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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-18 · 20 (18.5.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
20 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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an anderen großzügigen Unternehmungen der Firma zu werden. Nachdem man die Roscher Zuckerraffinerie, deren technischer Leiter Joseph Goerz war, erworben hatte, und mit der Reorganisation den sachlich ahnungslosen Felix Deutsch betraut hatte, wurde nach nicht langer Zeit eben dieser junge Deutsch rm Alter von 24 Jahren zum Direktor der größten Zuckerraffinerie Deutschlands eingesetzt. Das Konsortium bestätigte die Anstellung, Deutsch aber weigerte sich trotz des in ihn gesetzten Vertrauens, diese Position als Lebensstellung zu akzeptieren. „Ich habe nie eine Ausgabe als „unmöglich" abgelehnt und sagte also auch hier zu, reiste zurück und arbeitete ein paar Wochen wieder Tag und Nacht, um das Projekt zu ermöglichen; in den Tagen vor Weihnachten ging dann auch die Gründung vor sich. Ich hatte cs, mich aus meine Verabredung mit von Kaufmann beziehend, abgelehnt, in die Direktion einzutreten, da ich mein Leben nicht als Zuckerfabriksdirektor beschließen, sondern an den übrigen großindustriellen Projekten, die gerade in der Schwebe waren, in Berlin Mitarbeiten wollte. Dagegen erkläre ich mich bereit, noch einige Zeit in Rositz zu bleiben, um den neuen Direktor cinzuarbeiten und mich auch später aus Wunsch des Konsortiums für Rat und Kontrolle zur Verfügung zu stellen. Im März 1883 siedelte ich wieder nach Berlin über." Es muß wohl der intuitive Instinkt des nur scheinbar tastenden Genies gewesen sein, der Felix Deutsch quasi „va banque" spielen ließ. Er wußte oder vielmehr er fühlte, daß er anderen Aufgaben und andere Aufgaben ihin Vorbehalten waren. Binnen kurzem trat auch die endgültige Wendung in seinem Schicksal ein, die ihn mit dem einzigen, ihm kongenialen Wirtschastskop,, nämlich Emil Rat Henau, zufammenstoßen hieß. Auch Emil Rathenau hatte mancherlei Fehlschläge hinter sich, hatte sich aber gehörig in der Welt umgesehen, hatte von der Ausstellung in Philadelphia im Jahre 1870 das Telephon mitgebracht, dessen Auswertung die Stadt Berlin jedoch ablehnte, sodaß es in die Hände des Reichspostministers Stephan gelangte, der aber auch noch die skeptische Meinung äußerte: „die wenigen Menschen, die sich ein Telephon anlegen lassen werden, könne ec — Stephan - an den Fingern herzählen." Entscheidend wurde das Jahr 1881, wo Rathenau auf der Pariser Ausstellung mit dem künstlichen Lichte Edisons erste Bekanntschaft schloß. Emu Rathenau, der auf industriellem Gebiet eine Sehernatur war, hatte sich jedoch nicht abschrecken lassen, selbst nicht von den Worten eines Redners, der seinen Bortrag mit den Worten beschloß: „Meine .Herren, wir befinden uns heute hier zum ersten Male bei Glühlichtbeleuchtung, sehen wir uns sie sehr genau an, denn wir sehen sie zum ersten und lvohl auch zum letzten Male!" Emil Rathenau wußte es besser, und er scheute darum keinerlei Anstrengungen, um die Patentrechte für die europäische Vertretung von Edison zu erwerben. Allenthalben als erfolgloser Projektenmacher verschrieen, gelang es Rathenau erst durch seine Bekanntschaft mit Deutsch, Landau uird die Nationalbank für Deutschland dazu zu bewegen, daß sie eine Versuchsgesellschaft für elektrische Beleuchtung mit einem Kapital von Mark 250 000. - gründeten. Emil Rathenaus festes Vertrauen in die Zukunft und vor allem in die Zukunft seines Unternehmens riß auch Deutsch mit sich fort, ließ alle Hindernisse aus dem Wege räumen und selbst die Prozesse mit der m Deutschland allmächtigen Firma Siemens & Halske siegreich durchsechtem Tie „Deutsche Edison G e s e l s l ch a f t", aus der sich späterhin die D. E. G. und noch später die A. E. G. entwickeln sollte, war geboren. Und heute kann man nur mit einem Lächeln die Skepsis eines so genialen Mannes wie Werner von Siemens abtun, der sich gegen das neue Projekt mit den Worten gestemmt hatte: „Sie sind ein Utopist, wenn Sie annehmen, daß Sie von einer Zentrale aus Licht in die Häuser geben können wie von einer Gasanstalt." Die Entwicklung der A.E.G. unter der zielbewußten Leitung Rathenaus und Deutschs ging nun automatisch, Schritt für Schritt vor sich. Der gewaltige Aufstieg der deutschen elektrotechnischen Industrie rückte die Gesellschaft in die höchsteri Sphären inoustreller Unternehmungen. Allerdings war auch das nur möglich unter einer ungeheuren Arbeitsleistung beider Männer, von der Deutsch berichtet: „Unsere englische Arbeitszeit ging von morgens 8.30 Uhr sehr häufig bis abends um tt Uhr, und tvcnn die anderen schon halb lol waren, pflegte Rathenau sich noch eine schwere Zigarre nnznzünden und hörte schließlich nur mit Rücksicht auf seine Mitarbeiter aus." Erst die Gegenwart bringt uns zum Bewußtsein, daß Felix Deutsch ebenso wie Emil Rathenau in einer Zeit wurzelten, m der „Weltwirtschaft" noch ein leerer Begriff war und ötc Elektrizität sich noch im Stadium des Experimentierens befand, einer Zeit, in der die deutsche Industrie eben erst begann, fich aus handwerksmäßigen Anfängen empor und aus züuftlerifchen Bindungen herausznarbeiten. Mit Fug hebt Earl F ürstenberg, der langjährige Freund und Mitarbeiter Deutschs und Rathenans hervor: „Heute ist das Leben ohne Elektrizität nicht mehr denkbar, weltwirtschaftliche Zusänrmenhiänge stehen im Mittelpunkte alles ökonomischen Denkens, Form und Struktur der Wittfchaft befinden sich in tontinuierlichem Wechsel." In einer Epoche von mächtigen Wandlungen, die über einen großartigen Aufstieg zu einem beispiellosen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft führte, in einer Zeit von Krieg, Revolution, Inflation und Wiederaufbau hat Felix Deutsch das Steuer der A.E.G. in ruhiger und kräftiger Hand gehalten. Die Klarheit seines Blickes und feine vorbildliche Sachlichkeit find durch leine „Strömung", keine „Richtung" je ernstlich beirrt worden. Kaufmännische Vorsicht mit frischem Wagemut und Elastizität, hobeö technisches Verständriis mit ungewöhnlicher Schnelligkeit und Sicherheit des Urteils vereinend haben Felix Deutsch auch aus schwierigsten Verhältnissen stets einen Weg zu weisen gewußt. Mit sicherem Verständnis für die Aufgaben des Führers einer großen Organisation hat er immer den Gesichtspunkt vertreten: „Mit Befehlen ist ein Unternehmen nicht zu regieren" und hat der Lebeitdigkeit des Geschäftes und der in ihm tätigen Menschen volle Rechnung getragen. „Weiterkommen und etwas tun war feine Parole, wenn oftmals die Fülle der Argumente für und wider eine Entscheidung erschwerte.". Tie Vermählung mit der schönen und geistvollen Tochter der Mannheimer Großkapitalistenfamilie Kahn, mithin auch eine Verschwägerung mit dem amerikanischen Multimillionär und Kunstmäzen Otto H. Kahn brachten es naturgemäß mit sich, daß Felix Deutsch häufig nach Amerika, der Wahlheimat seines Schwagers, fuhr und dort intime und wertvoUe Beziehungen zu den führenden Jndustrietonzerneu der „Neuen Welt" und zu den Magnaten der „WaU-Street" anknüpfte. Dem polltifcheu Weitblick Deutschs aber ist es auch zu banken, daß er als einer der ersten die Notwendigkeit der Wiederherstellung industrieller Beziehungen zu unserem östlichen Nachbarn, Rußland, erkannte und daß er seine Gesellschaft zur Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zur Sowjetrepublik zu bewegen wußte. Wir erwähnten schon beiläufig, daß der S a l o n D e u t s ch einer der wenigen wirklich repräsentativen Salons Berlins darstellt, den man auch im Auslande — sei es m London, sei es in Paris, sei es in New Port — rühmlichst kennt und nennt. Was aber nur wenigen vertraut sein dürfte, ist, daß gerade hier wiederum pietätvolle Tradition die Brücken schlägt von der kleinbürgerlichen Vergangenheit des großen Mannes zu seiner heutigen Weltmachtstellung. Er selbst berichtet in den Aufzeichnungen für seine Söhne: „Mein Vater lvar von Natur stark musikalisch veranlagt, und da er sich, von einem bis in sein Alter vorhandenen Bildungsdrang beseelt, mit allen Neuerungen auch auf musikalischem Gebiete eifrig beschäftigte, so verdanken wir Kinder ihm alle unsere Anregungen und eine gute Kenntnis der musikalischen Literatur. In unserem Elternhaus fanden während vieler Jahre regelmäßige Kamnicrmusikabendc statt, bei denen der damalige geniale Leiter der Breslauer Orcheftertonzerte Leopold D a m r o s ch der Primgeiger war. Damrosch war einer der frühesten Vorkämpfer für Richard Wagner und hatte in Breslau heftige Kämpfe zu bestehen, weil er in den Orchesterkonzerlcn immer wieder Wagnersche Kompositionen brachte.... Ausgezeichnete Künstler wie die L n c c a eine Cousine meiner Mutter B e t t e l h e i m - G o m p c r tz und viele Andere musizierten bei ihren Besuchen in Breslau in unserem Haus, während andererseits mein Vater während vieler Jahre auch in andere» Städten öffentlich zu singen pflegte. Künstler wie Georg H e n t s ch c l oder Eugen Gura, ebenso Musikschriststeller wie Professor Schäffer und Max Kalbeck haben wiederholt ausgesprochen, daß sie Schubertsche Lieder oder Oratorienpartien niemals so schön und in solcher musikalischen Vollendung gehört hätten wie von meinem Vater." Und in den „Lebensbildern berühmter Kantors n", die der Königliche Musikdirektor Aron Friedmann, Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zum 100. Geburtstage des verdienstvollen Oberkantors der Breslauer Synagogengemeindc weiland Moritz Deutsch herausgegeben hat, werden nicht nur diese Tatsachen bestätigt, sondern auch Presseausschnitte und Zeugnisse namhafter Zeitgenossen zitiert, die seiner Bemühungen sowohl um die synagogale Musik, die Reformen der jüdischen Tempelgesänge, als auch profaner Kunstleistungen ehrenvoll gedenken. Als Richard Wag- 1863 ein Konzert des Breslauer Orchestervereins dirigierte, wurde laut der „Breslauer Zeitung" vom 9. Dezember 1863 als einzige Gesangspiece hervorgehoben: „Siegmunds Liebesgesang aus der „Walküre" von Herrn Kantor Deutsch sehr edel und unter lebhaftestem Beifall vorgetragen". Auch diese biographische Skizze hebt hervor, daß das Haus des Kantors Deutsch den Mittelpunkt eines künstlerisch angeregten Verkehrs bildete, daß seine Gattin, der Moritz Deutsch seine „Deutschen Synagogen- und Schullieder" widmete, regsten Anteil an seiner unermüdlichen Schaffenskraft und Arbeit nahm und daß er auf seine Kinder, die das Interesse seiner Gattin an seinen künstlerischen Bestrebungen teilten, mit Freude und Vaterstolz blicken konnte. „Seine Söhne, denen es gelang, bedeutende staatliche und soziale Stellungen einzunehmen, hingen mit Pietät an ihrem Vater", so heißt es dort. Und ebenso wie im väterlichen Haus Deutsch sind im Hause des Geheimrats Felix Deutsch die innige Musikliebhaberei von Vater und Söhnen sowie der sprühende Geist der schönen, politisch und literarisch interessierten .Hausfrau die motorischen Kräfte dieses international anerkannteir Salons. In der palastartigen Villa des Allgewaltigen ' der A.E.G., des Geheimrats Felix Deutsch und seiner Gattin, Rauchstraße 16, ist ein ständiges „va et vient" prominenter Gäste, abgesehen von den offiziellen Kammermusikabenden oder den offiziösen Frühstücken, die fast jeden Sonntag bedeutende Persönlichkeiten aller Länder in dem gastfreien Heim vereinen. Das Haus ist von einer architektonischen Schönheit ohnegleichen. Es hat etwas Monumentales und dabei doch Behagliches. Ueber dem Kamin in der Halle ist das Bild der gertenschlanken Hausfrau, von Reinhold Lepsius gemalt, eingelassen. An den herrlichen Musiksaal grenzt, nur durch eine Schiebetür verbunden, ein großes Eckzimmer. Die Gäste aber? „Wer kennt die Völker, nennt die Namen?" Richard Strauß, im Gespräch mit Max von Schillings, der encyklopädistisch gebildete italienische Botschafter Graf Aldo b r a n d i n i, der mit den Gesandten Hollands, G r i e ch e n l a n d s und der T s ch e ch o s l o w a k e i konversiert. Ter Reichsbankpräsident D r. Schacht mit den Herren 2 ch l i e p e r von der Disconto-Gesellschaft und I a - cob Goldschmidt von der Danatbank. G c r h a r t Hauptmanns streng gemeißelter Goethekopf neben der allzeit jugendlichen Gestalt seiner Frau Margarete mit dem rassigen Kopf eines feurigen Savoyardenknaben. Neben ihnen Hauptmanns berühmter Bruder in Apoll, Paul Valery, und Alfred K e r r nebst seiner musikalischen Gattin. Staatssekretär Meißner, der Kabinettchef Hindenburgs in zwangloser Plauderei mit dem Grasen Brockdorf-Rantzau, der zu wichtigen Besprechungen nach Berlin gekommen ist. Frau Käthe Stresemann zwischen den Vertretern der westlichen Schwerindustrie, Otto Wolfs, dem Kölner Magnaten, und Herrn S i m s o n von der I. G. F a r b e n - I n d u st r i e. Emil Ludwig und seine schöne Frau im Gespräch mit ihrem Freunde, dem Nationalökonomen Werner Sombart; Max Reinhardt, dessen generöser Gastgeber in Amerika der Bruder der Hausfrau, Otto >H. Kahn, der große New Porker Bankier, war, in leiser Unterhaltung mit der einzigen Tochter der Hauses, der Gattin des Leipziger Gerleralmusikdirektors Br ech er und dem anderen Bruder der Gastgeberin, dem namhaftelt Liederkomponisten R o b e r t R. Kahn. Viele der intimsten Freunde des Hauses gehören zu denen, die da nicht mehr wandeln im rosigen Licht". So vor allem Walther R a t h e n a u, der dem Hause besonders nahestand, oder der andere Intimus Maximilian Harden, die liebreizende Madame de Margerie, die sich in diesem Musiksaal oft als Harfenistin hören ließ. Das Haus Deutsch, in dem alle Interessen entweder um Musik oder um Politik kreisen, war auch eines der wenigen Privathäuser, in denen der erste» deutsche Reichspräsident Ebert verkehrte. Und mit ihm seine Parteigenossen Löbe, Breitscheidt Milser d i n g. Die Lenker Sowjetrußlands trafen sich hier mit Maltzan, Rath enau, Wirth. Ludwig Ha as und manchen Führern deutscher Wirtschaft, die wieder Weltwirtschaft werden will. Gewiß, es mag im Hause des Vaters, des Oberkantors Moritz Deutsch und seiner klugen Gattin schlichter und be schränkter zugegangen sein als in dem weltumspannenden Rahmen des Palastes in der Rauchstraße. Mer der Geist ist, treu der ehrenvollen Ueberlieserung, der gleiche geblieben Fernsicht, unausrottbare Liebe zur Kunst und ein der Zeit und den Zeitgenossen weit voraneilender, in die Zukunft dringender Blick, desgleichen Gastfreundschaft und Wohltätigkeit charakterisieren die ältere wie die jüngere Generation. Und wenn ein Nekrolog dem Vater des heutigen Jubilars nachrief: „Wenn die Geschichte des Judentums einstens, in späteren Tagen, all die Namen ihrer verdienstvollen Glaubensmitglieder verzeichnet, so wird in güldenen Lettern hell und rein erstrahlen der Name Moritz Deuts ch." so wird es von Felix Deutsch schon heute heißen müssen: „Wenn die Geschichte der Weltwirtschaft, insbesondere aber der deutschen Wirtschaft, einmal all die Namen verdienstvoller Juden verzeichnet, so wird in goldenen Lettern hell und rein erstrahlen der Name Felix Ä e u t s ch." Noch steht er in vollen Kräften und Säften unter uns, gleichsam als Krieger und Sieger, seine Fahne hoch erhoben, in jedem Augenblicke kämpfend, ringend, schaffend! Nicht ihn, sondern uns beglückwünschen wir zu diesem Mitbürger und Glaubensgerl offen. Toris W i t t n e r. Um die Reinheit der jüdischen Familie Von Dr. S. Samuel (Essen). Es ist nicht leicht, in einer Sache das Wort zu ergreifen, rn der wenig oder gar keine Aussicht auf Verständigung mit dem Gegner besteht. Dennoch dürfen die Vorwürfe, die Rabbiner D r. M e r z b a ch (Tarmstadt) im „Israelit" (No. 13, 29. März d. Js.) unter dem Stichwort: „Der Liberalismus und die Reinheit der jüdischen Familie" vor allem gegen liberale Rabbiner erhebt, nicht unwidersprochen bleiben. Der Artikel möchte zwar möglichst unpersönlich wirken. Da wir aber kürzlich rn diesen Blättern (No. 1, 27. Januar d. Js.) Jüdisches Eherecht und Jüdische Ehe besprochen haben, so sind wir mindestens mitgemeint. Was hat uns Dr. Merzbach vorzuwerfen? Sprechen wir zuerst von eitler Parenthese in seinem Aufsatze, in der er die verbotenen „Verwandtenehen" geißelt. Wir haben unzweideutig die verbotenen Verwandtschaftsgrade als für uns noch heute maßgebend anerkannt, und unser Kritiker geht nicht so weit zu behaupten, daß liberale Rabbiner fich bei der Gewährung der religiösen Trauung über die darin begründeten Ehehindermsse hinwegsetzen. Was haben sie also tu diesem Zusammenhänge zu suchen, der im Leser notwendig solchen Verdacht erwecken muß? Nun zir den ausdrücklichen Anklagen! Es sind ihrer zwei, von denen die erste schwerer, die zweite leichter wiegt. Dr. Merzbach behauptet schlankweg, daß von liberalen Rabbinern Schcrdebnese ausgestellt werden, die - keine sind. Dre Folge sei, daß die so ausgelöste Ehe noch sor'tbestehe, das Eingehen der zweiten mindestens seitens der Frau zu Ehebruch führe, sodaß Kinder aus der von dieser eingegangenen zweiten Ehe Mischlinge (Mamserim) wären und fort und fort die Reinheit der jüdischen Familie trübten. Die Voraussetzung ist hier also, daß jeder von einem liberalen Rabbiner als gültrger Scheidebries anerkannte „Get" rn Wirklichkeit diesen Charakter nicht besitze. Die Gründe dieses Verdiktes gibt Dr. M. nicht an. Er weiß, daß die Leser seiner Zeitung genau wie er selbst dem liberalen Rabbiner den guten Willen absprechen, einen Get in jeder Hinsicht pünktlich und genau nach der Praxis der strengsten Orthodoxie auszusettigen. Treiben wir kein Versteckspiel; geben wir offen zu, daß wir auch ber der Ausstellung des Get, den wir als liberale Rabbiner auch nach erfolgter bürgerlicher Ehescheidung als unerläßlich betrachten, unseren liberalen Standpunkt sowenig verleugnen wie in anderem Falle. Es kann bekanntlich der Fall eintreten, daß der bürgerlich geschiedene Ehemann es rundweg ablehnt, seine Einwilligung zur Ausstellung des Scheidebriefes zu erteilen, oder daß er Bedingungen stellt, die aus wirtschaftlichen oder sittlichen Gründen unerfüllbar sind. Was soll dann geschehen? Fragen wir bte Orthodoxie, so zuckt sie die Achseln; der Buchstabe mit seiner einseitigen Bevorzugung des Mannes entscheidet, mag darüber Menschenglück zugrunoe gerichtet, Vernunft und Gewissen aus die härtesten Proben gestellt werden. Man erkennt einen Notstand an, man erwartet so etwas, wie ein Wunder: man vertröstet uns aus Palästina zu einer Tat wird inan sich me ausrassen. Orthodoxes Prinzip ist es;a gerade, nur oas einmal Hergebrachte zu dulden, und jedes Eingehen auf die Idee des Rechts auch in der Thoragesetzgebung als unzulässig und widergöttlich zu verwerfen. Was die Orthodoxie von sich weist: Führer i n zu lebendigem Judentum zu sein, übernimmt der Liberalismus. Er greift auf die Prinzipien zurück, sucht Möglichkeiten, um über einen toten Punkt hinauszukommen, und entwirft, wenn es sein muß, auch! im Eherecht neue Formen, die sich bald einleben und den alten Mißbrauch schnell vergessen machen; wie ihm solches im gottesdienstlichen Leben fast aus der ganzen Linie gelungen ist. Uebrigens wrro der Liberalismus einen Bundesgenossen viel eher im Polnischen Rabbinertum erhalten, als im Bannkreis der Frankfurter Trennungsorthodoxie. Die Zeit ist garnicht fern, wo wir in der Lage sein werden, authentische Dokumente dafür bcrzubringen. Schon heute warnen wir nnjere deutschen Thoratreuen, die sich selbst geschmackvoll als die Jere'im (d. h. Wahrhaft-Gläubigen) bezeichnen, den Bogen noch straffer zu spannen. Sie werden bald einsenen. daß auch im sacralen Rechte gilt: „summum jus, summa injuria", und daß sie weit hinter dem Leben zurückgeblieben. Der andere Fall betrifft die Ausnahme von Nichtjüdinnen rn das Judentum durch liberale Rabbiner. Wieder wird von Dr. Merzbach schlankweg behauptet, solche Ausnahmen entbehrten jeder religiösen Wirksamkeit; die betreffenden Proselvtrnncn bleiben Nichtjuden, dürfen also keine Ehe mit geborenen Juden eingehen. Geschieht es dennoch, jo sind ihre Kinder Nichtiuden, werden aber leicht von der Gemeinde als Juden behandelt und verletzen wieder den religiösen Adelsinstrnkt des Rabbiners Tr. Merzbach.^ Er ruft nach einem neuen Esra, verschweigt aber, daß es sich zur Zeit Esras um wirkliche Mischehen mit Heiden handelte, heute liberale Rabbiner umgekehrt Mischehen mit Christen (die doch wohl keine Heiden sind) bekämpfen, und wo eine solche bevorsteht ober bürgerlich bereits geschlossen ist, den Eintritt der nichtjüdischen Ehepartn (übrigens auch der Männer!) als das kleinere Uebel betrachten und begünstigen. Wie sehr sie damit im Rechte sind, hat soeben Pros. Michael G u t t m a n n in

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