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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-04 · 18 (4.5.1928) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
18 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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größter Vorsicht konnte sich Mendelssohn von ersparten Groschen antiquarische Bücher verschaffen und heimlich in seinem Kämmerlem die deutsche Sprache erlernen. War doch die stammelnde Umgangssprache der Juden damals ein Gemisch von schlechtem hebräisch und verdorbenem deutsch. Durch Zufall lernte er einen jungen Polen kennen, der ihn aus einer hebräischen Uebersetzung des Euklid in die Mathematik einsührte, auch mit chm die Werke der jüdischen Philosophen des Mittelalters, Maimonides, Albo u. A. las. Bei einem Besuche bei dem Anttquar fand er eine alte lateinische Grammatik und ein altes lateinisches Lexikon, die er für geringes Geld erstand, er wollte die klassische Gelehrtensprache erlernen. Der Zufall kam ihm wieder zur Hilfe, er fand einen jungen jüdischen Arzt, Kisch aus Prag, der chn in die Änfangsgründe der lateinischen Sprache einführte. Der Unterricht dauerte ein halbes Jahr, dann war er für weiteres Studium wieder auf sich angewiesen. Wieder war es ein altes Buch, das chn auf einen neuen Weg führte, Lockes philosophische Werke. Mühselig entzifferte er Satz für Satz des lateinisch geschriebenen Buches mit Hilfe seines Lexikons. Allmählich erwarb er sich nicht nur gute Kenntnisse in der lateinischen Sprache, sondern durch Locke auch eine gute philosophische Grundlage und damit den Keim für sein späteres philosophisches Wirken. Der Drang nach weiterem Wissen wurde immer mächttger, er strebte danach, auch andere europäische Sprachen kennen zu lernen. Wieder fand er einen Helfer, ein junger Student, der spatere Arzt Dr. Aron Salomon Gumperz, trieb mit ihm französisch, englisch und Philosophie, auch führte er ihn in die Werke von Leibnitz und Wolf ein. Sieben Jahre hatte sich Mendelssohn durchgehungert, da lächelte ihm das Glück, er erhielt eine Hauslehrerstelle bei dem Seidenfabrikanten Isaak Bernhard. Nun konnte er sich sorgenlos neben seinem Amte weiteren Studien hingeben, in Sprächet:, Mathematik und Philosophie. Für Geschichte, Geographie und Naturwissenschaft hatte er wenig Interesse mid gewann darin auch später keine Kenntnisse. In der Zeit dieses Hauslehrertums lernte er durch Gumperz den Dichter Gotthold Ephraim Lessing kennen. Sie trafen sich zuerst beim Schachspiel, fanden Gefallen aneinander und wurden Freunde fürs Leben. Schon vor dem Umgang mit Mendelssohn war Lessings Jugendwerk „Die Juden" erschienen. Diese Freundschaft war für beide Teile von großer Bedeutung, anfänglich wohl mehr für Mendelssohn, der Lessing einen großen Teil seiner Ausbildung verdankt, später ist es aber schwer zu sagen, wer von den beiden dem Anderen mehr gegeben hat, sie ergänzten sich gegenseitig und glichen sich aus. Einen Aussatz Mendelssohns, „Philosophische Gespräche" ließ Lessing heimlich drucken und 1755 anonym verösfent lichen, es war Mendelssohns erstes Werk, es machte Aussehen. Durch Lessing lerirte Mendelssohn auch den Buchhändler und Privatgelehrten Nicolai kennen, mit dem ihn ebenfalls bald treue Freundschaft verband. Dieser führte ihn in die griechische Sprache ein. Nach vierjähriger Tätigkeit als Hauslehrer bei Bernhard machte ihn dieser zu seinem Buchhalter, später wurde er sein Teilhaber. Bei Beginn der Buchhaltertätigkeit ging Lessiug von Berlin fort, Mendelssohn fühlte sich dadurch sehr vereinsamt, sie blieben aber in Briefwechsel. Durch philosophische Aussätze in einer von Nicolai her- -ausgegebenen Zeitschrift wurde Mendelssohn als hervorragender Kopf und eleganter Schriftsteller bald in der ganzen wissenschaftlichen Welt bekannt. Bei einer Reise nach Hamburg lernte er 1761 Fräulein Frommet Guggenheim kennen inib verlobte sich mit ihr. Er war jetzt in gesicherter und auskömmlicher Stellung, wollte aber mit der Heirat aus nachfolgenden Gründen noch etwas warten, nach einem Jahre wurde aber die stets glücklich verlaufene Ehe geschlossen. Er hatte abwarten wollen, ob der König, Friedrich der Große, der ihn bereits kennen gelernt hatte, sein Gesuch, als Schutzjude ausgenommen zu werden, genehmigen würde. War seine Lage auch eine pekuniär sichere, so mußte er doch nach außen hin Angestellter Bernhards bleiben, um vor Ausweisung gesichert zu sein. Erst nach mehrfachen Eingaben wutt>e ihm ein Jahr nach seiner Verheiratung der Schutzbrief bewilligt. Er wandte sich nun wieder mit Eifer seinen philosophischen Arbeiten zu und reichte auf ein ergangenes Preisausschreiben der Akademie der Wissenschaften eine Abhandlung ein: „lieber die Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften", die mtt dem 1. Preis gekrönt wurde. Dann erschien 1767 sein berühmtes philosophisches Werk „Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele". Aus dem bekannten wurde dadurch ein berühmter philosophischer Schriftsteller. Nach Erscheinen des Buches erscholl sein Ruf von vielen ' Seiten, z. B. sagt Platen: „Mendelssohns Phaedon begeistert mich, mit weicher steigenden Eloquenz wird man da von Beweis zu Beweis geführt' und Winkelmann schrieb: ,cher Phaedon von Moses Mendelssohn ist eins von den besten Büchern, welche ich gelesen habe". In der wissenschaftlichen Welt erhiett Mendelssohn durch das Werk, das in alle Kultursprachen übersetzt wurde, holländisch, französisch, englisch, ungarisch, dänisch, polnisch, russisch, auch hebräisch, den Namen: ,cher deutsche Plato". Durch den Phaedon begann Mendelssohns Bekanntschaft und Freundschaft mit weiteren deutschen Geistesgrößen, besonders mit Herder, Gleim und Wieland; Goethe verhielt sich wohl anerkennend, aber doch ziemlich gleichgültig gegen chn. Dann aber trat ein Umstand ein, der Mendelssohn ungeheuer erschütterte. Er hatte 1763 die Bekanntschaft Lavaters gemacht, dieser schätzte chn schr, sie korrespondierten mehrfach. Da gab 1769 Ladater eine Uebersetzung von Bonnets „Untersuchung der Beweise für das Christentum" mit einer Borrche heraus, in der er Mendelssohn öffentlich anfforderte, entweder Bonnets Beweise zu widerlegen, oder, wenn er dazu nicht imstande sei, zum Christentum überzutreten. Dieser Angriff erregte Mendelssohn ungemein, seine Freunde, Lessing, Nicolai urw Herder, mißbilligten Lavaters Schritt scharf, rieten aber, Lavater zu antworten. Es war ein Rat, der diametral zu Mendelssohns Absicht stand, denn er scheute sich, aus sehr verständlichen Gründen, sich in eine Polemik gegen das Christentum einzulassen. Er sah aber ein, daß chln kein anderer Weg als öffentliche Entgegnung offen stand. Er richtete ein Sendschreiben an Lavater, das in würdigster und vornehmster Weise schalten war. In diesem Schreiben bekennt er: ,Hch begreife nicht, was mich an eine, dem Anschein nach so überstrenge, so allgemein verhaßte Religion fesseln könnte, wenn ich nicht von ihr überreugt wäre." „Bon dem Wesentlichen meiner Religion bin ich so fest, so unwiderleglich versichert, als Sie oder Herr Bonnet von der Ihrigen sein können, und ich bezeuge hiermtt vor dem Gotte der Wahrheit, Ihrem und meinem Schöpfer und Erhaller, daß Versammlungskalender Bresktm. Jtt „Abraham Seiger". Montag, den 7. Mai, abends 8.15 Uhr, zwangloser Beisammensein i« Südpark-Restaorant (bei ungünstige« Wetter im Saale). An diese« Adeud wird Ziel und Zeitpunkt nnserer Psiugstwandernug festgesetzt. Wir -ttte« vm zahlreiches Erscheinen und um Einführung von Säften. Gollesdievste Berliu-Rorden. Liberale Synagoge Norden (im Anerbachsche« Waisenhaus, Schönhauser Allee 162): Freitag, dea 4. Mai, abeuds 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Arthur Roseuthal. Soanadend, de« 5. Mai» vormittags 16 Uhr» Gottesdienst. Freitag, dr« 11. Mast Gottesdienst. Berlin-Wilmersdorf-Schöueberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Läcilienschule, Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, dea 4. Mai, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonftt. ich bei meinen Grundsätzen bleiben werde, so lange nicht meine ganze Skele eine andere Natur annimmt." Auf Bonnets Beweise ging er nicht ein. Lavater sah ein, daß er unrichtig gehandelt habe und bat um Entschuldigung, die auch gewährt wurde. Aber die Angelegenheit war damtt nicht erledigt, andere Schriftsteller mischten sich ein, teils für, teils gegen Mendelssohn, dieser aber würdigte niemanden einer Antwort, nach außen hin war die Sache für chn erledigt, innerlich aber schmerzte sie ihn aber desto mehr. Er fühlte sich vor allem dadurch bedrückt, daß er in seinen bisherigen Schriften, abgesehen von Uebersetzungen von Predigt und Liedern, die er für die Gemeindeältesten gemacht, sich mit seiner Religion nicht beschäftigt hatte. Er wollte das bisher Versäumte nun nachholen, mußte es aber, seiner Kränklichkeit halber, einstweilen verschieben. Mit vielen geistig hervorragenden Männern, z. B. dem Erbprinzen von Braunschweig, führte er Korresporrdenzen über die Religion, in denen er sich freier aussprechen konnte. Mit dem Erbprinzen hatte er durch Lessing, der inzwischen Bibliothekar in Wolsenbüttel geworden war, Bekanntschaft gemacht. Der Prinz lud ihn ein, ihn in Braunschweig zu besuchen, er kam der Einladung nach, dort sahen sich die Freunde, Lessing und Mendelssohn, nach drei Jahren wieder. Mendelssohns Ansehen war nunmehr so groß geworden, daß die Akademie der Wissenschaften ihn 1771 zu ihrem Mitgliede erwählte, der König aber lehnte Mendelssohn ab. Er nahm das gleichgültig hin, er hatte kein Streben nach äußeren Ehren. Der Streit mit Lavater hatte ihn so mitgenommen, daß er im selben Jahre in eine schwere Nervenkrankheit verfiel, die ihn fast arbeitsunfähig machte. In zwei Sommern machte er Badereisen nach Pyrmont, fand aber nicht die erhoffte Wiederherstellung. In Pyrmont lernte er den Grasen Wilhelm von Schaumburg-Lippe kennen, war täglich mit chm zusammen und führte philosophische Gespräche mit chm. Mendelssohn beurteilte den Grasen als „frei von allen Vorurteilen, die zu Zwiespall und Menschenhaß führen, war er von den echten Lehren der Religion bis zur Schwärmerei durchdrungen." Sieben Jahre litt er unter seiner Krankheit, war nur fähig, seiner geschäftlichen Tätigkeit einigermaßen nachzukommen und eine sehr beschränlle Korrespondenz mtt Freunden zu führen. Immerhin hatte er aber doch die Möglichkeit, kleinere Arbeiten im Interesse seiner Glaubensgenossen zu erledigen, zunächst 1772 ein Gutachten betr. der Beerdistungsfrage an den Borstarld der Gemeinde in Schwerin r. M., dann 1775 die mtt Erfolg gekrönten Bemühungen für die entrechteten Juden in der Schweiz und 1777 Schritte für die Aufhebung der beschlossenen Ausweisung der minderbemittelten Juden in Dresden, die ebenfalls zum gewünschten Ziele führten. Im Jahre 1778 erhielt der Oberrabbiner Levrn von der Regierung den Auftrag, die Gesetze der Juden, sowett sie Erbschaften, Testamente, Ehesachen und sonstige Bermögensangelegenhetten betreffen, in einem Aufsätze dem Juftizdepartement darzulegen. Levin, der deutschen Sprache nicht mächttg, ersuchte Mendelssohn um die Abfassung. Dieser kam dem Wunsche durch seine ,Mttualgesetze der Juden" nach. Dann erschien 1779 Lessings „Nathan der Weise", in dem dieser Mendelssohn ein unvergängliches Denkmal setzte. Es kann sein, daß dieses Werk, neben den vorstchenden verschiedenen Arbeiten über jüdische Angelegenhetten, Mendelssohn zu seinem früheren Plaue, seine Glaubensgenossen zu einer höheren Kultur zu führen, sie als Deutsche zu erziehen, Judentum und Deutschtum zu vereinen, zurückführte. Dafür war zunächst, die Bereinigung der Sprache der Juden erforderlich. Er ging wieder an die Uebersetzung des Pentateuchs, die er bereits für seine Kinder begonnen hatte, dann der Psalmen. Die Pentateuch-Ucbersetzung nebst hebräische« Kommentar wurde 1781—1783 ausgeführt, die Erklärungen waren tetts von ihm, teils von Salomon Dubno, Hartwig Wessely; Herz Homberg und Aron Jaroslaw verfaßt. Nach dem zuerst ausgegebenen Probehefte liefen viele Bestellungen ein, aus allen Teilen Deutschlands, aus England, Frankreich, Dänemark, Holland und sogar aus Polen. Aber die Altsrommen waren entsetzt, die Rabbiner Ezekiel Landau in Prag, Hirsch Janow in Fürth und Raphael Kohen (der Großvater Gabriel Rießers) in Altona sprachen ein Verbot über das gar noch nicht erschienene Buch aus und belegten es mit chrem Bann. Ein heftiger Rabbinerstrett entstand^ denn andere Rabbiner beurteilten die Absicht günstiger. Erst als der König von Dänemark auf das Werk subskribierte, war der Altonaer Rabbiner zum Stillschweigen gezwungen. In die Zett der Uebersetzungen fiel unerwartet die Nachricht von dem am 15. Februar 1881 erfolgten Hinscheiden Lessings. Die Trauer Mendelssohns war groß, er konnte seinen Schmerz schwer überwinden. Einem gleichzeitig eintreffenden Ersuchen der Elsässer Juden um Abfassung einer Petition an die französische Regierung zwecks Verbesserung ihrer sehr gedrückten Lage konnte er nur dadurch nachkommert, daß er den ihm bekannten freisinnigen Kriegsrat Dohm bat, eine solche Eingabe zu verfassen. Er legte ihm seine Gedanken dar und Dohm veröffentlichte seine Schrift: „Ucker die bürgerliche Verbesserung der Juden". Diese Schrift hch viel zur Herbeiführung der Emanzipation beigetragen. Die Psalmen erschienen 1783, das Hohelied erst nach seinent Lose. Im gleichen Jahre wie die Psalmen erschien auch eines seiner hauptsächlichsten Werke, über das der Philosoph Kant ihm schrieb: „Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen, gewußt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann": .^Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum", Mendelssohns Glaubensbekenntnis. Die Zeitgenossen staunten, das Buch enthielt Ausführungen über Staat, Religion und Judentum, die noch niemals ausgesprochen waren. „Die jüdische Religion kennt keinen Zwang, sie treibt nicht mit eisernem Stabe, sondern leitet am Sette der Liebe"; „nach den Begriffen des wcchven Judentums sind alle Bewohner der Erde zur GlückseligkE berufen"; „unter allen Vorschriften und Verordnungen der mosaischen Gesetzes lautet kein Einziges: du sollst glauben oder nicht glauben! sondern alle heißen: du sollst tun oder nicht tun"; „lasset Niemanden in euren Staaten Herzenskündiger und Gedankenrichter sein. Niemanden ein Recht sich anmaße», das der Allwissende sich allein vorbehatten hat". Zwei Jahre nach „Jerusalem" erschienen die „Morgenstunden oder über das Dasein Gottes", entstanden aus Vorträgen, die er morgens, vor Beginn seiner geschäftlichen Tätigkett, seinen Kindern und anderen jungen Leuten, wie Veit, Daniel Jtzig, David Friedländer, Wesselys Sohn, den beiden Humboldts und Anderen gchalten hatte. Dieses Werk gchört zu den bedeutendsten seiner Arbeiten. Aber auch um dieses Buch entbrannte wieder ein unangenehmer Streit der Fachgenossen und Schriftsteller; auch Goethe beteiligte sich daran, nicht in schr freundlicher Weise. Eine Behauptung seiner Gegner regte ihn schr auf, diejenige, Lessttlg sei ei« Spinozist gewesen, da er überzeugt war, Lessings Gedanke« genau gekannt zu haben und in der Bchauptung eine Beleidigung des Toten erblickte. Zu Ehren Lessings verfaßte ec deshalb eine Schrift: „An die Freunde Lessings". Es war sein Schwanengesang. Ende Dezember 1785 trug er das Manuskript zum Verleger, auf dem Wege erkältete er sich und verschied nach wenigen Tagen, am 4. Januar 1788» Für uns Juden liegt Mendelssohns Bedeutung hauptsächlich in dem, was er für die Judenhett, nicht nur die deutsche, sondern auch aller zivilisierten Länder getan hat. Das waren in erster Reihe seine Uebersetzungen des Pentateuchs und der Psalmen. Er lehrte die deutschen Juden dadurch, reine deutsche Sprache kennen zu lernen, sich des verdorbenen Jargons zu entwöhnen. Er erweckte sie zum Streben nach deutscher Bildung, um dadurch aus Parias, trotz der noch obwaltenden Beschränkungen, zu freien Mensche« zu werden. Durch sein Wirken und sein Vorbild veranlaßt« er andererseits auch edelgesinnte Andersgläubige, sich der verkümmerten Rechte der Juden anzunehmen und für deren bürgerliche Gleichstellung zu kämpfen, die, trotz aller reaktionären Widerstände, zuerst, noch bei seinen Lebzeiten, i» Nordamerika, gleich nach seinem Tode in Frankreich und dann allmählich überall in den auf Zivllisation Anspruch machenden Völkern ausgesprochen wurde. Mit Begeisterung stürzten sich die Bildung erstrebende« Juden, vornehmlich das jüngere Geschlecht, männlich und weiblich, auf die Uebersetzungen und dann auf deutsche Literatur. Im letzten Dezennium des 18. Jahrhunderts wurde der Drang nach Bildung ein gewaltiger, allerdings für manchen schwachen Charakter ein verhängnisvoller. Zwischen den Gebildeten und der großen Masse entstand eine gewaltige Kluft, der eine Teil verstand den anderen nicht mehr, «ne Bemühungen, bildend und fördernd aus die Gesamtheit einz«- wirken, schienen erfolglos zu bleiben, das führte viele zum Austritt aus dem Judentum. Die stärkeren Geister jedoch glaubten an ein allmähliches Eindringen der Aufklärung hofften auf endliche Erlösung ans dem geistigen und bürgerlichen Ghetto, und ihre Hoffnung ging in Erfüllung. Langsam schreitet die Weltgeschichte ihren Weg. Wen« auch der Umschwung aller Verhältnisse der Juden ei« gewaltiger war, das Ziel ist noch nicht erreicht. Noch müsse« wir kämpfen, nach Innen und nach außen, aber unser Weg gcht unbeirrt aufwärts: aus Nacht zum Licht! Joseph Kauffmanu, Weißensee. Aus den Gemeinden Berlin. (Rabbiner Dr. Löwenthal gestorben.) Am 2. Mai ist der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, Dr. Abraham Löwenthal, im 60. Lebensjahr verstorben. 11 Jahre hindurch hat « als Führer und Lehrer des konservative« Judentums iu der Berliner Gemeinde mitgewirkt und sich besonders auch für die Ritual-Einrichtungen der Gemeinde eingesetzt. Tiefgründige Kenntnis des jüdischen Schrifttums und innige Religiosität erfüllten ihn bei Ausübung seine- Amtes. Im Geist des Friedens und der Eintracht hat er zu wirke» sich bemüht und sich dadurch die Hochschätzung nicht nur der mit ihm auf gesetzestreuem Boden stehenden Juden Berlins erworben, auch die Liberalen werde:: dem Verstorbenen ein ehrendes Andenken bewahren, der Achtung auch vor ihrer Anschauung besaß. Berlin. (6 0. Geburtstag.) Herr Maurice Glogau, Inhaber der Möbelfabrik Albert Gleiser A.-G., Vorsitzender des Vorstandes der Jüdischen Altershilfe Groß-Berlin, begeht am 4. Mai seine» 60. Geburtstag. Herr Glogau hat sich um die soziale Arbeit dieser Institution, die ihre Entstehung seiner Initiative verdankt, außerordentlich verdient gemacht. Er hat in den Jahre» der schwierigsten Geldverhältnisse die Leitung der Chewrah Ladischah innegehabt. Herr Glogau gehörte auch dem Vorstand der Synagogengemeinde Passauer Straße und einigen Gemeinde-Kommissionen an leitender Stelle an. Berlin. (Jahresversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums.) Am Sonntag, den 13. Mai, vormittags 11 Uhr, veranstaltet die Akademie für die Wissenschaft des Judentums ihre Jah«shauptversammlung im Gartensaal des Logenhauses, Kleiststraße 10. Im Anschluß an die Bersammlnng findet eine Gedenkfeier z» Hermann Cohens 10. Todestage um 12 Uhr im Großen Saale statt, bei der Herr Professor Dr. Albett Görlaud-Hamburg die Gedenkrede halten wird. Berlin. (Bortrag in Emigdirekt.) Auf Einladung des vereinigten Komitees für jüdische Einwanderung (Emigdirekt) hielt Herr Dr. L. Bramson, Präsident des Verbandes Ott, einen Vortrag über das Thema: „Kann Südaftika ein Einwanderungsland für Juden werdend Herr Dr. Bramson, der mit den Führern der jüdischen Gemeinschaften in 28 Städten und mit Bertrttern der Regierung Südafrikas wiederholt verhandelt hat, gab eine sehr interessante und eindrucksvolle Schilderung der Länder der südafrikanischen Union und der Position der Juden in diesem Teile der Welt und kam zu dem Schlüsse, daß unter günstigen Umständen und bei sorgfältiger Führung itnd Kontrolle der Wanderung Südaftika ein Land konzentrierter und systematischer Einwanderung für produktive jüdische Elemente werden könne. In diesem Lande mit seiner herrlichen Ratur, seine« unvergleichlichen Klima und seinen reichen Bodenschätzen lebe» etwa 72 000 Juden. Der natürliche BevölkerungSzuwachs bettägt 1,9 */o,‘ während er z. B. in Amerika 0,95 o/<, beträgt.

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