Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Zahrgang Nummer 20 m -0 t A# MIII! Mi Ml WM 1. Beilage 18. Mai 1928 MIche Me Geheimrat Felix Deutsch zu seinem 70. Geburtstage Am 16. Mai vollendete Geheimrat Felix Deutsch, der Wrncrolbircttor der AEG., in bewunderungswürvigcr geistiger und körperlicher Frische sein 70. Lebensjahr. „Und wenn cs köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen": dieses Wort trifft wie kaum je aus einen anocren aus den Acaun ,V-i, der als S o h u eines Breslauers Kantors, baut seinen eigenen Auszeichnungen unter den bescheidensten Lebensbedingungen auswuchs, schon mit 15 Jahren als „Stift" in eine Breslauer Großhandelsfirma eintreten mußte und seil seiner ersten Weihnachtsgratifikation von 30 Dilbertalcrn sich als ein Krösus vorkam und fortab keinen Pfennig baren Geldes mehr von seinem sorgenbelasteten Bater annahm. Wenn man bedenkt, daß das .Haus Deutsch seit Jahrzehnten zu einem der wenigen wirklich repräsentativen Salons der Reichs- Hauptstadt gehört und daß der ehemals so bescheidene Breslauer Jüngling noch heute, an der Schwelle des biblischen Alters, in uiigebrochener Rüstigkeit, eine der größten weltwirtschaftlichen Unternehmungen leitet, so fühlt man sich iiahezu bemüßigt, das paradoxe Goethewort: „Genie ist Fleiß" als wahr zu unterstellen. Allerdings n u r, wenn man den persönlichen Erinnerungen des Jubilars folgt und der vielleicht falschen Bescheidenheit seiner Selbstbekenntnisse buchstäblichen Glauben schenkt. Ter autobiographische Rückblick aus sein Leben ist niedergeschrieben für die Söhne von Felix Deutsch und vielleicht darum nicht ohne pädagogischen Einschlag. In bewegten Worten und mit begreislichem Stolz erzählt der Mann, der heute an der Spitze der deutschen Wirtschaft steht, im Auslande und zwar nicht nur im europäischen höchste Ehre und ruhmvolles Ansehen genießt, seinen Söhnen von seiner eigenen beengten und beschränkten, trotzdem aber durch harmonisches Familienleben glückhaften Kindheit. „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt!" Der Adel solcher Pietät braucht nicht bloß dem Feudalherrn mit den 32 untadligen Ahnen zu eignen, sondern er zeichnet in gleichem ui gleichem Maß den Sproßen eines zwar materiell kleinbürgerlichen, aber doch von Geist und musischen Kräften beseelten jüdischen Hause aus. Und ein solches Haus war das Vaterhaus von Felix Deutsch in Breslau, von dem er seinen Kindern liebevoll Kunde tut: „Die Erziehung von fünf Kindern, der immerhin sehr lebhafte Verkehr mit der Außenwelt, den die Stellung meines Vaters im Gefolge hatte, waren selbst bei der bescheidensten Lebensweise, und obgleich meine Mutter es außerordentlich gut verstand, mit sehr genügen Mitteln Haus zu halten, doch so kostspielig, daß mein Vater, bis wir Söhne erwachsen waren, Geldsorgen eigentlich nie losgeworden ist. Daher kam kani es wohl auch, daß er den Wunsch hatte, alle seine Söhne zu Kaufleuten zu machen, damit sie möglichst bald unabhängig würden. Viel lernen, vor allem Sprachen, und schnell Geld verdienen, war das, was er uns stets empfahl, und er hatte immer beinahe Furcht davor, daß einer seiner Söhne seinen eigenen Beruf ergreifen könnte. Schon aus diesem Grunde wünschte er nicht, daß einer von uns sich intensiver mit Musik beschäftigte, und cs war ihm garnicht angenehm, als sich bei zweien meiner Brüder sehr schöne Stimmen zeigten; ich selbst durfte erst dann Klavierstunden nehmen, als ich nachwies, daß ich mir durch eigenes Studium mn ansehnliches Quantum Technik und Kenntnis der Klavierliteratur erworben hatte. Meinen ältesten Bruder, der schon mit sechzehn Jahren das Abiturientenexamen bestand, ließ man aber doch Jura studieren, während mein zweiter Bruder Kaufmann wurde und auch ich für diesen Beruf bestimmt war. Unsere Jugend verfloß harmonisch. Meine Eltern hatten einen großen Freundeskreis, und da bei uns stets musiziert wurde, ergab es sich von selbst, daß unser Haus der Mittelpunkt des ganzen Kreises wurde. Dabei sah mein Vater streng daraus, daß wir fleißig arbeiteten; Sport und sonstige Vergnügungen gab es zu jener Zeit nur in den allerwohlhabendsten ^Familien, und mein Vater hielt jede Stunde, die etwa mit Schlittschuhlaufen und ähnlichen Dingen ausgefüllt wurde, für vergeudet. Das Beispiel ernstester und strengster Pflichterfüllung sowie zähesten Fleißes, das uns mein Vater gab, hat sicher auf uns einen starken und nachbaltigen Eindruck gemacht." Und Felix Deutsch fährt in seinen Familienmemoiren fort, von den bescheidenen Sommerreisen nach nahegelegenen schlesischen Orten zu erzählen und charakterisiert auch diese recht primitiven „Ferien vom Ich" voll zärtlicher Erinnerung: „To bescheiden diese Reisen Verliesen, so glücklich waren wir mit ihnen, und ich bin im Laufe der Jahre immer mehr zu der Uebcrzeugung gekommen, daß einfache und bescheidene Erziehung sehr viel genußsähigcr und sehr viel glücklicher machen als eine in Luxus verbrachte Jugend." Nach einem kurzen Rückblick Deutschs auf seine Tätigkeit als „wohlbestallter Stift" in dem großen Handelshaus M. W. Heimann setzt der Jubilar seine, wie es uns scheint, über¬ PRESSA KÖLN Wir haben ausgestellt: 1) ln der jüdischen Sonderschau 2) In der deutschen Zeitschriftenschau, Westhalle, oberer Kleinsaal Gruppe II, Stand 406 mäßig objektiven Lebcnserinnerungen fort und plaudert zu seinen Söhnen von seiner weiteren Entwicklung als Lebensschüler: „Ich lvar nie ein besonders guter Schüler gewesen, >var aber ordnungsgemäß von Klasse zu Klasse gekommen, ohne daß ich ein besonderes Interesse für die Schule hatte, ivie ich auch ljeute nicht sagen kann, daß meine Erinnerungen an sie besonderen Reiz hätte. So kam ich bald über meinen Abgang von der Schule fort und versuchte, mich in das neue, mir gänzlich unbekaünte Leben hineinzusinden. Nach und nach bin ich aber doch zu der Ueberzeugung gekommen, daß es für junge Menschen, auch wenn sie sich dem kaufmännischen Beruf widmen, tvünschenswerk ist, das Abiturium zu machen, selbst wenn sie dabei ihre Karriere etwas später beginnen. Gewisse positive Kenntnisse und Zusammenhänge, die man sich in den höheren Klassen spielend aneignet, sind später nur mit großer Mühe und auch dann nur unsicher zu erlangen. Ich habe diesen Mangel in meinem späteren Leben häufig empfunden, ohne ihn entscheidend abstellen zu können, weil ich von Anfang meines praktischen Lebens an eigentlich zu jeder Zeit sehr scharf angespannt ivar. So hatte ich meine Jugend abgeschlossen und sollte versuchen, mir eine Stellung in der Welt zu schassen. Wenn ich heute (1916) aus die 43 Jahre meiner Tätigkeit zurückblicke, so glaube ich, daß ich viel Glück in meinem Leben gehabt habe." Andere und zwar einwandfreie Zeugen, wie Earl Fürstenberg, Emil Rathenau, Walter Rathenau, Mamroth und ihrer mehr, haben anders geurteilt, denn: „Wie sich Verdienst und Glück verketten, das fällt dem Toren niemals ein." Deutsch aber bleibt seiner Selbstbescheidung treu und baut fein curriculum Vitae logisch auf Und aus. „Ich habe die ganze Zeit der Entstehung und Erstarkung von Deutschland, die Zeiten seiner Macht und seines Einflusses auf die Geschichte der ganzen Welt miterlebt, und ich habe vor allem die fast märchenhafte Entwicklung der deutschen Technik und Industrie mitmachen können, nicht nur von ferne zusehend, sondern mitarbeitend, zuerst an den großen Fortschritten der Zucker-Industrie, später an der größten jüngsten und bedeutendsten Industrie der Welt, der Elektrotechnik, die alle anderen Industrien beeinflußt und fast alle gezwungen hat, sich zu modifizieren und zu modernisieren; die in Palast und Hütte, in größte Fabriken und Werke wie in die Werkstatt des kleinen Mannes Eingang gesunden hat. Ich glaube nicht, daß ich besondere Anlagen von Natur halte, aber ich bin sicher, daß ich von Anfang an mit Eifer und Pslichilreue meine Aufgaben erfüllt habe, daß ich mit zähem Fleiß von den Dingen, mit denen ich zu tun hatte, etwas zu lernen und zu verstehen gesucht und daß ich keine Mühe und Arbeit ^gescheut habe, etwas zu leisten und meinen Platz in der Welt auszusüllen. Ich habe an meinem Bater äußerste Pflichttreue tennengeternt und hatte schon frühzeitig den Wunsch, wie er in seinem Berns künstlerisch das .Höchste geleistet hatte und unbestritten der Erste >oar, auch meinerseits nicht im Mittelmäßigen haften zu bleiben. Ich schreibe dies alles für meine Söhne; sie werden sehen, daß mir das Glück zuteil lvurde, in bedeutenden und interessanten Dingen mein Leben zu verbringen, und sie werden vielleicht dabei lernen, daß Ernst, Fleiß und Gewissenhaftigkeit, Wille und Ehrlichkeit die besten Führer im Leben sind." Und nun geht der große Selfmademann, dessen Aktionen heutzutage alle großen Börsenplätze der Welt zu beeinflussen vermögen, und dessen Name am 16. Mai diesseits wie jenseits des Ozeans durch ehrenvolle Festschriften, Leitartikeln, Ansprachen und Stiftungen gepriesen und ausgezeichnet ward, dazu über, feinen Söhnen mit der ihm eigenen schlichten Sachlichkeit feinen kaufmännischen und industriellen Aufstieg zu offenbaren. Seiner ersten Tätigkeit in der Firma M. W. Heimann in Breslau, einem spezialtechnischen Handelshaus für Zuckerfabriken, ward schon Erwähnung getan. Vom Stift avanzierte er alsbald zum Lehrling und späterhin zum Kommis. In diesem Alter, da andere, materiell begünstigtere Jünglinge die ersten köstlichen Reize eines „gesicherten Lebens" kennen lernten, mußte der junge Deutsch von früh morgens um 6 Uhr bis abends um 11 Uhr schwere Arbeit verrichten und daneben noch die Zeit finden, soviel Französisch und Russisch zu lernen, um kleinere Briese und Rechnungen in diesen Sprachen für die vorwiegend östliche Kundschaft schreiben zu können. Es mag eine harte Zeit für einen so jungen Menschen gewesen fein, aber er hat gerade in ihrem Verlauf viel gelernt und sich an Disposition, schnelles Arbeiten, Organisation in seiner Tätigkeit und Menschenbehandlung gewöhnt, was ihm späterhin sehr zu Gute kommen sollte. Er felbst gesteht diese Vorteile offenherzig ein: „So verbrachte ich denn während der nächsten Jahre mein Leben zwischen Büro, Lager, Eisenbahnstationen und auf Reisen in Deutschland, Oesterreich und Polen. Für mein späteres Leben habe ich dabei viel gelernt; ich habe die Zuckerfabrikation in all ihren Details, mit ihrem komplizierten Mechanismus und ihrer Apparatur genau kennen gelernt und mir schon in sehr jungen Jahren eine erhebliche Erfahrung im Verkehr mit Menschen und deren Behandlung angeeignet." Während seine Brüder — der eine als Amtsrichter in Wüste-Giersdors, der andere in dem Berliner Bankhauje von S. Bleichröder - längst fest im Leben wurzelten, vagierte der junge Felix immer noch ziemlich hilf- und haltlos durch Dasein und Beruf. Deutschland war nach den fünf Milliarden der französischen Kriegsentschädigung in einen wahren Gründungstaumel geraten und wähnte, daß das unsolide Schlaraffenleben jener Epoche niemals enden könnte. Die Reaktion trat nur zu bald ein. Banken, Fabriken, Gesellschaften und Privatfirmen fallierten und tausende und abertausende Existenzen wurden vernichtet oder an den Bettelstab gebracht. Felix Deutsch war mittlerweile, dank einer Anregung feines Bruders, mit dem Bankhaus von Jacob Landau und der Nationalbank für Deutschland, die die deutsche Zuckerindüstrie ausschließlich beherrschten, in Verbindung getreten. Er wurde von der Firma engagiert, ohne eine rechte Vorstellung von seiner künftigen Tätigkeit zu haben. Der Ehes der industriellen Geschäfte der Firma, L. von Kaufmann, der nach Deutschs eigenem Bericht, „dem sehr bescheidenen Breslauer Jüngling gewaltig imponierte", sprach nur rm allgemeinen von seinen „großen" Unternehmungen und Erfolgen, von „großen" Zuckerfabriken, die gebaut werden sollten, von „großen" Elektrizitätsunternehmungen, mit denen er sich gleichzeitig beschäftigte usw. Und humorvoll schildert Deutsch die Art, wie sein Engagement zu Stande kam. „Er offerierte mir, da er erfahren genug war, um zu sehen, wie bescheiden ich war,, Mark 4 000. Gehalt pro Jahr für den Anfang, und da ich selbst damals noch «nicht wußte, daß man in diesen Kreisen nur um so mehr geschätzt wird«, je höher man sich selbst einschätzt, so nahm ich seinen Vorschlag dankend an. Wahrscheinlich hätte er mir noch lieber das doppelte und dreifache bezahlt, wenn ich es verlangt hätte." Am l. Juni 1882 kam Felix Deutsch in Berlin an, um alsbald zu einem unentbehrlichen Mitarbeiter des Landau'- schen Zuckerkonsortiums, gleichzeitig aber auch zum Teilnehmer Der deutschnationale und völkische Einfluß muß im Reichstag und Landtag gebrochen werden! Darum wann am 20. Mai nur SozialdemoKraten! Liste 1 Bezirksvorstand Berlin I. P. B. 40