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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-08 · 23 (8.6.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
23 (8.6.1928)
Date
1928-06-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang Forderungen des Judentums für die Geflallung des Lebens Line bedeutungsvolle Tagung des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbandes 1. Bericht. Der Allgemeine Deutsche Rabbinerverband tadele zum 30. Mar ins Berliner Logenhaus zum zweiten Tage seiner diesjährigen Hauptversammlung. Gegen 9 Uhr vormittags eröfsnete der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Leo Baeck, die Tagung. Er begrüßt die Vertreter des Preußischen Landesverbandes, der Jüdischen Gemeinde Berlin, der theologischen Lchranstalten, der Logen des U.O.B.B. und wendet sich sodann dem Thema der Tagesordnung zu. Der Rabbinerverband, so sührt der Redner aus, ist eine Standesorganisation. Aber er ist mehr als nur dies. Eine Versammlung von Rabbiirern ist wie ein großes Beth-Hamidrasch. So ist es nicht verwunderlich, daß auch heute aus dem Programm der Tagesordnung allgemeine Fragen des Lebens, nicht Fragen des Standes stehen. „Forderungen des Judentums sür die Gestaltung des Lebens": Probleme der Wirtschaft, der Bodenreform, der Bevölkerungspolitik sollen zur Verhandlung kommen. Es scheint freilich, als habe gerade der Jude mit diesen Fragen weniger zu tun als andere. Aber der Jude lebt doch in der Gesamtheit, im Getriebe der großen Welt. Und mehr! Alles was die Welt angeht, geht uns an: auch aus religiöse nGründen. Die jüdische Religion ist messianische Religion. Und nicht ein abwartender und nur still hoffender Messianismus, sondern ein Messianismus der Arbeit, der helfenden Tat, ein Messianismus, der den Beginn des Gottesreiches schon in der Gegenwart erstrebt. Darum gehen uns die sozialen Fragen an. Darum ist es unsere Aufgabe, an ihrer Lösung tätig zu sein, wie es unsere Aufgabe ist, in tätigem Bemühen der Erfüllung der messianischen Zeit zu dienen. Und von keinem werden die sozialen Fragen der Gegenwart so frei und objektiv behandelt werden können, wie gerade vom Rabbiner. Wir brauchen — hierin von anderen Religionsverbänden sehr verschieden — mit keiner wirtschaftlichen Macht der Welt zu paktieren, wir brauchen keiner zu Gefallen zu reden, und sind also vielleicht am besten geeignet zu einer vorurteilslosen und fruchtbaren Behandlung der Probleme. . . Wo immer Rabbiner zusammen sind, da wird auch vom Sabbath gesprochen. Wir wissen, daß es kein Judentum geben kann ohne die Renaissance des jüdischen Menschen im Sabbath, Woche um Woche. Unser messianisches Ideal ist ein Sabbathideal, das Ideal der Ruhe der Seele. Von den Gefahren, die in unseren Tagen dem Sabbath drohen, und von den Möglichkeiten ihrer Beseitigung wird darum nicht ohne gewichtige Gründe zu reden fein. Wenn Sabbath auf Erden wäre, so wäre die messianische Zeit gekommen, so wären die sozialen Fragen gelöst. In allen unseren Verhandlungen allerdings wird es kaum möglich werden, feste Antworten zu geben. Wir können allein die Probleme aussuchen und die Fragen stellen. Antwort gibt Gott allein im Gebot. Aber Gott hat auch dem Menschen das Problem ausgegeben. Nach Rabb. Dr. Baeck ergreift Pros. Türk als Vertreter des Preußischen Landesverbandes das Wort. Die heutige Tagung, so meint er, habe sür den Rabbinerstand ohne Zweifei geschichtliche Bedeutung. 'Goethe hat einmal gesagt: „Die Gottheit ist immer nur in den Werdenden und Sich-Wandelnden." Und in der Tat: der Rabbiner hat rn den letztm Jahren eine entscheidende Wandlung erfahren. Die heutige Tagung ist ein Zeichen dieser Wandlung. Nicht Beschäftigung mit theologischen Fragen, mit Problemen des Unterrichts ist angezeigt, sondern Beschäftigung mit den soziale n Fragen der G e g e n w a r t. So ist denn auch fruchtbare Arbeit für das Leben der Gegenwart zu erhoffen . i Im Namen der Jüdischen Gemeinde Berlin begrüßt Direktor K a r e s k i die Versammlung. Er weist daraus hin, daß die hier zu verhandelnden Probleme ganz besonders Probleine gerade der Berliner jüdischen Gemeinde seien. Und er wünscht den Anregungen, die von der Verhandlung zu erwarten sind, gehörige Resonanz im Leben der deutschen Judenheit. Nach ihm begrüßt Dr. Lewkowitz, Breslau, die Versammlung im Namen der theologischen Lehranstalten des Judentums und un Namen der Logen des U.O.B.B. Er betont die engen Beziehungen zwischen Rabbinerverband und theologischen Lehranstalten und spricht mit herzlichen Worten feine Wünsche sür gedeihliche Arbeit aus. Rabb. Dr. Baeck dankt den Rednern im Namen des Verbandes und erteilt sodann das Wort zum ersten Referat des Tages Rabbiner Dr. Lewkoioltz-Berliir Wer „Wirtschastsethik". Er beginnt seinen Bortrag mit einer Unterscheidung der christlichen und jüdischen Ethik. Die christliche Ethik krankt an einem unheilvollen Widerstreit zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen überspannter Forderung und konkreter Gegebenheit. Damit im Zusammenhang steht der Dualismus einer eigentlichen Priester-Moral und einer im Kompromiß gewonnenen Laien-Moral. Die jüdische Ethik, von vornherein den Tatbeständen des wirklichen Lebens positiv zugewandt, ist diesem Dualismus enthoben. Wir alle anderen naturgegebenen Triebe des Menschen läßt die jüdische Ethik dann auch — sehr im Gegensatz zum Christentum — das Wirtschasts st reden des Menschen sich im Leben entfalten. Armut ist vem Judentum kaum jemals ein wahres Ideal gewesen. Wohlstand gilt — von gelegentlichen Schwankungen des Urteils abgesehen — als Geschenk Gottes. Die jüdische Ausfassung der Wirtschaft kommt der modernen vielfach entgegen. Aber sie ist keineswegs identisch mit ihr. Bei aller Wertschätzung, die im Sinne der jüdischen Ethik dem Kapital entgegenzubringen ist, bleibt uns das Kapital doch stets bloßes Mittel zum Zweck. Wenn der moderne Kapitalismus im Begriff der Rentabilität das Kapital zum Selbstzweck, zum höchsten Maßstab der Wirtschaft macht, dem jüdischen Geiste steht der M e n f ch immer höher als die Wirtschaftsgüter. Jeder Mensch ist ihm eine eigenwertige Persönlichkeit. So ergibt sich denn auch notwendig die Ablehnung aller Truste und Konzerne, die oie wirtschaftliche Selbständigkeit des Einzelnen untergraben. Es ist von hier aus verständlich, daß das Judentum dem großen Gegenspieler des Kapitalismus in unserer Zeit starke Sympathien entgegenbringt. Aber so wenig jüdische Ethik sich mit dem Kapitalismus deckt, so wenig ist sie auch einfach identisch mit der Auffassung des Sozialismus. Die jüdische Ethik betont den sozialen Charakter des Menschen. Aber entgegen dem modernen Sozialismus betont sie zugleich auch den Eigenwert des Individuums. Eine sozialisierte Wirtschaft widerspricht dem Geist des Judentums. Der Jude erkennt die Gleichberechtigung aller Menschen an im Hinblick aus das Minimum der;edem notwendigen Lebensgüter. Aber er übersieht nicht die Verschiedenheit der Menschen und die hieraus resultierende Notwendigkeit einer gerechten Ungleichheit der Güter in allem, was über neues lebensnotwendige Minimum hinausgeht. Eine Minimalgleichheit wird entschieden anerkannt, eine Maximalgleichheit wie der Sozialismus sie will, ebenso entschieden abgelehnt. Nicht durch den Sozialismus ist nach jüdischer Auffassung der moderne Kapitalismus in seinen schädlichen Auswirkungen zu überwinden, sondern durch die religiösen Ideale der Menschenliebe und G e r e ch t i g k e ( t. Das zweite Referat des Tages hat Rabbiner Dr. Salzberger, Frankfurt a. M. Es gilt beit Fragen der „Bodenreform." Unter allen Wirtschaftsgütern der Menschheit, so führt der Redner aus, ist ernes besonders wichtig: der Grund und Boden. Die Usurpierung dieses Gutes durch wenige Einzelne aus Kosten aller anderen, die Anhäufung des Besitzes in e t n e r Hand ist ohne Zweifel eine der größten Gefahren der Völker, eine Gefahr, der mächtige Reiche der Antike rettungslos erlegen sind. Gegen sie wendet sich in neuerer Zeit die Bewegung der Bodenbesitzreform. Der Referent verfolgt ihre geschichtliche Entwicklung von ihren Anfängen in England bis zu der Gründung des Bundes der deutschen Bodenresormer durch Adolf Damaschke. Es ist nicht ohne Interesse, feststellen zu können, daß gerade Juden tn großer Zahl die Bodenreform tatkräftig unterstützt und in ihrer Entwicklung wesentlich gefördert haben. Mer wichtiger als dieses ist es, daß die Bodenreform ihren prinzipiellen Forderungen nach bewußt und unbewußt anknüpft an die Agrarverfassung der Bibel-, an die Gesetzgebung der jüdischen Lehre. Der Anhäufung des Bodenbesitzes in einem Stamm, in einer Person, der Versklavung der einen zu gunsten der anderen sucht das jüdische Gesetz durch eine Reihe wichtiger Vorschriften entgegen zu arbeiten. Da ist zunächst der Savbath, der Ruhe nicht allein für den Herrn, sondern Ruhe auch für den Knecht gebietet. Da ist zurzeit das Sabbath-Jahr, das, alle sieben Jahre wrederkehrend, jedem Sklaven die Freiheit wiedergibt. Schon damit ist eine unbeschränkte Sllaverer unmöglich gemacht. Aber mehr als dies! Jedes 50. Jahr ist ein Jobel-Jahr. Alles verkaufte Land geht zum ursprünglichen Bescher zurück. Ein Jahr des Schuldenerlasses! Regeneration des ursprünglichen» Zustandes! Ter Grttnd und Boden, so ist der Gedanke der jüdischen Lehre, kann nicht verkauft werden. Er ist Eigentum Gottes. Gott ist der einzige Eigner des Alls. Er gibt dem Menschen die Erde zu Leyen. Was allein unter Menschen veräußerlich ist, das ist das Recht aus Arbeit am Boden und aus den Ertrag aus ihr. Es ist kennzeichnend, so meint der Referent, daß das lateinische Wort sür Bodenbesitz (dominium) ursprünglich „Herrschaft", das hebräische ursprünglich „Arbeit" bedeutet. Was die moderne Bodenreform erstrebt, ist dem, was die jüdische Gesetzgebung bezweckte, im innersten verwandt. Um so verwunderlicher ist es, daß in neuerer Zeit katholische und protestantische Geistliche schon lange sür die Bodenreform plaidlert haben, während die geistigen Führer des Judentums bisher beharrlich schwiegen. Das muß anders werden. Denn es geht um unsere eigenste Sache. Die Juden, ernst ein Volk von Ackerbauern, im Lauf der geschichtlichen Entwicklung von aller körperlichen Arbeit zurückgedrängt, werden nicht eher körperlich und seelisch wieder erstarken, nicht eher auch sittlich gesunden, bis sie zum Lande zurückzufinden wissen. Wollen wir, daß unser Stamm, der ewig wandernde, wieder seßhaft werde, so müssen wir die jüdische Jugend, so weit als möglich, auss Land und zur Arbeit am Acker schicken. In diesem Sinne begrüßt der Referent mit Freude die diesbezüglichen Versuche des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten", die Ansiedlungsarbeit der Zionistischen Organisation in Palästina und die des „Ort" in Rußland. Als Dritter nimmt Rabbiner Dr. Ejchelbacher, Düsseldorf, das Wort. Sein Reserat gilt einer Frage der Beoölkerungspolitik, dem Problem des Geburtenrückganges und der Geburtenbeschränkung. Bis ins 19. Jahrhundert hinein ist alles, was Zeugung, Empfängnis, Geburt des Menschen betrisst, in das Dunkel eines geheimnisvollen Wunders gehüllt, Mysterium, Sache des Schicksals. Der moderne Mensch hat mit zudringlicheren Geist an dies Geheimnis gerührt und, was Frühere demütig aus der Hand des Schicksals entgegennahmen, zu einer Angelegenheit seines Wille ns gemacht. Welche Gründe bestimmen diesen Willen zu einer willkürlichen Verhinderung der Geburten? Es sind zunächst, so memt der Referent, durchaus verächtliche Gründe: Bequemlichkeit, persönliche Egoismen verschiedenster Art, denen gegenüber rücksichtsloser Kamps notwendig ist. Es sind zurzeit die durchaus ernstzunehmenden und respektablen, die ein gesteigertes Verantwortungsgefühl nahelegt. Wo etwa eine Krankheit den Verzicht aus Kinder begründet, da wird man denn auch ohne weiteres das sittliche Recht des Verzichts anerkennen dürfen. Wie aber steht es mit dem Verzicht aus dem Grunde einer allgemeinen wirtschaftlichen Notlage? Man wird auch hier zugeben müssen, daß ernste Gründe vocliegen, die nicht einfach zu verurteilen sind. Aber man wird suchen müssen, sie zu beheben. Dies wird nur möglich sein, wenn es gelingt, den Menschen imHinblickaufGott mit Vertrauen zum Leben zu durchdringen. Das Bevölkerungsproblem ist letzten Endes ein religiöses Problem. Die Stellung, die das I u d en t u m kennzeichnet, tritt vielleicht am deutlichsten zutage in zwei Sätzen der Schöpfungsgeschichte: „Und Gott sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!" — „Und Gott sah, daß alles sehr gut war." Werl das Judentum glaubt, daß die Welt gut ist, hat es das Vertrauen, das Gebot der Fruchtbarkeit entgegenzunehmen. Ein vertrauender Optimismus macht das Wesen des jüdischen Geistes aus. Wo aber Optimismus ist, 'da ist auch der Wunsch, Kinder zu haben, da ist auch jener gewaltige, starke und lebensfreudige Expansionstrieb des Menschen, wre das Wort ihn verküirdet: „und füllet die Erde!" Freilich, auch die jüdische Geschichte durchziehen gelegentlich Ströme pessimistischer Weltauffassung. Und da taucht denn auch immer das Verlangen nach Einschränkung der Minderzahl aus. Dieses Verlangen, in Zeiten schwerer wirtschaftlicher Not und seelischer Depression, ist verständlich. Wie aber auch hier gewisse Forderungen unverletzlich bleiben, lehrt ern Traktat des Talmuds, ein Traktat eben aus einer Zeit allgemeiner Not und Bedrängnis. Jeder Mann, so bestimmen die Gelehrten des Talmuds, ist verpflichtet, mindestens zwei Kinder zu haben. Dann ist ihm Enthaltsamkeit in der Ehe gestattet. Eine willkürliche Geburtenregelung aber gilt als schwerstes Vergehen, als schwerste Sünde des Menschen — hier nicht anders als überall und jederzeit in jüdischer Lehre. Und damit bestimmt sich denn auch, so meint der Referent, was heute zu sagen ist: „Bringt ihr das ursprüngliche Gefühl des Vertrauens zum Leben nicht auf, — dann zwei Kinder! — und geschlechtliche Mstinenz!" Allerdings, dies ist nichts anderes als das Recht einer besonderen Lage der Not: eine äußerste Verpflichtung. Größer und schöner wird es fern, das ursprüngliche Gefühl heiliger Lebensfreude m unserer Mitte heu zu beleben, das Vertrauen wieder zu wecken, das in Frömmigkeit dem Gebot der Fruchtbarkeit folgt... Ms letzter Referent des Tages erstattet das Korreferat Rabbiner Dr. Arthur Leoy, Berlin. Er greift zurück aus die Ausführungen von Rabbiner Dr. Lewkowitz. Hatte dieser im wesentlichen eine theoretische Darlegung der jüdischen Wirtschastsethik gegeben, so wünscht nun Rabbiner Dr. Levy ergänzend einige besonderrs wichtige

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