisch" noch ,/irisch" anthropologische, sondern ausschließlich philologische bezw. linguistische Begriffe sind. „Germanen" nennen wir die Völker, welche eine Sprache der germanischen Sprachenfamilie reden, die selber wieder eine Sippe der größeren „indogermanischen", „arischen" Sprachenfamilie darstellt. Schon Max Müller hat die anthropologische Umfälschung des Begriffes „arisch" beißend ironisiert: das sei genau so, meinte er, als wolle man von einer „kurzköpfigen Grammatik' reden. Man kann das vielfältig variieren und sagen, „germanisches Blut in de» Adern" sei genau so sinnvoll wie ein „blondes Imperfektum" oder eine ,chlauäugige Partizipialkonstruktion". Es mag wohl eine Zeit gegeben haben, in welcher sich Rasse und Sprache im wesentlichen gedeckt haben, doch ändert sich dieser Zustand, je mchr die Sprache zum Werkzeug der Kultur und Zivilisation wird. Rein äußerlich pflegt sich diese Wendung jn der Entstehung der Schriftsprache darzustellen, rüdem in den Fesseln der Schrift das lebendige Wort gezähmt und höheren, geistigen Zwecken dienstbar ge- Versammlungskalender Breslau. ZN „Abraham Seiger". Montag, de« 25. Juni, abends 8.15 Uhr, im Kargarte«, Küraffierstratze (bei «ngüastigem Weiter im Saale). Mitglieder, die Interesse a« Wanderungen and Ausflügen am Sonntag haben» «ollen sich mit Ludwig Freund, Reudvrfstraße 37, Fernsprecher 33320, oder Alfred Berger, Augustastraße 67, Fernsprecher 37754, in Verbindung setzen. * Gottesdienste Berlln-N-rde«. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162 a): Freitag, den 22. Juni, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Professor I. Friedländer. Sonnabend, den 23. Juni, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 29. Juni, abends 7.15 Uhr, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Wilmersdorf-Schöueberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschule, Nilolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 22. Juni, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Freitag, den 29. Juni, Predigt: George Soetz. macht wird. Hierdurch wird die Sprache des Volkes zu jener alles ausgleichenden, alles verbindenden und verschmelzenden Kraft, welche die eigentliche Schöpferin des Volkstums ist. Wer die Sprache eines Volkes redet, der lebt den Geist desselben, der, dessen Muttersprache sie ist, und nur der muß als Glied der Volksgemeinschaft angesehen werden. (Tscheche z. B. ist, wer das Tschechische als seine „Muttersprache" spricht und nicht der, der eine „böhmische Nase" hat oder dessen Ahnen im Lager von Tabor standen.) Ueberall in deutschen Landen vernehmen wir die Stimme der Sprache und wo sie uns fern der Heimat entgegenschallt, da dringt sie noch viel tiefer in unsere Seele, in unser Herz ein, da fühlen wir uns mit dem in unserer Sprache Sprechenden wie durch ein unsichtbares Band verbunden; in frenwen Landen, dort, wo fremde Zungen an unser Ohr klingen, da erscheint uns ein Wort in unserer Muttersprache doppelt wert, mag uns auch der Sprechende sonst völlig fernestehen. Wo aber bleibt die Sprache des Blutes, wie macht diese sich uns vernehmlich? Nirgends tritt uns also die „Rasse" als solche entgegen, sie ist eine bloße Abstraktion ohne reale Basis, wenn man sie nicht überhaupt als ein Hirngespinst, entsprungen der gegenwärtig herrschenden Ueberschätzung des Materiellen, bezeichnen will. Sie knnn daher weder „geschützt" noch „gezüchtet" werden. Nicht einmal das burleske Heiratsverbot der heutigen Burschenschaftler weist dem blonden Weibe eine Vorzugsstellung ein, sondern schließt nur farbige und — jüdische aus, wonach es denn kommen mag, daß ein wackerer Teutone oder Armine sich zu Hamburg mit einer schönen Südamerikanerin verlobt, deren schmale Hände schon, um mit Felix v. Lu sch an zu reden, im Kenner den Verdacht wachrufen, daß in diesem Stammbaum einmal Negerblut eingetropft und zu einem höchst wirksamen Ferment besonderer Schönheitswerte geworden sei.... „Wahrhaft völkisch fühlt, wer sein ganzes Volk, mit seinem Licht und seinem Schatten, mit seinen Tugenden und seinen Schwächen, in Liebe und Hingabe umfängt, weil er sich als Glied dieses Volkes weiß und will. Es ist Gegenteil alles Völkischen, ganze Teile seines Volkes zu deklassieren, weil chre Beschaffenheit in den politischen Kram, dem man sich verschrieben hat, nicht hineinpassen will." (Dr. Willy Hellpach, „Rasse und Stämme im deutschen Volkstum", „Die Neue Rundschau".) Ist der K l a s s e n h a ß und der chm entspringende K lasse n k a m p f ein Produkt deshistorischenMaterialismus, so muß die rassische Auffassung des Volkstums ebenfalls als Folge krassesten Materialis mus angesehen werden. Beide Anschauungen haben die Tendenz, zum Dogmatismus und schließlich zum Fanatismus zu führen. Umschau Das Siedlungswerk für die russischen Juden. Der Präsident der American Jewish Joint Agricultural Corporation (Aaro-Joint), Herr James N. Rosenberg, machte, wie die Jüdische Telegraphen-Agentnr aus New Port berichtet Mitteilungen über das Arbeitsprogramm feiner Gesellschaft, die als ständige Organisation zur Fortführung der Finanzierung des jüdischen Aufbauwerkes in Rußland begründet worden ist. Das Arbeitsprogramm für die nächsten zehn Jahre sieht eine Ausgabe von insgesamt 20 Millionen Dollar vor. Bis zum 30. Oktober d. I. müssen jüdische Persönlichkeiten Amerikas 10 Millionen Dollar voll gezeichnet haben. Tie russische Regierung hat sich ihrerseits verpflichtet, im Verlauf der nächsten 10 Jayre 10 Millionen Dollar zuzuschießen. Umfang und Bedeutung des Unternehmens reicht aber weit über die Summe von 20 Millionen Dollar hinaus, da die Regierung der Sowjetunion sich bereit erklärt hat, Siedlungsland im Werte von 20 Millionen Dollar unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Die American Society for Jewish Farm Settlements wird das vom Joint Distribution Committee eingeleitete und während der letzten 5 Jahre durch den russischen Agro-Joint fortgeführte Werk übernehmen und weiterführen. Das gegenwärtige Programm des Agro-Joint in Rußland wird am 31. Oktober d. I. beendet sein. Seine Quellen sind bereits erschöpft. Mit einem Gesamtkostenaufwand von weniger als 6 Millionen Dollar, die die amerikanischen Juden beigesteuert haben, und unter Mitwirkung anderer jüdischer Organisationen zur Förderung der jüdischen Kolonisation wurden etwa 125 000 jüdische Seelen aus den Städten auf dem Lande angesiedelt. Sie bearbeiten ein Gesamtarial vpn mehr als einer Mlllion Acker. Noch heute find' 40000 jüdische Familien in den Listen der Siedlunasanwärter eingetragen und warten ungchuldig auf die Gelegenheit, die Städte, in denen sie keine Beschäftigung finden, zu verlassen und sich der Bodenbearbeitung zu widmen. Diesem Notschrei will der neue Arbeitsplan abhelsen. Hierzu hat Herr Julius Rosenwald aus Chicago 5 Millronen Dollar gezeichnet unter der Bedingung, daß andere jüdische Persönlichkeiten Amerikas dm gleichm Betrag zur Verfügung stellen. Ohne daß irgend ein „Drive" stattgefunden hätte, sind bis heute Beträge von insgesamt 7100 000 Dollar sichergestellt worden, worunter ein von Herrn Felix M. Marburg gezeichneter Betrag von einer Mlllion Dollar zu erwähnm ist. Die übrigen Zeichner sind Colonel Herbert H. Lehman, Louis Marshall, Paul Baerwald, Arthur Lehman, Felix Fuld, Louis Bamberger u. a. m. Es fehlt noch eine Summe von 2 900 000 Dollar, die in den nächsten Monaten aufzubringm ist, um Dr. Rosen in die Lage zu versetzen, die Verhandlungen mit der Regierung in Moskau erfolgreich zum Abschluß zu bringen. Von der Gesamtsumme in Höhe von 10 Millionen Dollar werden jährlich eine Million Dollar für das Siedlungswerk ausgegeben werden; die gleiche Summe, Dollar für Dollar, leistet die russische Regierung, außerdem das notwendige Siedlungsland. Auf diese Weise werdm wir in die Lage versetzt, eine sich in der jüdischen Geschichte vielleicht nie wiederholende Gelegenheit für jüdischen Aufbau zu ergreifen. Die russische, Regierung wird für jüdische Kolonisation geeignete^ Land in der Ukraine und in der Krim, und zwar ui der Nähe der bereits bestehenden Kolonien, zur Ansiedlung von weiteren 25000 jüdischen Familien zur Verfügung stellen und auch diesm nmen Kolonisten alle jene Vorteile und Privilegien gewähren, die in den diesbezüglichen Gesetzen vorgesehen sind. Infolge dieser Privilegien stellen sich die Kosten der Landansiedlung in Rußland so erstaunlich billig. Die Regierung gibt unentgeltlich jeder fünfköpfigm Familie eine Bodenparzelle im Umfang von 45 bis 75 Acker und stellt außerdem kostenfrei Waldgebiete zur Verfügung, wo das für den Häuserbau erforderliche Holz geschlagen wird. Der Siedler genießt in den ersten 5 Jahren seiner Seßhaftigkeit Steuerfreiheit. Die Transportgebühren für Menschen, Vieh und Inventar sind stark herabgesetzt. Agro-Joint genießt das Privilegium der zollfreien Einführung von Werkzeugen, Maschinen und anderer Bedarfsartikel für die Siedler. Die vom amerikanischen Agro-Joint gewährten Beträge werden wie bisher verwendet werden: 80 o/o bis 85 o/o als Darlehen an die Siedler, 10 o/o bis 15 o/0 für landwirtschaftliche Instruktionen, medizinische und veterinäre Hilfe, Schulen und öffentliche Bauten, 5 °/o für administrative Erfordernisse. Ehrliche Antizionisten. Anläßlich des 70. Geburtstages von Claude G. Montefiore läßt sich das zionistische Hauptorgan, die „Jüdische Rundschau" (vergl. deren Nr. 47 vom 15. 6. 1928); meni Artikel von Paul Goodman-London schreiben, der in jeder Weise der Persönlichkeit Montefiores gerecht wird und wegen seiner Sachlichkeit erfreulich wirkt. Wir können aber nicht umhin, dazu doch einiges zu bemerken. In dem Aufsatz heißt es: „Er (Montefiore) meint es mit dem liberalen Judentum so ernst, daß er seit vielen Jahren die Verbreitung des Judentums unter Nichtjuden bcsürwortet hat. Er ist Universalist, der das Ideal des zweiten Jesaias in die Tat umsetzen möchte. — Hierin haben wir die Gründe seiner Gegnerschast zum jüdischen Nationalismus, die ihn bewogen hat, den Zionismus als Gefahr für die Zukunft des Judentums zu bekämpfen. Wir Zionisten haben in ihm leider den bedeutendsten, weil ehrlichsten Gegner gesunden, was wir, wenn auch in ritterlicher Form, betonen müssen. Man könnte sagen, daß die Opposition Montefiores, die aus philosophisch-religiöser Grundlage aufgebaut ist, wie die Gegnerschaft Lucien Wolfs auf politischem Gebiet, die zionistische Arbeit in England sehr erschwert hat." Diese Ausführungen sind durchaus zutreffend. Wenn sie auch einen Engländer zum Verfasser haben, so scheint doch unzweifelhaft, daß die Schriftleitung der „Jüdischen Rundschau" sich mehr oder minder mit der Tendenz des Aufsatzes identifiziert, umsomehr, als sie selber vor kurzem Montefiore in ähnlichem Sinne gewürdigt hat. Nun ist es natürlich auf der einen Seite sehr billig, einem ausländischen Gegner seine Ehrlichkeit zu bescheinigen, dessen Gegnerschast im Jnlande einigermaßen ungefährlich ist; und auf der andern Seite ist es dann doppelt unschön, dem inländischen Gegner, wie es von der „Jüdischen Rundschau" in den letzten Wochen wiederholt und mit immer größerem Fanatismus geschieht, unehrliche und unwürdige Motive zu unterschieben. In den „Richtlinien" von 1912 hieß es, es sei die geschichtliche Bestimmung des Judentums „.. Weltreligion zu werden". In der Resolution des Vorstandes der „Vereinigung für das liberale Judentum" vom 8. Mai 1927 (vergl. „Jüdisch-liberale Zeitung" vom 20. Mai 1927) hieß es: „Der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum erblickt in der Religion die Grundlage und das Wesen des Judentums. Entscheidend für die Zugehörigkeit zum Judentum ist das Bekenntnis zur jüdischen Religion und die Erfüllung ihrer Pflichten. Wer seinen Glauben wechselt, scheidet aus der jüdischen Gemeinschaft aus; wer sich zur jüdischen Religion bekennt und ihre Pflichten erfüllt, ist vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinschaft. Hieraus ergibt sich die Ablehnung aller Bestrebungen, die Stammes-, Volks- oder nationale Zugehörigkeit an die Stelle der Religion setzen oder für gleichwertig mit ihr erachten." Wir würden gern hören, ob man auf Grund dieser dokumentarischen Auslassungen auch den inländischen Gegnern die philosophisch-religiöse Grundlage der Gegnerschast zum Zionismus zugestehen wird. Im übrigen aber möchten wir 'agen, daß wir auf solche Ehrenerklärungen keineswegs angewiesen sind. In Wirklichkeit ist es ja nicht unsere Ehrlichkeit, die hier der Prüfung unterliegt, sondern die unserer weltanschauungsmäßigen Gegner. Ein Denkmal für dm Verteidiger im Tisza Eszlar- Prozetz. Die jüdischen Gemeinden Ungarns haben beschlossen, Karl Eotvoes, dem Verteidiger der jüdischen Angeklagten rnr Ritualmord-Prozeß zu Tisza Eszlar im Jahre 1882, all einem Zentralpunkl in Budapest Än Denkmal zu setzen. — Der Prozeß in Tisza Eszlar, der von den Behörgen im Geiste finsterster Reaktion geführt worden war, hat seinerzeit die ganze aufgeklärte Welt in Bewegung gesetzt. Der damals im italienischen Exil lebende große ungarische Patriot Ludwig Koffuch erhob seine Stimme gegen die mittelalterlichen Vorurteile und Methoden der Behörden seines Heimatlandes. Der hervorragende Schriftsteller und Parlamentarier Karl Eotvoes übernahm die Verteidigung der Angeklagten und protestierte bei dem Justizminister dagegen, daß sie in den Gefängnissen Folterungen unterworfen worden seien. Im August 1883 endete der Prozeß mit einem einstimmigen Freispruchs-Verdikt für die Angeklagten und mit deren Haftentlassung. Karl Eotvoes war als Verteidiger der Juden den schwersten Angriffen und Bedrohungen seltens des Pöbels ausgesetzt. Leser, die verreisen können sich die „Jüdisch-liberale Leitung" au! kurze oder längere Zeit ins Bad oder in die Sommerfrische nachsenden lassen. Der Nachsendungsantrag ist bei dem zuständigen Postamt zu beantragen. Es ist dringend ratsam, die Ueberweisung möglichst acht Tage vor der Reise zu bestellen.

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