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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-01 · 22 (1.6.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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dort, w o ein wirklich guter und ausrechter Stolz war, nicht etwa eine Uederhebung, aber der Stolz, den der Mensch braucht, wenn er aufrecht durchs Leben gehen soll, dort hat man sich auf den Standpunkt gestellt: unsere Töchter sollen nicht heiraten in Familien, die auf die Eltern der Töchter mit Verachtung heruntersehen. Die haben Wert darauf gelegt, daß ihre Töchter in einen Kreis kamen, von dem sie wußten, daß man dort den Eltern die Achtung entgegenbringt, auf die sie Anspruch erheben dürfen. Aber folgen wir einmal rein konservativen Gedankengängen; es gab doch jedenfalls irgendwelche gute jüdische Familien. Und daß es tüchtige jüdische Soldaten gab, haben die Kriege bewiesen, in denen die jüdischen Soldaten ihre Pflicht und Schuldigkeit getan haben, genau so wie ihre christlichen Kameraden." In der Aera der Blutsproben und der Arierparagraphen entbehren diese Ausführungen für uns nicht einer gewissen satirischen Bitterkeit. Treppenwitz der Weltgeschichte? — Aber Ludwig Haas ist ja kein kindlicher Illusionist oder Utopist, als der er durch diese Worte erscheinen könnte. Er trachtete vielmehr nur, semen Finger auf die Wunden des alten Regimes zu legen und die Schwäche der staatlichen Deduktionen nachzuweisen. „Und nun, meine Damen und Herren, was ist eigentlich der Urgrund dieser Zurücksetzung der jüdischen Soldaten? Ist es die Religion? Meine Damen und Herren! Der moderne Staat ist nicht so fromm, daß er etwa einen zurücksetzen würde, weil er ein anderes Glaubensbekenntnis hat. Vielleicht sind die norddeutschen Staaten etwas frommer als die süddeutschen, vielleicht legen sie etwas mehr Wert als wir Süddeutschen aus ein gewisses äußeres .offizielles Bekenntnis; aber fromm im alten Sinne ist der Staat nicht; er kann es auch gar nicht sein; denn er wird ja gebildet aus religiös ganz verschiedenen Elementen: ich habe außerdem die Meinung, daß gerade die Offiziere, die innerlich religiös sind, gute Katholiken oder gute Protestanten, daß die am allerwenigsten dazu neigen, einen Juden in seinen Rechten zu kränkyr wegen seiner anderen religiösen Anschauung. Ich kann mir einen wahrhaft frommen und wahrhaft religiösen Menschen überhaupt nicht vorstellen, der jemand verletzt und kränkt, bloß weil er einen anderen Glauben hat als er. Also die Religion ist cs nicht. I st es die Rasse? Ja, meine Damen und Herren, ich gebe ja bekanntlich auf Rassetheorien nicht viel, schon deswegen nicht, weil sie alle miteinander wissenschaftlich zusammcngebrochen sind. Die Rassetheorien werden auch nicht etwa dadurch besser, weil sie Gun von jüdischer Seite mit derselben Begeisterung vertreten werden, wie früher von antisemitischer Seite. Falsch sind sie trotzdem alle miteinander. Aber im heutigen Vortrag untersuchen wir diese Frage, so interessant sie ist, ja nicht. Daß die Rasse der Grund der Ablehnung der Juden nicht i st, ergibt die einfache Tatsache, daß der Jude, sobald er sich hat taufen lasse», Offizier und Reserveoffizier werden kann. Ich habe im Leben noch nicht gehört, daß etwa die Taufe die Rasse und das Blut ändern würde; der Mann bleibt ganz derselbe; aber sobald er getauft wird, wird er als Offizier akzeptiert. Also auf dem Standpunkt irgendwelcher Rassecheorien steht der Staat nicht, wenn er die Juden zurückwcist. Außerdem wäre es in Deutschland eine ganz besondersgefährliche Sache, wenn der Staat sich auf das Gebiet der Rassetheorie begeben möchte. Wenn man manche Offiziere, vor allem die aus der herrschenden Kaste in Preußen, untersucht, wenn man nur feststellt, wo das Geschlecht seinen Sitz hat, dann weiß man von vornherein, die Vorfahren waren auch nicht blutsverwandt mit Hermann dem Cherusker! Es fließt überhaupt nicht so viel germanisches Blur in Deutschland, wie gemeinhin die Antisemiten gern glauben machen. Die Deutschen sind blutmäßig eine merkwürdige Mischung; reine Germanen sind sie gewiß nicht, und wenn wir einmal damit anfangen wollten, nur d i e Reserveoffiziere oder Offiziere werden zu lassen, die germanischen Blutes sind, dann würde uns unser Offizierersatz noch mehr Sorge machen, als er uns heute infolge eines falschen Systems schon Und nachdem er die Taten der Juden in den Kriegen von 1813 bis 1870 — in späteren Darlegungen noch gründlicher die Leistungen der Juden im Weltkrieg — gewürdigt, das Vorurteil von der körperlichen Minderwertigkeit des Juden mit einigen schlagkräftigen Worten vernichtet hatte, nahm er Stellung zu den Konvertiten sowie auch zu den Fragen der Kinderlaufen. „Gibt sich ein Staat nicht selber preis, der den Charakterlosen bevorzugt und den Charakterstärken zurücksetzt? Ich weiß, daß die Anschauung in vielen christlichen Kreisen noch nicht ganz verstanden wird.' Sie wird auch nicht in allen liberalen Kreisen verstanden, seien wir uns darüber ganz klar, und zwar vielfach deswegen nicht, weil man die ganze Frage der Judentaufen und unsere Stellung dazu auf die einfache Formel der religiösen Toleranz bringen will. Der Liberalismus hat eine feiner starken Grundlagen in der religiösen Duldsamkeit, und es ist wahr, daß der, der religiös intolerant ist, die großen Grundlagen des Liberalismus und der Demokratie überhaupt nicht begriffen hat. Aber die Beurteilung getaufter Juden hat doch mit der Frage der religiösen Toleranz in der Regel nichts zu tun. Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß ein tiefinnerlicher Mensch schwere Kämpfe auf religiösem Gebiet durchgemacht hat, und daß er in diesen schweren Kämpfen zu dem Ergebnis gekommen ist, d i e Religion, in der er nicht geboren wurde, sei die bessere und richtigere. Wenn tin Jude aus diesen Gründen religiöser Ueberzeugung zum Christentum Übertritt, so werden wir ihn selbstverständlich achten und ehren, wie wir jeder religiösen Anschauung Achtung und Wertschätzung entgegenbringen. Um diese Leute handelt es sich nicht. Es handelt sich um diejenigen, die nicht aus dem Boden des Christentums stehen und sich trotzdem taufen lassen. Und da mag mir einer sagen, was er will, ich stehe auf dem Standpunkt, wir erweisen dem Staat einen Dienst damit, wenn wir immer und immer wieder auf diese Wunde Hinweisen, wenn wir immer und immer wieder erklären, daß der, der sich taufen läßt, um irgendwelcher gesellschaftlicher oder materieller Vorteile ivillcn, ein charakterloser Mensch ist, daß gerade er die Qualifikation nicht besitzt, die der Beamte und der Offizier in einem gesunden Staatswesen haben sollen. Ich meine, es müßten die maßgebenden Kreise nur einmal darüber Nachdenken, so würden sie mit unsagen, das gehl gaugewiß nicht, daß wir den getauften Juden besser behandeln, als den ungetansten, und sic würden nach kurzer Ueberlegung zu der Erkenntnis kommen, daß den ohne Ueberzeugung getauften Juden unser Staatswesen nicht ertragen kann, daß es aber in dem ungetansten Juden, der seine Charakterstärke bewiesen hat, einen sehr wertvollen Beamten, einen guten und brauchbaren Ossizicr finden wird. Nun wird gelegentlich gesagt: Der Jude, der sich taufen läßt, stebt ja religiös nicht mehr auf dem Boden des Judentums; warum soll er also nicht aus dem Judentum austreten? Meine Damen und Herren! Daraus, daß er aus dem Judentum auslritt, leite ich den Borwurf der Charakterlosigkeit nicht ab. Es ist mir noch nie eingefallen, einem Menschen, der sich für freireligiös erklärt, den Vorwurf der Charakterlosigkeit zu machen. Aber, wenn man die Taufe, die unfern christlichen Mitbürgern, ein heiliger Akt ist, ohne innere Ueberzeugung benutzt, um irgendwelche Borteile einzuhandeln, wenn man in feierlicher Fonn eine Lüge aussvricht, um einen Vorteil zu erreichen, dann bleibt das. man mag die Dinge so milde beurteilen, wie man will, immer eine Handlung, die ein Mensch, der auf feine eigene Würde bedacht ist, und Verständnis für keine Würde hat. nicht begehen kann und nickt begehen, darf." Während Haas sich dann noch intransigenter und verdammender gegen die sogenannten Kindertaufen ausgesprochen, die unter dem Vorwände vorgenommen werden, der kommenden Generation den Weg durchs Leben zu erleichtern, und ausdrücklich betont hatte, daß es nicht Sache der Eltern sei, Vorsehung zu spielen und ihren Nachkommen vermeintliche Hindernisse aus dem Wege zu räumen, umsoweniger als Kamps das beste Erziehungsmittel für den Menschen sei und Stürme die Jugend umbrausen müßten, ein Mensch hingegen, der kein Kämpfer sei, seinen Lebenszweck verfehlt habe, ging er aus die Frage der Tradition über und äußerte sich mit Selbstgefühl und Selbstbewußtsein in den beherzigenswerten Worten: „Wir wollen doch unsere Kinder erziehen zu starken und charakterfesten Menschen. Es gehört aber ein Stück Tradition dazu, wenn einer ein stolzer und aufrechter Mensch tverden soll. Wenn wir die Kinder loslüscn von unserer Gemeinschaft, wenn sie gar nicht mehr so recht wissen, wo sie eigentlich hingehören — Juden sind sie nicht mehr, daß sie aber keine ganzen Christen sind, das lassen sie die anderen schon merken dann fühlen sie sich wurzellos; es fehlt der feste Halt. Wir haben alle miteinander solche Beispiele erlebt. Es kommt dann der Augenblick, wo sie sich der eigenen Eltern schämen, wo es ihnen unangenehm ist, wenn davon gesprochen wird, daß die Eltern Juden sind. Ich meine, da muß einer schon ein ganz starker Charakter sein, wenn er nicht Not leidet darunter, daß die Eltern einer anderen Gemeinschaft angehören, als er selber. Für diese Wertung der Tradition sollten gerade die Konservativen weitgehendes Verständnis haben. Ich bin ein guter Demokrat; aber seine Familientradition soll der einzelne haben. Kann eine Freude an der Familie und ihrer Geschichte da sein, wenn man sich loslöst von der Gemeinschaft, in der die Familie durch Jahrhunderte hindurch gelebt hat? Wir sehen zurück und schauen die vielen, vielen Geschlechter vor uns, durch die Jahrhunderte hindurch, kämpfend und leidend wegen derselben Vorurteile wie wir, aber treu ihrer Ueberzeugung. Die haben mehr Opfer gebracht, als wir; da ging cs um Leben und Existenz, um die Familie, um Frau und Kinder. Aber treu sind sie ihrer Ueberzeugung geblieben; die haben sie nicht preisgegeben. Und dann sollten wir in der besseren Zeit — um gesellschaftlicher Vorteile willen — uns loslösen aus der großen Kette, die durch die Jahrhunderte reicht?" Und nachdem nunmehr Ludwig Haas noch einen geschichtlichen Ueberblick gegeben über die Entwicklung, die in der kurzen Zeitspanne seit der Judenemanzipation überhaupt zurückgelegt worden ist, und außerdem schärfste Abwehr gerichtet hatte gegen alle national-jüdischen oder zionistischen Bestrebungen, schloß er seinen ebenso instruktiven, wie diplomatisch klugen und trotz aller Selbstdisziplin mit sortreißenden Vortrag mit den flammenden Worten: „Aber eines setzen wir allerdings in aller Deutlichkeit ^inz,?: Ehrlos der, der nicht den Kampf führt für sein gutes Recht; aber doppelt ehrlos der, der sein Recht sich erkaufen will du r ch Konzessionen, die an die eigene Ehre gehen." Es mag schier anderthalb Jahrzehnte her sein, daß Ludwig Haas seine Stammesgenossen dergestalt zur Treue srch selbst gegenüber ausrief. Er ist unterdessen älter, reifer aber — mit Fug — auch noch stolzer und selbstbewußter geworden. Er hat sich selbst die Treue gewahrt. Im Weltkrieg als tapferer Vaterlandsverteidiger ausgezeichnet, ist er nach dem Umsturz an die Spitze seiner Landesregierung berufen worden, hat Würden und Ehren gepflückt, hat als Hüter des Rechtes, als Publizist von hohen Graden und als geborener Politiker gewirkt. Er hat den Reichstagen vor und nach der Revolution als anscheinend unentbehrliches Mitglied angehört. Und er tft ein Kämpfer geblieben. Aber ein Kämpfer, der trotz den mannigfachen entmutigenden Erfahrungen des großen Weltenbrandes und der auf ihn folgenden Zeiten der Niederlage und des Niederganges, der scheinbaren Verwilderung und Verwahrlosung seines geliebten deutschen Volkes niemals den ihm eingeborenen Optimismus, die „fröhliche Wissenschaft" der wahrhaft Starken und Kampfestüchtigen eingebüßt hat. Noch heute ist er Hauptvorstandsmitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und weiß rn dieser Eigenschaft mit den besten Argumenten gegen den nach dem Kriege neu erstandenen Antisemitismus in Wort und Schrift zu Felde zu ziehen. Als Mitbegründer der in dem Kartell-Convent vereinigten Korporationen hat er als „Alter Herr" die jüdischen Studenten späterer Generationen dazu bewogen, ihren Anspruch auf volle G ei ch b er e ch t i g u n g im deutschen Vaterland geltend zu machen, den Kamps gegen den Antisemitismus sortzuführen, gleichzeitig aber einander auch gegenseitig zu erziehen, um den Gegnern jenen Respekt auszuMngen, den ein guter Kampf erfordert. Auch die Jugend hat er gelehrt, daß chrlos der ist, der etwa in den Zeiten der Gefahr seiner Gemeinschaft fahnenflüchtig wird, und daß es Pflicht jedes anständigen und aufrechten Mannes sei, einzutreten für die Gemeinschaft, in der er geboren ward. Für Demokratie und gegen Demagogie kämpft heute der Politiker Ludwig Haas, der gewiß sein darf, allenthalben, auch im feindlichen Lager, mit Ehrerbietung gehört zu werden. Gegen die Ursachen der Vertrauenskrise in der Justiz, für Freiheit und soziale Interessen setzt der Mann sich ein, der da weiß, daß seinen mannhaften Worten ein weiter Resonanzboden gewährt wird. Er rastet nicht und er rostet nicht, weil er ständig erfüllt ist von neuen und fruchtbaren Ideen. Er als einer der ersten hat einer wirtschaftlichen Verständigung mir Rußland das Wort geredet und hat seinen Theorien durch Reifen nach Sowjet-Rußland und die an Ort und Stelle gesammelten Erfahrungen Nachdruck zu verleihen gewußt. Er steht heut auf der Höhe des Lebens und im Zenith vielfältiger Erfolge. Der Kampf hat ihn jung gehalten, so daß fein Wesen und Walten noch heute, im 54. Jahr, eine aufrüttelnde, Kampfgenossen wie Gegner befeuernde und beflügelnde Dynamik ausströmt. Ein Mann des Rechtes, aber auch ein Mann der Gerechtigkeit, dem der Paragraph Hekuba, das warm pulsende menschliche Leben hingegen Alles ist. Seine Laufbahn ist noch nicht abgeschlossen. Es gibt politische Perspektiven, die ihm noch größere Betätigungsmöglichkeiten bieten als seine heutige, von Werk und Wirken schon sattsam belastete Stellung. Er gleicht einer im Schwünge befindlichen motorischen Kraft. Funken stieben von ihm; Funken kehren zu ihm zurück. Und vielleicht, wenn die Funken sich sammeln, wird auch er dereinst von sich sagen dürfen: „Ich bin die Flamme, ich bin das Schwort." Gleichviel aber, unter welchem Gesichtspunkt man ihn 'und sein Lebenswerk auch betrachten mag: immer gelangt man zu dem rühmlichen Ergebnis: es stünde besser um die deutsche Republik und vielleicht auch um das deutsche Judentum, wenn Deutschland mehr Kämpfer vom Schlage eines Ludwig Haas aufzuweisen hätte. Doris W i t t n e r. Ostjüdisches Ghetto Von Hans Margolius. I. Seit Ende des Krieges 1918 kommen wiederholt russischjüdische Theatertruppeu nach Deutschland und Westeuropa. Der künstlerische Wert ihrer Veranstaltungen scheint über jeden Zweifel erhaben. Aber gewiß mehr noch als die Kunst ihrer theatralischen Leistung berührt die eigentümliche Kulturwelt des ostjüdischen Ghettos, die ihr Theater dem Westen sinnfällig nahe bringt. Der liberale Jude freilich scheint hier ein wenig abseits zu stehen. Nicht selten jedenfalls trifft man in seinen Kreisen auf Menschen, die, bei aller Achtung vor der Kunst dieser ostjüdischen Theater, doch jede nähere Beziehung zu ihrer geistigen Welt aufs schroffste verneinen, die den Problemen dieser Ghettowelt gleichgültig und fremd gegenüberstehen, ja auch wohl gelegentlich ihr Judentum von diesem aufs schärfste zu scheiden wünschen. Es kann leicht den Anschein haben, als wäre solche Stellungnahme notwendige Konsequenz des liberalen Judentums. In Wahrheit ist das gerade Geqenteil der Fall. II. Liberales Judentum, das ist zunächst eine bestimmte Weisung religiöser Lebensführung. Wir glauben, daß die Umsetzung religiöser Gedanken in die Praxis des Lebens eben tatsächlich eine Umsetzung sein muß, nicht eine buchstabentreue Kopie, sondern Uebersetzung, die den Sinn des Gedankens gibt. Und insofern unterscheidet sich liberales Judentum allerdings, wie von allem orthodoxen Glauben, so auch von der Frömmigkeit und der religiösen Problematik des Ghettojuden. Aber liberales Judentum ist zugleich und noch mehr eine bestimmte religiöse Gesinnung. Eben weil wir nicht glauben, eine buchstabentreue Abschrift religiöser Gedanken ju haben, sondern allein eine Uebersetzung ihrer Meinung, — ja noch mehr jeden religiösen Gedanken selbst nur als Symbol eines letztlich Undenkbaren sehen, eben darum wird uns notwendig auch die ganze Fülle religiöser Symbole der Menschheit, der Kosmos aller Religionen und die ganze Vielfalt all ihrer Bräuche und Sitten bedeutungsvoll, wie eine Vielzahl von Uebersetzungen und Bildern, wenn das Urbild nicht zu schauen ist, — ein jedes von Wert: als ein Zeichen, — ein Sinnbild der Frömmigkeit. So aber wird uns denn auch jene andere, orthodoxe Gläubigkeit, wird uns denn auch die Frömmigkeit des Ghettojuden notwendig wertvoll sein, nicht als das, wofür sie sich selber hält, nicht als die Lehre, aber doch als ein Symbol der Lehre III. Ostjüdisches Ghetto, das ist in der Tat ein Wunderland religiöser Bräuche und Sitten, eine Welt innigster Frömmigkeit: ohne Zweifel des Interesses und der Ehrfurcht jedes religiösen Menschen sicher. Aber mehr als nur dies! Die Welt des oftjüdischen Ghettos ist für uns nicht nur eine bedeutsame Form reli-> giösen Lebens, neben der, gleichberechtigt, gleich wertvoll für den religiösen Geist, unendlich viele andere stchen. Sie ist zugleich eine der wesentlichsten Quellen unserer eigensten Glaubenswelt. Eine unendliche Fülle religiöser Motive und Töne, dem biblischen Juden noch durchaus fremd, dem modernen zu unveräußerlichem Eigentum geworden, stammen von hier: ein leises Sinnen und Fragen über die Dinge des Lebens, ein heißer Stolz in Leid und Enge, ein unendlich sehnsüchtiges Hoffen, eine stille Ergebung in den höheren Willen... Gewiß, die Frömmigkeit dieses ostjüdischen Ghettos, in irgendeiner Einzelheit genommen, ist nicht mehr unsere Frömmigkeit. Aber das Ganze ihrer Stimmung ist ohne Zweifel ein Vaterland unseres Glaubens, neben der Welt der Bibel und neben der Welt der deutschen Dichtung und Philosophie ein vornehmstes Stück des modernen deutschen Judentums. Ich weiß keinen Grund, der uns nötigte, dies irgendwie abzustreiten. — Aber allerdings! Die Welt des Ostjuden ist für uns kein rein religiöses Problem. Wa immer von Ostjuden die Rede ist, da taucht unvermittelt zugleich der Gedankenkomplex des Zionismus auf. IV. Die Stellung des liberalen Judentums zum Zionismus ist eindeutig und klar. Der liberale Jude lehnt den Zionismus ab: aus Liberalismus, aus Religion, aus modernem K u l t u r b e w u ß t s e i n. Der Geist des Liberalismus ist Toleranz. So ist er auch jedem nationalen Chauvinismus, so auch dem jüdisch nationalen Chauvinismus notwendig entgegengesetzt. Der Wille des jüdischen Liberalismus ist zugleich eine freie Religiosität. So muß er jede Verwandlung religiöser Symbole in politische Realitäten als Verzerrung der Religion bekämpfen. So kann er nicht ohne Widerspruch eine Bewegung sehen, die Jeruschulajim, das Sinnbild heiligster Sehnsucht der Seele, zur Residenz eines modernen Staates macht, aus der Burg Zion eine Kaserne und am Berge Sinai vielleicht ein Parlament erbaut. Wir lehnen den Gedanken des jüdischen Staates ab. Wir negieren zugleich seine Möglichkeit: das Faktum eines jüdischen Volkes. Ein „Volk" ist dem modernen Kulturbewußtsein Europas mehr als eine auf dunkler Rasseverwandtschaft basierte Sammlung einzelner Menschen. Ein Volk ist uns Gemeinschaft in Sprache, Sitte, Kultur und Schicksal. Eine solche Gemeinschaft der Juden aller Länder gibt es nicht. Sie ist eine bloße Konstruktion des Gedankens. V. Treten wir von hier aus noch einmal an den Tatbestand des ostjüdischen Ghettos heran! Ohne Zweifel, hier ist eine Gemeinschaft nicht nur der religiösen Haltung, hier ist zugleich eine Gemeinschaft von Sprache, Sitte, Kultur und Schicksal, hier i ft ein Volkstum von eigentümlicher Artung. Aber weit entfernt davon, unsere Negierung eines jüdischen Volkes zu widerlegen, scheint es mir vielmehr, sie aufs klarste zu bestätigen. Wenn wir einen iüdisch-nationaten Chauvinismus, wenn wir einen Staat Palästina abzulehnen, den Bestand eines jüdischen Volkes zu bestreiten hatten, so leugneten wir damit doch keineswegs, daß jüdische Religion mit völkischen Elementen verschiedenster Art sich innig verschmelzen kann. Jüdische Religion im übrigen nicht anders, wie andere Religionen auch! Preußischer Protestantismus, englisches Puritanertum mögen deutliche Beispiele des Christentums sein. Ein eigentümliches jüdisch-religiöses Volkstum zeigt etwa die Welt der spanisch-portugiesischen Juden, zeigt nicht zuletzt die Welt des o st j ü d i s ch e n Ghettos.

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