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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-18 · 20 (18.5.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
20 (18.5.1928)
Date
1928-05-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MdlschliberaleZeitmiL Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Anzeigenpreise: D»e ^gespaltene lionparaillezette 0.45 Goldmark, die Reklamezette 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch.liberale Zeitung* Inseratenabteilung: Berlin SW 48. Wtthelmslraße 147 (Bergmann: 3358-59). sowie sämtl. Anuoncen-Cxpeditioa. 7fr. 20 Berlin. 18. Alm 1928 8. Jahrgang Bezugeprei» durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 2.50 Liuzeluammer 0L0. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Verantwortl. Redakteur: Bruno Doyda. Die „Jüdisch.liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschüftsstetle: Verlin SD «S. Wilhelmstr. 14? Fernruf: Bergmann 3356. 3359 Postscheckkonto- Berlin AD 7. 137 069 (Vereinigung für da» liberal? .friimitartti Rachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der _Redaktion gestattet._ Kö«m», der Zwilche, Smdalchm de, „»resse- Tie Pressa, die am Samstag vormittag feierlich eröffnet wurde, enthält in einer Reihe von Abteilungen manches Material, das uns Juden besonders interessiert. Wir werden darüber in einem weiteren Aufsatz demnächst berichten. Die Schriftltg. Tie Jüdische Sonderschau „Jsop" ist in einem von Herrn Architekt Robert Stern, B.D.A., entworfenen turmgekrönten neuzeitlichen Gebäude untergebracht. Im Aeußern klar gegliedert und innen harmonisch aufgeteilt, wirkt der Bau schön und sachlich und ermöglicht die übersichtliche Unterbringung und Anordnung des reichen Materials. Die Farbengebung bringt alles zur schönsten Wirkung. Beim Eintritt gelangt man in die zentrale Halle, um die sich die einzelnen Abteilungen gruppieren. Der rückseitige Teil ist als Musterbibliothek einer jüdischen Redaktion und als Lesesaal eingerichtet. In der Mitte der Halle ist eine 500 Jahre alte Thora aus Worms als ehrwürdiges Symbol und Ausgangspunkt aller kulturhistorischen Entwicklung ausgestellt, umgeben von silbernen Thoraschildern und anderen Kultgcgenständen in der gleichen Vitrine. Den äußeren Rahmen dazu bilden an den Wänden vier reich bestickte Thora-Vorhänge aus verschiedenen Zeiten und Gegenden Deutschlands. Am Eingang hängt das herrliche Gemälde Lesser Urys: Moses erblickt vom Berge das gelobte Land in der Ferne. An den Seiten hängen Teppiche mit eingewirktem Gebet in hebräischen und deutschen Lettern, von B. Wolpe, Offenbach, entworfen. Besitzer Rechtsanwalt und Notar Dr. Guggenheim, Offcnbach. Die Wölbungen der Nischen find mit vergrößerten Darstellungen alter jüdischer Münzembleme geziert, und an den Seiten hängen Abgüsse der Siloa-Jnschrift und Inschrift Jerusalem. Ringsum ziehen sich die Glasschränke, die die kulturhistorische Schau bergen. Mit großer Kenntnis und eifriger Arbeit gelang es dem Leiter derselben, Herrn Rabbiner D r. Kober, alles Materials zu beschaffen und anzuordnen. Manches Wertvolle konnte nicht im Original gezeigt werden und ist in guten photographischen Nachbildungen vorhanden, wie z. B. der Palästina-Pentateuchtargum, die Münchner Talmudhandschrift usw. Aus dem Jahre 1204/5 ist das Originalblatt einer Samaritanischen Triglotte da. In der alten illustrierten Hagada fallen die leuchtenden Farben der gut erhaltenen Bilder ans. Aus dem reichen Besitz des Breslauer Seminars ist ein Machsor (Rom 1486) zu erwähnen. Tie Ungarische Akademie ist Besitzer des Mischna Kode Kaufmann. In den seitlichen Sälen setzt sich die kulturhistorische Schau fort. Wir sehen Edikte der Kaiser (Ferdinand, Rudolf II.), das Toleranzpateut Josephs II. von 1782, erzbischöfliche Erlasse und schließlich das Edikt Friedrich Wilhelms IV. von Preußen aus dem Jahre 1817. Alle versuchten die Lösung der Judenfrage. Jeder auf seine Weise. Tie Werke von Rühs und Fries 1816 (u. a.: Tie Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden) leiten den neueren Antisemitismus ein. Hartwig Hundt von Radowskys: Die Judenschule (1823) ist mit einem gehässigen Titelkupfer „geschmückt". Eine Fülle von Abwehrschristen in dieser und anderen Abteilungen zeigen, welche Kraft das Judentum dauernd in diesem Kamps zu verschwenden gezwungen wurde und bis auf den heutigen Tag gezwungen wird. Ausgedehnt ist die jiddische Abteilung. Aus allen Ländern und Erdteilen jiddische Tageszeitungen, Schriften, Jomtvw-Zeitungen, humoristische Zeitschriften, politische und Jugendschriften erscheinen in jiddisch bis zum fernsten Westen und Osten. Die vergrößerte Darstellung eines Hochzeitszuges nach alten Vorbildern, von Flora Johlinger gemalt, schmückt als Fries die Abteilung. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" bringt eine gedrängte Darstellung vom Werdegang des jüdischen Liberalismus. Dr. Seligmanns Geschichte der jüdischen Reformbewegung, Grundsätze des jüdischen religiösen Liberalismus von Dr. Lewkowitz, mehrere Jahrgänge der Wochenschrift „Liberales Judentum", einige Bände der Jüdisch-liberalen Zeitung in der Berliner und Kölner Ausgabe. Darüber sind die Bildnisse von Geiger, Cohen und Lazarus und eine Plakette Paul Nathans angebracht, die den modernen jüdischen Liberalismus würdig repräsentieren. Die Abteilung wird in nächster Zeit noch wesentlich vervollständigt werden. Die Zionistische Organisation bringt eine Uebersicht ihres Werdens und ihrer Arbeit in schöner Zusammenstellung von Schriften, Kongreß-Protokollen, Zeitungen usw. Statistische Darstellungen des Keren Kajemeth und Keren Hajessod veranschaulichen das Wachsen des Bodenbesitzes, die Wasserversorgung, Waldpflanzung usw. Die Schriften Theodor Herzls und sein von Struck radiertes Bildnis bilden den geistigen und räumlichen Mittelpunkt. Das Komitee für den Osten stellt interessante Berichte aus, darunter der Bericht des Herrn Justizrat Dr. Bodenheimer über seine Reise nach Russisch-Polen, die er im Auftrag des Komitees während des Krieges unternommen hat. Alles in allem genommen darf gesagt werden, daß sich die „Jfop" würdig den weltanschaulichen Sondergruppen anschlreßt, und daß ihre Schöpfer, allen voran der unermüdliche aller Hindernisse nicht achtende Justizrat Bodenheimer, sowie der umsichtige Sammler und Ordner Rabb. Dr. Kober stolz aus das mit unendlicher Mühe vollbrachte Werk blicken können. Die Eröffnungsfeier Dienstag vormittag 11 Uhr fand unter Teilnahme des Oberbürgermeisters der Stadt Köln, des Rektors der Kölner Universität Professor W a l b, Vertreter der Geistlichkeit, des Auswärtigen Amtes, der Preußischen Regierung, der Presse, des Vorstandes der Kölner jüdischen Gemeinde die Eröff- In dieser Woche beginnen wir mit der Veröffentlichung einer Arlikelrelhe: Wische köpfe Persönliche Kenntnisse und Erfahrungen, eingehende Matcrialsammlung, interessante Dokumente und beachtliche Zeugnisse von Männern des öffentlichen Lebens bilden die Grundlage dieser Aussätze, in denen zum ersten Mal in einem jüdischen Blatt die führenden jüdischen Persönlichkeiten der deutschen Gegenwart geschildert werden. In W.und Kunst, in Wirtschaft und Technik, in Politik und Presse sind heute Juden in leitenden Positionen. Ihr Elternhaus, ihr Werdegang und ihr Sein wird hier besprochen werden. Diese Aussätze sollen Ansporn sein und mit Stolz erfüllen. Noch vor 150 Jahren gab cs keine Emanzipation der Juden in Deutschland. Diese Aussätze werden Früchte der Emanzipation zeigen — was in Zeiten antisemitischer Boykottbestrebungen und nationaljüdischer Resignation notwendiger ist denn je. Diese Aussätze werden ein Bild von der Mitarbeit von Juden an deutscher Kultur und deutscher Weltgeltung geben. Die Artikelreihe verfaßt im Austrage unserer Redaktion Doris Wittner. Lesen Sie diese Aufsätze von Doris Wittner! Das Hamburger Israelitische Familienblatt hat mit am wirkungsvollsten ausgestellt. Breiten Raum widmet es allen Gebieten, auf denen sich Juden betätigen: Wissenschaft, Politik, Religion, Kunst, Sport usw. Besondere Beilagen und Zeitschriften vergrößern den Kreis des Verlags noch. Der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten mit seinen Abwehrblättern: „Der Schild" gibt Kunde von seinem Kampf gegen den Antisemitismus. Von den vielen ausländischen Abteilungen Organisation francaise, Nordische Länder usw. seien aus der Fülle als besonders reizvoll erwähnt: Decret du Prefet des Bouches de la Meuse über die Namengebung der Juden, der Erlaß des Eonsistoire central des Jsraelites über die Gebete, die in den Synagogen für Napoleon I. und seine Familie gesprochen wurden und das Ceremonial, welches dabei zu beachten war (1809). Das Bild des Isidor Grand Rabbin de France aus den 80 er Jahren mit dem Jesuitenhut würde man wohl für das Porträt eines katholischen geistlichen Würdenträgers halten. Bilder und Schriften über den falschen Messias Sabatai Zewi sind in den verschiedenen Abteilungen anzutreffen. In einem der Seitensäle ist eine „Klaus" eingerichtet. Behaglich liegen die großen Folianten ausgeschlagen auf dem Tisch. Ein breiter Sessel davor. Ringsum Bücher in großer Zahl und Leselampe sowie Sabbathleuchter. An der Wand zwei alte Stiche, ein türkisches jüdisches Paar darstellend mit besonders vorgefchriebener Kleidung, die, wie in anderen Staaten, die Juden von den anderen Bürgern unterscheiden sollte. Ter Verein für Phonetik der hebräischen Schrift stellt eine Tafel mit Regeln aus. Eine Zeitschrift für jüdische Gehörlose ist ferner zu sehen und eine Zirkularverfügung des israelitischen Konsistoriums von Treves aus dem Jahre 1810 über jüdische Bettler und Landstreicher. Eine große Zahl von Bildnissen, Stichen, Radierungen usw.^ unterstützen in anschaulicher Weise die Wirkung der Ausstellung. Tie Schau wird wohl in Kürze noch weiter ergänzt werden, ivorüber noch berichtet werden wird. Eine besondere Schau jüdischer Graphik ist im Obergeschoß des Gebäudes. Unter anderem Liebermann, Wolfsfeld, Chagall sind mit bekannten Blättern vertreten, Budko zeigt kräftige Schnitte. Interessant ist die Darstellung einer Befchneidung von I. Kaufmann. Dies Blatt beweist, daß man trotz schwarzen Rocks und grotesker Cylinder jüdische Szenen mit Empfindung gestalten kann. Jjensteins Habimaszenen sind tief gefühlt. Ernst Oppler, der dem breiten Publikum nur als Schilderer des Tanzes bekannt ist, wird hier manchen durch seine jüdischen Motive überraschen. Er dringt ja hier wohl nicht ganz in die Tiefe. Ehrlichs durchgeistigte Frauengestalten wirken visionär. Bon Lozowick sind stilisierte, rhythmische Architekturbilder ausgestellt. Die Reihe beschließt m kraftvoller, innerlicher Wirkung Steinhardt mit Illustrationen zur Bibel und Hagada. Reiches Material wartet noch ans öfteren Wechsel der Ausstellung. nungsfeier der jüdischen Sonderschau der Pressa (J.S.O.P.) statt. Als die Gäste im stimmungsvoll hergerichteten Ehrenhof und Lesesaal Platz genommen hatten, ergriff Herr Rabbiner Dr. Rosenthal nach einem Harmoniumvorspiel des .Herrn Alois Kreuz das Wort und empfahl den neuen Bau Gottes Schutz. Er wies aus die Heilige Schrift hin, die im Mittelpunkt der Raumes als wirkende und zeugende Kraft des ganzen jüdischen Schrifttums Aufstellung gefunden hat, auf das Bild Moses, der Verkörperung des nach höchsten Zielen strebenden Menschen und auf den Spruch des Propheten Zacharia, der als Motto über die Ausstellung gesetzt ist: Nicht durch Kraft und Macht, in meinem Geiste werdet ihr siegen. Diesem Geist, der Joee ist die Jfop geweiht. Herr Justizrat Dr. Bodenheimer, der Vorsitzende des Arbeitsausschusses der Jsop, begrüßte die Erschienenen und dankte vor allem den Ehrengästen für ihre Anwesenheit. Besonderer Tank wurde dem Generaldirektor Herrn Tr. Esch und der Kölner Jüdischen Gemeinde zuteil, die durch ihre materielle Hilfe diese Sonderschau ermöglichten. Nach der Würdigung der Mitarbeit des unermüdlichen Leiters der kulturhistorischen Abteilung, Herrn Dr. Kobers, erklärte Tr. Bodenheimer die Ausstellung für eröffnet. Den Ausgangspunkt seiner Festrede bildete das Wort Wolframs von Eschenbach, dem der zeitgenössische Dichter Bin ding die Fassung gab: „Freude schafft die Tat; und die Tat soll Freude schassen." Nichts Menschliches, so meinte der Redner, taugt, >..>enn es ohne Freude geschaffen ist: ebenso aber soll es empfangen werden. Damit nun der Jüdischen Abteilung solch frohe Ausnahme zuteil werde, wolle er versuchen, alle Einwänve, die gegen das junge Werk erhoben werden könnten, zu entkräften: So wurden bei der Finanzierung der Jsop Bedenken laut, so viel Geld für ein Werk, das nur für Monats berechnet ist, zu opfern, statt es charitativen Bestimmungen zufließen zu lassen. Doch nicht die reale Dauer ist ausschlaggebend, sondern die Dauer der Wirkung, die ein Werk auszuüben vermag. Und in diesem Sinne würde die Jsop gewiß allen Ansprüchen gerecht werden. In erster Linie ist es Aufgabe der Schau, durch das ausgestellte Material den Angriffen des Antisemitismus entgegenzutreten, die sich gegen eine geheime Jnternationalität der jüdischen Presse richten und die ein geheimnisvolles Gesamtorgan voraussetzen, das in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Im Gegenteil: noch nicht einmal besteht die Organisation eines jüdischen Presseverbandes, der die Beschaffung des in alle Weltteile verstreuten Materials gewiß erleichtert hätte. Wenn aber eine solche gemeinsame Spitze existieren würde, so wäre ihre einzige Bestimmung der jüdischen Tradition gemäß dein Bölkersrieden und der Wahrung der Menschenrechte zu dienen. Als Kern der Ausstellung sei das alte jüdische Schrifttum anzusehen, das wie ein roter Faden die gesamte jüdische Presse, gleich, nach welchen sozialen, politisHn und religiösen Zielen hin sie orientiert ist, durchzieht. Dieser ihrer Herkunft nach wird die jüdische Presse immer bemüht sein, sich für Menschenrecht und Völkerverständigung — und 1 3295

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