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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-06-01 · 22 (1.6.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
22 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Zum 1928 Von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Wenn wir dem teuren, hochverehrten Manne, der heute den Weg des Psalmisten vollendet, unsere Glückwünsche aussprechen, so zeigt es sich, daß wir nicht nur Glück wünschen und danken, sondern daß wir uns an seinem Bild tlarmachen müssen, wie weit wir noch vom Ziel entfernt sind, das er uns gewiesen hat. Wenn Montesiore, der Präsident des Weltverbandes des liberalen Judentums, auch in erster Linie unserer Bewegung angehört, wenn er auch aus ihr seine beste Kraft gezogen hat, so muß hier doch hervorgehoben werden, daß er kein einseitiger Parteimann ist, sondern den Zusammenhang mit dem jüdischen Ganzen immer aufrecht erhalten hat. Er ist jahrelang in der allgemeinen Verwaltung des englischen Judentums führend tätig gewesen; er hat in allen sozialen Aufgaben seines Landes an hervorragender Stelle gewirkt. Jahrzehntelang stand er an der Spitze der Fröbelschen Kindererzrehungsrnstrtute, und noch im vorigen Jahr sahen wir ihn als Präsident der internationalen Konferenz gegen den Mädchenhandel. Seine wissenschaftlichen Arbeiten gehen weit hinaus über den Kreis jüdischer Fachgelehrsamkeit und haben die allgemeine Religionsphilosophie ebenso wie die Religionsgeschichte befruchtet. Trotzdem darf gesagt werden, daß Claude Montesiore beute als schönstes und vollkommenstes Bild eines jüdischen Menschen anzufehen und nur aus seiner jüdischen Einstellung beraus voll zu begreifen ist. Montesiores Lehre und Leben ist einheitlich charakterisiert dadurch, daß er erkannt hat, daß das Judentum eine weltgeschichtliche Bewegung größten Ausmaßes ist, daß sein Judentum, wie er es lebte und lehrte, niemals dieses große Ausmaß verlassen und daß er das letzte Ziel/die Brücke zur geeinten und befriedeten Menschheit nie aus dem Auge verloren hat. Er hat in seinen Werken, in denen er das Wesen des Judentums dargestellt hat, die prophetische Lehre des ethischen Monotheismus und des Universalismus immer wieder erneut vertreten. Judentum als geistig - seelische Menschheitsbewegung, durch Judentum zur Menschheit, das stellt Montesiores Lebensarbeit dar. Ihr hat er gedient als Gelehrter, als Führer einer großen Bewegung, als Mensch. Udber seine Gelehrtenarbeit hier zu urteilen, will ich mich nicht unterfangen, das bleibe dem Fachkenner überlassen. Nur das mag und muß gesagt sein, daß er sowohl in seinem „Liberalen Judentum" wie in feinen „Outlines", die leider immer noch der deutschen Uebersetzung harren, ein folgerichtiges und in sich geschlossenes Weltbild gegeben hat, aufgebaut darauf, daß der Kern unseres jüdischen Lebens das Ethos des Judentums ist, und das nur das, wasl ihm dient, aber auch alles was ihm dient, zu erhalten und zu sördecn ist. Wohl geht chm die persönliche Frömmigkeit des einzelnen als heiligster Richter des religiösen Lebens über alles; dennoch will er das Judentum nicht auslösen in so viele einzelne Judentümer als es Juden gibt, sondern er kennt die Kraft der Gemeinschastsidee, er hält die geschichtlichen Zusammenhänge aufrecht und will unsere Zeit eingliedern in die Kette, die vom Moriah und vom Sinai hinfuhrt zu den Zeiten meffianifcher Vollendung. Dieses tiefe Gemeinschaftsgefühl, welches sich ausschließlich aufbaut auf der innig erfühlten Kraft gemeinschaftlicher Seelenrichtung und auf der Erkenntnis, daß jeder Schritt der jüdischen Gemeinschaft näher führen müsse zu der Vereinheitlichung der Menschheit, haben Montesiore zu einem ausgesprochenen Gegner einer nationalistischen Auffassung vom Judentum gemacht. Er ist, ohne 'Nationaljude zu sein, ein Jude der Gemeinschaft gewesen und geblieben; er hat das Nationaljudentum überwunden durch die weitere Gemeinschaft, die vom Judentum zur Menschheit führt. Wie er das Judentum stets als die Brücke zum neuen ufer aufgefaßt und gelehrt hat, so ist sich Montesiore auch dessen bewußt geblieben, daß gerade in den Tochterreligionen des Judentums, insbesondere im Christentum, und zwar in ferner ursprünglichsten, wertvollsten und charakteristischsten Fassung jüdisches Erbgut verwertet ist, und daß auch durch diese Religionen der Geist jüdischer Lehrer und Propheten einen großen Teil der gesitteten Menschheit beherrscht. Monier ,rore hat insbesondere aus den Evangelien das herausgeschält, was jüdisch ist; er hat die Persönlichkeit Jesu als die eines aus dem Judentum Hervorgegangenen gewertet und geschildert, und es ist unbegreiflich, wie man ihm gerade diesen Teil ferner Lehre in gewissen jüdischen Kreisen zum Vorwurf gemacht hat; wird sie doch nicht etwa diktiert von dem Gedanken der Angleichung des Judentums an seine Tochtec- Sü®10?' tonöctn im Gegenteil von der Idee, daß die reine des Judentums wie des Christentums aus demo erwachsen und daher kein Hindernis sind, der- Anhänger unter dem Banne einer geeinten und gelauterten Menschheit zusammenzuschließen. Montesiore ist aber in Gelehrtenarbeit nicht stecken geblieben, er hat die Früchte feines Wissens der jüdischen Allgemeinheit zugute kommen lassen. Außer zahlreichen kleinen Flugschriften über religiöse Einzelprobleme mag hier insbesondere genannt werden seine „Bible for home-reading“, feine Bibel für häusliche Lektüre, ein Werk, das uns recht deutlich zeigt, wie man die Bibel dem Einzelnen näherbringen kann, und uns schmerzlich fühlen läßt, daß leider in Deutschland ein auch nur annähernd ähnliches Werk nicht vorhanden ist. Montesiore gibt hier eine auf dem Standpunkt moderner Bibelforschung fußende Darstellung unserer biblischen Bücher, und zwar zum großen Teil in wörtlicher Uebersetzung des biblischen Textes, aber eingerahmt, verbunden und erläutert durch geistvolle, warmherzige und in einfachster, jedem Kind verständlicher Sprache geschriebene Begleitdarstellung. Biele, namentlich der älteren historischen und philosophischen Bibelbücher, werden so auch dem Leser nähergerückt, der das notwendige theologische und philosophische Rüstzeug zur eigenen Forschung nicht besitzt. Das Werk ist ein Erzeugnis des religiösen Liberalismus, das heißt, es ist nicht aufgcbaut auf der alten Erklärungsmethode von Talmud und rabbinifchem Schrifttum, sondern es baut sich auf auf den Ergebnissen von Bibelwissenschaft und Bibelkritik; dennoch aber merkt der Leser genau, daß es sich hier nicht um eine bloß wissenschaftliche Darstellung handelt. Ter Ton schlichter Frömmigkeit, der auch die wissenschaftlichen Erläuterungen durchzieht, gibt dem Werk einen im schönsten Sinne erbaulichen Charakter. Wenn wir einen Wunsch aussprechen möchten, so ist es der, daß Montesiore dieses nun schon vor mehr als dreißig Jahren erschienene Werk auf den Stand moderner Wissenschaft bringen möge, sodaß wir es dann auch in einer Uebersetzung dem deutschen Publikum zugänglich machen können; es wäre ein Festgeschenk für Tausende. Zeigt schon diese Art des Schaffens, wie Montesiore sein jüdisches Weltbild in die Tat umsetzt, so hat er ein herrliches Denkmal seiner Lehre und Weltanschauung sich gesetzt in der Tätigkeit der von ihm ins Leben gerufenen und geleiteten lewish Religious Union, der liberalen Organisation der Londoner Juden, die ja noch viel mehr als in Deutschland die Berliner Juden, das englische Judentum verkörpern. Montefiore hat hier einen ganz neuen Gottesdienst geschaffen, der zwischen traditionellem Gottesdienst und amerikanischen Reformcrtum die Mitte hält. Dieser Gottesdienst, der jetzt schon in den verschiedensten Teilen Londons abgehalten wird, enthält im wesentlichen die traditionellen Gebete, allerdings nicht in der üblichen Reihenfolge, und teilweise in starker Kürzung. Die Gebete werden teils hebräisch, teils englisch vorgetragen; sie werden eingerahmt durch Gesang und Orgel und enthalten als einen sehr wesentlichen Bestandteil auch Platz für das stille Gebet, ein Gebet, das im Gegensatz zu unseren stillen Gebeten wirklich ein Gebet tiefster Ruhe und Sammlung ist und auf mich persönlich den weitaus stärksten Eindruck des ganzen Gottesdienstes gemacht hat. Die Thora- Vorlesung wird hebräisch und englisch gegeben. Sie folgt im allgemeinen dem üblichen Zyklus, hat aber den einzig richtigen Grundsatz folgerichtig durchgeführt, daß nur das hebräisch vorgetragen werden darf, was inhaltlich, wenn es m der Landessprache vorgetragen wird, zur Belehrung und Erbauung dienen kann. Dieser Gottesdienst, der zweifellos auch Elemente des englischen Hochkirchengottesdienstes in sich schließt — ich denke da insbesondere an die in englischer Sprache geführten Responsen zwischen Gemeinde und Rabbiner und an die hymnenartigen Gemeindegesänge, die übrigens auch im Gegensatz zu unserem Gottesdienst wirklich von der Gemeinde ganz mitgcsungen werden — hat eine große Reihe des besten Londoner jüdischen Publikums wieder dem Gotteshause zugeführt, und zwar dem Gotteshaus nicht nur zum Gottesdienst, sondern aucb zu Gemeindeabenden, zu gemeinsamen Festesfeiern usw. Montesiore hat hier im Londoner Westend eine Gemeinde geschaffen, auf die er stolz sein kann und die er zweifellos,^ das Verdienst ferner hervorragenden Mitarbeiter unangetastet, durch dre Bedeutung ferner Persönlichkeit beherrscht. Wie Montefrore das Glück hatte, in Israel Mattuck für feine Synagoge ernen Mitarbeiter von vorbildlicher Hingabe gewonnen zu haben, so hat er in seinem Freund und Schüler Basil Henriques bewiesen, was eine Persönlichkeit von bezwingendem Einfluß auch praktisch zu erreichen versteht. Henrrques hat den Liberalismus Montesiores in die stockorthodoxen Kreise des Londoner Ostends hineingebracht. Die ostjüdrsche Jugend ist heute dort in großer Zahl in jüdischliberalem Sinne erzogen. Geschehen konnte dies nur dadurch, daß Montesiore und seine Schüler es nicht nur bei theoretischer Unterweisung bewenden ließen, sondern daß sie in sozialer Beziehung Unschätzbares geleistet haben, indem sie zahllose Kinder des ärmsten jüdischen Proletariats von der Straße geholt und so vor der vollkommenen Verwahrlosung gerettet haben. Man muß einmal erlebt haben, wie Henriques und seine Mitarbeiter, die bekanntlich seit Jahren Tag und Nacht in einem der größten Elendsviertel der Weltstadt mit chren Pfleglingen zusammenwohnen, die soziale Kleinarbeit verbinden mit der seelischen Heranbildung einer neuen Generation, um zu wissen, was die Lebensarbeit eines großen Mannes für Früchte zeitigen kann. Montesiore hat, das sei hier dankend anerkannt, das Glück, daß ihm in Lily Montagu eine Frau zur Seite steht, die ihm nicht nur auf seinem Wege folgt, sondern die ihm auch dadurch Unersetzliches geleistet hat, daß sie ihm die technische Kleinarbeit abgenommen und ihn so frisch erhalten hat für die Leitung und Fortführung seines Werkes. Es ist natürlich, daß eine derartige Persönlichkeit wie Montesiore nicht nur begeisterte Freunde, sondern auch schärfste Gegner sich geschaffen hat. Die Kreise des offiziellen orthodoxen Judentums in London erkennen leider immer noch nicht, daß dieser angebliche Vernichter des Judentums ein Mehrer an Menschen und Lehre geworden ist wie kaum ein Zweiter. So ist Montesiore bis in die letzte Zeit in seiner Lebensarbeit immer wieder angegriffen worden. Freilich, an eins haben sich auch feine erbittertsten Gegner nicht herangewagt, an sein Menschentum. Ich hörte erst neulich m London das Wort eines seiner stärksten Gegner „Dieser Mensch ist darum so schwer zu bekämpfen, weil er ein solcher Gentleman ist". Gentleman bedeutet in Deutschland in wörtlicher Uebersetzung: Edelmann. Ein wahrhaft edler Mensch ist es, dem wir hier als Führer folgen, und dieses Menschentum prägt seinem ganzen Wissen und Wirken den Stempel auf. In dem Konferenzzimmer der neuen Londoner Synagoge hängt sein von Meisterhand gemaltes Bild. Man braucht nur das Auge zu sehen, um zu wissen, daß hier ein ganzer, ein reiner Mensch, zu uns spricht. Bezeichnend ist, daß der Maler, als ihm von Freunoesseite gesagt wurde, daß dennoch das Auge nicht voll getroffen sei, erwiderte: „Wer möchte auch die Sterne des Himmels auf die Leinwand bringen". Es ist ein Stückchen Ewigkeit, das aus diesem Menschen zu uns spricht. Er, der in seiner schönen Häuslichkeit mit seinem schalkhaften Humor ein bezaubernder Wirt sein kann, der seinen Mitarbeitern mehr em Freund als ein Führer ist, wächst in seinen Werken, in seinem Werk, auf zu einer der einsamen und seherischen Persönlichkeiten, die einer ganzen Generation den Weg weist. Ern Stück des ewigen Juden und des ewigen Judentums liegt rn seiner Seele und spricht durch ihn zu uns. Wenig mehr als acht Wochen trennen uns von der Stunde, rn der Claude Montesiore als anerkannter und offizieller Führer des liberalen Judentums in unserer Heimat hrer den Weltkongreß des liberalen Judentums eröffnen wird. Dann wird es auch äußerlich zu Tage treten, was jeder, der dem liberalen Judentum nahesteht, innerlich begriffen hat, daß hier der Führer unserer Bewegung vor uns steht. Gott schütze und erhalte ihn, damit er rn der Arbeit des Weltverbandes die Früchte seines Lebens reisen sehe; Gott erhalte ihn seiner Familie, seinen Freunden und Mitarbeitern, dem Judentum und der Menschheit! Glückwunsch Bon Rabbiner Dr. Leo Baeck. Zu seinem siebzigsten Geburtstag bringen wir alle, die ihn kennen, Claude Montesiore unsere herzlichen Glückwünsche dar — dem Siebzigjährigen, dem seine Jahre keiner glauben mag. Wir verehren und feiern in ihm vor allem die Persönlichkeit. Erst durch die Eigenart des Menschen erhält alle Leistung den eigenen Wert und die Wirkung, seine Seele gibt ihr die Seele. Am Manne der Wissenschaft überschätzen wir nur zu oft das Intellektuelle der Begabung und unterschätzen den Charakter, der sich in ihr offenbart. Auch in der Arbeit des Denkens sind Selbstlosigkeit, Gradheit und Ehrlichkeit bestimmend, ja entscheidend; alle Klarheit ist wesentlich Ausdruck des Gewissens, alle Sachlichkeit kommt aus einer Bescheidenheit hervor, und auch die Größe der Gedanken wächst aus einem Sittlichen heraus — sinnvoll stellt Goethe die großen Gedanken und das reine Herz zu einer Einheit zusammen. An allem, was als Claude Montesiores Werk vor uns steht, erkennen wir es so. Wir erkennen den Gelehrten, der die seltene Kunst des stetigen Lernens, des geduldigen ernsten Lesens besitzt, der einer der Jungen in der Wissenschaft immer bleibt, weil er sich nie für zu alt hält, um zuzulernen, der ein Meister ist, nie ein bloßer Knecht seines Wissens, weil das, was er erworben, ihm immer wieder der Stoff seines Gestaltens und Bauens wird. Und was mehr noch ist: wir erkennen in seinem Werke den Geist, der sich darin kundtut, diesen Charakter in seiner Arbeit, diese Wahrhaftigkeit und Schlichtheit, diese innere Freiheit und Ehrfurcht, diese Tapferkeit und Demut; es sind mannigfache Worte und meinen doch alle die gleiche Eigenschaft, den einen Stil des Denkens. Er hat Montesiore zum Manne der Kritik auch gemacht — in seinem Lande, das die edle Tradition dieser ernsten, schwierigen Kunst besitzt, darf er seinen besonderen Platz darin haben —, zu dem

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