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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-01 · 22 (1.6.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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s. Jahrgang Nummer 22 IWchÄmckZMW Beilage 1. 3uni 1928 MscheMfe Dr. Ludwig Haas Eine hochgewachsene, schlanke Gestalt, aus deren sehnig durchtrainiertem Körper em kühner, kluger, scharf geschnittener Kops mit feurigen Augen und einer adlermäßig gebogenen Nase, die aber nicht etwa eine bestimmte Abstammung verrät, sondern nur dem Antlitz noch einen gesteigerten Ausdruck von Energie und kraftvollem Selbstbewußtsein verleiht; das ist der erste Eindruck, den man von Dr. Ludwig Haas, dem süddeutschen Staatsmann und Rechtsanwalt, dem altbewährten Parlamentarier und mannhaftem Kämpfer für Freiheit und Recht empfängt. Obwohl das dunkle Haupthaar schon stark gelichtet ist, liegt doch über diesem Mann noch immer etwas Jünglinghaftcs, Sanguinisches, man möchte beinahe sagen: Frohlockendes. Alles an ihm sprüht Tempo und Temperament; jede Bewegung hat ihren eigenen Rhythmus, jedes Wort seinen eigenen Ton. Ein streitbarer, wehrhafter Mann, aufrecht und aufrichtig bis zur äußersten Grenze, aber trotz seiner 53 Jahren keinen Augenblick abgekämpft, verbittert oder müde erscheinend, sondern im Gegenteil, offensichtlich ein Lebensbejaher, cm Genießer, immer noch frank und frei und draufgängerisch wie der Jüngsten Einer, treu oen Ideen uiid Idealen seiner Jugend. Man versteht, daß dieser Mann, dem das „integer Vitae" im Blute zu wohnen, statt nur auf dem Wappenschild zu prunken scheint, in seiner engeren .Heimat, dem Badischen Ländle, eine ebenso große Volkstümlichkeit wie Verehrung genießt. Schon vor der Revolution bekleidete er kommunale und politische Aemter und Würden; nach dem Umsturz wurde er — als oer nächste dazu — in die Regierung des Landes berufen, wirkte eine zeitlang als Minister und Staatsrat, bis er, nachdem die Wogen sich einigermaßen geglättet hatten, persönlich die Bitte aussprach, sich fortab wieder ausschließlich seinem Beruf und seiner Tätigkeit als deutscher Reichstagsabgeordneter widmen zu dürfen. Denn der Aktionsradius dieses Mannes reicht weit über die Gemarkung der ihm angestammten und von ihm heißgeliebten Heimat hinaus. Er ist unentbehrlich im deutschen Reich, wohlgekannt aber auch und vielgcrühmt im Ausland, jenseits der westlichen und östlichen Grenzen. Ludwig Haas ist ein ungewöhnlich begabter Redner, der, gleichviel, ob er im Wallotbau das Wort ergreift, als Verteidiger in forensischen „causes celebres" plaidiert oder in Volksversammlungen spricht, immer das Ohr des gesamten, aus noch so verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten Auditoriums besitzt. Schneidende Ironie und beißender Sarkasmus eignen ihm, aber da er der Lessing'schen Forderung eingedenk bleibt, wonach allein in der Beschränkung sich der Meister zeigt, wird Ludwig Haas auch niemals seinen Gegner — wie es heute nicht nur im Sport, sondern auch in der Politik, im Gerichtssaal oder der Volksversammlung gebräuchlich oder vielmehr mißbräuchlich zu sein pflegt — „knock om" zu schlagen trachten. Er ist immer für „fair Play", bleibt unerbittlich höflich und genießt darum auch allzeit das Ansehen von Freund und Feind. Je maßvoller zu bleiben er bestrebt ist, je fester er sein eigenes Temperament in Zügel legt, desto stärker sind die Wirkungen, die von ihm als Rhetor und Volkstribunen ausgehen. Es war häufig genug ein ästhetisches Vergnügen, ihn mit eleganten Floretthieben parlamentarische Gegner, wie die Herren Gras Westarv oder von Kardorff außer Gefecht setzen zu sehen, und es war kein geringerer Genuß, ihn beispielsweise in einem berühmt gewordenen Prozeß wie dem Verfahren gegen die Mörder der russischen Revolutionäre Miljukow und Gutschkow als Rechtsbeistand der bei diesem Attentat verwundeten Nebenkläger in seinem eigentlichen Berufe fungieren und mit der erfahrenen Psychologie des geschulten Kriminalisten die Geschworenen gewinnen zu sehen. Am eindringlichsten und hinreißendsten aber erscheint uns Ludwig Haas, wenn er gegen scheinbar Verletzungen der Verfassung oder staatliche Ungerechtigkeiten einzelnen Bevölkerungsschichten gegenüber auftrttt, um alsbald mit haarscharfer Dialektik dem Widerfacher und seine leicht zu durchschauenden Machenschaften ad absurdum zu führen. Dr. Ludwig Haas gehört als Hauptvorstandsmitglied dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an Er hat mehrfach erfolgreich Eingaben und Forderungen des Centralvereins bei der Regierung bezw. den Parteien unterstützt. Er gehört ferner zu den geistigen Führern der im Kartell- Convent (K.-C.) vereinigten Korporationen, die sich ebenfalls den Kampf für Deutschtum und Judentum und gegen den Antisemitismus zum Ziel gesetzt haben. Im Rahmen dieser Spezialbeschästigung bekennt Ludwig Haas sich immer wieder als leidenschaftlicher Deutscher (er hat auch den Weltkrieg als Leutnant und Kompagnieführer milgemacht, erhielt schon un Juni 1915 das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse und wurde späterhin in die Zivilverwaltung nach Warschau berufen), brandmarkt, aber gleichzeitig den deutschen Juden, der sich seiner Abstammung schämt, geschweige denn sie verleugnet, als charakterlos, und schilt nicht minder den Staat, der auf solche Charakterlosigkeit quasi Prämien aussetzt, indem er den getauften Juden zu Aemtern und Würden zuläßt, die er dem Ungetansten versagt. Da wir uns gegenwärtig wieder einmal in einer Epoche befinden, in der ein wilder und wahlloser Antisemitismus sich austoben zu dürfen wähnt, ist es vielleicht weder überflüssig, noch von Uebel, an Meinungen, Reden und Taten eines so untadligen, in jeder vaterländischen Not erprobten Deutschen wie Ludwig Haas zu gemahnen, dessen Wort als Politiker wie als Publizist, als Anwalt des Rechtes wie als Vertreter des Volkes, als Deutscher wie als Jude gleichermaßen schwer und gewichtig in die Wagschale fällt. Dem alten monarchischen Staatswesen warf Ludwig Haas — und mit Fug und Recht — vor, daß es die in der ehemaligen preußischen Verfassung enthaltenen Sätze „Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich" und „Die öffentlichen Aemter sind unter Einhaltung der vom Gesetz festgestellten Bedingungen für alle dazu Befähigten gleich zugänglich" in Wirklichkeit desavouiere und sabotiere. Und er führte den damaligen feindlichen Praktikern und Taktikern einer der Verfassung zuwiderlaufcnden, vorurteilsvollen und unduldsamen Weltanschauung die einfache, aus dem Entwicklungsgänge der Völker geborene Wahrheit vor Augen: „Die große Grundlage des modernen Staats bilden die Grundsätze der Gewissensfreiheit und der Religionsfreiheit, und der moderne Staat kann auf die Dauer überhaupt nicht bestehen, wenn sie keine Anwendung finden." Und der Rechts- und Geschichtsforscher suchte darzulegen, inwiefern der moderne Staat von dem mittelalterlichen Staat sich unterschiede: „Der mittelalterliche Staat hat die Religions- und Gcwissensfrciheit nicht gekannt. Vielleicht wäre für das mittelalterliche Staatsivesen die Rcligions- und Gewissensfreiheit nicht einmal zweckmäßig gewesen... Aber die Verhältnisse haben sich geändert. Der Grundsatz cuius regio egis religio, der Grundsatz, daß der Landesherr die Religion der Staatsangehörigen bestimmt, konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden in dem Augenblick, in dem zwei starke Konfessionen sich gcgenüberstanden, dem Augenblick, in dem Staaten sich gebildet hatten, in denen Angehörige der einen und Angehörige der anderen Konfession wohnten. Und die Durchführung der Religions- und Gewissensfreiheit war noch notwendiger, nachdem auch Ueberzeugungen sich gebildet hatten, die sich überhaupt nicht mehr mit dem Dogma eines religiösen Bekenntnisses deckten. Der Staat braucht alle seine Bürger, er braucht die Katholiken, er braucht die Protestanten, er braucht die Juden, er braucht auch diejenigen, die sich überhaupt zu keiner Religionsgemeinschaft mehr bekennen. Er erwartet von allen, daß sie treue Staatsbürger sind; er erhofft von allen' nicht nur die getreue, sondern auch die freudige Erfüllung ihrer Pflichten; er braucht sie im Frieden, er braucht sie im Kriege, er kann auf die Dauer nicht existieren, wenn große Bestandteile seiner Einwohner dem Staatswesen selbst feindlich gegenüberstehen. Und so mußte der Staat dazu übergehen, zu erklären: Was ihr denkt und was ihr glaubt in religiösen Dingen, ist Sache eures Gewissens, wir wollen euch keine Vorschriften machen; ihr sollt leben, wie eure Ueberzeugnng und euer Gewissen es euch vorschreiben." Etwas anderes kam dazu: das war, daß der Gedanke der religiösen Toleranz Eingang gefunden hatte in die Herzen der Menschen. Die moderne Zeit begreift es nicht mehr, oder mindestens die verständigen Elemente begreifen es nicht mehr, daß einer den anderen scheel ansieht wegen seines religiösen Bekenntnisses. Der Einzelne mag ein treuer Sohn seiner Kirche sein; aber das weiß er, wenn er einigermaßen in unserer Zeit steht, daß das religiöse Bekenntnis den Wert des Menschen nicht ausmacht. Das begreift der Schlichteste, daß cs Gute und Schlechte in diesem und jenem religiösen Bekenntnisse gibt; daß cs lediglich darauf ankommt, daß einer ein brauchbarer, tüchtiger und ehrenwerter Mensch ist, und daß er es im übrigen in religiösen Fragen halten könne, wie immer Es tut ganz gut, sich derlei Sätze heute wieder ins Gedächtnis zu rufen, obzwar sie gerade heutzutage den Chronisten einer durch Rassen- und Klassenkampf zerrissenen Zeit wie eine tragische Ironie anmuten. Immerhin: der Politiker Haas fuhr fort, auseinanderzusetzen, woher es kommen möge, daß er in seinem Badischen Ländle alle halbe Stunde auf einen katholischen oder einen evangelischen Ort stieße, und der Historiker in ihm wußte diese Gegensätze eben dadurch zu erklären, daß ehemals der Landesherr auch die Religion bestimmte und daß die Religionsgemeinschaft, in die ern Mensch hineingeboren wird, mithin nichts als einen Zufall darstelle. Nachdem ec in Verfolg dieser Tatsachen auf die Evolution des deutschen Einheitsstaates und auf das vormalige deutsche Heer zu sprechen gekommen, legte er flammende Verwahrung ein gegen den Umstand, daß den jüdischen Einjährigen die Qualifikation zum Offizier grunosätzsätzlich, unter noch so fadenscheinigen Vorwänden verweigert wurde. Und er verlangte das Eingeständnis, daß unter Tausenden und Abertausenden jüdischer Einjähriger innerhalb eines Menschenalters doch wohl hundert oder hundertfünfzig gewesen fein dürften, die die Qualifikation zum Offizier besessen hätten. Und von den Offizieren kam er aus die jüdischen Familien an sich zu sprechen und packte nunmehr seine Gegner in stürmischem Frontangrifs an: „Das müssen doch wohl auch die .Herren der äußersten Rechten wissen — ich ivill jetzt einmal durchaus konservativen und lediglich konservativen Gedankengängen folgen —, das müssen sie wahrlich auch wissen, daß es doch auch noch gute Familien im deutschen Judentum gibt. Oder wollen sie etwa behaupten, daß die Familien, aus denen sie zum Teil ihre Schwiegertöchter gewählt haben, keine guten Familien wären? Wenn ich ganz offen und frei sprechen will, dann gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und sage ganz unumwunden: aus den allerbesten jüdischen Familien haben sie die Töchter allerdings nicht bekommen; denn Leipziger Sfr. / Aleiandenii&tz /FrankfnrterAllee / Belie-Alliance Str. / Wilmersdorfer Sfr. /Brannenstr. / CI Versandabteilung! Berlin SW 19 Leipziger Strasse Schriftl.Bestellungen werden prompt erledigt. Bei Aufträgen nach auswärts vergüten wir für je 20 M. 80 Pf., die nur für Porto bsw. Verpackung in Anrechnung gebracht werden I- Kfo: Berlin HrJ382 Billige Bittet Modernes Antiquariat, Restauflagen, Neuausgaben Friedrich der Grosse und sein Hof. Persönliche Erinnerungen an einen 20jährigen Aufenthalt in Berlin. Von Dieudonne Thiebault. Deutsch von Heinr. Conrad. 2 Halbleinen- 090 bände. 710Seiten. Früh.12,00,jetzt £ W. V. Kiiselsen. Jugenderinncrungen eines alten Mannes. 504 Seiten. Starker Halbleinen- 9 45 band.Früher 6,00, jetzt * Ein Mönchsleben ans der empfindsamen Zeit. 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