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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-01 · 22 (1.6.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Manne des Verstehens, dem sein Wissen den Weg bahnen will, welcher zu dem Gedanken des anderen, auch des Gegners, hinleitet. Als einen Gentleman der Wissenschaft sehen wir Claude Montesiore vor uns. Sem besonderes Gebiet der Wissenschaft hat er sich selbständig bereitet. Es ist der Bereich der Bibel und dessen, was ihr und aus ihr hervor folgt, oder um es mit dem Titel eines seiner Bücher zu sagen: The Old Testament and alter, diese Wege in der Bibel und von ihr zu dem Denken und Schrifttum im Judentum der anschließenden Zeit. Sie waren oft zu wenig beachtet worden. Montesiore hat sie immer neu zu verfolgen gesucht, er ist den Richtungen nachgegangen, die sich zwischen dem Judentum Palästinas und der hellenistischen Welt und dann zwischen diesen und dem beginnenden Christentum hinziehen. Lange hm war es vergessen worden, daß die alten Evangelien ein wichtiges Gebiet jüdischer Religiosität und jüdischen Schrifttums aufzeigen; das Judentum und seine Wissenschaft hatten lange hin einen Wesentlichen, was ihnen zugehört, entsagt. Man hatte, wie drüben so auch hüben, das alles immer nur außerhalb des Judentums gesehen. Montesiore hat daran gearbeitet, diesen Bezirk wieder zucückzugewinnen. Er hat zu zeigen gesucht, einerseits was alles nur aus dem Judentum heraus zu begreifen ist, und andererseits, in welchen Werten das Judentum sich selbst finden und gestalten soll. Ten Horizont und den Eigentumsbereich des Judentums hat er ausdehnen wollen; sein Gedanke war immer: das größere Judentum. Dem dient seine ganze wissenschaftliche Arbeit, von dem an, was er durch zwei Jahrzehnte der Jewish Quarterly Review gegeben hat, bis zu seinem neuen Kommentar zu den synoptischen Evangelien. Dies ist die Richtung in seinem Liberalismus auch. Auch hier ist seine Idee: der große Zug im Judentum. Liberalismus ist ihm nicht Parteiangelegenheit und nicht Gemeindepolitik, sondern Sache des großen Stils, ein Judentum, das zu der ganzen Menschheit hintritt, zu der .ganzen Welt spricht. Aller Stil ist der Mensch selbst. Und' jo ist ihm sein Liberalismus Frage der persönlichen Religiosität, persönlicher Erkenntnis und Liebe, und darum fernab von aller Kleinlichkeit und Selbstgerechtigkeit, von allem Besserwissen und Alleinverstehen, ein Liberalismus „der großen Gedanken und des reinen Herzens". Wie wenige versteht er es, die Art und den Wert anderer Menschen zu würdigen, den Ton auch anderer Religionen zu hören. Sein Liberalismus ist ihm Erschlossenheit, diese Frömmigkeit, zu der alle echte Frömmigkeit spricht, diese Menschlichkeit, die alles menschliche Rufen vernimmt, und die ihn darum zur Arbeit für die Menschen, zu dem sozialen Wirken immer geführt hat. Seine Persönlichkeit weist ihm immer die Richtung. Wir alle sind dankbar, daß wir ihn besitzen, und wünschen es, daß es uns noch lange hin befchieden bleibe, ihn vor uns zu sehen. Werdegang und Persönlichkeit von Claude Montesiore Von L i l y H. M o n t a g u, London. Montesiore wurde am 6. Juni 185S geboren. Ta er ein ziemlich schwächliches Kind war, wurde er nicht in die Schule geschickt, sondern zuhause unterrichtet. Sein Vater, Nathaniet Monte-! siore (geboren 1819) war ein Nesse von Sir Moses Moirt e f i o r e und hatte 1833 den akademischen Grad „F. R. C. S." erworben. Die Mutter war eine Tochter von Sir Isaak Golds ch m i d, einem Vorkämpser der jüdischen Emanzipationsbestrebungen und Mitbegründer der 1842 ins Leben gerufenen Reform-Synagoge. Sic war eine fromme und eifrige Jüdin, und Montesiore. wurde dazu erzogen, alte von der Reform-Synagoge gelehrten und geübten Zeremonien und Gebräuche auf das Sorgfältigste zu halten. Sein Religionslehrer, der ihn auch im Hebräischen unterrichtete, war viele Jahre hindurch Rev. Pros. D. W. Marks, der „Senior Minister", d. i. der älteste Geistliche der Reform-Synagoge Der Unterricht, den er von ihm teils in der Synagoge, teils zuhause erhielt, beeinflußte Montesiore sehr stark, und die Folgen dieses Einflusses können in allen späteren Schriften Montefiores festgestellt werden. Einige Jahre war Sir Philip Magnus sein Lehrer in jüdischen Dingen. Im Jahre 1878 ging er als „Commoner", d. i. ein außerhalb des Hauses lvohnender Student, ins Balliol College, wo er von dem damaligen Leiter des Balliol College, Rev. Pros. B. I o w e t t, sehr stark beeinflußt wurde. Sein Hanptlehrer war dort A. C. Bradley, der berühmte Shakespeare-Forscher, und ihm sowie R. L. N c t t l e s h i p (gest. 1892) verdankte Montesiore viel. Beide waren Anhänger des berühmten Hegelianers T. H. Green. Nachdem Montesiore im November 1881 ein erstes Prädikat in den "Litterae humaniores" erhalten hatte, verließ er Oxford. Im Oktober 1882 ging er auf kurze Zeit nach Deutschland und blieb dort bis zum März 1883. Dort traf er mit Dr. P. F. Frankl zusammen, mit dem er Freundschaft schloß, und dieser führte ihn bei Dr. S. S ch e ch t e r ein, von welchem er die Elemente des rabbinischen Hebräisch erlernte. Dr. Schechrer ging im Jahre 1883 mit ihm nach England zurück, und Montesiore arbeitete eine Zeitlang weiter mit ihm zusammen. Ende März 1883 starb Montefiores Vater. Von dieser Zeit an begann Montesiore, sich in der jüdischen Gemeinde sowie ferner allgemein charitativ zu betätigen. Er heiratete im Oktober 1886 Therese S ch o r st e i n. Sie starb im Juni 1889 bei der Geburt eines Sohnes — Leonard — so genannt nach Montefiores älterem Bruder, der 1879 in Amerika gestorben war. Eine Zeitlang gehörte Montesiore dem „Old London School Board" an, in den er zweimal gewählt wurde; da er sich aber an keine der beiden Parteien, die damals den Borstand bildeten, anschließen wollte, kam er bei zwei Wahlen nicht durch. — Die „Hibbert Trustees", welche die Religion der alten Hebräer von einem alten Juden behandelt sehen, wollten, boten ihm 1888 dieses Lehramt an — eine ganz besondere Ehrung für einen so jungen Mann. Die Vorlesungen wurden 1892 gehalten und kurz danach veröffentlicht. Dadurch, daß diese vier Jahre in ausgedehntem Maße dem Studium gewidmet waren, entstand in Montesiore eine Neigung zur Wissenschaft, die er später in den seltenen von praktischer Tätigkeit freien Pausen beibehielt. Durch den Tod seines Onkels Sir Francis Goldschmid im Jahre 1878, seines Bruders im Jahre 1879 und anderer Familienmitglieder kam Montesiore nach und nach in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens, und dieses sowie die damit verbundenen charitativen Pflichten machten es ihm immer weniger möglich, der Gelehrsamkeit viel Zeit zu widmen. In den achtziger Jahren entstand eine intime Freundschaft zwischen Montesiore und dem berühmten Gelehrten Dr. Israel Abrahams. Die beiden gründeten 1886 die „Jewish Quarterly Review" (Jüdische Vierteljahrs-Zeitschrift), wobei Montesiore das Geld gab, während Abrahams der eigentliche Herausgeber war. Die Zeitschrift erschien zwanzig Jahre lang. Montesiore schrieb in dieser Zeitschrift eine beträchtliche Aezahl von Artikeln. 1889 verfaßte er die „Brble sor Home Reading" (Bibel für Hauslektüre), die er zuerst versuchsweise für die religiöse Erziehung seines Sohnes begonnen hatte. 1896 wurde Montesiore Präsident der „Anglo-Jewish Colonization" (Jea). Diesem Amt sowie seiner schriftstellerischen Arbeit widmete er sich mit Hingabe, sodaß sie einen großen Teil seiner Zeit ausfüllteu. Die Präsidentschaft der Jca gab Montesiore erst nach 25 Jahren, 1921, auf. Montefiore begann, sich für Erziehung, und zwar besonders für die Fröbelsche Erziehungsmethode sowie für die Heranbildung kleiner Kinder zu interessieren. Er ist viele Jahre hindurch Präsident der Jüdischen Kinderbewahranstalten gewesen, Außerdem Mitglied und später Vorsitzender des Fröbel-Erziehungs-Jnstituts, ferner Vorstandsmitglied und später auch Präsident der Universität Sou thampt o n. Montesiore war stark beeinflußt durch die „liberale" Lehre Jowetts und eines seiner Freunde, des jetzigen Dekans von Peterborough, Arnold H. Page; und er begann, sich sehr für die liberale und Reformbewcgung im Judentum in England und Amerika einzusetzen. Seine liberale Anschauung war bereits in dem ersten von ihm veröffentlichten Artikel in der „Contemporary Review" von 1882 zu erkennen. Dieser Artikel hieß: „Ist das Judentum eine Stammesreligion?" Als Hon. Lily Montagu an ihn herantfat, schloß er sich mit ihr und denen, die sie um sich gesammelt hatte, im Oktober 1902 zur Gründung der „Jewish R e l i g i o n s Union" zusammen. Inzwischen war im April 1902 Montefiores Mutter gestorben, und seine freie Zeit für das Studium wurde noch mehr eingeschränkt. Im Juli 1902 heiratete er wieder, und zwar F1 o r e n c e, die Tochter von Richard Ward, eine langjährige gute Freundin seiner ersten Frau, eine Zeitlang stellvertretende Leiterin des Girton College, die zum Judentum übertrat. Die „Jewish Religious Union" nahm nach und nach einen entschiedeneren liberalen Charakter an und führte im Februar 1911 zur Gründung der „Liberal Jewish S y n a g o g u e". Montesiore mußte der neuen Bewegung, deren Präsident er von Anfang an war, viel Zeit widmen. Es blieb wenig Zeit zum Studium. In jenen Jahren war es, daß seine Aufmerksamkeit auf das Studium der ersten drei Evangelien gelenkt wurde. Im Jahre 1910 wurde er zum „I o w e t t Lee tu rer" ernannt, und die Vorlesungen ivurden veröffentlicht unter dem Titel „Some Elements of the Religious Teaching of Jesus", d. h. „Einige Grundlagen der religiösen Lehre Jesu". 1903 erschien ein „Essay über das Liberale Judentum", 1912 „Grundzüge („Outlines") des Liberalen Judentums". 1914 gab er „Das Judentum und St. Paulus" heraus, 1918 „Das liberale Judentum und der .Hellenismus" und 1923 „The Old Testament and After" (zu Deutsch etwa: „Das Alte Testament und was nach ihm kam"). 1909 erschien sein Hauptwerk „Kommentar zu den ersten drei (synoptischen) Evangelien" in zwei Bänden und erregte viel Kritik, teils günstige, teils ungünstige. Eine zweite erweiterte Ausgabe erschien 1927. 1921 wurde ihm von der Universität Manchester der „Hon. Degree of D. D." erteilt (was etwa dem deutschen Tr. h. c. entspricht). Es lvird behauptet, daß Montesiore bis jetzt der einzige Jude in England sei, dem von einer Universität die Würde eines Ehrendoktors erteilt worden ist. Im Jahre 1827 verlieh ihm seine eigene Universität Oxford den Tirol des Hon. D. Litt. * 'Xtejc Tatsachen sind mir mitgeteilt worden. 2eib.r in dieser nüchternen Aufzählung zeigerr sie die Grundzüge eines schönen Lebens, das schön gelebt wird. Ich würde gern, wenn dies möglich wäre, in einigen Worten eine Vorstellung von der Persönlichkeit Claude Montefiores geben, doch dieje Persönlichkeit in ihrer Tiefe und Lebendigkeit entzieht sich jedem Versuch einer abschließenden Charakterisierung. Es mag vielleicht genügen, zu jagen, daß er zu seiner Gemeinschaft hält — nicht nur in seinem geliebten England, sondern in der ganzen Welt — als der Mann, der vor allen anderen fähig gewesen ist, seinen Glauben zu leben. Er hat durch sein Leben gezeigt, daß es möglich ist, das jüdische Ideal der Heiligung in die Wirklichkeit umzusetzen, denn er hat Heiligkeit erreicht, nicht nur in seinem Werk, sondern auch in der Führung seines täglichen Lebens. Seine Güte und seitt kindlicher Geist haben ihn allen seinen Mitarbeitern sowie auch dem einfachsten Schüler oder Zögling in den Einrichtungen, mit denen er verbutrden ist, lieb werden lassen. Sie alle erkennen in ihm einen Freund, der von ihnen erwartet und verlangt, daß sie ihr Bestes tun, der aber dennoch immer ihren kleinen Schwächen Verständnis und Nachsicht entgegenbringt. Diejenigen von uns, die wie ich den unschätzbaren Vorzug gehabt haben, unter Montefiores Leitung zu arbeiten, und feine persönliche Freundschaft zu genießen, werden stets ermutigt durch sein verständnisvolles Wohlwollen und angefeuert durch seine aufrichtige Hingebung an das Werk, dem er sich gewidmet hat. — Natürlich besitzt er als ein echter Führer auch das, was man die „Fehler der Tugenden" zu neunen pflegt. Er ist niemals ein einseitiger Parteigänger gewesen, denn er kann die Argumente seiner Gegner so gut verstehen, daß er immer die tiefste Achtung vor ihnen hat. Ich habe zum Beispiel niemals die Position der Orthodoxie so gut und einleuchtend verständlich erllären hören wie von Montesiore selbst. — Seine zarte Fürsorge für Kinder und sein Gerechtigkeitssinn haben seiner Arbeit für den Schutz von Mädchen und Frauen besonderen Wert verliehen. Montefiores Gelehrsamkeit hat ihm auch außerhalb feiner eigenen Gemeinschaft Achtung erworben. Ich glaube übrigens nicht, daß er selber sich auch nur einen Augenblick der Größe seines Einflusses als religiöser Lehrer bewußt ist! Es gibt viele unter uns, die aus innerster Ueberzeugung sagen können, daß wir Claude Montefiores Beispiel in seinem Hause, seiner Gemeinschaft und in der großen Welt außerhalb, seiner Freundschaft und seinem Werk viel verdanken von dem Glauben an das Gute, ourch den wir leben. Die Tagung des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Am 27. und 28. Mai fand in Dresden die aus allen Teilen des Reiches außerordentlich stark besuchte 7. Ordentliche Telegiertentagung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deirtschlands statt. In der Eröffnungsfeier, in der Rabbiner Dr. Wolf, Dresden, Worte der Weihe sprach, begrüßten u. a. Rechtsanwalt Salinger, Dresden, und Rabbiner Tr. Leo^Baeck, Berlin, in herzlicher Form die etwa 700 Delegierten und Gäste. Die Referate von Rabbiner Dr. Wiener, Berlin, Herbert Felsenthal, Düsseldorf und Dr. Julius Herzfeld, Essen standen unter dem Motto „Unser Weg in die Wirklichkeit". Den außerordentlich anregenden Referaten folgte eine vielstündige Generaldebatte in der neben der Buiwesarbeit und der Junggruppenarbeit die Stellung zu Judengefetz und Gemeindefragen im Vordergrund standen. Zu den letzteren Fragen nahm die Tagung eine dem Preußischen Landesverband zuzuleitende ausführliche Resolution an. In der geschlossenen Delegiertentagung gab sich der Verband eine neue Satzung und bewilligte den vorgelegten Etat. Anstelle des aus beruflichen Gründen zurücktretenden ersten Vorsitzenden Dr. Siegfried Klein, Düsseldorf wurde Dr. Hugo Hahn, Esten durch Zuruf der Versammlung gewählt. Unter dem jubelnden Beifall der Anwesenden überreichte der neue erste Vorsitzende dem in der Berbandsleitung verbleibenden Dr. Klein als äußeres Zeichen des Dankes des Verbandes für ferne außerordentliche Leistung eine künstlerisch ausgeführte Plakette. Den Schluß und Höhepunkt der Tagung bildete das Referat Dr. Hahns „Jüdische Jugend im Weltjugendve» band". Der Sprechchor des Düsseldorfer Jugendvereins, der auch in der Eröffnungsfeier mitgewirkt hatte, brachte mit „Stimmen der Jugend" von Karl Brüder einen weihevollen Abschluß. Ein ausführlicher Bericht über diese bedeutsame Jugendtagung folgt noch. Deutsche Hilfe für die bulgarischen jüdischen Gemeinden Tie Repräsentanteuversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde hat in ihrer Sitzung am Mittwoch, den 23. Mai, abends, einstimmig beschlossen, dem Zentralkonsistorium der jüdischen Gemeinden Bulgariens in Sofia einen Betrag von 3000 Mark zum Hilfswerk für die durch das Erdbeben zugrundgerichteten jüdischen Gemeinden in Südbulgarien zu übennitteln zugleich mit dem Ausdruck der brüderlichen Solidarität der Berliner Judenheit mit den bulgarischen Juden. Ter Gemeindevorstand ist dem Beschluß beigetreten. Ter Hilssverein der Deutschen Juden, an den sich bekanntlich die bulgarischen jüdischen Organisationen um Hilfeleistung gewandt hatten, hat beschlossen, für das Hilfswerk zugunsten des Wiederaufbaus der zerstörten jüdischen Gemeinden Süd-Bulgariens den Betrag von 5000 Mark zur Verfügung zu stellen, sowie einen Appell an seine Mitglieder und an die deutschen Juden zu richten, durch weitere Spenden eine wesentliche Erhöhung dieser Beitragsleistung zu ermöglichen. Die gemeinnützige jüdische Ehevermittlungsftelle Tie gemeinnützige jüdische Ehevermittlungsstelle soll in erster Linie dazu berufen sein, der jüdischen Ehenor der Gegenwart zu steuern, die Ehelosigkeit zu bekämpfen, den Willen zur Ehe zu stärken, dadurch die Zahl der jüdischen Ehen zu vermehren und zugleich die der Mischehen zu vermindern. Es ist eine Tatsache, daß Tausende junge jüdische Männer und Mädchen, die durchaus zur Ehe geeignet wären, unverheiratet bleiben. Tie Ursachen sind teils innerer, teils äußerer Natur. Es tragen zur Abnahme der Eheschließungen in erster Linie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei, vor allem die Verarmung des Mittelstandes, welche die Gründung eines eigenen Hausstandes erschweren oder unmöglich machen. Dazu kommt das außerordentlich zerstreute Wohnen der deutschen Juden — 600000 Juden wohnen in mehr als 1500 Orten — wodurch die Anbahnung einer Ehe erschwert wird. Auch die zunehmende Landflucht ist von erheblichem Einfluß, derzufolge vor allem die jüdischen Männer in die Städte einwandern, die jüdischen Mädchen aber vielfach Zurückbleiben. Für letztere wird infolgedessen die Auswahl unter geeigneten Ehepartnern stark eingeengt, sodaß, wenn nicht die Heiratsanzeige zu einer Eheschließung geführt hat, ihnen, wollen sie nicht ehelos bleiben, als letzter Ausweg nur die Berwandtenheirat oder die Mischehe übrig bleibt. Den zahlreichen jüdischen Mädchen, die in den Städten als Angestellte tätig sind, steht niemand zur Seite, der ihnen bei der Eheanbahnung unterstützend an die Hand geht. Vielen tüchtigen jüdischen Mädchen ist es unmöglich, zur Eheschließung zu gelangen, weil sie vermögenslos sind. So ist es heute mehr oder minder dem Zufall zu überlassen, ob die jüdischen jungen Leute zur Verehelichung, die sie ersehnen, gelangen oder nicht. Neben den äußeren sind es innere Gründe, welche die Eheschließungen erschweren: Es sind dies die zu hohen An sprüche, die vielfach sowohl von Männern wie von Frauen an den Standard der Lebenshaltung gestellt werden, welche der zu schließenden Ehe zugrunde gelegt werden soll. Demgegenüber hat die geplante gemeinnützige jüdische Ehevermittlungsstelle eine dreifache Aufgabe zu erfüllen: 1. Soll sie eine sich über ganz Deutschland erstreckende Organisation der Eheanbahnung darstellen, um all die Hindernisse zu beseitigen, welche jetzt der Eheschließung entgegenstehen. 2. Soll eine Kasse gegründet werden zur Ausstattung unbemittelter jüdischer Mädchen, um diesen die Eheschließung zu ermöglichen; diese wäre aus den Ueberschüfsen des lau senden Betriebes, Geschenken, Stiftungen usw. zu speisen. 3. Soll es in ideeller Hinsicht Aufgabe der gemeinnützigen jüdischen Ehevermittlungsstelle sein, gesündere und vernünftige Anschauungen über die Ehe unter unseren Glaubensgenossen zu verbreiten. Cs soll mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, daß daß Glück in der Ehe nur durch den materiellen Besitz bedingt ist; die vielfach in dieser Richtung sich bewegenden übertriebenen Anforderungen müssen herabgesetzt werden. Es sott eine Umstimmung dahin erstrebt werden, daß vielmehr in erster Linie die Tüchtigkeit der Ehepartner entscheide, und eine einfache und bescheidenere Lebensführung soll zugrunde gelegt werden. Die Organisation der gemeinnützigen Ehevermittlung soll in Form eines Vereins erfolgen, der sich über ganz Deutschland erstreckt. Da die Ehevermittlung natürlich zentralisiert sein muß, so kann die Stelle nur an einem Ort errichtet werden. Dagegen sotten in den einzelnen Städten und Bezirken ehrenamtlich tätige Vertrauenspersonen eingesetzt werden. Die laufenden Betriebskosten werden zunächst auf ea. 5000 Mark jährlich geschätzt, die für Anstellung einer geeigneten Kraft, für Miete eines Lokals usw. erforderlich sind. Die Summe erscheint nicht hoch gegenüber den großen Aufgaben, die zu erfüllen sind, und da die gesamte deutsche Judenheit als Träger der Idee gedacht ist. Als jährlicher Mindestbeitrag ist zunächst 5 Mark vorgesehen. Sobald die finanzielle Basis gesichert ist, sott unverzüglich zur Gründung des Vereins, zur Wahl des Vorstandes und zur Einrichtung der Vermittlungsstelle geschritten werden. Der konstituierenden Generalversammlung wird alsdann die endgültige Festlegung der Organisation und des Aufgabenkreises obliegen. Die bis dahin erfolgenden Schritte wollen nur als provisorische und vorbereitende betrachtet werden. Wer geneigt ist, an der Gründung der gemeinnützigen jüdischen Ehevermittlungsstelle mitzuhelfen, möge als Mitglied beitreten und seine Anmeldung an Prof. Dr. Hanauer, Frankfurt a. M., Fm Trutz 27, einsenden.

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