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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-18 · 20 (18.5.1928) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
20 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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s. Jahrgang Nummer 20 2. Beilage IS. Mai 1928 Die Gemeinde — ein leerer juristischer Begriff? Von Dr. Siegfried Braun. Bor wenigen Wochen sprach in Köln der Mannheimer Rabbiner Dr. Grünewald über Sinn und Wert der Jugend' gemeinde, eines Gebildes also, das die jüdische Jugend vom schulpflichtigen Alter an umsaßt, und das der ordentlichen Gemeinde wohlvorbereiteten Nachwuchs zuführen soll. Den ins Auge gefaßten organisatorischen und erzieherischen Maßnahmen liegt die Erwägung zugrunde, daß unsere Synagogengemeinden nicht mehr die Fülle jüdischen Lebens hervorbrächten, die zur Krästigerhaltung unserer Glaubensgemeinschaft erforderlich sei, sondern daß sie zu einem juristischen Begriff ohne Inhalt herabgesunken seien. Es ist das eine Meinung, der man nicht erst in neuerer Zeit begegnet und die immer dann austaucht, wenn reformfreudige Weltverbesserer sich veranlaßt sehen, ihre Pläne und Absichten in Bezug auf neue Organisationen und Organisatiönchen zu begründen. Die Zeit ist wahrlich da, dem ewigen Haschen nach Neubildungen innerhalb der Gemeinden kräftigen Widerstand entgegenzufetzen, wenn nicht durch diese Hypertrophie in der Vecetnlerei unberechenbarer Schaden entstehen soll. Wohin der Weg schließlich führen wird, das ersehe man aus dem Vorschlag des Redners, man möge bereits die sechs- bis achtjährigen Kinder in regelmäßigen Zusammenkünften mit ostjüdischer Literatur bekanntmachen, damit sie gefühlsmäßig gelebtem Judentum nahe kämen. Wir wollen hier nicht darlegen, warum derartige Wünsche geradezu eine Ungeheuerlichkeit darstellen, die jeder naturgewachsenen pädagogischen Einsicht Hohn spricht, und von der wir überzeugt sind, daß man sie nicht ernst nehmen wird; es sei lediglich einiges gesagt zu dem Borwurf, unsere Gemeinden seien inhaltleere Gebilde geworden. Wer diese Austastung teilt, dem schweben ohne Zweifel jene Zeiten vor, da auch in unserer Heimat die Kehilla noch existierte, die wir heute noch unverändert in den Massensiedlungen des Ostens finden. Sic umfaßte die gesamte Judenschaft eines Ortes, deren Wohnungen rrngs um das Bet- und Lehrhaus herum nachbarlich beieinander standen. Sie regelte alle Lebensbeziehungen, die rein religiösen sowohl als auch die bürgerlichen, die übrigens durchweg religiös bestimmt waren. Wenn auch immer in diesen Ghettis Außenseiter vorhanden waren, so vermochten doch religiöser Brauch, überliefertes Recht und überkommene Sitte eine durchaus einheitliche Lebensführung zu erhalten, deren Gepräge ausschließlich jüdisch-volkhafter Natur war. Es hatte also einen Sinn, wenn man in der Kehilla eine — um einen modernen Terminus zu gebrauchen — Bolksgemeinde erblickte, die nach jeder Richtung hin scharf unterschieden war von der sie umgebenden nichtjüdischen Gemeinschaft. Die Emanzipation entfernte die Klammern, die den scheinbar so fest gefügten Organismus der jüdischen Welt zusammenhielten; es erfolgte nicht nur ein räumliches Auseinanderstreben der bisher innerhalb weniger Gassen Vereinten, ein Hierhin und Dorthin der Niederlassung, nein, auch jener alle Glieder der Gemeinschaft geistig aneinander bindende Kitt zerging in dem Feuer, das aus der weiten Welt westeuropäischer Kultur in die Seelen der Juden herüberschlug, jene Substanz also, die sowohl volklich als auch religiös fundiert war. Damit ergab sich denn von selbst eine grundlegende Aenderung der Lebensform der Gemeinde. Die Abwendung von der strengen Vorschrift gemeinschaftlicher religiöser Uebung im Gotteshaus, die Lockerung aller menschlichen Beziehungen innerhalb der Judenschast und die Anknüpfung neuer mit Nichtjuden ließ die Kehilla nach und nach zu einem rnhalt- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands .i|m|iiv,",ni~^>r«twitlHmn)))mnTmmmiHiiiiminiiimtiiinnimtnwtiMimi leeren Begriff werden, dem keine Realität mehr entsprach. Tief m der Seele derjenigen aber, die ihr entwachsen waren, blieb das Bedürfnis lebendig, auch weiterhin in enger Verbindung miteinander zu bleiben. Der Gottesdienst hatte seine Anziehungskraft eingebüßt, religiöse Riten und Gebräuche lockten das neue Geschlecht nicht mehr, die Unterordnung unter das Recht und die Sitte der Umwelt verdrängte altgewohnte Lebensformen. Und so suchte man denn, einem inneren Zwang gchorchend, nach neuen Formen des Zusammenschlusses. Es entstanden Vereine aller Art, die jedem Inden die Möglichkeit gaben, sich nach seiner Neigung mit Gleichgesinnteri jüdisch zu betätigen und auszuleben. Die Chevraus, Woylfahrtsvereine, Logen, Standesorganisationen u. a. m. sind im letzten Griinde eine Fortsetzung des Kehilla-Daseins mit eingeengten Möglichkeiten und neuen Inhalten. Und wenn auch all diese Organisationen und Institutionen zu einem Teil verwaltungstechnisch mit der Führung der Synagogengemeinde nicht Zusammenhängen, so bilden sie im Grunde genommen doch die Träger des gemeindlichen Lebens und geben, von der Verwaltung gehegt und gefördert, der Gemeinde ihren Inhalt. Man überschaue unter diesem Gesichtspunkte einmal das Wohlfahrtswerk einer Großgemeinde mit feinen zahlreichen Ausstrahlungen, man verfolge einmal das geistige Leben einer Bereinigung, wie es beispiels- 1 weife unsere Logen darstellen, und man wird seststellen können, daß auch heute noch eine ungeschwächte Kraft in unfern Gemeinden steckt, und daß unter den Nachkommen der Kehilla- Juden der Trieb zum Nahesein und zu vereintem Schaffen stark geblieben ist. (Dieser ungebrochene Trieb ist es auch, der die Juden nachbarlich beieinander wohnen heißt, wie wir das in den Städten deutlich beobachten können, nick der sie immer wieder in Massen zusammengeführt in Kaffeehäusern, Vergnügungsräumen, Badeorten und Sommerfrischen. Es ist nicht, wie man meinte, die Sucht nach dem Modegemäßen, dem Neuesten, die uns Juden an dem gleichen Ort vereint, sondern es obwalten hier Atavismen, die einen stammesgeschichtlich tiefen Sinn haben.) Das Wort vom inhaltleeren Begrift der Snyagogengemeinde besteht demnach nicht zu Recht. Es ist gewiß wünschenswert, auch die religiöskultische Seite des gemeindlichen Zusammenlebens zu fördern und zu erneuern. Mit der Forderung nach einem bewußten Darleben des Jüdischen, wie sie u. a. auch Zweig im Caliban stellt, ist indeß nicht viel anzusangen. Sofern nämlich dieses Jüdische religiös bestimmt sein soll, ist es noch nicht da, trotz aller Hinweise aus den religiösen Zug, der angeblich durch die Zeiten geht. Sofern es aber dem entsprechen soll, was einmal jüdisch-volkhast war, lebt es nicht mehr unter uns, und die Forderung danach trifft ins Leere. Freuen wir uns deshalb vorläufig all des regen Lebens, das in den blühenden Organisationen und Institutionen unserer Gemeinden herrscht, und das spezifisch jüdische Werte und jüdisches Zusammengchörigkeitsgesühl in die Zukunft trägt. Hüten wir uns aber, den Erfolg ihrer Arbeit zu gefährden durch sinnloses Drauflosorganisieren und durch eine unberechtigte Kritik, die das stark pulsierende Leben unserer Gemeinden rn Abrede stellt und beeinträchtigen kann. Das Ende des römischen Ghettos Bon E. L. Dunbar v. Kalckreuth. Das Rom Mussolinis setzt die Tradition der alten Kaiserstadt fort; wie ernst die Kaiser aus dem regellosen Häuser- und Straßengewirr, nach Alexandrias Borbilde, das prächtige Westend auf dem Marsfelde und im Innern der Stadt anlegten, unbekümmert um die große Tradition der Republik, so wird jetzt das mittelalterliche Durcheinander gewisser Quartiere, unbekümmert um die Tradition der Papstzeit, in ein rechtwinkliges modernes Stadtbild verwandelt — und in vieler Beziehung hat die Gegenwart auch ihr Recht. Das gilt besonders für den Bezirk des alten Ghetto, dessen Aussehen alles andere als romantisch wirkte und dessen Erinnerung nicht früh genug getilgt werden kann. Ghetto ist ein talmudisches Wort, welches Absonderung" bedeutet. Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß sich die Juden selbst ihre Ghettos zuerst eingerichtet haben, so die Kolonie in Alexandria, so auch diejenige im alten Rom. Das erste Zwangs-Ghetto schuf Kaiser Friedrich II., Hohen- Es ist Ihr Vorteil, einen General Motors-Wagen zu kaufen Weil General Motors Ihnen für weniger Geld mehr Wert bietet f <ÄJO Genießen Sie die Freude, im elge• nen Wagen Wochenendfahrten ins Freie hinaus au machen ( -j-eneral Motors ist das größte Auto* mobilbau#Unternehmen der Welt. General Motors baut allein sieben verschiedene Typen von Personenwagen, vom aristokratischen Cadillac bis zum millionenfach verkauften Chevrolet. General Motors verdankt ihren Welterfolg der überlegenen Qualität ihrer Automobile. 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