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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Handeln steht ganz und gar unter der Herrschaft der Empfindungen und Triebe. Ihm gilt nur das als wirklich, was sich unmittelbar feinen Sinnen darbietet. Er besitzt aber weder das Verlangen noch die Möglichkeit, das Wahrgenommene, Empfundene zu kritisieren, zu berichtigen. Der Mythos kennt keine verschiedenen Grade objektiver Gewißheit, kennt keinen festen Unterschied zwischen Wahrheit und Dichtung, zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod (vergl. dazu Hermann Cohens Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte, herausgegeben von Prof. Ernst Cafsirer und Prof. Albert Görland, erschienen im Akademie-Verlag, Berlin. Seite 88 ff.). Den Trieben und Empfindungen hingegcben, gestaltet der mythische Mensch sich und seinen Charakter nicht selbst, sondern läßt sich formen und bilden von dunkeln, ihm unbekannten Mächten. Nicht nur die Vorgänge der äußeren Natur, sondern auch die Erlebnisse seiner eigenen Seely bleiben ihm gänzlich fremd. Der mythische Mensch erlebt eben alles nur passiv, er ist nur ein Spielball in den Händen der Dämonen: sein ganzes Selbstbcwußtsein liegt eben bei den Göttern. Ans dem Mythos aber ist nun alle Kultur herausgewachsen: die Wissenschaft, die Sittlichkeit, die Poesie und alle Kunst. Und nun entsteht die wichtige Frage, ja die Lebensfrage aller Kultur, nach Cohen: Ist nun die Wurzel aller Kultur, der Mythos, tot, oder hat er sich in den Kulturentwicklungen selbst dennoch forterhalten? Diese lebenswichtige Frage der Kultur glaubt Hermann Cohen ganz entschieden bejahen zu dürfen. Der Mythos, sagt Cohen, ist noch lange nicht tot, in allen Zweigen und Richtungen der Kultur lebt er »och weiter fort. Selbst die Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft, enthält noch mythisches Erbgut. „Selbst in der wissenschaftlichen Erkenntnis", sagt Ernst Cafsirer in feinem geistreichen Buche „Das mythologische Denken", „hat sich die scharfe Scheidung zwischen dem Dinge einerseits, der Eigenschaft andererseits nur ganz allmählich und unter dau errchen gedanklichen Kämpfen durchgcfetzt. Immer wieder begegnet es auch hier, daß die Grenzen des Substanziellen und des Funktionellen sich verwischen, daß es zu einer halb mythischen Hypostase reiner Funktions- und Beziehungsbe griffe kommt. Auch der physikalische Krastbegrifs hat sich nur langsam aus dieser Verschlingung gelöst. Immer von neuem kehrt auch in der Geschichte der Physik der Versuch wieder, die verschiedenen Formen des Wirkens zu verstehen und zu klassifizieren, daß man sie an bestimmte Stoffe und deren Uebertragung von einem Raumpunkt zum andern, von einem Ding zum andern gebunden denkt. Noch die Physik des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts hat in dieser Weise von einem Wärmestofs oder von einer elektrischen oder magnetischen Materie gesprochen. Aber wenn die eigentliche Tendenz des wissenschaftlichen, des analytischen kritischen Denkens darauf geht, sich von dieser stofflichen Vorst cllungsart mehr und mehr zu befreien, so ist es dem Mythos eigentümlich, daß er bei aller Geistigkeit seiner Objekte und Inhalte, in allen seinen Begriffen, verhaftet an den Körpern klebt. Auch in der Philosophie, in der Enthik und Aesthetik liegen die Dinge nicht anders. Aller Materialismus, Realismus, Psychologismus enthält noch in sich ein Stück Mythos. Man braucht nun vielleicht um die Wissenschaft, um die Philosophie nicht so sehr besorgt zu sein, und die Hoffnung mag durchaus berechtigt sein, daß die Wissenschaft, die Philosophie eines Tages den Mythos ganz verdrängen, ganz abschütteln wird, weil ja der Mythos dem Wesen der Wissenschaft, dem Wesen der Philosophie widerspricht, diametral entgegengesetzt ist: denn Wissenschaft, Philosophie ist ja das gerade Gegenteil von Mythos. Mythos ist ein undurchdringliches Durcheinander der Probleme und der Begriffe, Wissenschaft, Philosophie dagegen das strenge Auseinanderhalten der Begrifft. Mythos ist ausgesprochene Passivität, wahre Wissenschaft, wahre Philosophie reine Aktivität. Im Mythos wird der Mensch von außen, von äußeren Kräften bestimmt, in der Wissenschaft, in der wahren Philosophie bestimmt der Mensch selbst, wird er sich seiner eigenen Kräfte bewußt. Um so großer muß aber unsere Sorge um die Religion sein.. Denn in der Religion scheint der Mythos viel festere Wurzel gefaßt zu haben. Aus dem Boden der Religion fühlt sich der Mythos wie heimatlich angehaucht: handelt doch auch die Religion von Gott und seinen Beziehungen zum Menschen und von der Religion aus versucht der Mythos nun sein Netz, seine Herrschaft über das menschliche Wesen auszubreiten. Wenn anders nun die Religion das Wesen des Menschen ausmach!, wenn sie - wie Cohen einmal sehr schön sagt — bas Kunstwerk bildet, in dem das Räderwerk seines Lebens seine seelische Einheit findet, so entsteht die bange Frage: Ist unsere .Hoffnung berechtigt, daß auch die Religion einmal siG vom Mythos gänzlich befreien wird? Gibt es überhaupt, ja Jann es überhaupt eine Religion geben, die ganz mvthosirei ist, oder bildet vielmehr dieses Dunkle, Geheim bmmnisvolte, Mysteriöse das Wesen, die große Anziehungslruft der Religion? Gibt es unter allen Religionen wenigstens eine, die den Versuch macht, das Dunkle, Mysteriöse auszuschalten, den Mythos zu bekämpfen, gibt es wenigstens ezne Religion, deren Gott nicht nur im Dunkeln ruht, sondern jich in Licht hüllt wie in ein Gewand? Gibt es wenigstens eine Religion, die den wissenschaftlichen Weg, die Wissenschaft liche Methode einschlägt, die Vernunft und Einsicht fordert und fördert, so daß man hoffen könnte, hoffen dürfte, oaß auf dem Boden dieser Religion die in tausend Gruppen und Sekten zersvaltene, zersplitterte Menschheit sich mal einigen würde, wie die Menschheit einig ist aus dem Boden der Mathematik, daß es endlich einmal eine Religion geben wird, Wia es nur eine Mathematik gibt? Diese Religion der Vernunft suchte nun Hermann Cohen, und er fand sie in den Quellen des Judentums. Das Judentum ist die erste und die einzige Religion, die mythosfrei ist, ja die gerade .Bekämpfung des Mythos entstanden ist. In der Bekämpfung des Mythos erschaffen die Propheten die Religion des^ Judentums. Die Propheten verwerfen die Götter als dre Symbole der Unsittluhkeit, der geistigen Sklaverei und lehren die Menschheit den einen einzigen Gott erkennen. Durch diesen Begriff des einzigen Gottes steht das Judentum m einer schroffen Opposition zum Mythos. Gott ist einzig - dies ist der neue Gedanke, mit dem der jüdische Monotheismus in die Welt tritt. Das Judentum besteht nicht etwa nur in dem Glauben an Gott, sondern vielmehr in dem Glauben an den einzigen Gott. Worin unterscheidet sich aber nun der Glaube an Gott von dem Glauben an .den einzigen Gott? Der eine Gott bezeichnet nur den Gegensatz -u den vielen Göttern, lehnt nur die Vielheit der Götter ab, die Einzigkeit Gottes dagegen bedeutet das einzige Sein, s^rne Unvergleichbarkeit mit allen andern Arten von Sein. Denn im Polytheismus handelt es sich allein um die Götter und ihre Bielbeit, sondern um ihr Verhältnis zur Natur, zu den großen Naturkräften, in denen allen die Götter sich objektivierten. Wenn daher der Monotheismus in einen Gegensatz zum Polytheismus tritt, so muß auch das Verhältnis Gottes zur Natur sich verändern. So bedeutet der einzige Gott das einzige Sein. Nur Gott ist Sein, die Natur ist Schein, ist nur ein Werden, ein Entstehen und Vergehen. Deshalb kann es auch vom wahren Gotte kein Bild geben, weil die Götterbilder doch nur Bilder von Gegenständen der Natur sein können; der einzige Gott aber ist mehr als Natur, ist höher als Natur, dem gegenüber die Natur in ein Nichts versinkt. Und nur von hier aus, bemerkt einmal Cohen, läßk sich das größte Wunder der Geistesgeschichte, der Kampf des Judentums gegen die Kunst, gegen die Plastik, verstehen und erklären. Die Kunst ist bekanntlich die ursprünglichste Betätigungsweise des menschlichen Geistes. Nun entsteht die große Frage: Wie konnte der jüdische Geist dieser allgemein menschlichen Betätigungsweise widerstehen? Jetzt verstehen wir das. Die Götter müssen vernichtet werden, denn sie sind nicht Sein, sondern Bilder. Der Götlerdienst ist Bilder dienst. Der Kampf gegen die Götter ist daher der Kampf des Seins gegen den Schein, der Kamps des Urseins gegen die Abbilder. Der einzige Gott ist eben ein Ursein, ein Urgrund, ein Urgedanke, ein Urbild für den Geist, aber kein Abbild für das Auge. Die tiefste Kluft, welche in der gesamten Kultur zu erspähen sein dürste, trennt den einzigen Gott von den Göttern. Daher auch der erbitterte, ewige Kampf des Judentums gegen den Mythos, gegen die Götter. Ausgerottet müssen die Götter werden samt den Pla stiken, die sic darstellen. Denn es ist vorzugsweise die Kunst, die durch die partielle Schaustellung des Schönen, durch ihre Reize über den Lug und Trug, über das Tragische und Pathologische im Götzendienst hinwegtäuscht. Die Lüge eben, die Selbsttäuschung, die geistige Sklaverei, der sich der Mensch im Götzendienst freiwillig ausliefert, gilt es zu erkennen. Schämen müssen sie sich, die Götzenbildner und die Götzenanbeter über ihr Werk und ihre Tat. Alle Werkzeuge und alle Zauber der Kunst können darüber nicht hinwegtäuschen. Es ist dasselbe Holz, aus dem der Gott geschnitzt und der Braten gespeist wird. Daher ewiger Kampf dem Götzendienst in allen seinen Formen und Variationen. Deshalb auch weg mit der Plastik, „Du sollst Dir kein Bildnis machen". Aber dieser Kamps des einzigen Gottes gegen die Götter, gegen den Mythos ist noch lange nicht ausge kämpft; der Kampf des einzigen Gottes gegen diesen Amalek des Geistes und der Kultur geht von Geschlecht zu Geschlecht. Um diesen Kampf Gotets gegen den Mythos, um diese Milchemet ha Schern zum Siege zu führen, um die Götter und Geister aus den Herzen und Gemütern der Menschen zu verdrängen, geht das ewige Volk Israel seinen schweren dornenvollen Weg durch die Völker. Der Fortschritt und die Vertiefung der Kultur — sagt Cohen einmal mit Recht — ist ohne die läuternde Kraft des Judentums ganz unmöglich. Auf unfern durch Judenhaß und Verfolgungen niedergedrückten Schultern lastet die Weltkultur. Palästina — ein englisches Dominion Hier wurde erst vor kurzem darüber berichtet, daß der bekannte englische Arbeiterführer und seinerzeitige Minister der Regierung Macdonald, Oberst Wedgewood, ein überaus warmer Freund der zionistischen Idee, in einem großes Aussehen erregenden Buche dem sensationellen Gedanken Ausdruck gab, es sei eine Lebensfrage ersten Ranges für das britische Reich, in Vorderasien Palästina als sieben tes Dominion dem angelsächsischen Reiche anzugliedern. Das Echo, das diese Auffassung des Zionistenfreundes, die gewiß geeignet ist, eine ganz neue politische und nationale Situation für das palästinensische Judentum zu schassen, pro und contra im zionistischen Lager auslöste, bewirkte, daß eine sehr große Zuhörerschaft sich zu einer am 5. d. Mts. in Wie n stattgefundenen Versammlung einfand, in der der Autor des vielumstrittenen Buches als Gast des Palästina Aufbaufonds sprach. Der Redner, dessen Ausführungen man mit größtem Interesse und starker Spannung folgte - erwartete man doch neuerlich eine Sensation, die auch nicht ausblciben sollte — führte u. a. aus; Heute scheint die Frage des „siebenten Dominions" den Engländern noch nicht aktuell, aber der Gedanke findet heute schon überall volles Verständnis. Engländer und Juden beginnen zu erkennen, daß es für beide von Vorteil sei, daß P a l ä st i n a nicht als Mandatar macht v e r w a l t c t, sondern ein Teil des größeren Reiches werde. Und die Frage wird dann auch von höchster Aktualität sein, wenn der englische Mandatsauftrag für Palästina abgelaufen sein wird, was in absehbarer Zeit geschehen wird. Mit einem ironischen Seitenhieb auf die englische Mentalität meinte Wedgewood, daß es selbstverständlich notwendig sei, wenn man Engländern mit dieser Frage komme, auch an ihr Nützlich keitsprinzip und ihre Sentimentalät zu appellieren. Das Nützlichkeitsprinzip, das darin besteht, daß England in Vorderasien einen britischen Staat gewinne, einen Staat, der nunmehr mit allen englischen Dominien versassungsgemäß in ewi gem Frieden leben wird, wird jeder gewiß leicht verstehen. i Aber ebenso leicht wird sich in England die Ueberzeugung durchsetzen, daß ein freundschaftliches Verhältnis zwi- Wählt Chevrolet! 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