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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-18 · 20 (18.5.1928) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
20 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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[taufen, nach der vierten Lateran-Synode, und zwar in Neapel. Im römischen Weltreich besaßen die Inden alle bürgerlichen Rechte, ihre Verfolgungen aber fanden auch damals aus den verschiedensten Anlässen statt, häuften sich während des Mittelalters in fast allen Staaten des Abendlandes und erreichten mit seinem Ausgang (1492) ihren Höhepunkt. Zu dieser Zeit fand auch die Internierung der Judenschaft in den meisten Städten statt. Das römische Ghetto war das zuletzt errichtete (1564) und wurde auch als oas letzte wieder aufgelassen (1870). Sein Verschwinden aus dem Stadtbilde gehört erst unserer Zeit an. Schon vor Christi Geburt gab es zahlreiche Juden in Rom, welche um ihre Synagoge, in der schon Horaz und Jouvenal die Jassahseste mit ansahen, herum wohnten (heute Viccolo belle Palme in Trastevere). Im Jahre 19 v. Chr. verbannte Tiberius 25 OM Juden nach Sardinien, aber Kaiser Titus, der Judenfreund, soll etwa 50 Ml) palästinische Juden mit nach Rom gebracht und dort angesiedelt haben. Sre lebten frei und unversolgt, bis der Verfall des Weltreiches Tatsache wurde. Die Gothen plünderten ihre Synagoge, die Christen brannten sie 521 n. Chr. zum zweiten Male nieder, aber immer wieder erhob sie sich aus der Asche. Die Päpste hielten die Juden in Zaum, beschützten sie aber auch gegen Ausschreitungen. Sogar ein Papst hatte jüdisches Blut; Anakleb II. aus dem Hause Pierleoni (Levi), und damals hatten die römischen Juden nichts zu klagen. Ihre Verfolgung setzte erst mit der Inquisition ein. Im Jahre 1495 zerstörte Carl VIII. von Frankreich endgültig die römische Synagoge. Da es aber den Inden verhältnismäßig unte rdem päpstlichen Regimente immer noch besser als in allen anderen europäischen Staaten ergangen war, so flüchteten fte massenhaft bei den großen Vertreibungen aus Spamen und anderen Ländern in die Hauptstadt der Christenheit; und diesem Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Rom suchte Paul IV. durch strenge Maßnahmen zu begegnen. In «allen Städten des Kirchenstaates ließ er die ungesündesten und schlechtesten Quartiere den Juden als Ghettors zuweisen. So wurde auch in Rom selbst die Stätte, wo das' einst glänzendste Quartier des kaiserlichen Westens die Marmorhallen der Octavia, des Porticus. Philipps und der Tempel des Apollo Musarum geschmückt hatten, zum römischen Ghetto bestimmt. Hier mußten die Inden eingepfercht Jahrhunderte hausen, eiserne Tore schlossen das Viertel ab, die nachts von Soldaten strenge bewacht wurden. Ein wüster Häuserknäuel erhob sich: um Platz für die Nachkommenschaft zu schassen, wurde, ein Stockwerk aus das andere getürmt. Jährlich überflutete der Tiber mit seinen Schlammassen dieses elendeste aller Quartiere.' Ein stinkender Fischmarkt lagerte sich m die Ruinen des Porticus Metelle, in den auch Die Kirche St. Angelo-in-Peschiera hineingebaut worden war. In dieser Kirche mußte die Judenschaft zwangsweise die Messe hören und Bekehrungspredigten über sich ergehen lassen. Jeder Jude mußte einen gelben Hut tragen und beim Karneval auf der Piazza Navona und dem Corsa beim Wettlauf der Büffel, Pferde und Esel mitrennen. Jährlich nahm die Regierung Zwangsverkäufe vor, und riesige Tribute für Handelsprivilegien mußten dem Aerar geliefert werden. Deshalb blieben die römischen Juden stets arme Leute. Es ist eine sonderbare Tatsache, daß es jahrhundertelang den Juden in Rom besser als in allen anderen Ländern des Abendlandes ergangen war, daß es ihnen dafür aber bis zur Schwelle unserer Zeit dort elender, als überall wo anders ging, denn seit der französischen Revolution hatte in den Kulturstaaten die Emanzipation der Juden stattgefunden, ihre bürgerliche Gleichberechtigung war überall zur Tatsache geworben. Nur in Rom war es anders. Noch 1843 lautete das Edikt des Großinquisitors: 1. Kern Jude darf Christen in seiner Behausung wohnen lassen. 2. Kein Jude darf freundschaftliche Verbindung mit Christen unterhalten. 3. Bei Strafe von IM Thalern und sieben Jahren Gefängnis darf ekin Jude mit Büchern und dem Dienst der Kirche geweihten Gegenstände handeln. 4. Vei jüdischen Begräbnissen darf keine Feier abgehalten werden. Dieses Edikt blieb bis 1860, mit Ausnahme des Paragraphen, daß keine Jude nachts das Ghetto verlassen dürfe, in Kraft. Trotzdem Pius IX. ihnen erlaubte, frei zu wohnen, blieben sie doch freiwillig in ihrer „Absonderung", weil die anderen Gesetzesparagraphen ihnen das Leben unter Christen unerträglich machten. Erst der 20. September 1870 sprengte die eisernen Tore des Ghetto und proklamierte die Freizügigkeit aller Inden. Abe rauch dann erlaubte es ihnen ihre Mittellosigkeit noch lange nicht, von 'dieser Freiheit wirklichen Gebrauch zu machen. Inzwischen aber haben sich die Zeiten geändert. Lange regierte ein jüdischer Bürgermeister (Nathan) über die Ewige Stadt, und auch in das finstere Ghetto drang das Licht der neuen Zeit 1878 wurde der Fischmarkt teilweise abgebrochen und 1889 wurden die Ruinen des Oetavio-Portieus ganz von ihm befreit. Jetzt aber soll der ganze unsaubere Winkel, in dem sich so lange die Tragödie des Judentums abgespielt hatte, zu einem der Hauptstadt Italiens würdigen Stadtteil werden. Die Ewige Stadt verjüngt sich immer wieder anss neue. Aus den Gemeinden Barmen. (7 0. Geburtstag.) In Bad Neuenahr, wo er zur Erholung weilt, beging das Gemeindemitglied Herr Moritz Heilbronn seinen 70. Geburtstag. Zahlreich waren die Glückwünsche, die dem verdienten Manne nachsolgten. Herr H. gehörte etlva 30 Jahre der Gemeindevertretung und dem Vorstande unserer Synagogengemeinde an und ist somit seit Bestehen Unserer Gemeinde mit ihrem Wachstum und Geschicke untrennbar verbunden. Sein bescheidenes Wesen und sein stets lauterer Charakter befähigten ihn ganz besonders zu praktischer Arbeit innerhalb der Gemeindekörperschaften. Wir wünschen ihm noch viele Jahre der Gesundheit und einen freundlichen Lebensabend an der Seite seiner Gattin. Berlin. (Jahresversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums.) Am Sonntag, den 13. Mai, fand im Logenhause zu Berlin unter Leitung des 2. Vorsitzenden, Herrn Direktor Oskar Wassermann, die Mitgliederversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums statt. Die Versammlung war sehr gut besucht. Nach Begrüßung der Erschienenen durch den Vorsitzenden und einer Ansprache von Dr. Eduard Strauß-Frankfurt für die Hermann Cohen-Loge gedachte der Vorsitzende des im vergangenen Jahre Hingeschiedenen Oberrabbiners Professor Chajes-Wien, der Mitglied der talmudischen Kommission gewesen war. Professor Dr. Julius Guttmann, Leiter des Forschungsinstitutes der Akademie, erstattete den Bericht über die wissenschaftliche Arbeit, San.-Rat Dr. Gustav Bradt als erster Schriftführer den Geschäftsbericht des Verwaltungsvorstandes. Die Akademie steht in ihrem zehnten Lebensjahre. An sechs Abteilungen des Forschungsinstitutes und an der der Akademie angeschlossenen Hermann Cohen- Stiftung sind nahezu 30 Gelehrte beschäftigt. Die Reihe der wissenschaftlichen Veröffentlichungen umfaßt jetzt ll Werke; 4 weitere befinden sich im Druck, eine große Anzahl ist in Vorbereitung. Von. besonderem allgemeinen Interesse ist die statistische Arbeit über die deutschen Juden, welche von der Sektion sür Statistik und Wirtschafts-, künde unternommen wurde. Zur Durchführung der wissenschaftlichen Aufgaben sind immer größere Aufwendungen nötig. Das Verwaltungsjahr 1927 erforderte rund RM. 110 000,—. Für 1928 sind RM. 115 000,— vorgesehen. Seit einem Jahre besitzt die Akademie ihre eigene Verlagsabteilung. Ihre letzten Veröffentlichungen, Werke von Dr. Albeck, Dr. Spanier, Dr. Gordon und „Hermann Cohens Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" sind bereits im Akademie- Verlag erschienen. Das Mendelssohn-Komitee hat ihm den Verlag der 15 bändigen kritischen Ausgabe von „Moses Mendelssohns Gesammelte Schriften" übertragen, für welche die Subskription in den nächsten Wochen eröffnet wird. Nach dem Berichte der Revisoren wurde dem Vorstande einstimmig Entlastung erteilt. Hierauf wurde der Verwaltungsvorstand neu gewählt, dem folgende Persönlichkeiten angehören: Dr. h. c. Aron Hirsch, Vorsitzender; Oskar Wassermann, 2. Vorsitzender; Prof. Dr. Albert Einstein, 3. Vorsitzender; Jacob Goldschmidt, 1. Schatzmeister; Wilhelm Kleemann, 2. Schatzmeister; San.-Rat Dr. Gustav Bradt, 1. Schriftführer; Prof. Dr. Otto Marburg, 2. Schriftführer; Berthold Katz, Kammergerichtsrat Leo Wolfs, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Beisitzer. , In den Ehrenausschuß der Akademie wurden hinzugewählt die Herren: Moritz Rosenthal, Justizrat Severin Behrendt und Alfred Anders, die letzteren beiden wurden gleichzeitig zu ehrenamtlichen Revisoren ernannt. Im Anschluß an ihre Jahresversammlung veranstaltete die Akademie für die Wissenschaft des Judentums eine Hermann Cohen- Gedenkfeier zur zehnten Wiederkehr seines Todestages. Der große Saal des Logenhauses war bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach einem Präludium von Arno Nadel brachte Herr Oberkantor Manfred Lewandowski eine dem Gedächtnis Cohens gewidmete Komposition Arno Nadels zu Gehör, der die Schlußworte des Buches Kohelet als Text unterlegt waren. Hierauf umriß San.-Rat Dr. Gustav Bradt in knappen Zügen die Bedeutung .Hermann Cohens sür die Begründung der Akademie, deren Dank an ihn sich in der Verwirklichung seines Programms durch ihre Arbeit, sowie in der Wirksamkeit der seinen Namen tragenden Stiftung äußert. Professor Dr. Albert Görland-Hamburg hielt die Gedächtnisrede. In geistvoller Weise behandelte er das Problem des Primates von Philosoph oder Jude in Hermann Cohen und die 10 jährigen Bemühungen seiner Freunde und Anhänger um die Darstellung und Verbreitung seiner Ideenwelt. Hierauf hörte die Versammlung stehend das von Oberkantor Lewandowsky vorgctragene „El mole Rachamin" an. Ein Postludium Arno Nadels beschloß die Veranstaltung. Berlin. (Von der Subventions-Kommission des Preußischen Landesverbandes.) Amtlich. Am 8. Mai fand unter dem Vorsitz des Herrn Rechtsanwalts Dr. Alfred Klee eine Sitzung des Subventions-Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt. Die Tagesordnung umfaßte etwa 60 Punkte, die nach eingehender Beratung sämtlich erledigt werden konnten. Ausführlich wurde über die Gewährung von Stipendien zum Zwecke der Lehrerausbildung gesprochen. Der in dem .Haushaltsplan sür 1928 vorgesehene Betrag wurde restlos verteilt. Es erhalten nunmehr auch Schüler der Pädagogischen Akademie in Frankfurt a. M. neben denen des Kölner und Würzburger Lehrerseminars sowie der Präparandenanstalt in Höchberg laufende monatliche Zuschüsse. Insgesamt handelt es sich etwa um 20 Beihilfen. Wiederum konnte der Ausschuß für 10 im Ruhestand lebende Lehrer oder Lehrcrwitwen laufende monatliche Ruhegehaltszuschüsse neu bewilligen, während in 4 Ausnahmefätlen einmalige Unterstützungen beschlossen wurden. Außerdem erfolgte eine Reihe Weiterbewilligungen schon früher gewährter Zuschüsse. Sodann erhielten 3 Ruhestands- und Flüchtlingsrabbiner soivie 2 Rabbinerwitwen monatliche Zuwendungen. In fünf Fällen konnten leistungsschwachen Gemeinden Beihilfen zur Instandsetzung ihrer Synagogen, Friedhöfe oder sonstigen Kultuseinrichtungen gewährt werden. Einer bedürftigen Gemeinde wurde die Erstattung der Kosten für den .Hilfsvorsteher an den hohen Feiertagen bewilligt, einer anderen die zugesagte Beihilfe für die Aufrechterhaltung der Schichitah erhöht- Zwei Gemeinden wurde die Rückzahlung von fälligen Darlehen weiter gestundet unter der Bedingung der sofortigen Tilgung eines kleinen Teils des Darlehens. Die Teilnahme an einem Lehrerfortbildungskursus wurde durch einen Zuschuß erleichtert. Der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler wurde ein einmaliger größerer Betrag zur Verfügung gestellt. Berlin. (G e f a l l e n e n g e d e n k t a f e l.) Die Jüdische Religionsgemeinde Charlottenburg E. V. wird am 3. Juni, vormittags 11 Uhr, in ihrer Synagoge, Schulstraße 7, Charlottenburg, in Anwesenheit der städtischen Behörden des Gemcindevorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin, des R. j. F., studentischer Verbindungen eine Gedenktafel für die Gefallenen im Weltkriege enthüllen lassen. Dortmund. (Aus der Gemeinde.) Die Erholungssürsorge für jüdische Kinder versendet ihren Tätigkeitsbericht von 1927. Demzufolge wurden sieben Transporte durchgeführt, und zwar 4 nach Pömbsen, Kreis Nieheim, 2 nach Bad Sassendorf und 1 Aach Bad Thal in Thüringen. In Pömbsen waren wie im Vorjahre 50 Kinder bei einzelnen Familien untergcbracht, im Kinderheim Sassendorf fanden 16 Kinder und im Kinderheim Hanna und Nora Wolf in Bad Thal 14 Kinder Aufnahme. Mehreren Kindern wurden Kuren in Wyk auf Föhr und Norderney ermöglicht. Durch das Entgegenkommen des städtischen Jugendamtes konnten 12 Kinder an der Einrichtung des Solbades auf der Zeche Schleswig mnd rveitere 13 Kinder an der des Luftbades im Grävingholz teilnehmen, sodaß alles in allem 108 Kinder tm Verlauf des Jahres 1927 betreut wurden. Der Etat schließt in Einnahme und Ausgaben mit rund 6 750 Mark ab. — Der Beginn des neuen Schuljahres brachte der hiesigen städtischen, jüdischen Volksschule zirka 70 Neuanmeldungen, sodaß eine siebte Klasse eingerichtet werden mußte. Dresden. (G e m c i n d e r a t s s i tz u n g.) Vorsteher Rechtsanwalt S a l i n g e r eröffnete die Mitte voriger Woche nach längerer Pause stattfindende Gcmeinderatssitzung mit einem Nachruf sür den vor kurzem verstorbenen Gcmcindevcrordneten Sally Hurwitz, der in vorbildlich taktvoller, kluger, vornehmer Weise stets die Sache des Judentums über die Person gestellt habe. Das Kollegium ehrte das Andenken des so jäh Dahingeschiedenen, der noch in der vorangogangenen Gemeinderatssitzung zugegen gewesen war, durch Erheben von den Plätzen. Bei der sich anschließenden Verlesung der Eingänge gab der Vorsitzende bekannt, daß die Familie Hurwitz. der Gemeinde 1000 RM. nut der Bestimmung überwiesen habe, diesen Betrag zur Errichtung einer Stiftung zu verwenden, aus deren Zinserträgnissen alljährlich Mittel zur Mazzoversorgung der Armen bereitgestellt werden. Aus zahlreichen weiteren Eingängen war bemerkenswert, daß das Sächsische Arbeits- und Wohlfahrtsministerium die Gemeindefürsorgerin Thea Weitzfelder zum Mitglied des Landes-Jugendamtes ernannt und das Ministerium für Volksbildung nach Gehör des Finanzministeriums abermals ausnahmsweise der Gemeinde die Genehmigung erteilt hat, auf Grund von tz 18 des Gesetzes über die öffentlich rechtlichen Religionsgesellschaften vom 1. Juli 1921 auf die Gemeindesteuer für das Kalenderjahr 1928 eine Vorauszahlung in Höhe von 50 o/o der für das Kalenderjahr 1927 zu zahlenden Gesamtgemeindesteuer zu erheben. Rabbiner Prof. Dr. Winter, der als Delegierter der Gemeinde und des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes der Leipziger Friedhofseintveihung beigewohnt hat. teilte mit, daß die Dresdner Gemeinde sich über die Fertigstellung der wundervollen Leipziger Neuanlage vor allem deshalb mitsreuen dürfe, weil ihrem Erbauer, dem Architekten Wilhelm Haller, die Durchführung seines Studiums aus Mitteln der Dresdner Mendelssohn-Stiftung ermöglicht werden konnte. Vor Eintritt in die cigent liche Tagesordnung setzte Rechtsanwalt Salinger das Kollegium noch .davon in Kenntnis, daß durch vertragliche Regelung mit dem Rate der Stadt Dresden oie Gemeinde in der Lag« sei, auf dem dem Synagogengrundstück verbundenen Areal am Hasenberg einen Jugendspielplatz mit Unterkunftshalle zu schassen. Direktor Hirsch dankte allen, die dazu beigetragen haben, diese bequem und schön gelegene Erholungsstätte, die insbesondere zahlreichen jüdischen .Hortkinder» den Aufenthalt in frischer Luft ermögliche, zu errichten. Uebcr die Vorbereitungen zur Einrichtung eines Gemeindegottesdienstes nach altem Ritus berichtete Gemeinde-Verordneter Max L e s s e r , daß der Gemcindevorstand unter finanzieller Mithilfe der beteiligten Kreise versuchsweise ab Rausch haschonoh orthodoxen Gemeindegottesdienst abhalten lassen werde, und zwar gegebenenfalls ohne den Verein Adaß Jeschurun, dessen Zustimmung hierzu noch ausstehe. Vorsteher P i o u k o w s k i betonte, mit welcher Loyalität seitens der Gemeinde von vornherein in dieser Frage dem Adaß Jeschurun begegnet worden sei, damit dieser Verein, von den Sorgen um den orthodoxen Gottesdienst befreit, sich mehr als bisher seinen sonstigen Kultusaufgaben widmen könne. Gemeinde-Verordneter Re in hold wünschte Vertagung, bis Adaß Jeschurun Beschluß gefaßt habe. Dagegen wandten sich _ R.-A. Salinger und Tr. John L e v y , weil jede weitere Verschleppung den rechtzeitigen Beginn des orthodoxen Gottesdienstes in Frage stelle. Vorsteher Pionkowski hob hervor, daß alle in dieser Frage vom Gemeinderat bezw. vom Finanz- und Synagogen ausschuß gefaßten Beschlüsse einstimmig erfolgt seien. Abgesehen davon habe der Gemeindevorstand oder Gemeinderat seine Entscheidungen unabhängig von Adaß Jeschurun, dem trotzdem in stundenlangen Verhandlungen denkbar weitgehende Vorschläge zur Wahrung seiner Interessen gemacht worden seien, zu treffen. Direktor Zucker führte aus, wie merkwürdig es berühre, wenn sich Vertreter der Orthodoxen im Gegensatz zu den Liberalen gegen die Einrichtung des orthodoxcn Gemeindegottesdienstes toenden. Direktor Hirsch appellierte an die Friedensliebe der beteiligten Kreise und bat den Gemeinde-Verordneten Paul Lehmann, den Vorsitzenden des Adaß Jeschurun, um Aufklärung. Dessen Antwort besagte, daß er den Beschlüssen der in einigen Tagen stattfindenden Generalversammlung des Adaß Jeschurun nicht vorgreifen könne. R.-A. Salinger bemerkte hierzu, daß der neue Gottesdienst mit oder ohne Zustimmung des Adaß Jeschurun Zustandekommen werde. Sei er nicht lebensfähig, so könne das als Beweis dafür gelten, daß die Gemeinde alsdann leine Verpflichtung mehr habe, irgendwelche Mittel zu diesem Zweck an vereine usw. zu gewähren. In der Abstimmung wurde der Antrag Reinhold auf Vertagung gegen 2 Stimmen abgelchnt, die Einrichtung des orthodoxen Gemeindegottesdienstes unter Erfüllung aller hierfür maßgebenden Voraussetzungen und die Einsetzung einer zu diesem Zweck vom Gemeindevorstand vorläufig provisorisch zu wählenden Kultuskommission mit einer Stimmenthaltung vom Kollegium zum Beschluß erhoben. Der zweite Hauptpunkt der Tagesordnung betraf die Einrichtung einer jüdischen Abteilung in dem von der Stadt Dresden auf dem Gelände der „Jungen Heide" projektierten Waldsriedhof. R.-A. Salinger machte Mitteilung über die Verhandlungen, die von ihm in dieser Angelegenheit mit Stadtrat Kirchhof und dem Gemeindedirektor Ploemacher mit Stadtbaurat Wolf gepflogen ivorden seien. Das Ergebnis bestehe darin, daß der Rat zu Dresden der Gemeinde auf dem Gelände des Waldfricdhofes ein Areal in der Größe des jetzigen jüdischen Friedhofes, der höchstens noch 10 Jahre benutzt werden könne, kostenlos zur Verfügung stelle. Gleichfalls kostenlos wolle der Rat in der interkonfessionell zu gestaltenden Friedhofshalle die dem jüdischen Ritus entsprechenden Totenkammern Leichenwafchungsräume einbaucn. Bei Ablehnung dieses Vorschlages müßte die Gemeinde eine eigene Halle errichten. R.-A. Salinger empfahl die Zustimmung zu diesem entgegenkommenden Anerbieten der Stadt Dresden, die ferner die Umfriedung der mit besonderem Eingang versehenen jüdischen Fricdhofsabteilung, die Bezahlung des dort benötigten Personals und die Errichtung der Gärtnerwohnungen übernimmt. Nach kurzer Debatte beschloß der Gemcindcrat einstimmig, das Anerbieten der Stadt Dresden unter der Voraussetzung, daß der Gemeinde gemäß einem Vorschlag von R.-A. Dr. Hirsch der spätere Bau einer eigenen Halle überlassen bleibe, anzunehmen. Gleichfalls ohne Widerspruch wurde beschlossen, die Geltungsdauer der Steuerordnung vom 25. September 1922 bis 1929 zu verlängern und die Gemeindemitglieder zukünftig vom Tage des Zuzugs bis zum Wegzug oder Austritt der Steuerpflicht zu unterwerfen. Anschließend wies der Vorsitzende darauf hin, daß der am 10. Juni in Dresden tagende Sächsische Israelitische Gemcindeverband bedeutsame Fragen behandeln werde. Die vom Gemcindcrat zu diesem Verband vorzunehmende Neuwahl der Ausschußmitglieder ergab die Wiederwahl der Herren R.-A. Salinger, Pionkotoski und San.-Rat Dr. Zimmermann, als Stellvertreter wurden die Herren Feuerstein, Glauber und Dr. Levy gewählt. Eine größere Debatte rief die Wahl eines Vertreters ostjüdischer Kreise in den Fürsorgeausschuß hervor. Die orthodoxen Mitglieder des Gcmcinderates wandten sich nachdrücklich gegen den vom Referenten Dr. Levy vertretenen Vorschlag des Wohltätigkcitsvcreins Mischenes Chaulim. Rabbiner Dr. Wolf unterstützt den Vorschlag mit dem Bemerken, daß es wichtig sei, im Fürsorgeausschuß einige Vertreter zu wissen, die an sich selbst kennengelernt haben, was cs heißt, Not zu leiden. Nach neuen Vorschlägen und persönlichen, vom Vorsitzenden zurückgewiesenen Bemerkungen der Antragsgegner gelangt der Vorschlag Dr. Levys mit großer Mehrheit zur Annahme. Zum Schluß brachte Vorsteher Pionkowski einen Initiativantrag ein, dem Sportverein Bar Kochba zur dringend notwendigen Vervollständigung seiner Spielplatzanlagen, die er der Gemeinde zweimal wöchentlich zur Verfügung hält, sofort 1000 RM. zu bewilligen. Das Kollegium war damit unter der Bedingung einverstanden, daß der Bar Kochba Kräfte zur sportlichen Ertüchtigung der z. B. im Sommerheim Oberrochwitz untergebrachten Kinder zur Verfügung stellt. Frankfurt a. M. (Seltenes Fe st.) Wie uns aus Frankfurt a. M. mitgetcilt wird, feiern die Eheleute Eduard Hamburger und Frau Klara, geb. Koch, am Freitag, den 25. Mai 1928, das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Beide Jubilare befinden sich noch rüstig und sind 85 und 87 Jahre. Weimar. (Rehabilitierung des ehemaligen thüringischen B a n k p r ä s i d e n t e n.) Die thüringischen Zeitungen teilen mit, daß das seit fast vier Jahren gegen den früheren erfolgreichen Präsidenten der Thüringer Staatsbank, Walter Locb aus Frankfurt a. M., beim Landgericht Weimar schwebende Strafverfahren wegen angeblicher Untreue nunmehr endgültig eingestellt worden ist. Die Einstellung ist von der Weimarer Strafkammer unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Dr. Hotzel beschlossen worden. Vorher haben noch weitere gegen Loeb gerichtete Verfahren wegen angeblichen Zinswuchers und Untreue, die man in der Ausleihung von Staatsbankgeldern zu niedrigen Zinsen hatte erblicken wollen, restlos eingestellt werden müssen. Man ist sich auch in leitenden Kreisen längst darüber klar, daß alle diese Justizaktionen, die auf Drängen und Drohungen Dr. Dinters und des Thüringer Landbundes im September 1924 erfolgte Beseitigung Loebs aus der Staatsbank- Leitung nachträglich als nicht gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Walter Loeb hat in Weimar in einer tausendköpsigen sozialdemokratischen Versammlung die Tatsache der Einstellung des Untreue- Verfahrens bestätigt und dann den nun vollständigen Zusammenbruch der gegen ihn als Juden und Sozialdemokraten jahrelang getriebenen Hetze und den für die Urheber überaus beschämenden Abschluß des Justizfeldzuges kritisch beleuchtet. Er betonte dabei den maßgebenden Einfluß des ehemaligen deutschnationalen thüringischen Finanzministers Dr. v. Klüchtzner auf das Zustandekommen der verschiedenen Verfahren. Werbt neue Mitglieder!

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