Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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« nicht, wie ihr ungerechtsertigterweife vorgeworfen wird — für den Materialismus einzusetzen. Möge die jüdische Sonderschau in diesem Sinne berichtigend wirken und dem Judentum zu einer verständnisvollen Beurteilung in der Welt verhelfen. Herr Oberbürgerm ei st er Adenauer sprach die Freude des Präsidiums der Internationalen Pressa-Ausstellung aus über den so wohlgelungenen Bau und seinen interessanten Inhalt, sein altehrwürdiges Schrifttum, in dem auch das Christentum wurzelt. Seine Magnifizenz Herr Professor Walb bezog sich auf seine früheren, vor einer größeren Oefsentlichkeit gemachten Ausführungen, daß ihm die Judenfrage eine Kulturfrage bedeute. Ihm dünkt es wichtig, daß der Deutsche zu einer Würdigung des jüdischen Mitbürgers komme, sein „Anders fein" verstehen lerne, was dem Irreligiösen gewiß schwerer falle, als dem gläubigen Christen, der durch den gemeinsamen Ursprung der Religionen dem Judentum näher stehe. Auch diesem Redner scheint die Jsop eine wertvolle Hilfe zum Frieden und Verständnis innerhalb des deutschen Volkes. Als Vertreter der Synagogengemeinde Köln richtete Herr Emil Blumenau herzliche Tankesworte an die „besten Söhne der Gemeinde", die der Jsop Kraft und Arbeitszeit gewidmet haben. „Tie jüdische Presse nimmt Sinn und Idee von dem größten Erbgut der Juden, das ein Erbgut der Menschheit geworden ist, der Bibel. Daß man aber bei der Bibel nicht stehen blieb, zeige die heutige Veranstaltung, die alle Schäye des Judentums der Gesamtheit zugänglich machen möchte. Gemeinderabbiner Tr. Kober erläuterte eingehend Wesen und Aufbau der Ausstellung, streifte kurz die Geschichte des jüdischen Volkes, die in den ausgelegten Dokumenten sich spiegelt, und ließ seine aufschlußreichen Ausführungen in dem Wunsche des Welt- und Völkerfriedens ausklingen, den der Prophet in so wunderbarer Vision voraussah. Wir werden die Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Kober in der nächsten Nummer unseres Blattes ausführlich bringen. Ein gemütliches Zusammensein im Messehof vereinte am Abend die Teilnehmer der Eröffnungsfeier. T.R. Henriette May Tie jüdische Frauenwelt hat einen schmerzlichen, einen großen Verlust erlitten: Henriette May ist nach schwerem Leiden gestorben. Es ist unmöglich, in den ersten Tagen der Trauer von dem zu sprechen, was sie in der jüdischen Frauenbewegung, in der sozialen Arbeit, in zahlreichen jüdischen und allgemeinen Verbänden Umfassendes geleistet und schöpferisch angeregt hat. Nur das Empfinden ringt nach Ausdruck: Ein Mensch, ein edler, hilfreicher, guter Mensch ist dahin gegangen. Unendlich viele klagen: denn unendlich vielen hat sie gespendet aus ihrem Menschentum. Sie unterschied nicht zwischen arm und reich, zwischen vornehm und gering. Weder überschätzte sie die geistige Höhe, noch blickte sie überheblich auf minder Bedeutende. Sie suchte den Menschen, und ihre Güte, ihr feines frauliches Verstehen fanden ihn. Güte und Verstehen im Verein mit ihrer Abgeklärtheit halfen ihr auch Gegensätze zu versöhnen, Brücken des Verständnisses zu bauen und dadurch Kräfte frei zu machen für Arbeit, denn Schaffen und Wirken war ihr gleichbedeutend mit Leben, und ihr war es heiliges Gebot, keine Kraft ungenutzt zu lassen, keine Kraft vergeuden zu lassen in unfruchtbarem Hader und Groll. Die beispielhafte Treue, mit der sie selbst arbeitete, war ein Teil der Harmonie ihres Wesens. Frei von Doktrinarismus verstand sie es trotz der schweren enerrierenden Ansprüche des Alltags die Ungebrochenheit ihres Gefühls für Schönheit und Freude sich zu bewahren. Und ihre innere Ausgeglichenheit tat sich nach außen hin auch dem Fremdesten in der reizvollen Anmut ihrer Erscheinung kund. Zur Zeit ihrer Krankheit, deren Schwere jedes Klagen verständlich gemacht hätte, haben die Züge ihrer edlen Menschlichkeit aufs schönste sich noch ausgeprägt. In einem Zustande, der ihr jedes Recht gegeben hätte, an sich und nur an sich zu denken, fand sie bis zuletzt die Kraft, Freundschaft und Fürsorge allen denen zu schenken, die ihr je nahe waren. Die Erinnerung an soviel Treue, soviel freudige Pflichterfüllung in Menschlichkeit macht den Verlust zu einem unendlich schweren. Eine Erinnerung, die, will sie eine würdige sein, ihren Ausdruck finden muß in dem Bestreben, im Leben dieser Frau Vorbild und Verpflichtung zu sehen. Nur so kann ein wenig von dem Dank dafür abgestattet werden, daß wir Henriette May zu den unseren zählen dürfen. Bertha Falkenberg. * Am 14. Mai, nachmittags, verstarb in Berlin im Alter von 66 Jahren nach schwerem Leiden Frau Henriette May, eine Mitbegründerin der jüdischen Frauenbewegung in Deutschland und eine der ältesten Mitkämpferinnen der deutschen Frauenbewegung. Jahrzehntelang war sie Schriftführerin und Hauptvorstandsmitglied des von ihr mitbegründeten Jüdischen Frauenbundes. Sie war auch Mitbegründerin des Vereins für ethische Kultur, des Vereins für Gesundheitspflege und für .Hauspflege. In der jüdischen sozialen Fürsorge war sie hervorragend tätig, bei der Zentralwohlfahrts-' stelle der deutschen Juden war sie Gutachterin für Bekämpfung des Mädchenhandels. Sie war das erste-weibliche Mitglied des Central Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sie zu seinem Ehrenmitglied gewählt hat. Sie war Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses und des Zentralkomitees des Hilfsvereins der deutschen Juden. Sie betätigte sich auch in der allgemeinen Politik und war Vorstandsmitglied des demokratischen Frauenbundes. Ihr Tod hat eine große, schwer zu schließende Lücke in den Reihen der in freier Liebestätigkeit arbeitenden und führenden Frauen geriffelt. Die Beisetzung findet Sonntag vormittag von der Alten .Halte des Friedhofes in Weißensee statr. Amschau Jüdische Parolen zur Reichstagswahl. Bei früheren politischen Wahlen hatten sich die jüdischen Organisationen meist daraus beschränkt, zu betonen, daß Wahlrecht auch Wahlpflicht in sich schließe und daß die Abgabe eines Stimmzettels eine staatsbürgerliche Pflicht eines jeden jüdischen Deutschen darstelle. Es ist interessant zu sehen, daß bei der diesmaligen Wahl ein derartiges Handeln in jüdischen Kreisen als selbstverständlich vorausgesetzt wird und daß, wenn auch in vorsichtigster Form, eine Stellungnahme zu deu Parteien erfolgt. Das kommt nicht mu° durch Versammlungen zum Ausdruck, in Berlin sprachen in Kundgebungen des Eentral- Vereius deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Vertreter der sozialdemokratischen, demokratischen, Volks und Zentrumspartei — sondern auch insbesondere in den offiziellen Vereinsorganeu. Allerdings können die in diesen vertretenen Auffassungen den, der aus sein Deutschtum und sein Judentum stolz ist, nicht restlos zufriedenstellen. Am unmöglichsten ist der Aufruf, den der Verband nationaldeutscher Juden veröffentlicht: „Wählt deutsch!" Wir können wohl gewiß nicht besonderer Zionistenfreundlichkeil geziehen werden in einem Ausruf für deutsche Reichstagswahlen von 30 Zeilen aber ein Drittel zur Polemik gegen deu Zionismus zu verschwenden, das heißt doch natürlich, die Wahlen vom jüdischen statt vom deutschen Gesichtspunkt aus betrachten trotz der Mahnung: „Wählt deutsch." Wenn eS am Schluß des Aufrufes heißt: „Der nationaldeutsche Jude wählt nicht nach jüdischen, sondern nach deutschen Gesichtspunkten", so scheint uns eine derartige Formulierung viel zu primitiv, um von Wert zu sein. Liest man den Ausruf der Nationaldeutschen, so könnte man fast vermuten, bei ihnen sei in Vergessenheit geraten, daß gerade sie immer wieder den Antisemitismus als eine Gefahr für das Deutschtum geschildert haben, die keineswegs nur von jüdischen, sondern auch von deutschen Gesichtspunkten bekämpft werden muß. Gewiß wird der jüdische Deutsche bei der Reichstagswahl sich nach deutschen Gesichtspunklen zu entscheiden haben, als selbstbewußter Jude wird er aber sich klar darüber sein, daß seine deutsche Individualität auch von jüdischem Kulturgut mit geformt ist: der Begriff „deutscher Jude" oder „jüdischer Deutscher" repräsentiert eine seelische Einheit, die sich selbstverständlich auch bei der Abgabe des Stimmzettels auswirken soll. Völlig vom Wahlkampf beherrscht wird in den letzten Wochen das Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die C.-V.-Zeitung scheint zu übersehen, daß die Judenfrage bei der diesmaligen Wahl gar keine, oder wenigstens nur eine sehr nebensächliche Rolly spielt. Jedenfalls läßt ihre Lektüre diesen doch recht erfreulichen Umstand fast vergessen. Die ausgegebene Parole lautet: „Jede Stimme für die Verfafsungsparteien bedeutet Schwächung der offen und verkappt völkischen Parteien." Darf man wohl fragen, was eine „Verfassungspartei" ist? Und ob beispielsweise die Deutschnationale Volkspartei, deren Vertreter im Reichskabinett den Eid auf die Verfassung leisteten, nicht zu ihnen zu rechnen ist? Darüber kann doch aber wohl ein Zweifel nicht bestehen, daß die Deutschnationale! Volkspartei zeitweise zu den offen, zeitweise zu den verkappt völkischen Parteien gehört. Wir halten die C.-V.-Parole aber auch mit Rücksicht auf das Zentrum, dessen Vertreter sogar in jüdischen Wahlversammlungen das Wort ergriffen, für verfehlt. Wir achten jede ehrliche Anschauung und eine religiöse Ueberzeugung, die ja die Grundlage der Zentrumspartei bildet, in besonderem Maße. Wir haben aber die schwersten Bedenken dagegen, daß Juden ihren Stimmzettel für die Zentrumspartei abgeben. Der Reichsparteivorstand der Deutschen Zentrumspartei hat in einem für die Partei grundlegenden Aufruf ausdrücklich betont: „Was ihre Anhänger eint, ist nach wie vor die Gemeinschaft einer Idee: die Idee der christlichen Volksgemeinschaft." In dem gleichen Aufruf heißt es: „Die Ueberwindung des materialistischen Geistes, die Versöhnung der Stände, den Sieg über Klassen kampf und Klassenegoismus kann nur der Geist des Christen tums herbeiführen." Ferner: „In der inneren Politik find unsere Ziele: Der demokratische Staat. Wir bekennen uns zum christlichen Volksstaat." Eine Partei mir solchen Grundsätzen sollen und wollen wir achten. Ihr jüdische Stimmen zu geben, halten wir für ebenso verfehlt, wie die Zentrums^ Partei einen ihr zugehörigen jüdischen Rcichstagsabgeordneten als nicht am richtigen Platze empfinden dürfte. Wenn wir die kleineren Parteien außer acht lassen, so möchten wir meinen, daß vom Standpunkt des selbstbewußten jüdischen Deutschen „nur" die Wahl von drei Par leien möglich ist. Es hat sich zu entscheiden zwischen Liste 1 (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), Liste 4 (Deutsche Volkspartei) und Liste 6 (Deutsche Demokratische Partei). Das offen auszusprechen scheint uns klügere Politik, als Versteckspiel hinter unklaren Parolen. Statistik der Mischehen. In der März-Nummer der Ose Rundschau veröffentlicht I. Koralnick einen umfangreichen, sehr lesenswerten Artikel „Zum Bevölkerungsproblem der Juden Deutschlands". Dabei wird auch eingehend die bisherige Methode der Mischehenstatistik beleuchtet: „Meistens verfährt man in der Weife, daß man den Prozentsatz der Mischehen in bezug auf rein jüdische Ehen errechnet. Dieses Verfahren ist indes nichts weniger als richtig, und must voll ständig aufgegeben werden. Denn es werden dabei zwei heterogene Größen, nämlich die Anzahl der eheschließenden Personen in den Mischehen mit der Zahl der rein jüdischen Eheschließungen verglichen. Betrachten wir beispielsweise die Statistik der Ehen im Deutschen Reiche für das Jahr 1924, aus welcher wir bei der Anwendung der erwähnten Methode einen besonders hohen Prozentsatz der Mischehen ermitteln. Es wurden in diesem Jahre geschloffen: Ehen jüdischer Männer mit jüdischen Frauen 3310 Ehen jüdischer Männer mit christlichen Frauen 1019 Ehen jüdischer Frauen mit christl. Männern 528 Gegenüber 3310 rein jüdischer Eheschließungen stehen somit 1547 Mischehen. Auf je 100 rein jüdischer Eheschließungen entfallen somit 47 Mischeheschließungen. Dieser hohe Prozentsatz erweckt die Vorstellung von einem katastrophaleil Zustand, von einem schauerlichen Zusammenbruch des deutschen Judentums, von einem Zerfall der deutschen jüdischen Fa milie, der Grundfeste der ganzen jüdischen Bevölkerung! In der Tat liegen aber die Verhältnisse anders; denn die jüdi /chen Mischehen dürfen keineswegs ohne weiteres auf Die rein jüdischen Eheschließungen numerisch bezogen werden, da ja jede rein jüdische Eheschließung zwei jüdische Teilnehmer, jede Mischehe dagegen nur einen jüdischen Teilnehmer involviert. Berücksichtigen wir diese Tatsache, so erhalten wir, daß auf 6620 jüdische eheschließenden Personen (3310x2; in den reinjüdischen Ehen nur 1547 jüdische eheschließende Personen der Mischehen entfallen. Daraus geht hervor, daß nur 18,9 Prozent aller jüdischen Männer und Frauen im Jahre 1924 Mischehen eingingen. Dieser Quotient macht aber schon bei weitem nicht den niederdrückenden Eindruck wie der nach der üblichen Methode gewonnene Prozentsatz von 47 Prozent, insbesondere wenn man die vorhergegangenen Jahre zum Vergleiche heranzieht: der entsprechende Quotient betrug 1910 etwa 11,4 Prozent, und 1914 gar 20,4 Prozent. Daß das alte Verfahren der Beziehung der jüdischen Mischehen auf die rein jüdischen unzulässig .ist, ist so offenkundig, daß es verwunderlich erscheint, daß auch erfahrene und namhafte Forscher sich feines bedienen. Unter den in letzter Zeit erschienenen nennenswerten statistischen Abhandlungen, die sich mit dem Problem der Mischehen bei den Juden befassen, wird dieses irreführende Verfahren u. a. angewendet von Dr. Segall in feinem Aufsatze „Zur Statistik der Juden in Berlin" (Jüdisches Jahrbuch für Groß- Berlin für 1926), und selbst von einer internationalen statistischen Autorität wie Prof. Dr. Silbergleit in feiner Abhandlung „Zur Statistik der jüdischen Bevölkerung Berlins" in Nr. 9 bis 12 der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden". Koralnick fährt dann fort: „Bei einer näheren Betrachtung zeigt sich aber bald, daß auch die verbesserte Methode keinesfalls richtig ist und weder für die Verhältnisse der Kriegszeit noch für die der allerletzten Jahre brauchbar ist. Denn dieses Verfahren setzt eine konstante Nuptialität der Bevölkerung voraus. Unter dieser Voraussetzung würde allerdings der Anstieg der Zahl der jüdischen Personen, die eine Mischehe eingehen, das richtige Kriterium zur Beurteilung der Abkehrtendenz innerhalb des Judentums bedeuten. Indes schon die Periode 1900—1910 genügt dieser Voraussetzung nicht im vollen Maße. Denn während die Mischehen sich in diesen Jabren natürlicher und selbstverständlicher Weife in kür 6ins freiheitliche, soziale und nationale Politik in der Deutschen Republik tritt bedingungslos ein die Deutsche Demokratische Partei Darum wählt I ictp ß am 20. Hai LflÖlU U Deutsche Demokratische Partei