Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 23 (8.6.1928)
- Date
- 1928-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613947-2613970--2744-2620250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
des „Balbos"; nur Jugend kann gewonnen werden! Gewinnung Jwm einzelnen Intellektuellen ist nur vielleicht Mumenfeld möglich, sonst muß mit Massenpropaganda gekämpft werden. Scharfer Kampf gegen „C. B."! Das würde Stimmung erwecken. Entschiedenste Galuthverneinung! Verwirklichung jüdischen Lebens nur durch Palästina! Rückkehr zur hebräischen Sprache! Im Augenblick gibt es keinen Verlag für hebräische Bücher und kein Publikum! Dkan muß das Hebräische künstlich beleben, sonst wird das kostbare Erbgut schwächer. Wiener, Beuthen, bezeichnet sich als „b a l b o s", ist gegen jede Fraktionierung, »venbet sich gegen Schachtel und will auch keine Konzessionen an die anderen Richtungen machen. Nur mit den, traditionellen Judentum mutz man Fühlung halten. Entrüstet sich über die Gründung eines „Liberalen Verbandes" in Bie - l i tz (Polen). Meint, dem Westjuden sei das Judentum überhaupt keine Wichtigkeit. In der Gemeindepolilik sollen sich die Zionisten hüten, zu Notabeln zu werden. Er bedauert, daß sich Zionrsten dazu hergeben, die Gemeindeetats zu verbUligen und so die billigste Relegionsgesellschast zu werden. Nur ein schwer leistendes Judentum sei von Wert! Dr. Landauer (Hapoel hazair) ist für stärkste Galuthverneinung. Die Juden im Galuth dürfen in dieser Beziehung nicht zur Ruhe kommen. Dagegen ist er für Bündnispolitik, gerade weil der Zionismus eine Minderheit ist. Die Ideologie des Zionismus muß wieder mehr auf Realitäten zurückgeführt werden. Palästina muß in jeder Beziehung seine wirklichen Grenzen erhalten. Auch bezüglich der Araberfrage. Die Jugendpolitik muß offensiver werden. Man muh sich aus völlige Neuorientierung in der Propaganda einstellen. Das Wort ergreift nun der klarste, fesselndste und beste Redner der Tagung, Dr. Kanowitz, Berlin, zum Korreferat über die Frage: „Grundsätzliche Bemerkungen zum Aufbau und Ausbau der Z.B.f.D." Dir zionistische Bewegung in Deutschland wächst wohl, aber nicht »ichtbar. Es ist nur ein langsames, kontinuierliches Wachsen. Die Novizen werden nur nicht gleich bemerkt. Wohl gibt es eine Propagandakrise. Es kommt doch sehr ans die Seele des einzelnen an». Wichtig ist aber nicht nur Propaganda, sondern auch Bewahrung vor dem Abfall. Es gibt im Augenblick drei Grundprobleme: 1. Ter Einzelne und das Volk. 2. Völlige Absage an das Galuth. 3. Nur Arbeit auf dem Boden der Heimaterde (Palästina). Ist die zionistische Presse „Die Rundschau" überhaupt zur Propaganda geeignet? Es kommt darauf an: Wer redet? Was wird geredet? Wo wird geredet? Zu wem wird geredet? Zum Proletariat muß man reden, ihm sagen, daß das Judenleid einen neuen Sinn bekommen habe und daß es eine geistige Stärkung bedeute. Ter Zionismus ist nicht berufen und in der Lage, den Mittelstand zu stärken. Kampf gegen die NorabeLnwirtschaft! Die zionistische Jugend wächst auch nicht sichtbar aus demselben Grunde. Auch hier Primat der politischen Aktion zur Ueberwiudung des 'Gegensatzes zwischen bürgerlicher Z.B.f.D. und sozialistischer Jugend. Ter bürgerliche Zionismus soll weiter Geld sammeln. Nicht die Bürgerlichkeit, sondern das Galuth vernichtet den Zionismus. Das Mißtrauen der Jugend gegen die Offiziellen muß beseitigt werden, indem man sie zum Eindrechen in die Meinekestraße (d. i. die Leitung) aufsordert. Chaluziath bedeutet Gesinnung; nur Leuten mit einer solchen solle man das Galuth überlassen. Nur durch Lebendigerhaltung des Ahasvertriebes kann der Zionismus bestehen bleiben. Alles andere, Kulturwochen, Oneg schabvoth werde sich immer bald überleben. Im deutschen Zionismus müsse man es dahin bringen, daß sich alle Richtungen durch einander vertreten fühlen. Dr. Franz Meier gibt Kanoivitz nur in dessen positiven, nicht aber in den negativen Meinungsäußerungen Recht. Der Nimbusdes Zionismus hat nachgelassen, daher der Rückgang. Gemeinden Politik ist nicht so wichtig, viel wichtiger scharfer Kampf gegen den „E. B-". Dieser, der „C. B.", ist für den Assimilanten Ersatz der Gemeinde und daher nicht berechtigt, das deutsche Judentum zu vertreten. Das ist Sache des Zionismus, der allein eine Lösung der Judenfrage bringen könne. Palästina-Agitation könne nicht durch Nachrichten von Niederlagen betrieben werden. D r. Barth (Misrachi) verlangt hebräische Kulturarbeit. Nicht Einzelpropaganda, sondern „Klal"! Die Misrachi haben sich als radikalste Zionisten bezeichnet, weil sie alles nur vom Judentum und nichts von außen heraus nehmen wollten. Agitation für das' Ehaluziuth bringt, wenn solches nachher nicht zu verwirklichen ist, Abkehr der Jugend. — In Erez jisroel kämen die ärgsten Verletzungen der Religionsgesetze vor. Tr e f ene Wirtschaft im „Em ek"- Krankenhaus, Unterlassung der Beschneidung und sonstige arge Verstöße, von denen die „Rundschau" nichts gebracht habe. Gemeindearbeit habe sehr wohl Erfolge gezeitigt. Lewinsohn (hapoel hazair): Der deutsche Jude ist krankhaft individualistisch, vom Osten her kommen die krankhaft kollektivistischen Elemente. Namentlich die östliche Jugend ist völlig kommunistisch eingestellt. Polemisiert gegen Misrachi! Kulturarbeit darf nicht bloße hebräische Lernarbeit werden. Für die Jugendarbeit sind keine Führer da. Spricht von der „Deutschen Landsmannschaft", die sich in Palästina gebildet hat. Die Auswertung des Begriffs „Ehaluziuth" ist die größte Aufgabe für den Zionismus in Deutschland. Benzion Fett (radikaler Zionist): Der deutsche Zionismus hat die Schwungkraft verloren, daher behandelt er den Gegner zu sehr sein, dieser Auffassung zuzustimmen. Aber auch hier macht allzu scharf schartig. Vielleicht haben unsere Alten, die diesen Psalm zur Tröstung der Trauernden geeignet fairden, doch ein richtigeres Gefühl für den Wesensgehalt dieses Gedichtes gehabt. Es gibt freilich in den Psalmen viele Stellen, in denen der Gedanke geäußert wird, daß nicht die Toten Gott preisen können, denn Scheol, die Unterwelt, ist eine Stätte des Schweigens. Nur der Lebende kann sich seines glücklichen Daseins freuen und Gott dafür danken. Am rührendsten klingt das vielleicht aus dem Gebete Hiskias nach seiner schweren Krankheit: „Wer lebt, wer lebt, der preist dich, wie ich an diesem Tage." (Jes. 38,19.) Dieses chai, chai (nur der Lebende! )ist wie eine Fanfare des Jubels in der seligen Stimmung des Genesenden. Solche Wendungen sind allerdings bezeichnend für die Welt- und Lebenssreudigkeit des Judentums. Aber in unsecm Psalm spricht sich doch eine tiefere Auffassung vom Leberr aus. Man muß sich immer davor hüten, ohne Berücksichtigung des Zusammenhanges von ähnlichen Wendungen auf gleiche Gedanken zu schließen. Schon die Beschwingtheit des Ausdrucks, die sich zum Schluß hin zu hymnischem Entflammtsein steigert, läßt davon absehen, daß hier nur eine heitere Lebenslust sich äußere. Der Anlaß zu diesem Liede war auch nicht irgend eine glücklich überstandene Gefahr. Es ist gar nicht davon die Rede. Die Glücksstimmung, der diese Worte entkeimen, hat ihren Ursprung in einer neu gewonnenen Grundanschauung, Quell eines gesteigerten Lebensgesühls. Erhellt wird die Deutung dieser Dichtung durck den ihr ganz nahe verwandten 73. Psalm. Der Schöpfer dieses gedankentiefen Lehrgedichtes hat nach langen inneren Kämpfen die Ruhe des Herzens gewonnen, als er in die mikd'sche el, in die göttlichen Mysterien, eingeführt wurde. Der Dichter unseres Psalms scheint dem Kreise dieser auserwählten Frommen — er nennt sie k^auschim, und sie sind ihm die Erhabenen, Ehrfurchtgebietenden — nahezumit Glacehandschuhen. Polemisiert stark gegen den „C. V."! Nicht nur die Jugend, auch der balbos muß gewonnen werden. Der deutsche Zionismus ist zu einer Geldsammelmaschine geworden, die wirkliche Bewegung ist eingeschlafen. Wenn Gemeindepolitik, dann muß sie auch von wirklichen Zionisten gemacht werden. Die Volkspartei darf nicht von der Stimme eines einzigen Konservativen ab-, hängig sein. L i ch t h e i m (Revisionist): Im deutschen Zionismus herrscht Unsicherheit. Blumenfeld selbst hält ja die von ihm selbst vertretene Bündnispolitik für gefährlich. Blumenfeld denkt zu persönlich, weil er für den Keren hajesiod Erfolge erzielt hat. Aber diese bedeuten nichts gegen die gehegten Erwartungen. Die zionistische Organisation steht da, wo sie vor 20 Jahren gestanden, trotzdem die politi-i schen Bedingungen heute viel besser wie unter der Türkei. England, wird vollen Ernst mit dem Judenstaat machen. Das muß der Jugend gesagt werden. Klare zionistische Zielsetzung! Die arabische Schwierigkeit ist nicht durch Pazifismus zu beseitigen. Die Schwierigkeit ist die Schaffung einer jüdischen Majorität in Palästina. Bündnispolitik führt auf Irrwege. Die Massen müssen für ein großes zionistisches Ziel entflammt werden, sonst wird der westliche Zionismus zu einer reinen Wohltätigkeitspolitik und zu einem bloßen Symbol. Rechtsanwalt Jacobsohn, Breslau (Allgem. Zionisten): Stärkstes Propagandamittel sind Tatsachen in Palästina. Galuth ist völlig zu verneinen; Galuthtätigkeit ist nur Surrogat. (?) Gemeindearbeit wird in Breslau von Delegierten und Ortsgruppenvorsitzenden gemacht. Es ist Pflicht, mit anderen, nichtzionistischen Juden zusammenzuarbeiten. Die Zionisten haben sich nie Verdienste angemaßt wie der „C. V.", der nur geredet und nichts in der Angestelltenfürsorge geholfen habe. Zusammenarbeit mit ihm ist abzulehnen. Die Wege würden sich doch bei der >ersten Gelegenheit wieder trennen. Es sprechen dann noch am Nachmittag D r. Lux, Herr Müller, Herr E r n st Cohn. Der letztere meint, „auch der jüdische Mittel st and sei reif für den Zionismus. Dt an müsse ihm nur klar machen, daß er auch wirtschaftlich nicht im Galuth wurzele. (?!) Es dürfe keine Kompromisse und keine Ausgleichsgruppen geben. Gegen die Schalheit (!) des „C. V." müsse gekämpft werden. D r. P o s e n e r bezeichnet sich als Vertreter des „geistigen M i t t c l st a n d e s" (!) und glaubt, daß der religiöse Gedanke nicht vom Zionismus zu trennen ist. Er fordert Hcbraisierung des „Ich"! B l u m e n f e l d (Schlußwort): Von allen Vorwürfen habe ihn der von der Isolierung der Führerschicht am härtesten getroffen. Cs handele sich um Mißverständnisse. Die Antithesen waren kurzsichtig und undurchdacht. Verstärkte Propagandaarbeit bedeute nicht Minderung des Keren hajessod, der viel zu wichtig für den Zionismus sei. Wendet sich auch gegen dessen Aenderung. Politik bedeute, im Augenblick das Richtige tun. Der Ausdruck „Bürgerlicher Zionismus" sei abzulehnen. Es gebe wohl einen solchen, aber das sei kein Zionismus mehr. Recht der einzelnen Gruppen bedinge auch Gruppcnpflicht. „W ir sind hier noch kein Volk, »vir wollen er st dort eins »verdenk" Wir dürfen uns nicht abschneiden vom Leben, sondern es bewältigen. Wenn der Bau des allgemeinen Zionismus nicht mehr hält, dann gibt es keine Erfüllung, d. h. dann entsteht in Palästina keine neue Welt. Die Arbeiter »vollen ebenso in Palästina ein nationales Leben, aber sie »vollen in ihm herrschen. Lichtheim (Revisionist) hat nur ein Skelett gezeigt, das erst mit Muskeln und Nerven bekleidet werden müsse. Auch das Ziel ist vorläufig nur ein Gerippe. Das Wort Judenstaat als Ziel ist au sich nur eine Vokabel. Gemeindepolitik ist die Frage der Nationalpolitik im Galuth und »nuß immer im Zeichen des Kompromisses stehen. In Palästina, wo wir Herren des Lebens sind, darf es kein Kompromiß geben. Im Galuth sind nur Forderungen aufzustellen, denen wir gewachsen sind. „Die Jüdisch-Liberalen haben vom wahren Liberalismus nur den Namen übernom me n." Gemeindemittel dürfen für den „C- V." nicht verivendet »oerden. Der Keren hajessod ist etrvas anderes. Es rvird eine Gemeindekommission gebildet, werden als oberste Instanz für alle Fragen der zionistischen Gcmeindearbeit; diese Kommission »vird in allen »vichtigen Fragen um ihre Auskunft von den Ortsgruppen ersucht werden. Daneben wird verstärkte Propaganda gehen, Ausbau der Presse, Bündnispolitik. Die Antithese vom offiziellen und nichtoffiziellen Zionismus ist völlig aufzugeben. Am Anfang und Ende aber steht der Aufbau von Palästina- Nachwort. Die Z.B.f.D. hatte unser Organ, die Jüdisch-liberale Zeitung, zur Delegiertentagung eingeladcn; ich habe als Berichterstatter den ersten beideir Verhandlungstagen beigewohnt. Ich wünschte, daß alle Liberalen (Rabbiner, Ge»nciiü>evorstände, Private), die prozionistisch oder auch nur neutral in dieser Frage eiugestellt sind, diesen Verhandlungen beigewohnt hätten. Nur tver die Referate und Debattcnreden so ganz „frisch vo»n Faß" gerrossen hat, kann ermessen, welch ungeheure Gefahr der Zionismus nicht nur für das liberal«^ nicht nur für das deutsche, sondern auch für das gesamte religiöse Judentum bedeutet. Nur der kann wissen, daß Kampf gegen die zionistische Weltanschauung nötig, daß ein solcher auch zu den positiven Leistungen des Liberalismus zu rechnen ist. Insofern können, »vir den Worten von Geheimrat Goldfeld bei der Eröffnung 'zustimmen, daß „der Zionismus a n f r ü t t e i n d und ge - »v i s s e n s ch ä r s e n d wirkt. stehen. Er hebt hervor, daß durch sie all sein Begehren gestillt sei, er rühmt sie mit einer Bezeichnung, die an einen, verbreiteten Lieblingsnamen anklingt: „all meine Lust". Ihre Lehre hat ihm offenbart, daß das höchste Gut die Gemeinsamkeit mit dem Göttlichen ist (Psalm 73,23,26,28). Mag diese kirwas elauhim (73,28), diese Gottesnähe, in der ekstatischen Wallung eines mystischen Gemeinsamkeitsgefühls zuerst errungen sein, sie ist doch zu einer bleibenden und gesteigerten Glücksempsindung geworden. Wenn nlan mit dem Göttlichen verbunden ist und sich mit ihm vereinigt fühlen darf, dann überwindet man den Tod. Der Dichter des 73. Psalms sagt: „Mag auch mein Leib und Herz vergehen, meines Herzens Fels und mein Teil ist Gott für immer." Unser Psalmist meint Aehnliches, wenn er der Zuversicht Ausdruck gibt, daß auch sein Leib sicher weilen werde: denn ihm kann Nichts geschehen, Gott ist bei ihm. Wie das Göttliche in seinem Innern, in seinem Gewissen, nachts, wenn er ganz mit sich allem — von der Welt getrennt — ist, ihm den rechten Rat gibt (vgl. Ps. 73,24: „Wirst mich mit deinem Rat leiten"), so hat Gott selbst ihn zu sich geführt und hat ihm damit den Weg zum Leben, das ihm nun der Güter höchstes sein darf, gewiesen, zum Leben, das immer währt. Nicht ohne Grund hat der Ordner der Psalmen jenes Lied folgen lassen, das mit den Worten schließt: „Ich aber werde in Gerechtigkeit dein Antlitz schauen, mich sättigen beim Erwachen an deinem Bilde." Man müg an Hiobs Wort denken: „Ich aber weiß, daß mein Erlöser lebt... und kyenn diese meine Haut, die zerschlagen ward, »und wenn mein Fleisch dahin ist, schaue ich Gott." Dieses „Gott schauen" ist nur ein Bild für die Fortdauer des Lebens im Göttlichen, wie dasselbe Wort ja schon in altägyptischen Urkunden als Umschreibung des Unsterblichkeilsgedankens austaucht. Man wird doch nicht meinen können, daß dieser Fromme Über die liebliche Lage des ihm zuerteilten Landbesitzes jubele. Mit demselben Worte, das die Beseligung Durch alle Reden zogen sich vier Punkte: 1. Schärfste Berl» neinung des „Galuth". Das Leben der Juden außerhalL Palästinas ist kein wirkliches Leben, sondern (wie einer der Redners ich glaube B l u m e n f e l d, sagte) nur ein Interimistikum. Palästina \ ist zwar noch kein eigentlicher Judenstaat, im günstigsten Falle könnten ' dort nur ein Viertel aller Juden leben; aber das macht nichts, für das Interimistikum bietet man eben ein M y st i k u m. Alle Leistungen, die von Juden in Zusammenarbeit mit der deutschen Kultur geschaffen, alles, was Juden in Wissenschaft, Kunst, Literatur, Industrie, Politik gewirkt, ist nur von interimistischer Bedeutung. Aus Palästina wird noch etwas ganz anderes kommen. 2. Zurück st ellung des „Religiösen" an allerletzte Stelle. Nur die Misrachi uud ein allgemeiner Zionist traten mit religiösen Forderungen hervor. Zwei Redner anderer Richtung erklärten sich großmütig einverstanden, aber (wie sie hervorhoben) nur „rein k u l t u r m ä ß i g", um eine neue „h e - brätsche Kultur" zu schaffen. Misrachi hat sich ja auch deshalb von der Schlußabstimmung entfernt, wie die Berichte lauten. Also hatte Herr Gemeinderabbiner Dr. Hoffmann nicht Unrecht, „Zion ist nicht mehr ein bloßes Symbol, es hat wieder einen neuen Inhalt erhalten". Nur ist dieser kein religiöser, soirdern ein rein politischer und wirtschaftlicher. 3. Schärf st eFeind schüft gegen den „C. V.". Geradezu ein Haß. Die am 29. Mai gefaßte Resolution entspricht nicht den oft gehässigen Worten der Vortage und ist für die Außenwelt sehr sanft zurechtgestutzt. Armer Förder-Breslau! Arme Genossen seiner „C. V."-Gesinnung! Zion »vill gar nicht mit euch arbeiten. Auch mit euch nicht! 4. Rückgang (zumindest aber beängstigender Still st and des Zionismus in Deutschland. a) Der „Balbos" will sich durchaus nicht gewinnen lassen. Er denkt zu überlegt und fühlt sich zu sehr mit seinem Vaterland verwachsend Das muß man ihm ausreden, ihm sogar (»vie ein jüngerer Redner meinte) zeigen, daß er auch „wirtschaftlich nicht im Galuth" wurzelte. Wie man dem jüdischen Mittelstand in Palästina eine Existe»»z schaffen könne, wurde nicht gesagt. Also richtige, nicht nur kulturelle, sondern auch wirtschaftliche Berelendungspropaganda. b) Die Jugend: So»veit sie zum Zionisinus kommt, scheint sie meist sozialistisch und kommunistisch eingestellt zu sein. Kann man ihr aber nicht bald Gelegenheit geben, sich als „Chaluz" in „Erez jisroel" wirklich zu betätigen, dann springt sie ab. Ist sie nicht klassenkämpserisch, also mehr allgemein zionistisch eingestellt, dann können manche Ereignisse in Palästina (vor der Krise) und vielleicht auch manche Führergestalten im deutschen Zionismus ihren idealen Anforderungen nicht genügen. Zu dem allen kommt noch die Künstlichkeit, die der Bewegung in den Augen aller deutschen Juden anhaften »nutz. Blumenfcld selbst gibt sie ja zu. „Die Bauleute müssen erst geschaffen »v e r d e n ..." „W ir sind hier noch kein Bol k." Es gibt und kann für den deutschen Juden nur eine große Sehnsucht geben, die sittlichen Ideen des Judentums in seinem Vaterlande noch mehr zu verbreiten und zu verstärken; damit wird er diesem.' und der Menschheit am besten dienen. Und ebenso steht es mit den Juden der anderen Länder, auch da, wo sie eine sogenannte politische Minorität bilden. Langsam dämmert die Erkenntnis, daß ein jüdischer Nationalismus dies nur erschweren oder gar verhindern kann. Deshalb entwickelt sich der Zionismus in Deutschland nur schwer, »venn er nicht gar zurückgehl. — Wir bedauern dabei nur, die Menge wirklich idealer Kraft, die an ein in Wahrheit unfruchtbares Unternehmen verschtvendet wird, und die das Judentum an anderer Stelle viel besser verwerten könnte. I. Wolfssohn, Breslau. * Aus den Gemeinden Berlin. (Moritz Rosenthal 50 Jahre alt.) Moritz Ros enthal, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, feiert am 11. Juni seinen 50. Geburtstag. Als Rosenthal vor fast einem Jahrzehnt im jüdischen Leben Berlins sich zu betätigen begann, da ward in Kürze offenbar, daß in diesem Manne sich ein außergewöhnlicher, stets wacher Tatendrang mit ausgeprägtem Organisationstalent einten. Nachdem er seine Fähigkeiten in der Organisation des liberalen Judentums wie in den Logen U.O.B.B. bewiesen hatte, trat er bald in die Repräsentanz und kurz darauf in den Gemeindevorstand ein. Hier hat er sich während mehrerer Jahre als Fmanzdezernent, als Leiter des Schulvorstandes, als Personaldezernent aufs beste betvährt, sich aber nicht auf die übernommenen Spezialaufgaben beschränkt, sondern allen Gemeindeangelegenheiten stets lebhaftes Interesse gezeigt und an ihnen tätigen Anteil genommen. Mit sicherem Blick zeigte er bei allem, was er anpackte, den praktischen Weg zur Erreichung des Ziels. Eine schwere Krankheit^ nicht zum wenigsten verursacht durch Ueberarbeitung mit den vielfachen Pflichten seines Berufs und seiner Ehrenämter zwang ihn dann zum Ausscheiden aus dem Vorstande. Allgemein tvar damals nicht nur das menschliche Bedauern, sondern die Empfindung des schweren sachlichen Verlustes für die Leitung der Gemeinde. Aber kaum hatte seine kräftige Natur die Krankheit überwunden, so begann er wieder alle ihm neben intensiver Berufstätigkeit verbleibende Zeit — denn er baute zu gleicher Zeit sein Druckereiunterdurch das Währen im Göttlichen ausdrückt (V. 11 n'imaus), bezeichnet er auch sein Los (V. 5 n'imim); denn sein eigenster Besitz und sein beglückendes Schicksal ist wie dem Dichter des 73. Psalms die Gottesgemeinschast. Gedanken, die im 16. und 73. Psalm geäußert werden, heben sich von Anschauungen ab, gegen die man ankämpfen muß. Während der Dichter des 73. Psalms die oberflächlich denkenden und niedrig genießenden Weltmenschen verachtet, richtet der Autor unseres Psalms sich stolz abweisend' gegen die Abtrünnigen, die einem verabscheuungswürdigen Kultus frönen oder auch gegen die Vertreter dieses Kultus selbst^ bei denen man zu leben gezwungen ist. Diese Angaben sind nicht so deutlich, daß man daraus mit Bestimmtheit auf Ort und Zeit schließen könnte. Die Anlässe waren nicht nur in der Diaspora, sondern im eigenen Lande in gar manchen Zeiten gegeben. (Man vergleiche Jes. 57, 3—9; Ezechiel Kap. 8 und manche andere prophetische Aeußerung.) Mer diese Reste der Zeitlichkeit und des Allzumenschlichen versinken in der Betrachtung, wenn man sich' nur an den Kern >des Gedanklichen hält, das hier aufs innigste gesuhlt ist. Es ist nicht selten, daß ein neuer hoher Gedanke, wenn er zum erstenmale offenbar wird, gleich in der vollkommensten Form sich darstellt. Die Auffassung, wie sie der Dichter des 73. Psalms äußert und die um das Wörtchen w'imm'cho — wenn ich mit dir bin — sich leuchtend kristallisiert, bezeichnet eine Gipfelhöhe des Unsterblichkettsgedankens. Der Dichter des 16. Psalms, der bewundernd emporschaut zu dem Kreise, in dem diese Ideen ihren Einfluß üben, kommt mtit seinem Hauptgedanken: schiwißi („ich stelle Gott vor mich beständig) jenem Bekenntnis ganz nahe. Nur in der Gemeinsamkeit mit dem Göttlichen verbürgt sich das Leben, das dauernde Leben. Es ist nicht so, wie die verbreitete Auffassung lehrt, als ob hier nur ein schwaches Dämmerlicht des hohen Gedankens der Unsterblichkeit flimmere, sondern in voller Reinheit und Sonnenklarheit leuchtet hier die Lehre, die späterhin durch den geforderten Gerechtigkeitsausgleich im Jenseits und andere egoistische Wünsche der Persönlichkeit keineswegs vervollkommnet, sondern nur erniedrigt wurde.