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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-11 · 19 (11.5.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
19 (11.5.1928)
Date
1928-05-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Cassel, zugleich stellvertretender Sladtverordnetenvorsteher (nach ihm ist eine Realschule benannt) und der erfveulicherweise noch jetzt in geistiger Frische unter uns weilende Leopold Rosenow, Stadtrat a. D. und Sta^tältester, für Freiheit und Recht. Auch die Sache ihrer Glaubensgenossen vertraten sie, wo sich Gelegenheit dazu bot, mit Schlägsertigkeit und Ueberzeugungstreue. Seit der Revolution von 1918 sind besonders der leider schon dahingeschiedene Pros. Dr. Hugo Prcuß, der Schöpfer der Reichsversassung, und Dr. Ludwig Haas, zweiter Vorsitzender der demokratischen Partei, Staatsrat a. D. aus Karlsruhe, hcrvorgetreten. Haas ist ein eleganter Redner mit ruhiger Sachlichkeit, durch und durch Mensch, Deutscher und Jude, nebenbei bemerkt in letzter Eigenschaft erster „Alter Herr" einer jüdischen Verbindung in einem deutschen Parlament. Dies die Prominenten unter den bisherigen jüdischen liberal-fortschrittlich-demokmtischen Volksvertretern. Unter den dii minorum gentium, wenngleich geistig durchaus nicht minderwertig. aber im Parlament nur Fach- und Sachredner, sind zu verzeichnen: 1. Preußen: Chemiker Tr. Burg, Fabrikbesitzer, Cohn- Martinikenselde (Spandau), Dr. Joseph Stern, Redakteur der Frankfurter Zeitung, Frankfurts Vertreter im Deutschen. Abgeordnetenhaus 1882—85, die Rechtsanwälte bezw. Justizräte: Freund-Breslau, Dr. Emil Lehmann- Dresden, Felix Waldstein-Altona, Eduard Wolff-Lissa, Moritz Baerwald-Bromberg; ferner: Landgerichtsrat Peltason und Geh. Kommerz. R. Louis Aronsohn-Bromberg, Dr. Leopold Levy, Assessor a. D. und Fabrikbesitzer in tohensalza (Jnowratzlaw), die letzten fünf als deutsche ompromißkandidaten für den preußischen Landtag in der ehemaligen Provinz Posen gegen die Polen gewählt. Sogar die erste preußische Kammer hatte in den 60 er und 7Oer Jahren des verflossenen Jahrhunderts 3 jüdische Mitglieder, und zwar: Karl Meier v. Rothschild, der im Herrenhaus wie auch als Abgeordneter im norddeutschen Reichstag auf der Rechten saß, nebst dem Berliner Bankier und Astronom Wilhelm Beer, dem Bruder des Komponisten Mcyerbeer und des Dichters Michael Beer. Beide waren durch „kgl. Vertrauen" hineinberufen, während der Dritte im Bunde, Stadtrat Dagobert Friedländer, als Verireter der Stadt Bromberg hineingesandt war. 2. Bayern: Frankenburger (oben erwähnt), die Notare und Advokaten: Dr. Adler, Dr. Arnheim, Gunzenhauser, Dr. Henle, Levi, Maison (Komm.-Rat), Fabrikant Dr. Morgenstern, alle Genannten liberal, und — last not least - der mehrfache Alterspräsident der Kammer Gabriel Lö wenstein (Sozialdemokrat). 3. Württemberg: Dr. Eduard Pfeiffer, Nationalökonom. 4. Hessen: Bamberger Rudolf, Bankier, Edinger Markus, Fabrikant, Hirschhorn, Kaufmann, Wolsskehl Otto, Bankier (Urheber des Vermächtnisses betreffend den Beweis des Fermat'schen Satzes), Langenbach Philipp, Buchhändler. 5. Sachsen: Dr. Emil Lehmann (der schon oben genannte verdienstvolle Begründer des „Deutsch-israelitischen Gemeindebundes"). 6. Anhalt: W. Hagelberg, Kaufmann, Isidor .Herz, Komm.- Rat, Dr. Cohn, Staatsrat, Dr. Gustav Philippson- Köthen, Rabbiner (als solcher bisher einziger Vertreter in einem deutschen Parlament, während das alte Oesterreich, wie auch das jetzige Polen, deren mehrere aufzuweisen hatte, u. a. Dr. Bloch-Florisdorf, dem das große Verdienst gebührt, den Schwindel mit dem „Talmudjuden" aufgedeckt zu haben. Gustav Philippsons Bruder, der weit bekanntere Rabbiner Dr. Ludwig Philippson, Begründer der liberalen allgemeinen Zeitung des Judentums (beide Söhne des seinerzeit geschätzten jüdischen Schriftstellers Dr. Phöbus Philippson), bewarb sich im Sturmjahre 1848 in seinem damaligen Wohn- und Amtssitz Magdeburg als liberaler Kandidat, allerdings erfolglos, um ein Mandat. 7. Braunschweig: Dr. Aronheim Adolf, Rechtsanwalt Dr. Regensburger (nach dem politischen Umschwung 1918 gewählt), Bankier I. Jüdel. 8. Baden: Dr. Adolf Kusel, Advokat. 9. Mecklenburg: Dr. Lewis Jacob Markus-Schwerin, Ehrenbürger der Stadt. Als Vizepräsident des Landtags nahm er den Schwur des Landesherrn auf die Verfassung entgegen. II. Sozialdemokraten. Bekanntlich gehörte JohannJacobyim letzten Abschnitt eines Lebens der Sozialdemokratie an. Die in einem sächsichen Wahlkreise erfolgte Wahl für den Reichstag nahm er jedoch (1874'i nicht an, da er sich körperlich schon zu geschwächt fühlte, um ein Mandat auszuüben. Als erster Jude gelangte 1848 der Breslauer Kaufmann, später Redakteur in Dresden, Max Kayser, für die Partei in den Reichstag, dessen jüngstes Mitglied er damals war. Kayser war ein vorzüglicher Redner und hatte während seiner neunjährigen Äbgeordnetentätigkeit das Ohr des Hauses, so oft er sprach. Er starb bereits 1887 im (Alter von 36 Jahren. Die Rolle, die der 1884 zum erstenmal und bis zu seinem Hinscheiden 1907 immer wieder von einem Berliner Wahlkreis in den Reichstag entsandte Konfektionär Paul Singer in dieser Körperschaft, in der Partei, deren Vorsitzender er zusammen mit Bebel war, in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, als Vorsitzender der Parteitage usw. spielte, ist noch in frischer Erinnerung. Dagegen gelang es dem ebenfalls 1884 als Vertreter von Frankfurt a. M. gewählten und 1887 wiedergewählten ehemaligen Lehrer und „Philantroprn", Adolf Sabor, nicht, sich im Reichstage zur Geltung zu bringen. Die Zahl der seit 1890 mit dem Aufhören des Sozialistengesetzes in den Reichstag gewählten Glaubensgenossen ist eine verhältnismäßig recht beträchtliche. In erster Reihe ist da der Vertreter des Berliner Vorortwahlkreises Niederbarnim (von 1890 bis zu seinem Tode 1918) der ehemalige Rechtsanwalt Arthur Stadthagen zu nennend In seinen letzten Lebensjahren war er Dissident. Mit ihm zugleich gelangte der aus Breslau stammende Chemiker und Schriftsteller E m a n u e l Wurm in den Reichstag. Auch er wurde mit eitler Unterbrechung durch die Blockwahlen 1907 immer wieder von seinem Wahlkreis Reuß jüngere Linie zur Vertretung auserkoren. Kurz nach der Revolution war er einige Zeit Ernähruugsminister. Seine Gattin M a t h i l - de Wurm, die den vor mehreren Jahren verstorbenen Gatten überlebt hat, ist seit dem Umsturz Mitglied des Preußischen Landtages und dürfte voraussichtlich luieber gewählt werden. Ter größte Theoretiker der Partei, der greise Eduard Bernstein, geb. 1851, ist dieses Mal nicht wieder aufgestellt worden. Ungeachtet dessen, daß er als Märtyrer her Partei lange Zeit in der Verbannung (Zürich und London) gelebt hat, und trotz seiner Bedeutung als Politiker soll hier nicht verschwiegen werden, daß der Neffe von A a r o n B e c n - st ein, dem Verfasser von „Mendele Gibbor" und „Vögele der Magid", zur Zeit, als er den „Unabhängigen" angehörte, sich dem Ukas der Parteileitung fügte und „religionslos" wurde. Das hindert ihn jedoch nicht, die von dem ehemaligen sozial demokratischeu Reichs- und LaudtagSabgeordueteu, jetzigen Repräsentanten der Berliner jüdischen Gemeinde, Dr.' Oskar Cohn, geleitete Bewegung der „Ponte Zion" aufs kräftigste als Redner zu unterstützen.' „Erkläret mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur!" Ist dieser nicht auch bei den ehemaligen „Unabhängigen", der noch früher in seinem „Jüdischen Generalanzeiger" die Interessen seiner Glaubensgenossen so energisch vertrat, dem praktischen Arzt Dr. I u \ 'i u S Moses vorhanden? Sogar g e t a u s l e Sozialdemokraten hat es im Reichstag gegeben: Den schneidigen Dr. Bruno S ch ö n l a n t, den Sohn eines Kultusbeametn in Sondershausen, und Dr. Georg Gradnauer, Reichsminister und sächsischen Ministerpräsidenten, jetzigen Vertreter des Freistaates Sachsen und Preußen. Gradnauer ist allerdings neuerdings, dem Zuge des Gros seiner Parteigenossen folgend, auf dem Umwege über die evangelische Religion Dissident geworden. Dabei ist er Wortführer des „Pro-Palästina-Comitee". Bei vielen sozialdemokratischen Reichs- und Landtagsabgeordneten die unzweifelhaft jüdischer Abstammung sind, steht ihre gegenwärtige Konfession nicht fest, da das Parlamentsverzeichnung seit der Revolution keine konfessionellen Angaben mehr bringt. Hierher gehören: die beiden ehemaligen 'Referendare und Redakteure am „Vorwärts": Heilmann, bisheriger Vorsitzender der Landtagssraktion, und K u t t n e r. der Frankfurter Redakteur Hans Markwald, früherer Berliner Handlungsgehilfe, fein ehemaliger Kollege als solcher, jetziger Vorsitzender des Angestelltenbundes, Siegfried A u f h ä u s e r, die Rechtsanwälte Dr. Paul Levi, Dr. Kurt Rosenfeld, kurze Zeit Reichsjustizminister, und der nach seiner Herrlichkeit als Brüsseler Gesandter wieder zum Anwaltsberus zurückgekehrte ehemalige „Volksbeauftragte" Otto Landsberg sowie der nicht wieder kandidierende Dr. Adolf Braun, ehemaliger Chefredakteur des „Vorwärts", zuletzt Mitglied des Parteivorstandes. Ein aufrechter Jude, Sozialdemokrat und Patriot zugleich, der seine Baterlairdsliebe — als einziges Opfer des Reichstages meldete er sich freiwillig — im Alter von 39 Jahren gleich zu Beginn des Weltkrieges mit dem Tode besiegelte, war der Mannheimer Rechtsanwalt Dr. Ludwig Frank, ein hervorragender Parlamentarier. Als Jude vertrat auch der Frankfurter Seidenhändler Max C o h e ni den Wahlkreis Reuß ältere Linie und der Redakteur Georg Davidsohn den Grünberger, beide bis 1924 (etwa zwölf Jahre lang). Zweifelhaft ist die konfessionelle Zugehörigkeit bei Paul Hirsch, früherem Kammerstenographen und Schriftsteller, 1918 preußischer Ministerpräsident, dann zweiter Bürgermeister in seinem langjährigen Wohnsitz Charlottenburg, jetzt Oberbürgermeister in Dortmund. Aus dem Judentum ohne Zweifel ausgetreten sind. Redakteur Simon K a tz e n st e i n, für eine Session in Pommern gewählt, und Stadtschulrat Dr. L ö w e n st e i n Neukölln. Der verstorbene Stadtverordnete und Landtagsabgeordnete, Schriftsteller Waldeck Manasse, hatte diesen Schritt als Sprecher der „freireligiöse,: Gemeinde" schon vor langen Jahren getan, Dr. Hermann W e y l, Naturarzt, einige Zeit Berliner Stadtverordnetenvorsteher, sogar Gegenkandidat um den Oberbürgermeisterposten (gegen Böß) war zuletzt mehrere Jahre auch Landtagsabgeordneter. Wahrscheinlich ist er erst bei Beginn, seiner politischen Laufbahn freireligiös geworden, da er aus einem orthodoxen Hause stammt Bei seiner Einäscherung sprach zwar der Rabbiner Dr. Weyl (Synagoge Rykestraße) jedoch als Bruder und Privatmann, nicht im Ornat. 111. Die Ertremen. Verrnerkt seien noch die linken Kommunisten Werner Scholem, Iwan Katz, Ruth Fischer, die auch ihre alte Glaubensgemeinschaft längst abgestreist haben dürften. Sie werden vermutlich nicht wieder in die höchste gesetzgebende deutsche Körperschaft zurückkehren. Damit schließen wir diese sine ira et ftudio abgefaßte Registrierung von jüdischen Volksvertretern in deutschen Parlamenten. Nicht die Parteizugehörigkeit war bei der gelegentlich eingcslochtenen Charakteristik das Maßgebende,' sondern der ganze Mensch in seiner Bedeutung als Politiker und speziell in seiner Einstellung zur Glaubensgemeinschaft, der er entsprossen war. Wer für diese — er tat es selbst.einmal in einer persönlichen Bemerkung im Reichstag — nichts übrig bat, wie der verstorbene Bamberger, mag sonst noch sc bedeutend sein, als Juden können wir ihn nicht werten. Noch viel weniger ist dies der Fall bei den ehemaligen, zum Teil verstorbenen, teilweise noch lebenden Abgeordneten: Prozessor Dr. Julius Stahl, Berliner Rechtslehrer und geistiger Nährvater der Altkonservativeu (deutsch nationalen Partei), dem Freitonservativen Dr. Otto Arendt, Schwiegersohn von Lina Morgenstern, sowie den sogenannten Liberalen oder Demokraten Justizrat Joseph Horwitz aus Strelno, Justitiar der Berliner Stadtverordnetenversammlung, wiederholt in den preußischen Laird- und Reichstag für Torgan-Liebeuwerda gewählt, Bruder des so populären einstigen Rektors der jüdischen Gemeindeschule Aron H o r w i tz; Paul L i e p m a u u, Amtsgerichtsrat a. D., 1908—13 uatioual-liberaler Abgeordneter fürTeltow-Beskow; SanitätsratDr. OttoMugda u,dein jetzigen Oberprüsideuten von Pommern L i p p m a n n, Oberverwaltungsgerichtsrat und Reichsminister a. D. Dr. Eugen Schisser aus Breslau, Staatssekretär a. T. O s k a r M eyer, die alle den Glauben ihrer Väter verlassen haben. Diese Neuchristen haben ihm abgeschwvren oder, wie der Sozialdemokrat Z u b e i l sich einmal im Reichstag in einer scharfen Polemik gegen Mugdan nicht gerade sehr zart äußerte, „gleich einem Hemd gewechselt". Taufjuden hatten, was das Mandat anlangt, das Opfer ihres Intellekts nicht selten ganz zwecklos gebracht. Wohl wurden sie gelegentlich gewählt; wurde es indessen bekannt, wes Geistes Kind sie waren, so sielen sie das nächste Mal, wie Dr. Mugdan in Görlitz-Lauban, unbedingt durch. Charakterfeste Christen wählten sie dann ebensowenig wie aufrechte Juden, wenngleich es nicht verschwiegen werden darf, daß gerade unsere Glaubensgenossen leider „im Interesse der Sache" zu häufig über diesen „Schönheitsfehler" hinwegsahen. Andererseits wurden Juden, so Dr. Max Hirsch in Bitterfeld-Delitzsch, Laster in Sonnenburg (Meiningen) und Dr. Morgenstern in Hof, manchmal in Wahlkreisen anstandslos gewählt, wo fast gar keine Juden ansässig waren. Ein Beweis dafür, daß das offene Bekenntnis zu seinem Glauben meist viel weniger schadet als charakterloser Opportunismus. Sehen wir aber von diesen betrübenden Erscheinungen ab, so muß es uns mit Stolz erfüllen, wenn wir die große Zahl der trotz der widrigsten Umstände in die deutschen Par lamente gewählten jüdischen Abgeordneten überblicken. Jedem echten Juden wird es stets zur Genugtuung gereichen, daß es dem jüdischen Stamm nie an Männern in Deutschland gefehlt hat, welche einen bildenden und belebenden Einflust ausgeübt, sich mit aufopfernder Hingabe an den Aufgabe« der öffentlichen Wohlfahrt betätigt und dabei stets (wasl man von unfern intimsten Gegnern, den Antisemiten, nicht gerade immer sagen kann) sich als lautere, unantastbare Charaktere bewährt haben. Das Judentum ist aus unseren deutschen Parlamenten schlechterdings nicht mehr wegzudenken. Dr. Oskar 2 i n c e r u s, Charlottenburg. if Für eine freiheitliche, soziale und nationale Politik in der Deutschen Republik tritt bedingungslos ein die Deutsche Demokratische Partei Darum wählt I icfp R am 20. Mai JmIOIu U Deutsche Demokratische Partei ■— ■ — k»' \ I

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