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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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8. Jahrgang Nummer 19 FWrhGemleZeihmg Beilage ’ 11. Mai 1928 Die Tragödie der jüdischen Gemeinde in Philippopel Sofia, 6. Mai (J.T.A.). Durch das katastrophale Erdbeben in Südbulgarien ist bekanntlich auch die ansehnliche jüdische Gemeinde in Philippopel sehr schwer betroffen worden. Der Korrespondent der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Sofia hat sich vor einigen Tagen an die Stätte der Katastrophe begeben und furchtbare Eindrücke von der Not der allgemeinen und besonders der jüdischen Bevölrerung Philippopels empfangen. Die jüdische Gemeinde von Philippopel zählt rund 6500 Seelen. Philippopel ist die Hauptstadt des mittleren Bulgariens und ein bedeutendes Handelszentrum. Die jüdische Gemeinde, die sehr gut organisiert ist, besitzt drei Synagogen, von denen die Synagoge „Jeschurnn" mehr als 400 Jahre alt ist, ferner einen Kindergarten, zwei Elementarschulen und ein Gymnasium. Nun ist es mit dem Wohlstand der jüdischen Gemeinde dahin. Die große Mehrzahl der von jüdischen Familien bewohnten Häuser ist vollkommen zerstört, die Einwohner kampieren in den Gärten oder auf den öffentlichen Plätzen unter Zelten oder in baufälligen Baracken. Die jüdische Gemeinde Philippopels hat glücklicherweise keine Toten zu beklagen, dagegen sind mehrere ihrer Mitglieder schwer verletzt worden. Die jüdischen Schulen sind vollkommen unbenutzbar geworden, auch die Synagogen müssen wegen Baufälligkeil geschlossen gehalten werden. Das Haus der jüdischen Gemeinde und das des religiösen Tribunals (Beth-Din) liegen in Trümmern. Früher sehr wohlhabende Familien sind jetzt auf die öffentliche Unterstützung angewiesen. Die Gemeinde selbst verfügt nicht über die notwendigen Mittel, um auch nur der dringendsten Not abzuhelfen. Die Mitglieder der Gemeindeverwaltung haben dem JTA-Korresponoenten gegenüber ihrer großen Sorge bezüglich der Zukunft der Gemeinde Ausdruck gegeben. An 1800 Juden werden täglich Brotrationen verteilt. Die Regierung baut Wohnbaracken, Darüber hinaus ist es aber dringend notwendig, daß die jüdischen Organisationen des Auslandes der unglücklichen, einst jo blühenden Gemeinde Philippopels durch Unterstützungen über die erste und äußerste Not hinaushelfen, damit die Judenschaft Philrppopels in die Lage kommt, sich später aus eigenen Kräften emporzuarbeiten. Die amerikamschen Juden und die Kolonisation in Rußland Der Leiter des Agrojoint in Rußland, Dr. Joseph Rosen, der vor kurzem in New Äjork eingetroffen ist, entwickelte vor jüdischen Persönlichkeiten den Plan der Ansiedlung von -weiteren 25000 jüdischen Familien auf dem Lande tim europäischen Rußland. Die Finanzierung dieses neuen Siedlungsplanes, sagte Dr. Rosen, wird durch den 20-Millionen- Dollar-Fonds geschehen, zu dem Herr Julius Rosenwald durch seine 5-Millionen-Dollar-Spende die Anregung gegeben hat. Weitere fünf Millionen sollen durch andere jüdische Persönlichkeiten Amerikas aufgebracht werden, während die Sowjetregierung ihrerseits 10 Millionen Dollar, und zwar je eine Million Dollar in der Dauer von 10 Jahren, beitragen wird. lieber den Plan der Sowjetregierung, den Rayon Biro- Bidschan im Fernen Osten mit Juden zu besiedeln, äußerte sich Dr. Rosen dahin, daß Agrojoint zwar nicht gegen diesen Plan ist, aber an dessen Realisierung sich nicht beteiligen könne, aus dem einfachen Grunde, weil Agrojoint noch sehr viel in den europäischen Siedlungsgebieten zu tun hat. Dr. Rosen wandte sich scharf gegen diejenigen Kreise, die Gerüchte über angebliche Reibungen zwischen den jüdischen Kolonisten und den benachbarten nichtjüdischen Bauern, über schlechte Ernte in den jüdischen Kolonien, über Pogrome usw. verbreiten. Wir wissen nicht, fügte er hinzu, wer diese Leute sind, aber wenn einmal ihr Gewissen erwacht, dann werden sie bemitleidenswert sein. Die Wirtschaftslage der rufsifchen Juden in den Groß- und Kleinstädten, fuhr Dr. Rosen fort, wird von Tag zu Tag schlechter. Der Privathandel ist auf ein Nichts zusammengeschrumpft, die Heim- und Handwerksindustrien werden immer mehr durch die sich entwickelnde Staatsindustrie verdrängt. Dies ist die Hauptursache des Zudranges der Juden zur Landwirtschaft, der in diesem Frühjahr noch viel stärker als im vergangenen Jahre gewesen war. Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln können alle in Rußland arbeitenden Mischen Organisationen insgesamt etwa 3000 jüdische Familien ansiedeln, während mindestens 30000 jüdische Familien sich um Siedlungsland beworben haben. In der Krim wurden die Listen wenige Tage nach deren Anlegung ausgefüllt, mehrere hundert Familien kamen außer der Quote zur Ansiedlung aufs Land hinaus; ein Teil von ihnen wurde nachträglich in das Schema eingefügt, während die übrigen zurückgeschickt werden mußten. Der für das Jahr 1926/27 aufgestellte Plan des Agrojoint wurde um mehr als das Anderthalbfache überschritten. Es war die Verteilung von 108000 Acker Land vorgesehen, in Wirklichkeit wurden mehr als 200 000 Acker vermessen; statt der geplanten 176 Brunnen wurden 389 hergHtellt; statt der geplanten 1500 Schulgebäude wurden 2900 errichtet. Im Jahre 1926/27 gab Agrojoint für das Siedlungswerk 1 500 000 Dollar aus, die Regierung schoß ihrerseits 180000 Dollar in bar zu und lieferte unentgeltlich Boden, Waumaterial usw. und ermäßigte die Transportkosten. Dr. Rosen bedauerte es, daß die Gelder für das große Siedlungswerk unzureichend sind, da freies Land im europäischen Rußland nur vorübergehend zu haben sei; bald wird dieses! erschöpft sein. Immerhin wird die Ansiedlung der 25000 neuen Familien in der Ukraine, der Krim und in Weißrußland noch gut möglich sein, wenn die Fonds rechtzeitig beschafft werden. Die Regierung ist mehr denn je an diesem Werk interessiert. Berliner Kampfesweise Wir haben in dem in der vorigen Woche veröffentlichten Bericht über die Repräsentantenversammlung geschrieben: „Zum stellvertretenden Mitglied des Gemeindcvorstandcs wurde für den den Liberalen zustehcnden Sitz Landgerichtsrat Dr. Lilienthal von der Liberalen Fraktion vorgeschlagen und mit den 10 Stimmen der Liberalen bei Stimmenthaltung sämtlicher 11 Blockmitglieder gewählt." Nunmehr finden wir in dem Bericht des Herrn Moritz A. Loeb nahestehenden „Jüdischen Wochenblattes" zur Erklärung dieses merkwürdigen Verhaltens folgende Notiz: „Zum stellvertretenden Mitglied des Gemeindevorstandes wird Herr Landgerichtsrat Tr. Lilienthal mit 10 Stimmen gewählt. Tie Mitglieder der nichtliberalen Parteien geben bei dieser Wahl weiße Zettel ab, um zu dokumentieren, daß sie zwar in das Bestimmungsrecht der liberalen Fraktion, die diesen Posten zu besetzen hat, nicht eingreisen wollen, daß sie aber mit der Wahl eines so jugendlichen, über keinerlei Ersahrung im öffentlichen Leben verfügenden Mitgliedes nicht einverstanden sind." Wir versagen es uns, gegen die in diesen Sätzen enthaltene Anmaßung ausführlich zu polemisieren, zumal wir einstweilen noch annehmen möchten, daß die hier gegebene Begründung der Stimmenthaltung nicht für sämtliche 11 Blockmitglieder zutreffend ist. Jugendliches Alter, das heute weder für die Wahl zum Reichstagsabgeordneten noch für die Ernennung zum deutschen Minister ein Hinderungsgrund ist, dürfte unseren jüdischen Gemeindestuben ganz gewiß nichts schaden, zumal wenn ihr Träger auf der richterlichen Stufenleiter es bereits zum Landgerichtsrat gebracht hat. Wie unsinnig derartige Bedenken aber in vorliegendem Fall sind, dafür sei nur an die eine Tatsache erinnert, daß Dr. Lilienthal bereits vor 3 Jahren in Carl Heymanns Verlag eine Schrift über „Die Staatsaufsicht über die Religionsgesellschaften nach Artikel 137 der Reichsverfassung" veröffentlichte. Damals widmete die orthodoxe Zeitung „Der Israelit" dem Werk einen zwei Seiten langen Leitartikel (24. 12. 1925), in dem es u. a. hieß: „In wissenschaftlich mustcrgüttiger Weise von einer historischjuristischen Darstellung des früheren Rcchtszustandes ausgehend, gelangt Verfasser zu dem Ergebnis, daß die Reichsverfassung im wesentlichen nur die endgültige Festlegung, die folgerichtige Durchführung und praktische Ausgestaltung des schon bisher in Deutschland geltenden Systems der „Staatskirchcnhoheit" enthalte... Das Lilienlhal'sche Werk erörtert noch eine große Reihe praktisch wichtiger Einzelfragen, die hier der Kürze halber auch nicht gestreift iverden können. Eine richtige Erfassung der grundlegenden Gesetzesbestimmungen und eine wissenschaftlich-gründliche, sich im Streite der Meinungen von jeder Tendenz frei haltende Behandlung der Einzelheiten ermöglichen ihm die zutreffende, überzeugende Lösung dieser Fragen. Das Werk wird so das Seine dazu beitragen, dem Buchstaben und dem Geist des Artikels 137 der Reichsvcrsassung zum Siege zu verhelfen." Nun hat erneut das „Jüdische Wochenblatt" das Wort. Amschau Die Verfechter der „deutschen" Würde. Im „Berliner Tageblatt" veröffentlicht Polizeivizepräsident Dr. Weiß einen Artikel „Die Massenpost der Polizei", in dem er die zahlreichen verschiedenartigen Briefeingänge der Berliner Polizei schildert. Am Schluß seines Artikels geht er auf die bei der Polizei eingehenden Schmähnnd Drohbriefe ein. Da heißt es: „Schmäh- und Drohbriefe haben ausschließlich politischen Charakter. Nur bei denjenigen Beamten, die mit der politischen Polizei zu tun haben, gehen daher solche Schreiben ein. Ich habe den Vorzug, der Hauptzielpunkt derartigen Briefe zu sein. Seit vielen Jahren erhalte ich fortdauernd Briese und ossene Karten der genannten Art. Gelegentlich sind sie scherzhaften Charakters. So wurde mir im August des vergangenen Jahres aus Nürnberg von der Tagung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei ein großes Paket übersandt, in dem sich ein Trichter mit einem 'Zettel folgenden Wortlauts befand: „Treue Freunde senden Ihnen, liebe galizische Drecknese, ein Andenken aus Nürnberg mit der Bitte, täglich Gebrauch machen zu wollen von dem kleinen Trichter". Für gewöhnlich aber begnügen sich die Herren Bricsschreiber nicht mit solchen verhältnismäßig harmlosen Worten. Ihre Zuschriften, soweit sie nur Schmähungen enthalten, sind von der unflätigsten, niedrigsten Art. Die Drohungen zielen natürlich immer aus Mord ab und variieren in geistlosen, rohen Worten, bald in Prosa, bald in Vers, immer das gleiche Thema. Ein freundliches Drohgedicht, das mir erst kürzlich auf offener Postkarte ins Amt gesandt wurde, begann mit den Worten: „Es hat geknallt aus Rathenau, bald folgst auch Du, Du Judensau!..." Die Fortsetzung dieses dichterischen Ergusses ist im Ausdruck derart niedrig, daß sie sich beim besten Willen nicht im Druck wiedergeben läßt. Was die Herren Verfasser derartiger Schmäh- und Drohbriefe mit ihren Sudeleien zu erreichen bezwecken, wird mir immer dunkel bleiben. Glauben sie, daß sie mich mit gereimten Morddrohungen schrecken, mich abhalten werden, das zu tun, was mir die Amtspflicht gebietet? Oder glauben sie auch nur, daß mich ihre Schmäh- und Drohkanonaden in Aerger versetzen? Hätte ich mir die Empfindsamkeit gegenüber politischen Anpöbeleien nicht schon längst abgewöhnt, so würde vielleicht bei Empfang der Schmäh- und Drohbriefe ein Gefühl des Ekels in mir aufsteigen. Aber auch solchen Ekelgefühls bin ich nicht mehr fähig. Lächelnd pflege ich jeden neuen Schmäh- und Drohbrief meiner umfangreichen Sammlung einzuverleiben, die ich mir seit etwa sieben Jahren angelegt habe. Sorgsam und liebevoll bewahre ich hier die brieflichen Angelegenheiten, die mir von wahrhaft „deutschen" Männern in so überaus reicher Zahl zugegangen sind. Wenn dereinst die letzten Auswirkungen der Staatsumwälzung von 1918 vorüber sind, wird es vielleicht an der t^eU sein, meine Sammlung, Stück für Stück, zur Veröffentlichung zu bringen. Sie wird, glaube ich, ein nicht unwichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte unserer Zeit sein, sie wird den geistigen und sittlichen Tiefstand der Deutschvölkischen unserer Tage trefflich kennzeichnen. Denn eines verdient am Schluß noch besonders hervorgehoben zu werden: von linksradikaler-, etwa von kommunistischer Seite habe ich noch niemals einen Schmäh- oder Drohbrief zu Gesicht bekommen. Der Feind der Menschlichkeit und des guten Tons steht — wie zu Erzbergers und Rathenaus Zeit — noch immer rechts." Besorgte Orthodorie. In der letzten Zeit macht sich die Orthodoxie in zunehmendem Maße Sorgen um das Seelenheil der Liberalen. Als in der Berliner Repräsentantenversammlung der inzwischen erfreulicherweise in der Versenkung verschwundene Antrag aus Schließung der Gemeindefriedhöfe an Sabbaten zur Erörterung kam, bangte dem Antragsbegründer, Herrn Moritz A. Loeb, vor dem Sündigwerden zum Friedhof fahrender Liberaler. Jetzt sind Bestrebungen im Gange, orthodoxe Arbeitsnachweise unter dem Motto „Sabbattreue Arbeitsvermittlung" zu schaffen. Da die allgemeinen jüdischen Arbeitsnachweise sich selbstverständlich auch um die Vermittlung sabbatfreicr Arbeitsstellen bemühen und durch die Neugründung bestenfalls „nur" eine Zersplitterung im jüdischen Arbeitsnachweiswesen herbeigeführt wird, ist es zu scharfen Auseinandersetzungen der den allgemeinen jüdischen Arbeitsnachweisen nahestehenden Persönlichkeiten — vornehmlich Zionisten — mit orthodoxen Kreisen gekommen. In einem Artikel der orthodoxen Zeitung „Der Israelit" wird betont, „daß es sich hier um eine reine Gewissensfrage handelt, in der das gesetzestreue Judentum keinerlei Kompromisse schließen kann. Für uns ist m Der Deutschnationale und Völkische Einflnß mnß im Deichstag nnd Landtag gebrochen werden! Darum wählt am 20. Mai nur Sozialdemokraten! Liste 1 Bezirksvorstand Berlin §. P. B. 50

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