Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 25 (22.6.1928)
- Date
- 1928-06-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWWW ■'{23.JÄ1928 ^üöiftfe Nemlk3e8W lvegaa der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. TWfiilr M*4 Mc GefchLstsfteSe '/«jichcvch BL 2M fhqttRMWUt 0J20. Bei freier 3nfcuMrag L Inkmd 0.25 Dg, Mt MUgÜeder der Bereinigung ist der Bezngsprd» im Mßgkedsbdßrsge enchatten. WEEUNimsrtt. LedatteNrr Btia« WsUdn. CU »Aüdtsch-liberale Zeitung» erschein» jede« Ireitog. Redaktion und Geschüfisstelle: Verlin Sw 4». Wilhelms,r. 14k Fernruf: Bergmann 3358, 3369 Postscheckkonto: Berlin JtW 7. 137069 Bereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher vriginal-Beiträge nur «tt Vorheriger Genehmigung der _Redaktion gestattet._ Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronparaillezeile 9.45 Goldmark, die Reklamezdle 3.00 Goldmark, bei Mederholnngen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung" Inserateuabteilnng: Berlin SV 48, Vilhelmskrahe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie säm«. Annoncen-Lxpedition. I \ Jtr.25 Berlin, 22. Juni 1928 8. Jahrgang Die Vorbereitungen zur liberalen Veltkonsereuz Wie wir bereits mehrfach mitteilten, wird vom 18. bis 21. August ds. Js. der „Weltverband für religiös-liberales Judentum'' feine Tagung in Berlin abhallen. Das Programm steht nunmehr in seinen wesentlichen Teilen fest. Die Tagung wird am Sonnabend, den 18. August, vormittags um 10 Uhr, durch einen Festgottesdienst in der Neuen Synagoge, Oranienburger Straße 30, eröffnet werden, bei dem der Vorsitzende der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, Rabbiner Dr. S e l i g m a n n - Frankfurt a. M., die Festpredigt halten wird. Am Nachmittag dieses Tages wird ein Gefellschaftstee den Delegierten und Gästen Gelegenheit geben, sich persönlich kennen zu lernen. Um 8 Uhr abends findet dann im Plenarsaal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses, Leipziger Straße 3, die eigentliche Eröffnungssitzung der Tagung statt. Hierbei wird der Präsident des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum, Claude G. Montefiore -London, die Verhandlungen leiten. Die erste Begrüßungsansprache hält der Vorsitzende der deutschen Vereinigung für das liberale Judentum, Rechtsanwalt Heinrich Stern- Berlin. Auf die Begrüßungsansprachen folgen dann die Berichte der Mitgliedsländer des Weltverbandes über die Entwicklung des liberalen Judentums seit der vorigen Weltkonferenz. Vorgesehen find Berichte aus Amerika, England, Frankreich, Deutschland, Schweden, Rumänien, Belgien, Oesterreich. Tschechoslowakei, Polen, Südafrika, Australien und Indien. Für Amerika soll der Präsident der Central-Conferenz of American Rabbis, Rabbiner Dr. Enelow-New Aork, sprechen, für England der Londoner Rabbiner der Liberal Jewish Shnagogue, Dr. Mattuck, für Frankreich Germ a i n Levy, der Rabbiner der Union Liberale Jsraelite, und für Deutschland Rabbiner Dr. V o g elfte in-Breslau. Am folgenden Tag, Sonntag, den 19. August, findet morgens um 1/2IO Uhr ein Gottesdienst in der Synagoge der Jüdischen Reformgemeinde, Johannisstraße 16, statt. Hierbei wird zum ersten Mal in Deutschland eine Frau predigen, und zwar The Hon. Lily H. Montagu-London. Die Beratungen beginnen an diesem Tage um 11 Uhr unter Vorsitz von A. Leo W e i l - Pittsburg (U.S.A.) im Plenarsaal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses, Leipziger Straße 3. Das Thema der Beratungen lautet: Die Botschaft des liberalen Judentums an den Juden von heute. Nach einem Generalreferat von Rabbiner Dr. Baeck- Berlin sprechen Claude G. Montefiore über „Die Bedeutung des liberalen Judentums für das religiöse Leben", der Rabbiner am Rockdale Avenue Temple Cincinnati, Dr. David Philipson, über „Persönliche und Gemeinschafts-Religiosität" und Rabbiner Dr. Lehmann-Berlin über „Der Einfluß des liberalen Judentums auf die soziale Arbeit". Durch eine ausführliche Wiedergabe dieser Vorträge in deutscher und englischer Sprache, die vor der Versammlung verteilt werden wird, ist dafür Sorge getragen, daß jedem Teilnehmer der Konferenz die Teilnahme an der später stattfindenden Diskussion ermöglicht wird. An ein gemeinsames Frühstück schließt sich um 3 Uhr nachmittags im Herrenhaus die geschäftliche Sitzung an, bei der Rabbiner Dr. Mattuck-London den Vorsitz führen wird. Die Tagesordnung dieser Sitzung umfaßt die Berichte der Schriftführerin und der Schatzmeister, die Verfassung des Weltverbandes, sowie Resolutionen und Anträge. Um 6.30 Uhr veranstaltet dann die Vereinigung für das liberale Judentum im Herrenhaus eine Gedenkfeier für Bernhard Breslauer» ihren verstorbenen Gründer und Ehrenvorsitzenden. Um 8.30 Uhr abends wird ein Festabend im Moffehaus Leipziger Platz 15, der von Herrn und Frau Lachmann- Mo s s e liebenswürdiger Weise veranstaltet wird, die Delegierten und geladenen Gäste im gesellschaftlichen Rahmen vereinigen. Die Beratungen nehmen dann am Montag, den 20. August, vormittags 10 Uhr, im Herrenhaus ihren Fortgang. Der Vormittag wird ausgefüllt durch die Diskussion über die Vorträge des vorhergegangenen Tages, wobei den Vorsitz Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M. führt. Es ist dafür Vorsorge getroffen, daß die Diskussionsreden jeweils verdolmetscht werden, so daß eine gegenseitige Aussprache sich ermöglichenläßt. Die Machmittagsberatungen beginnen um 2.30 Uhr. Sie werden in drei getrennten Sektionen erfolgen und als gemeinsames Thema Die Verwirklichung der Botschaft des liberalen Judentums behandeln. In der ersten Sektion, in der Professor Dr. Jsmar Elb0gen-Berlin den Vorsitz führen wird, sollen vornehmlich gottesdien st licheFragen erörtert werden. Hier ist zum Referenten bestimmt der Rabbiner der Rodef Shalom Congregation, Pittsburg Pa., Rabbiner S. H. G 0 l - denson. Die zweite Sektion widmet ihre Beratungen den Fragen des häuslichen Lebens, in ihr wird Lily H. Montagu-London referieren. Die dritte Sektion tagt unter Vorsitz des Präsidenten des Hebrew Union College, Rabbiner Julian Morgenstern in Cincinnati, Oh., und berät über Fragen der Jugend. Für sie ist zum Referenten der Führer der jüdisch-liberalen Jugendbewegung Deutschlands, Dipl.-Jng. Ludwig L e w i n - Berlin, bestimmt. Die Referate werden in deutscher und englischer Sprache gedruckt vorliegen. Die Referenten geben in den Sektionen lediglich eine kurze Zusammenfassung der gedruckten Referate, es sollen dann vornehmlich Aussprachen und Austausch der Erfahrungen folgen. Um 5.30 Uhr werden im Plenarsaal des Herrenhauses die Sektionen Bericht erstatten, evtl, auch Entschließungen vortragen. Hierauf folgt die Wahl des Ausschusses und des Vorstandes des Weltverbandes und der offizielle Schluß. Dienstag, den 21. August, wird noch für die Delegierten und Gäste mit Autos und Dampfer ein Ausflug nach Potsdam veranstaltet werden mit einem Empfang durch die Jüdische Gemeinde Potsdam. Rassendogmatismus und Rasfenfauatismus Von Oskar Hirschfeld, Wien. I. Dogmatismus und Fanatismus sind Brüder; ein unheimliches Brüderpaar, dessen Weg in der Geschichte der Menschheit jederzeit und überall die blutigsten Spuren hinterlassen hat. Zu allen Zeiten haben die Brüder gemeinsam ihr Vernichtungswerk an der Seele der Völkr durchgeführt und wo sich der eine der beiden Brüder zeigte, stand über kurz oder lang auch das Erscheinen des anderen mit furchtbarer Gewißheit zu erwarten; denn dort, wo ein Do^ma, sei es religiöser, politischer oder sonst irgend welcher Art, in den Geist eindringt, da wirkt es wie ein berauschendes Gift, das alle Hemmungen von Vernunft, Moral und Sitte niederreißend, die ganze Persönlichkeit, ihr Denken, Wollen und Fühlen unterjocht; es raubt dem Menschen nicht nur seinen klaren Sinn, sondern auch seine sittliche Freiheit und macht ihn zum willenlosen Werkzeug, zum fanatischen und rücksichtslosen Verfechter der „alleinigen Wahrheit". Wo hinwiederum der Fanatismus vom Menschen Besitz ergreift, wo Haß, Neid, Rachsucht, aber auch wirtschaftliche Angst oder irregeleitete religiöse Inbrunst das Gemüt erfüllen, da schafft sich der Geist, mögen die wahren Motive seiner Empfindungen welcher Art immer sein, mögen sie im Bewußtsein oder im Unterbewußtsein chren Sitz haben, ein Dogma, das nunmehr zur Trägerin des wie auch immer entstandenen Gefühlskomplexes wird. Nicht nur aktiv hatten wir Juden in unserer an Wegen und Irrwegen so reichen Geschichte durch das Brüderpaar Dogmatismus—Fanatismus zu leiden, sondern in noch viel höherem Maße passiv. Ursprünglich war der Fanatismus und Dogmatismus, dessen Opfer die Juden waren, religiöser Natur und ist es in gewissem Maße bis auf den heutigen Tag geblieben. Als die Leiden der Christenheit im Heiligen Lande das religiöse Bewußtsein zur Siedehitze entflammten und der Fanatismus, mit dem man gegen die „Ungläubigen" erfüllt war, Kreuzzügler aus allen Ländern vereinigte, da stellte sich alsbald auch das Dogma ein und man begann in den Juden, welche die Leiden und den Tod Christi verschuldet hätten, die Ursache zu sehen, daß die heiligen Stätten, wo der Erlöser gewandelt, gelchrt und gelitten hatte, in den Besitz der Ungläubigen gekommen seien. Zwar haben sich zahlreiche Päpste und Bischöfe ebenso wie weltliche Herrscher gegen diese Ausschreitungen gewandt, die nach den Erfolgen des ersten Kreuzzuges auch im wesentlichen wieder verschwanden, aber nach dem späteren Verlust Jerusalems um so stärker wieder auflebten, ba das Volk den Mißerfolgen aller seiner ungeheuren Anstrengungen fassungslos gegenüberstand und einen Sündenbock suchte. In den Juden fand er die Ursache all seines Unglücks, mochte es Pest oder sonstiges Unheil sein; es schuf sich in ihnen das Symbol des Bösen, das Unglück über das Land, über die Welt bringt. Und dann kam die Inquisition! Die Scheiterhaufen, auf welchen man die Juden lebendigen Leibes verbrannte, waren nicht aus Haß entzündet worden, dafür sorgte eben wiederum das Dogma, sondern aus Liebe, aus christlicher Nächstenliebe, was hier durchaus nicht in ironischem Sinne, sondern ernsthaft gemeint ist: man wollte eben die unglücklichen Opfer der Inquisition durch einen kurzen, wenn auch qualvollen Feuertod vor dem ewigen Feuer der Hölle, dem sie sonst wegen ihres sündigen Lebenswandels verfallen wären, bewahren Dogmatismus und Fanatismus, welche längst als für die „Kulturmenschheit" erledigt betrachtet wurden, haben in den letzten Jahrzehnten, ganz besonders aber in der Zeit nach dem Kriege, eine Wiederbelebung erfahren, und zwar sind sie in einer theoretisch radikaleren, wenn auch praktisch milderen Form wiederauferstanden: im Rassendogmatismus und Rassenfanatismus; letzterer stellt gewissermaßen nur die praktische Seite des ersteren dar. Beide bilden ein untrennbares Ganzes. Welcher von den beiden Brüdern ist der ältere? Haben irgendwelche atavistische Rasseninstinkte oder gar Empfindungen und Willensimpulse, welche mit „Rasse" nichts zu tun haben, diesen neuzeitlichen Fanatismus erweckt, der sich dann, gewissermaßen zur Rechtfertigung seiner selbst, das Rassendogma geschaffen hat? Oder war es so, daß irgendeine „wissenschaftliche Erkenntnis" oder falsch gedeutete, willkürlich verallgemeinerte oder nur scheinbare „Tatsachen" anthropologischer, ethnologischer, historischer oder sozialer Natur das Rassendogma geschaffen haben, welches dann diejenigen, welche an dasselbe glaubten, zur Ziehung praktischer Konsequenzen verpflichtete, indem die einmal erweckte Rassenangst im Rassenschutz in seiner extremsten Form das alleinige Rettungsmittel vor dem Rassenuntergang erblickte? Wie dem auch immer sein mag — die erstere Hypothese hat deshalb größere Wahrscheinlichkeit für sich, weil das Rassenbewußtsein fast ausschließlich dem Judentum gegenüber in Erscheinung tritt —, haben wir es hier mit einer schweren Entartungserscheinung zu tun, welche sich der Inquisition früherer Jahrhunderte würdig an die Seite reiht. Es erscheint daher unabweisbare Pflicht aller um den Fortschritt der menschlichen Kultur bemühten Zeitgenossen zu sein, dieser Kulturkrankheit entgegenzutreten, nicht bloß im Interesse des Judentums, das gewiß sehr unter dem Rassenantisemitismus zu leiden hat, sondern vor allem auch im Interesse der Völker selb st, deren Seele durch Rassenhaß vergiftet und deren Gemüt durch Rassenangst verdüstert wird. Zu diesem Zwecke genügt es nicht allein, den Rassenfanatismus zu bekämpfen, sondern es muß dem Rassendogmatismus an den Leib gerückt werden. Da dieser aber sein Dogma als eine „wissenschaftliche Erkenntnis" hinftellt, muß diese „wissenschaftliche Erkenntnis" als Dogma, oder, besser gesagt, als Einbildungsprodukt hingestellt werden. Ein großer Teil unserer Jugend hat hmte chren Antisemitismus mit Rassedogmatik untermauert, und da es gerade die „intellektuelle", die „gebildete", die studierende Jugend ist, in deren Köpfen die Rassenphantasien wahre Verheerungen angerichtet haben, so sollte man meinen, sie könnte von ihrem Irrwege abgebracht werden, wenn man sie die Tatsachen richtig erkennen und deuten lehrte und sie vom bloßen Nachsprechen der in ihr Gehirn eingehämmerten Phrasen zum wirklichen Nachdenken veranlassen könnte. Aber das Dogma ist ein auf seine Macht eifersüchtiger Selbstherrscher, welcher keinen zweiten neben sich duldet! An den meisten unserer Hochschulen wird diesem Herrscher gehuldigt und Weihrauch gestreut und wehe dem, der es wagen würde, gegen chn aufzustehen! Man hat hier zwar die „Lehrfreiheit", das Dogma zu beweisen*), nicht aber die, dasselbe zu widerlegen. Und so bleiben die Gehirne weiter verfinstert. Was ist, so fragen sich daher viele vorausblickende, um. das Schicksal dieser Jugend und die Zukunft unserer Kultur besorgte Männer, zu tun, um die Herrschaft des unseligen Rassendogmas, das die Gemüter im Banne hält, zu brechen? Wie kann insbesondere die Jugend, die dem Götzen der Rasse huldigt, dem Banne des Rassendogmas entrissen werden? Die Hochschulen, welche heute die Hauptstützpunkte des Rassenantisemitismus sind, scheinen die geistige Führerstellung im Volke, die sie bisher inne hatten, durch eigene Schuld immer mehr und mehr zu verlieren, da sie es nicht verstehen, sich den veränderten Kulturverhältnissen anzupassen, sondern vielmehr in einem volksfremden und reaktionären Geiste der ^klusivität verharren. Die Demokratisierung der Bildung •) Beschluß des zweiten Akademikertages in Elberfeld: „In allen Hochschulen sind Vorlesungen über Rassenkunde und Rassenpflege zu halten. Unterricht über diese Gebiete ist auch an allen Schulen zu erteilen."