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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-08 · 23 (8.6.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
23 (8.6.1928)
Date
1928-06-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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praktische Probleme des Wirtschaftslebens zur Sprache zu bringen. Sittlichkeit in der Wirtschaft, das heißt das Primat des Menschen vor der Wirtschaft. Dies ist denn auch die unbedingte Forderung des Judentums. Versittlichung, nicht Negation des Wirtschaftslebens ist der Wille der jüdischen Lehre. Als Objekt der Sittlichkeit bejaht der Jude darum dee Wirtschaft voll und ganz. Wenn es kein tägliches Brot gäbe, so auch keine Thora. Wenn keinen Wirtschaftskampf, so auch keine Möglichkeit der Bewährung des sittlichen Gebotes im Leben! Der Mensch hat das Primat vor der Wirtschaft. Wie kann der Verwirtschaftung des Menschen entgegengetreten werden? Die Wirtschaft sieht im Menschen vor allein den schaffen« den, den produktiven Menschen. Als Schaffender aber ist der Stärkere und also der Jüngere vor den Aelteren ausgezeichnet. Also zieht das Leben der Wirtschaft den jungen Menschen den älteren vor. Dies mag in einem engsten Bereich des Wirtschaftslebens selbst berechtigt sein. Aber es ist Schacher aus dem Gebiete der Ethik, wenn Wertungen dieser Art in die Wohlfahrtspflege übergreifen, wie es nicht selten in unseren Tagen geschieht. Es ist ein Zeichen mangelnder Dankbarkeit, em Zeichen unsittlicher Verwictschaftung des Menschen, wenn auch hier der junge und produktive Mensch dem älteren und alten in jeder Hinsicht vorgezogen wird, wenn es so etwa heute an einer genügenden Zahl von Altersheimen fehlt. Ein weiteres! Dem Recht auf Arbeit, wie die Gegenwart es proklamiert, stellen wir das Recht auf Ruhe gegenüber: das Recht auf den Sabbath. Es ist wichtig, die Weekend-Bewegung unserer Tage tatkräftig zu unterstützen, da sie mehr und mehr di< Möglichkeit eines freien Sabbath verspricht. Organisationen zur Beschaffung sabbathfreier Stellen für jüdische Angestellte und ein energischer Kampf gegen die Ausnutzung dieser Angestellten, wie sie heute nicht selten ist, endlich eine Arbeitslosenversicherung sabbathtreuer Arbeitnehmer sind weitere Forderungen in dieser Richtung. Nicht weniger wichtig als all dies ist ein Eintreten für den jüdischen Arbeitnehmer überhaupt, der Kamps gegen den Boykott jüdischer Arbeiter und Angestellter, wie er vielfach und gerade von jüdischen Arbeitgebern ausgeübt zu werden pflegt. Und schließlich ein Letztes! Man rechnet den Kaufmann nicht selten zu den eigentlich unproduktiven Menschen. Dies ist gewiß eine durch und durch verkehrte Wertung. Wenn man heute versucht, weite Kreise der jüdischen Jugend der Landarbeit und dem Handwerk zuzuführen, so darf man doch nicht ruhig mitansehen, daß so und so vielen anderen, die nun einmal Kausleute sind oder in den Kaufmannsstand treten, der Beruf des Kaufmanns verekelt wird. Wir müssen den Idealismus, der auch dem Berufe des Kaufmanns eigen ist, klarzulegcn versuchen. Wir dürfen nicht zugeben, daß der Kanfmannsberuf unseren Brüdern ein widerwärtiger und nur widerwillig geübter wird. Mit dem Vortrag von Rabbiner Dr. Arthur Levy ist die Reihe der vorgesehenen Referate geschlossen. Nach einer Mittagspause von l1/? Stunden beginnt die Diskussion. Rabbiner Dr. Wiener, Berlin, der als erster das Wort ergreift, glaubt sagen zu müssen, daß im Verlaus der Tagung zu wenig von den realen Gegebenheiten der Zeit die Rede gewesen sei. Der jüdische „Bourgeois" Westeuropas gehe seinem Untergang entgegen. Dies sei ein Faktum, an dem keine noch so schöne Forderung etwas ändern könne. Allerdings, die westeuropäische Judenheit mache nicht das Ganze der Judenheit aus. Und dieses Ganze sei lebendig. Nur in der Eingliederung in die Gesamtjudenheit der Welt könne auch von uns fruchtbare Arbeit geleistet werden. Rabbiner Dr. G 0 l d m a n n, Leipzig, betont die Proletarisierung des heutigen Juden. In dieser liegt eine Gefahr der Entfremdung vom Judentum. Ihr entgcgenzuarbeiten, scheint ihm heute die wichtigste Ausgabe des Rabbiners zu sein. Rabbiner Prof. Stern-Saaz glaubt den Sozialismus für das Judentum der Gegenwart ablehnen zu müssen. Die Juden seien kraft der ihnen allen gemeinsamen geistigen Heimat ein Volk. Ein Volk aber bedürfe heute des Kapitals, um sich im Leben der Welt behaupten zu können. Rabbiner Dr. Wolf, Dresden, übt an den Referaten des Tages scharfe Kritik. Es nützt uns nichts, zu wissen, was die Juden vor 2000 Jahren in Fragen der Bodenreform, der Bevölkerungspolitik, der Wirtschaft überhaupt, gedacht und getan haben. Wir wollen wissen, was heute möglich ist, was heute geschehen kann. Darauf ist eine genügende Antwort noch nicht gegeben. Rabbiner Dr. Simonsohn, Breslau, steht der gegenwärtigen Lage des deutschen Juden äußerst skeptisch gegenüber. Mit dem Verlust des Sabbaths geht das deutsche Judentum zugrunde, mit ihm ist es zum großen Teil schon zugrundegegangem Die Hebung der Sabbathtreu? gilt ihm als wichtigste Aufgabe des Tages. Aehnlich äußert sich Rabbiner Dr. Samuel, Essen. Er glaubt, daß Weckung und Belebung des jüdischen Stolzes vor allem anderen geeignet sein dürfte, dem jüdischen Sabbath neue Kräfte zuzuführen. Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. M., greift auf die Ausführungen von Wiener zurück, gegen dessen Pessimismus er sich energisch wendet. Der Rabbiner kann und darf nicht an den Untergang des deutschen Juden glauben. Er muß auf die Erziehbarkeit des Menschen vertrauen. Nicht wie die Juden heute sind, sondern wie sie sein sollen, ist bestimmend für uns. Nicht die Gegebenheiten des Tages, sondern die ewigen Aufgaben und Forderungen über uns müssen uns lenken. Rabbiner Dr. de Haas, Oldenburg, begrüßt cs mit Freude, daß der Rabbiner in unseren Tagen aufgehört habe, bloßer Repräsentant der Gemeinde zu sein, daß er wieder zum geistigen Führer der Judenheit wurde, daß er schon heute nicht mehr so sehr Sprecher fjür die Juden als Sprecher z u den Juden sei. Das habe gerade die Tagung des Rabbinerverbandes deutlich gezeigt. Rabbiner Dr.Levy, Regensburg, plädiert für die Frühehe im Judentum. Da diese nur auf dem Boden wirtschaftlich einfacher und bescheidener Verhältnisse möglich sei, so sei es die bedeutungsvolle Aufgabe des Rabbiners, die gesellschaftlichen Vorurteile der jüdischen Jugend in dieser Richtung zu überwinden, um so Platz zu schassen für die Frühehe, die gerade den Juden besonders not sei. Rabbiner Dr. Nobel konstatiert mit Freude die Gegensätze, die die Diskussion deutlich gemacht habe. Sie seien ein Zeichen des Lebens und der Entwicklung. Die Entwicklung des Judentums habe sich niemals gradlinig, sondern immer im Zickzack der Gegensätze vollzogen. Rabbiner Dr. Appel, Dortmund, meint, daß die heutige Tagung mehr der Wissenschaft als der Praxis gerecht geworden sei. Ein eminent wichtiges Problem der Praxis scheint ihm die Gründung jüdischer Ehevermittlungsstellen durch die Rabbiner. Damit ist die Diskussion beendet. Nach kurzen Schlußworten von Lewkowitz, Salzberger und Eschelbacher nimmt Rabbiner Dr. Horovitz, Frankfurt a. M., das Wort zu einem Bericht über die Tätigkeit des sozialen Ausschusses. Mit besonderer Freude begrüßt er die Einrichtung sozialer Kurse an den Rabbinerseminaren. Gerade der Jude habe in Hinsicht sozialer Arbeit das frohe Bewußtsein, aber auch die Verpflichtung einer schönen Tradition. Alles Verlorene suche ich, alles Kranke heile ich — Hirte für alle Bedrängten und Elenden —, dies sei immer der Wille jüdischer Menschlichkeit gewesen... Als Gast der Versammlung tritt Rabbiner Dr. Nürnberger aus Ungarisch-Brod ans Rednerpult. Er übermittelt dem Deutschen Rabbinerverband die Grüße des Mährisch-Schlesischen Rabbinerverbandes. Mit herzlichen Worten gibt er der Freude Ausdruck, die die heutige Tagung ihm bereitet habe. Sie sei das schönste Schiur seines Lebens gewesen. Rabbiner Dr. Goldmann teilt sodann die Wahlvorschläge des Wahlausschusses mit. Die Versammlung gibt ihre Zustimmung. Zum Vorsitzenden ist Rabbiner Dr. Baeck, zum stellvertretenden Vorsitzenden Rabbiner Dr. Horovitz wiedergewählt. Rabbiner Dr. Baeck dankt der Versammlung. Er schaut noch einmal zurück auf die Arbeit des Tages. Was gesprochen wurde, so meint er, erfüllt uns mit Dank und Freude. Aber mehr noch erfreut uns, w i e gesprochen wurde: der sittliche Ernst und das Gefühl hoher Verantwortung, m i t dem hier zu großen Problemen der Gegenwart Stellung genommen wurde. 2. Würdigung und Kritik. Es ist uns nicht möglich gewesen, ein lückenloses Referat der Tagung zu geben. Nur in einigem konnte hier von den reichen Anregungen berichtet werden, die Reden und Diskussion vermittelten. Es ist auch nun zunächst nicht möglich, in eine nähere Erörterung der verhandelten Einzelfragen einzutreten, nicht möglich, in allem Einzelnen zu untersuchen, inwieweit hier stets das Rechte getroffen wurde. Eines vor allem scheint uns zweifelhaft: die Behandlung, die das Problem des Sabbaths gefunden hat. Sollte der Sabbath in der Tat vorzüglich ein Problem des geschlossenen Geschäftes sein und nicht mehr ein Problem der Synagoge'? Vielleicht, daß der Jude von selbst sich den Weg zum Gotteshaus bahnte, wenn nur das Gotteshaus auch den religiösen, den metaphysischen, den sittlichen Fragen des modernen Menschen sich öffnete. Aber wie dem auch sei — und vielleicht ist diese Tagung ein Anfang in dieser Richtung —, wie man auch immer zu allem Einzelnen der verhandelten Probleme sich stellen mag, es ist über jeden Zweifel gewiß, daß die Tagung, als Ganzes gesehen, fruchtbare und erfreuliche Arbeit geleistet hat. Zu diesem Ganzen sei uns denn nun auch gestattet, noch ein wenig näher Stellung zu nehmen. Wir haben erfreulicher Arbeit beigewohnt. Erfreulich iu einem doppelten Sinn! Rabbiner haben über Fragen des modernen Lebens verhandelt. Sie sind herausgetreten aus der Enge bloß gelehrter Theologie und haben sich zn wesentlichsten Problemen der Gegenwart geäußert. Und zugleich: sie haben als Rabbiner, als religiöse Menschen vom Wirtschaftsleben der Gegenwart gesprochen. Dr. Eschelbacher betonte in seinem Referat wieder und wieder, daß der Rabbiner nur durch Einwirkung ans die G e - s i n n u n g des Menschen zur Neugestaltung des Lebens beitragen könne. Und gewiß, Besserung auch des wirtschaftlichen Lebens ist nicht allein aus nationalökonomischen Errechnungen und Maßnahmen zu erhoffen. Nicht weniger wichtig ist zumindest gleichzeitige Revolution der Denkart, gleichzeitige Wandlung der Gesinnung. Von hier aus an der Gestaltung des modernen Lebens mitzuwirken, dies ist ohne Zweifel eine der wesentlichste!« Aufgaben der Religionen. Dies für sich erkannt und in diesem Sinne verhandelt zu haben, macht nicht zum wenigsten die prinzipielle Bedeutung aus, die der diesjährigen Tagung des Rabbinerverbandes zuzusprechen ist. Aber allerdings! Auch ein prinzipieller Einw an d darf nicht verschwiegen werden. Die Redner der Tagung haben doch noch nicht mehr getan, als daß sie vom Standpunkt der Bibel, vom Standpunkt des Talmuds Fragen der Gegenwart zu beleuchten versuchten. Sie haben noch nicht umgekehrt die Lehre vom Leben der Gegenwart befruchten lassen. Rabbiner Tr. Wolf erzählte in der Diskussion von Gewissensfrageu junger Menschen an ihn und zugleich, wie er einem jeden von ihnen geantwortet habe. Eine dieser Antworten weckte besonderes Interesse. Ihr spezieller Gegenst a n d tut hier nichts zur Sache. Aber die Art und Weise der Antwort ist charakteristisch. „Ich sagte dem jungen Manne", so berichtet Dr. Wolf, „wie er nach dem Gesetz der jüdischen Lehre in seinem Falle sich verhalten müsse." „Aber", so fügt er hinzu, „ich tat es mit Bangen und Zweifel." In der Tat! Auch in den Referaten des Tages haben alle nach dem alten Gesetz entschieden. Immerhin, schon tritt einer auf im Kreise der Versammlung, der nur „mit Zweifel" der alten Lehre unbedingt folgt. Und es handelt sich nicht um die Aeußerlichkeiten zeremonieller Regeln, nicht um Spitzfindigkeiten gleichgültiger Alltagsdinge. Es handelt sich um Fragen des Gewissens, um Grundgedanken ethischen Lebens. Und man empfindet unmittelbar, daß dies verheißungsvoller Anfang ist. Da ist einer, der zweifelt. Und vielleicht sind es bald mehr. Vielleicht kommen aus ihren Reihen dann bald auch die, die nicht mehr mit § weifet nach dem alten Gesetz entscheiden, sondern mit fester estimmtheit das Gesetz zu andern wagen, wo es der Gesinnung der Gegenwart nicht mehr entspricht, die in dev alten Lehre nicht stehen bleiben, sondern von ihr aus weitergehen, wie weitergegangen wurde zu allen Zeiten wahrhaft lebendigen Judentums. Jeder Rabbiner, so sagte Dr. Baeck in der Einleitung der Tagung, sei im Grunde seines Wesens Revolutionär. Wir erwarten von den Revolutionären die Revolu tion, wir erwarten Umbau und Neubau aus dem Boden der jüdischen Lehre und ein neues L e b e n in ihren Hausern. Die Zeit ist reif. Und ein Anfang ist gemach t. Hans Margolius. Eine Lcmdesorganisatton in Argentinien für jüdische Einwanderung Nach dreitägiger Verhandlung, die wichtige Ergebnisse erbracht hat, ist die von dem jüdischen Wandererschutzverein und dem Zentralkomitee für Volkshilfe in Argentinien einberufene jüdische Einwanderungskonferenz beendet worden. Zahlreiche Delegierte aus Buenos Aires und der argentinischen Provinz und Vertreter aller jüdischen Institutionen Argentiniens nahmen an den Beratungen teil. Alle Probleme, die mit der jüdischen Einwanderung in Argentinien, mit der Unterbringung, Seßhaftmachung, Kolonisierung der Einwanderer sowie mit der Arbeitsbeschaffung für dieselben Zusammenhängen, wurden von der Konferenz erwogen und in entsprechenden Resolutionen zu sammengefaßt. Gegenstand großen Interesses bildete das Erscheinen der Vertreter von Hlas-Jca-Emigdirect auf der Konferenz. Der Vertreter von Hias in New Dort, Dr. Aaron Benjamin, der Präsident von Emigdirect in Berlin, Dr. Miron Krinin und der Generaldirektor der Jca in Paris, Dr. Louis Oungre, in formierten die Delegierten über die Lage und die Probleme der jüdischen Wanderung. Die Konferenz nahm den einstim migen Beschluß an, der gemeinschaftlichen Organisation für jüdische Wanderung Hias-Jca-Emigdirect den Dank für ihre große und wichtige Tätigkeit im Interesse des Judentums und für die Entsendung ihrer führenden Persönlichkeiten nach Argentinien auszusprechen. Die Konferenz beschloß einstimmig, eine Landesorgani sation für Regelung und Förderung der jüdischen Einwande rung in Argentinien zu gründen. Der Konferenz ging eine Beratung aller polnisch-jüdi scheu Landsmannschaften Argentiniens voran, die dem besonderen Problem der Einwanderung polnischer Juden, die schon jetzt das größte Kontingent zu der jüdischen Einwande rung in Argentinien stellen, gegolten hat. (Jta.) Verbandstag der Jüdischen Handwerker Deutschlands in Hannover Ideal und Wirklichkeit. wer nichl nur neben, sondern auch im jüdischen Leben steht und Gelegenheit hat, eine Bewegung nicht nur im Fest tagsgewand, sondern auch in ihrem Werktagskleid kennen zu lernen, weiß, daß neben wirtschaftlichen Standessragen den jüdischen .Handwerker heute noch immer ein ideelles Streben beschäftigt, das der Anerkennung bei seinen christlichen Be rufskollegen und bei seinen jüdischen Glaubensgenossen. Diese Anerkennung ist noch nicht überall in zufriedenstellendem Maße erfolgt. Daß diese Erkenntnis den jüdischen Handwerker nichl niederdrückt, sondern ihn zu erhöhter Tätigkeit, zu immer vollkommener Leistung anspornt, dafür boten die beiden ersten Tage der hannoverschen Zusammenkunft ein erfreuliches, überzeugendes Bild. Man würde eine schlechte Arbeit leisten und den jüdischen Handwerkern einen schlechten Dienst erweisen, wenn man ihnen suggerieren wollte, daß den vielen schönen Worten der Sympathie, die ihnen die Sonntagskundgebung einbrachte, auch die greifbare, erfolgreiche, Brot und Ehre bringende Sympathie der Tat auf dem Fuße folgen würde. Diesen im Wirtschaftskampf stahlhart gewordenen Männer::, denen (wie man verschiedentlich aus ihrem eigenen Munde hören konnte) die hannoversche Gemeinde zwei Ehrentage ohne Vorbild bereitete, kann man nichts vormachen. Sie wissen, daß sie unentwegt ihr Teil dazu beitragen müssen, daß ihnen die Anerkennung, deren man sie versicherte, zuteil wird. Sie wissen, daß sie selbst mit jedem Handgriff, mit jeder fertigen Arbeit dazu beitragen müssen, daß jahrzehntealte« Vorurteile gegen ihren Stand, gegen ihre Lristung zertrümmert werden.' Dank der rastlosen vorbereitenden Arbeit ihrer hannoverschen Kollegen, vor altem der Herren Paul G 0 ldmann und Henry G r a >v i. erhielt die Tagung ein festliches Gctvand, fanden die Berufskollegen eine besonders herzliche Ausnahme. Hier in den Vorbereitungen zeigte sich schon, ivas der eiserne Wille, schlechthin Vollendetes zu leisten, vermag. Am Schabbosvornnttag fand im Rahmen deS üblichen Gottesdienstes ein Fcstgottesdienst statt. .Herr Landrabbiner Dr. Freund fand in seiner zu Herzen gehenden Festpredigt Worte der Anerkennung und Aufmunterung für die Bestrebungen des jüdischen Hand Werks. Die hellerleuchtete Synagoge, der mit festlichem Grün ge schmückte Ausgang zur heiligen Lade und vollendet vorgetragena Feiertagsgesänge des Shnagogcnchors erzeugten eine wirkliche Weihestimmung. Abends fand in den Räumen der Zionloge ein gemütliches Beisammensein statt. Da der Sonntag der Haupttag der (allgemeinen) hannoverschen Festwoche war. der offizielle Festakt zeitlich mit einem Blumenkorso zusammenfiel, so wies diese Veranstaltung nicht den Besuch auf, den man ihr wünschen sollte und der ihr unter anderen Umständen sicher gewesen wäre. Immerhin waren es etwa 250 Personen, die den Festsaal des Alten Rathauses füllten. Herr Oberkantor Alter, von Herrn John Mandelbrod am Flügel begleitet, sang eingangs „Hallelujah" von Hummet. Sodann begrüßte Herr Glasermcister Paul Gold mann die erschienenen Kollegen, Gemeindemitglieder und die Vertreter der Behörden, Berufsorganisationen und jüdischen Verbände. U. a. waren erschienen für den Magistrat Herr Senator Lutz, Herr Plate, der Ehrenmeister des deutschen Handwerks, Herr V a g u e, als Vertreter des Vereins für Volksbildung sowie Vertreter der verschiedenem Handwerkerinnungen. Ferner hatten offizielle Vertreter entsandt: Der Allgemeine Rabbinerverband, der Lehrerverband, die Synagogengemeinde, der Provinzialverband für Wohlfahrtspflege, die Vereini-t gung für das liberale Judentum und zahlreiche weitere jüdische Organisationen. Für das jüdische Handwerk Polens war der Sejm-Abgeordnete Rasner aus Warschau erschienen sowie Herr Finkelkraut, der Direktor der Einkaufs-, Verkaufs- und Kreditgenossenschaft Polens. Die Eröffnungsansprache hielt Herr Glasermeister Wilhelm Marcus, Berbandsvorsitzender aus Berlin. In Hannover sei noch heute die Elite des deutschen Handwerks. Aber auch das jüdische Handwerk habe hier seinen großen Förderer in der Person Konsul Simons s. A. gesunden, der damals schon erkannt habe, daß mit der reinen Theorie nichts zu erreichen sei. Die Gartenbauschule in Ahlem verdanken wir ihm. Trotzdem das jüdische Handwerk nicht die vielhundertjährige Tradition des deutschen habe und man sich nicht in einem halben Jahrhundert so stark ■ entwickeln könne, hätte es eifrig nachgeholt. Die jüdischen Handwerker hätten nie an den oft prophezeiten Untergang des Handwerks geglaubt, im Gegenteil, sie hätten sich schneller auf Technik und Industrie eingestellt. Trotz primitiver Ausbildung hätten 100 000 jüdische Handwerker im Osten ganz Hervorragendes geleistet. Er hoffe, daß die klassenmäßige .Aust unter unseren Glaubensgenossen ausgehoben werde. Die jüdischen Handwerker hätten sich für befugt und verpflichtet gehalten, sich des jüdischen Mittelstandes anzunehmen. Ihre Vertreter säßen heut« in den Gemeindeverwaltungen und in jedem Lan-

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