Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 18 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Di« Hälfte der Goldproduktion der Welt stammt aus Südafrika. Für 4 Millionen Pfund KoPe, sowie eine ungeheure Meng« Landwirtschaftsprodukte werden ausgeführt. Dennoch war mehrere Jahre lang dke Stimmung gegen eine Einwanderung, von welcher die Gewerkschaften einen Lohndruck befürchteten. Man hat nun eingefehen, daß eine kontinuierliche Einwanderung weißer Elemente viel zur Entwicklung des Landes beitragen kann. Gegenwärtig hat die Stimmung — nicht zuletzt als Folge der aufklärenden Propaganda Dr. Bramsons — stark für eine vergrößerte Einwanderung umgeschlagen. Besondere Aussicht besteht für jüdische Einwanderung, da die aus England kommenden Einwanderer nicht die Absicht haben, dauernd im Lande zu verbleiben, und fast alle wieder zurückwandern; die Juden aber finden dort eine Heimat. 65 0,0 der Einwanderer sind überhaupt Juden. Man muß sich bestreben, den guten Typ des jüdischen Einwanderers, den produktiv schaffenden Juden, nach Südafrika zu bringen, um das Vertrauen des Landes zu gewinnen. Da in den letzten Jahren meist nur Verwandte früherer Einwanderer ins Land kämen, also Frauen und Kinder, sowie greise Eltern, entsteht ein immer größerer Mangel an Arbeitern und fachlich geschulten Elementen. Die bisherigen jüdischen Einwanderer gehören meist kaufmännischen und intelligenten Berufen an, abgesehen von den bestehenden 420 großen jüdischen Landwirtschaften. Diese Einseitigkeit wird von den Juden Südafrikas stark empfunden, sie werden eine Einwanderung produktiver jüdischer Elemente nach Kräften unterstützen. Die Idee der Schaffung einer jüdischen Landwirtschaftskolonie in Südafrika ist im Lande ungeheuer populär; zur Ansiedlung einer Familie sind 1000 Pfund erforderlich, wovon 50 0/0 die Regierungsbank zur Verfügung stellt. Es gilt nun, das Einwanderungskontingent richtig auszuwählcn und zu verteilen. Wenn diese systematische Arbeit einige Jahre geleistel wird, dann werden dem natürlichen Einwandererstrom keine Hindernisse mehr im Wege stehen. Der Redner schlug die Bildung einer speziellen Kommission von Hias-Jca-Emigdirekt vor, die diese ganze Arbeit leiten soll. Breslau. (Feier zum 25jährigcn Bestehen des Krankenhauses.) Anläßlich der Erinnerungsfeicr zum 25 jährigen Bestehen des jüdischen Krankenhauses, Hohenzvllernstraße, und der Einweihung des neuen Röntgen-Instituts „Nathan Littauer- Stistung" fand am 28. April in der Synagoge des Krankenhauses ein Fest-Gottesdienst statt, bei dem Herr Rabbiner Dr. Simonsohn in zu Herzen gehenden Worten der edlen Gründer der Anstalt gedachte. Herr Kantor Topper leitete den kantoralen Teil, begleitet von einem geschulten Herren-Doppelquartett unter Führung von Herrn Inspektor Baruth. Breslau. (R e p r ä s e n t a n t c n s i tz u n g.) Die Sitzung der Gemeindevertretung am 26. April hatte sich in der Hauptsache «it der Beratung des Gemeindehaushalts für das Rechnungsjahr 1928/29 zu beschäftigen, der von dem Haushaltsausschuß gründlich vorberaten worden war. So geschah es, daß vom Plenum nur geringe Aendcrungen vorgenommen wurden. Die Festsetzung der Gemeindesteuer auf 10 0/0 der Staatseinkommenstcuer hatte schon eine frühere Sitzung erledigt. Der .Hauptreferent für den Gemeindectat, Gemeindevertreter Gins, betonte in seinen Eingangsworten, daß bei den Ausschußberatungen der «Wille, eine Einheitsgemeinde bleiben zu wollen, deutlich dadurch hervorgetretcn sei, daß alle Parteien übertriebene einseitige Forderungen zurückgestellt hätten. Er wies darauf hin, daß sich die Verhältnisse seit einem Jahre erheblich verschlechtert hätten, und er bezweifelte, daß 10 0/0 Steuern die notwendige Summe geben würden. Darum wäre es Pflicht, alle Bewilligungen mit allergrößter Sorgfalt zu prüfen und zu erwägen, ob nicht werbende Mittel aus Anleihen zu bestreiten wären. Seiner Aufforderung, sich den positiven Gemeindeaufgaben zu widmen und nicht Weltanschauungssragcn zu erörtern, kam man im allgemeinen nach. Bei der schon seit Jahrzehnten dem Centralverein gewährten Beihilfe von 100 Mar! erklärte der Redner der Zionisten, daß es unzulässig wäre, dafür Gemeindemittcl zu verwenden, da diese auch von den Zionisten ausgebracht werden. Die zionistische Fraktion würde den Gesamtetat ablehnen, wenn diese 1000 Mark nicht hcraus- Alassen würden. Der Redner der Liberalen, Justizrat Kalisch, trat diesen Ausführungen unter Hinweis auf das Wirken des C. V. mit Entschiedenheit entgegen. Die Beihilfe wäre im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen diesmal besonders notwendig. Die Beihilfe und der gesamte Haushalt gelangten schließlich gegen die zionistischen Stimmen zur Annahme. — Zu Beginn der Sitzung wurde der an Stelle des zurückgetretenen Vorstandsmitgliedes Erich Bayer gewählte Generaldirektor Händler (liberal) durch den Vorsteher in sein Amt eingeführt. Der jüdischen Sonderschau der „Pressa" in Köln wurde ein einmaliger Beitrag bewilligt, ebenso der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und der Breslauer freien jüdischen Volkshochschule. In geheimer Sitzung wurde der Israelitischen Krankenverpflegungsanstalt ein Jubiläumsgeschenk ausgesetzt. Ferner gelangte die in Anlehnung an die preußische Besoldung geschaffene Besoldungsordnung der Gemeinde (Berichterstatter Gemeindevcrtretcr Freundlich) mit rückwirkender Kraft vom 1. Oktober 1927 zur endgültigen Verabschiedung. Sie sieht Besoldungserhöhungen im Betrage von über 70 000 Mark vor, so daß die Gemeinde nunmehr für Besoldungszwccke jährlich über 570 000 Mark aufzuwcnden hat. Dresden. (Veranstaltungen zum Jugcndtag.) Die 7. Ordentliche Delegiertentagung des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands wird am Pfingstsonntag, den 27. Mai, nachmittags 2 Uhr, im Dresdner Künstlerhaus, dem Tagungslokal, mit einer Weihefeier eröffnet werden. Rabbiner Dr. Wolf, Dresden, hält eine Ansprache, die musikalische Darbietungen und ein Sprechchor umrahmen. Aus V23 Uhr ist der Beginn der öffentlichen Delegiertentagung festgesetzt. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden sowie der Wai^ des Tagungspräsidiums und der Kommissionen folgen Begrüßungsansprachen von Rabbiner Dr. Bacck (Berlin) und Rechtsanwalt Paul Salingcr (Dresden). In den anschließenden Referaten sprechen Rabbiner Dr. Max Wiener (Berlin) über „Die Verwirklichung der Persönlichkeit in der sachlichen Arbeit", Herbert Felsenthal (Düsseldorf) über „Die Arbeit in den Bünden" und Dr. Julius Herzseld (Essen) über „Die Arbeit der Jugend in der Gemeinde". Mit einer Generalaussprachc soll die Sitzung des ersten Tages gegen 8 Uhr abends ihr Ende erreichen. Am nächsten Tage findet morgens 8 Uhr eine geschlossene Delegiertentagung statt. Ab Voll Uhr erfolgt die Fortführung der öffentlichen Generalaussprache über i»ie am Bortage gehaltenen Referate. Um 1 Uhr hält Rabbiner Dr. Hugo Hahn (Essen) das Schlußreferat über „Jüdische Jugend im Weltjugendverband". Nachmittags 4 Uhr findet eine Sitzung des neuen Hauptvorstandes statt, um 6 Uhr treten die Junggruppensührer zu einer Besprechung zusammen. Die verschiedenen Ausschüsse versammeln sich am Sonntag, den 27. Mai, ab 8.30 Uhr abends. Das erste gemeinsame Mittagessen ist auf Pfingstsonntag 12 Uhr im Tagungslokal festgesetzt, anschließend ab 1 Uhr hält der Hauptvorpand seine erste Sitzung ab. Rundfahrten durch Dresden und nähere Umgebung sind am Pfingstsonntag ab 4 Uhr vom Tagungslokal aus, wo um 2 Uhr gemeinsame Mittagstafel stattfindet, vorgesehen. Den Abschluß des zweiten Tages bildet das aus Anlaß der Delegiertentagung vom Jüdischen Jugendvercin zu Dresden veranstaltete Fest. Dienstag, den 29. Mai, ist Gelegenheit, vormittags die Dresdner Gemäldegalerie und die Jahresschau „Die technische Stadt" zu besichtigen. Ferner ist für 10 Uhr vormittags eine Tagesfahrt in die Sächsische Schweiz mit Besuch der Jugendburg Hohenstein geplant. Harburg. (Ehrenvolle Ernennung.) Herr Sally Goldmann, Mitglied der Repräsentanz der.Synagogrn-Gemeinde Harburg, ist für die neu errichtete Handelskammer Harburg-Wilhelmsburg zum Handelsrichter ernannt worden. Kassel. (Gründung eines Vereins: „Jüdisches Museum.) Im Antikensaal des Hessischen Landesmufeums fand in diesen Tagen die Gründung des Vereins ,/Füdisches Museum" statt. R«h erfolgreicher Durchführung der Sammlung jüdischer Kunst- und Kultaltertümer, mit welcher der Grundstock zum Jüdischen Museum geschaffen war, wurde vor etwa einem Jahre unter Beteiligung der staatlichen und städtischen Behörden die Ausstellung zunächst in den für vorübergehende Ausstellungen bestimmten Räumen des Laudesmuseums eröffnet. Run. nach Ablauf eines Jahres, ist die Sammlung für die Dauer gefestigt und findet ihre dauernde Heimstätte als Abteilung des LandeSmuseums. Es mußt« nun «ine Rechtspersönlichkeit geschaffen werden, die Träger der Sammlung ist und zugleich die dauernde Förderung und Ausgestaltung in der Hand behält; diese Erwägung führte zur Gründung des Vereins. Zur Gründungsversammlung hatte sich eine stattliche Anzahl von Persönlichkeiten eingesunden. Prof. Dr. Luthmer begrüßte namens der Verwaltung des Landesmuseums die Versammlung. Rechtsanwalt Lewinsohn begrüßte die Professoren Dr. Steinbarth und Dr. Deckeri von der Universität Marburg und skizzierte die Entwicklungsgeschichte des Museums. Dem Zersplittern und der Vernichtung der wertvollen Zeugen der Vergangenheit müsse Einhalt getan werden. Systematisch seien die .Kult- und Kulturschätze zu heben und der Allgemeinheit wie dem wissenschaftlichen Studium zuzusühren. Beabsichtigt sei eine Beteiligung an der Ausstellung für religiöse Kunst in Marburg und an der Pressa in Köln. Nach Annahme der Bcremssatzung wurde der Vorstand gewählt. Leer. (Todesfall.) Im Alter von 88 Jahren ist bier die allgemein geachtete ehemalige Vorsitzende des Israelitischen Frauenvercins, Frau Marie Rosenbcrg, verstorben. Mehr als 20 Jahre war die um das religiöse Leben der Gemeinde sehr verdiente Frau auch Ehrenpräsidentin des genannten Vereins. Marburg. (Jüdisches Erziehungsheim.) Der Gedanke, aus dem früheren Schüler- und Lehrlingsheim, das vor vielen Jahren aus Veranlassung der verstorbenen Herren Professor Dr. Hermann Cohen, Provinzialrabbiner Dr. Munk und Bankier Eichelberg errichtet wurde, ein israelitisches Erziehungsheim j£r schwererziehbare Kinder zu .schassen, soll, demnächst in die Tat umgesctzt werden. Namhafte Beiträge sind von allen hierfür in Frage kommenden Organisationen und Verbänden bewilligt worden. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat dem Projekt ebenfalls zugcstimmt und 10 000 Mark zu den Kosten des Umbaues und 5000 Mark für den Haushalt des ersten Jahres bewilligt. Auch der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeindcn in Halbcrstadt und andere Landesverbände haben größere Beträge bereitgestellt, so daß das Unternehmen als gesichert gelten kann. Ratlbor. (5 0. Geburtstag.) Der langjährige Freund und Förderer unserer Bewegung und Organisation, Herr Georg Wachsner, beging am 28. April ds. Js. im Kreise seiner Angehörigen seinen 50. Geburtstag. Herr Wachsner ist Vorsitzender unserer Ortsgruppe und gehört dem Vorstand der Synagogengemeinde an. Wir sprechen ihm auch an dieser Stelle unfern Glückwunsch aus. Aus der Bewegung Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B.) Am 30. April veranstaltete der Liberale Verein im großen Saal der „Gesellschaft der Freunde", Potsdamer Straße 9, eine Mitgliederversammlung. Der Referent, Herr Rechtsanwalt Dr. Walter Breslauer, verbreitete sich ausführlich über die augenblickliche Situation in der Berliner Jüdischen «Gemeinde und gab eine Uebcrsicht über die politischen Ereignisse seit Zusammentritt der neuen Repräsentanten- Bersammlung. Eine ausgiebige Diskussion zeigte, wie stark unsere Berliner MitgliÄ>er am Gemeindeleben interessiert sind. Einmütig wurde die Haltung der liberalen Fraktion in der Repräsentantcn- Versammlung sowie die des Vereins-Vorstandes gebilligt. Berlin. (Liberale Synagoge Norden.) In Verbindung mit dem Liberalen Verein, Bezirk Norden, veranstaltete die Liberale Synagoge Norden am Donnerstag, den 24. April 1928, einen Gemeindeabend. Vorauf ging die Generalversammlung des Liberalen Vereins und der Liberalen Synagoge Norden. Den Tätigkeitsberichl erstattete Herr Rosenblatt. In der Berichtszeit wurden 3 Gcmeindeabendc veranstaltet. Es sprachen: Herr Dr. Traub über die Oribewcgung, Herr Dr. Ludwig Holländer über: Mein jüdisches Bekenntnis, Frau Paula Ollendorf, Breslau, über: Amerikanisches Judentum. Von besonderen gottesdienstlichen Veranstaltungen seien erwähnt: Am Tischo b'ab: Abendgottesdienst, 1. S'lichaustag: Vormittagsgottesdienst, am Sonntag Chaul Ramaued Sukkaus: Sukkofeicr in der Gemeindesukkoh Oranienburger Straße, zu Purim am Vorabend und Einstimmungsgottesdicnst für Peßach am Ausgang des «Sabbat hagvdaul. Zu Rausch haschonoh und Jaum Kippur war ein besonderer Jugendgottesdienst veranstaltet. All diese Andachten wurden nach einer besonderen Liturgie abgehalten, die — auf ältester Tradition fußend - - doch dem modernen Empfinden und Bedürfnis Rechnung trug. Besonders sei vermerkt, daß die Liturgie für den Jugendgottesdienst der Hauptgemeinde als Vorlage zu der neuen Gebetordnung diente und fast unverändert in der Kultustommission angenommen wurde. Von dem Geist und der Arbeitsfreudigkeit der Liberalen im Norden zeugt die Tatsache, daß zu Chanukah ein liberales Gebetbuch für Freitagabend den Mitgliedern kostenlos überreicht werden konnte. Einem uralt jüdischen Brauche entsprechend wurden ortsfremde Rabbiner bei ihrer Anwesenheit zu einer Predigt und Leitung des Gottesdienstes gebeten. So sprachen Herr Dr. Seligmann, Frankfurt a. M. und Herr Dr. Vogelstein, Breslau, in unserer Synagoge. Die Zeitschrift „Die Gemeinschaft" erscheint regelmäßig zu den Feiertagen. Leider war cs nicht möglich, die jüdische Volkshochschule zur Abhaltung von Hochschulkursen zu gewinnen. Zur großen Tagung der Liberalen in Frankfurt a. M. hat der „arme" Berliner Norden als einzigste Berliner Gruppe einen Delegierten entsandt. - Die Neuwahl des Vorstandes ergab Wiederwahl der bisherigen Vorstandsmitglieder. Anschließend um 9 Uhr fand im überfüllten Saale des Auerbachscheu Waisenhauses der Gcmeindeabcnd statt. Herr Justizrat Chodziesner sprach über: Stimmungsbilder aus der Gemeinde. Seinen sachlichen und von großer Liebe zum Judentum getragenen Ausführungen folgte die Versammlung mit gespannter Aufmerksamkeit, oft in Entrüstungs- oder Berwunderungsrufe ausbrechend. Den Lesern dieser Zeitung sind die jüngsten Vorgänge in der Berliner Jüdischen Gemeinde ja nur allzu bekannt, als daß wir hier nochmals darauf zurückkommen brauchten. Besonderes Interesse erregten die Ausführungen im Schlußteil: Was können wir tun, um eine Aenderung herbeizuführen, eine Aenderung innerhalb der Massen des liberalen Judentums, als auch innerhalb der Berliner Gemeinde. Hierauf sprach Herr Seminarlehrer Falkenberg. Thema: Festesausklang. Grundgedanke: Hat uns der «Seder dieses Mal etwas gegeben? Kann er etwas geben, was über den Abend hinausreicht? Bewegte sich die Darstellung des ersten Herrn Referenten mehr auf politischem Boden, so gestaltete Herr Falkenberg den »veiteren Abend zu einer Stunde der Andacht, des Nachdenkens, d«S ErweckenS und Zurückfindens. Umrahmt wurden die Borträge von gesanglichen Darbietungen des Fräulein Frost und des Herrn Oberkantors Ahlbeck aus der Synagoge Rykestraße, die sich in liebenswürdiger Weise mit ihrer hohen Kunst der guten «Sache zur Verfügung gestellt hatten. Starker Beifall zollte ihnen Dank und Anerkennung. Liegaitz. (Liberaler Verein der Synagogengemeindc zu Liegnitz.) Am Mittwoch, den 18. April 1928, hatten wir die Freud«, den Generalsekretär der „Vereinigung für daS liberale Judentum", Herrn George G 0 e tz, nach längerer Pause wieder bei uns zu sehen. Herr Goetz sprach über das Thema „Jdeengemeinschast und Stammesgemeinschast" und führte etwa folgendes aus: Anknüpsend an die „Richtlinien", welche dir ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote des Judentums von dessen wandelbaren Erscheinungsformen unterscheiden, zeigte er zunächst in einem historischen Ueberblick auf, daß der Patriotismus der Propheten in keinem Widerspruch steht zum Universalismus ihrer Lehre. Es ist mit den Propheten nicht anders als mit der ganzen Bibel: als Chronik eines Volkes geschrieben, ist sie das Buch aller Völker geworden. Die Judenheit hat sich von einer nationalen ^Gemeinschaft im Altertum und von einer immer noch quasi-nationalen Gemeinschaft im Mittelaller zu einer Jdeengemeinschast entwickelt. Der Begriff der Jdeengemeinschast bedeutet an und für sich schon die Negation der Stammesgemeinschaft. Leben und Verwirklichung der Idee dürfen lveder auf einen Stamm noch auf ein Territorium beschränkt sein. Andererseits hat jede Idee ihr geschichtliches Schicksal, und so steht jeder, der sich zur Jdeengemeinschast des Judentums bekennt, in der geschichtlichen Kontinuität mit der jüdischen Vergangenheit. Das will besagen: die Jdeengemeinschast schließt alle diejenigen Werte ein, die der Einzelne aus der Stammesgemeinschaft empfangen könnte. Wenn wir den jüdischen Stamm oder gar ein jüdisches Land, Palästina, zur Grundlage des Judentums machen, so nützt alle religiöse und ethische Ueberbrämung nichts. In Deutschland war es kein Geringerer als Fichte, der Ethik und Zivilisation als Monopol für das deutsche Volk irr Anspruch nahm, lange Zeit betrachteten sich die Franzosen als das Kulturvolk schlechthin, und gar nichts anderes wäre es mit uns Juden» wenn wir uns als das Religionsvolk schlechthin bezeichneten. Jedes Volkstum aber kann nicht nur, sondern muß entarten, weil ein Volk dem Werden und Vergehen unterworfen ist. Würde wirklich der jüdische Staat heute geschaffen, so würde er wieder vergehen wie derjenige früherer Zeiten. Unvergänglich und auch keiner Entartung unterworfen ist ausschließlich das Gedankliche, und so ist es auch der Gedanke des Judentums, um den als das Bleibend« die Juden aller Völker und Rassen sich scharen müssen. Hier in Europa, dem wir angehören, wollen wir das Judentum verwirklichen. Europa bedarf der Fruchtbarmachung altjüdischer Ideen; die Emanzipation der Judenheit ist somit keineswegs nur ein Vorgang, der den einzelnen Juden zugute kommt, sondern sie hat zur Folge die Emanzipation des Judentums, welche unserer gesamten Menschheit zugute kommt. Der Weg des Judentums in der Geschichte ist der der Emanzipation, hier im Westen, aber auch in Osteuropa und sogar auch in Palästina. In diesem Sinne ist auch in der Resolution des Vorstandes der Liberalen Bereinigung vom 8. Mai 1927 ausgesprochen worden, daß Grundlage und Wesen des Judentums die Religion ist. — Die Zuhörerschaft folgte in großer Spannung dem temperamentvollen, von tiefreligiösem Geist erfüllten einstündigcn Referat. Herr Dr. S ch e y e r dankte dem verehrten Redner herzlichst für seinen interessanten Vortrag und gab durch Vorlegung einiger konkreter Fragen Herrn Goetz Gelegenheit zu einem ergänzenden Schlußwort.. Im Anschluß an den Vortrag fand die Generalversammlung statt. Zunächst erstattete der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Dr. S ch e y e r, den Jahresbericht. Er gedachte unseres verewigten Mitgliedes, Frau Krimmer, zu deren Ehren die Anwesenden sich erhoben. Im verflossenen Vereinsjahr haben nicht weniger als 22 Veranstaltungen stattgcsunden, über welche regelmäßig in der „Jüdischliberalen Zeitung" berichtet worden ist. Die Vortragsabende waren durchweg gui, zum Teil außerordentlich gut besucht, und die Freitagabendfeiern, die mit gemeinsamer Teetafel und anschließenden musikalischen Vorträgen verbunden waren, sind ein glänzender Erfolg des Vereins. Herr Dr. Scheyer gab seinem besonderen Dank für die Mitarbeit aller Vorstandsmitglieder Ausdruck. Bon der Generalversammlung wurde der gesamte Vorstand einstimmig wiedergewählt. In der Jugendgruppe gab cs zum 'Teil Neuwahlen. Fräulein Lilli L i c b r e ch t wurde als Führerin wiedergewählt, neugewählt wurden Fräulein Erna Neumann, Thea Weitzenberg und Käte Irre s l a w. Der Schreiberin dieses Berichtes, welche als Schriftführerin ebenfalls wiedergewählt wurde, sei gestattet, auch an dieser Stelle unserm verehrten 1. Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr. Scheyer, zugleich im Namen des gesamten Vorstandes, herzlichsten Dank für seine so erfolgreiche Tätigkeit auszusprechen. Seiner hervorragenden Führung sind die Leistungen und Erfolge des Vereins im vergangenen Bereinsjahr zu danken. Unter seiner Führung soll der Verein sich gedeihlich fortentwickeln! Dies ist unser aufrichtiger Wunsch für das Bereinsjahr 1926/29. Greta Jacobsohn, 1. Schriftführerin. Ratibor. (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum.) Am 17. April 1928 veranstaltete der liberale Verein, Ortsgruppe Ratibor, einen Vortragsabend, der gut besucht war. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Wachsner, eröffnetc den Abend, begrüßte den Redner Herrn George Goetz — und streifte mit einigen Worten die Krisen, die die Ratiborer Gemeinde durchgemacht hat und in Zukunft noch wird durchmachen müssen. — Dann erteilte der Vorsitzende dem Redner des Abends das Wort zu seinem Bortrage: „Krisenerscheinungen im jüdischen Gemeindeleben". — Herr Goetz berichtete in fesselnder Weise die schweren Krisen, di« die Großgemeinden, besonders aber Berlin, durchmachen. Ganz ohne Kämpfe geht cs im jüdffchen Gemeindeleben nicht ab, da von den 3 Parteien Liberale, Konservative und Zionisten jede für sich das Recht in Anspruch nimmt, die einzige richtige Richtung im Judentum zu sein. Der Redner führte weiter aus, daß man von einer Nation seit der Emanzipation nicht mehr reden kann und daß unsere Nation nur durch die Religion Nation ist, wie Rabbi Akiba gesagt hat! — Durch den Liberalismus ist es erst möglich geworden, daß die Juden unter den veränderten Verhältnissen weiter als Juden leben können. — Der Redner wandte sich mit scharfen Worten gegen den Zionismus und führte als Beispiel Berlin an, wo sich besonders heftige Kämpf« zwischen der liberalen Partei und den Zionisten abspielen. Der Kampf muß ausgefochten werden und hoffentlich zum Siege führen l Reicher Beifall dankte dem Redner für seine Ausführungen. Erika Rechnitz, Schriftführerin. Auch Ihre freunde wollen die Jüdisch-liberale Zeitung lesen! Eörbem Sie das liberale Judentum durch Verbreitung der Jüdisch-' iberalen Zeitung. ier ist eine Liste: Bitte schreiben Sie darauf die Adressen aller, die nach Ihrer Meinung Leser der Jüdisch-liberalen Zeitung werden können, und senden Sie uns den Zettel im Umschlag zu Rame Wohnort Straße -- ... —...- Unterschrift: Rame: Ort:..... Straße:--—.--- Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum c. V>, Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. Brun» Wotzda, Berlin NW. 23. — Druck: Hermann Weg»« & tto.t Berlin-Mariendors.