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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-04 · 18 (4.5.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
18 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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LeHsjchtigep, um die russischen Bauern zu ruinieren, in verschiedenen Gegenden des Reiches im laufenden Sommer „mit Hilfe besonderer Maschinen das Getreide auf den-Feldern noch vor der Ernte zu verbrennen. Um dies zu vollbringen,' sfien besondere Instruktoren vorgesehm, als welche Deutsche, die russische Staatsbürger sind, und durch Bestechung dafür gewonnene Juden" fungieren sollten. Das Rundschreiben macht zwar den Vorbehalt, diese Gerüchte seien nicht geprüft, immerhin halt es für richtig, die Beamten des Ministeriums auf sie hinzuweisen und ihnen vorzuschreiben, sofort Bericht zu erstatten, wenn ihnen etwas darüber bekannt werden sollte. Nicht genug mit diesen Verfolgungen, suchten die antisemitischen Militärbehörden die angebliche Spionagetätigkeit der russischen Juden zum Vorwand dazu zu nehmen, die Juden überhaupt vom Militärdienst auszuschließen. Es war das eine Forderung, welche die Antisemiten in der Reichsduma vör dem Weltkrieg mit viel Lärm vertraten, da sie auf diese Weise den russischen Juden die Voraussetzung für die Forderung der Gleichberechtigung nehmen wollten. Die Juden in Rußland betonten stets, es liege keine Berechtigung vor, ihnen Bürgerrechte zu verweigern, da sie alle Pflichten der Bürger, darunter auch die Militärpflicht, erfüllen. Eben deshalb stellten die Antisemiten in Rußland die Forderung eines Ausschlusses der Juden aus der russischen Armee auf. General Januschkewitsch machte sich diese Forderung zu eigen. Es wurde der Text einer Rundfrage an die Kommandierenden der Heeresabteilungen ausgearbeitet, welche das Verhältnis der Juden zum Krieg klarstellen sollte. In welchem Geist diese Rundfrage ausgeführt werden sollte, wird aus den Punkten ttar, in denen Angaben verlangt werden über Fälle von Spionage bei jüdischen Soldaten; Fälle von Fahnenflucht jüdischer Soldaten; Fälle des schädlichen sittlichen Einflusses jüdischer Soldaten auf ihre christlichen Kameraden; Fälle des Ueb erlauf er. s zum Feind; Fälle des Verrates der jüdischen nicht dienstpflichtigen Bevölkerung, der Hinneigung dieser Bevölkerung zum Feind usw. In einem Schreiben an den damaligen Oberbefehlshaber der Nordfront, General Alexejew, vom 5. August 1915 begründet Januschkewitsch diese Rundfrage folgerMermaßen: „Zweifellos wird nach Kriegsende die Frage des weiteren Verbleibens der Juden in den Reihen des Heeres oder auf jeden Fall der Verringerung ihrer Zahl bei den Truppen auf die ernstlichste Weise beraten werden müssen. Es fei -daher äußerst wünschenswert, bis dahin im Besitze eines umfangreichen Materials zu sein, welches auf Grund von Gutachten der Kriegsteilnehmer, die den ganzen Schaden der Zulassung der Juden in ihre Reihen j an sich erfahren haben, gesammelt sein wird." j Die angeführten Auszüge aus den jetzt vorliegenden! Dokumenten genügen, um zu zeigen, in welcher Hölle sich die russischen Juden während des Weltkrieges befanden. Ihre Lage war an sich eine außerordentlich schwere. Die damals etwa sechs Asillionen zählende jüdische Bevölkerung Rußlands hatte für ein Vaterland zu kämpfen, das ihnen dick elementarsten Rechte verweigerte, — die russischen Juden besaßen in Rußland nicht einmal die Rechte, welche Ausländer genossen, die Rußland gegenüber keinerlei Pflichten zu erfüllen hatten — dabei hatten sie gegen Länder zu kämpfen, in denen ihre Glaubensgenossen schon lange bürgerliche Rechte erworben hatten. Statt ihnen entgegenzukommen und durch Abschaffung wenigstens der drückendsten Ausnahmegesetze, wie es. von russischer liberaler Seite anfangs des Krieges gefordert wurde, ihren Patriotismus zu wecken, versteiften sich die ausschlaggebenden militärischen Faktoren auf eine brutale Drangsalierung der Juden, die diesen die Erfüllung ihrer Staatsbürgerpflichten wirklich nicht leicht machte. Nichtsdestoweniger kann ganz objektiv gesagt werden, daß die Ver- > dächtiaungen der Juden, namentlich ihre Verallgemeinerung, unbedingt falsch waren. Wenn man jetzt diese Ereignisse im Lichte der Vorgänge des Jahres 1917 betrachtet, als die russische Armee infolge der Revolution einfach auseinandergelaufen ist, so wird es klar, welche Gewissenlosigkeit dazu gehörte, die Juden als ein Volk von Verrätern in Gegensatz zur Übrigen BeMkerung bringen zu wollen, welche angeblich keine andere Sehnsucht kannte, als . für Zaren und Vaterland zu sterben. Für die reaktionäre russische Bürokratie aber, namentlich sür die militärische, auf welche eine so furchtbare Verantwortung sür die Katastrophe Rußlands fällt, welche sie durch ihre Mißwirtschaft herbeiyeführt hat, sind diese Dokumente außerordentlich charakteristisch. Ebenso wie sür ihre Gesinnungs- und Standesgenofsen im Ausland die Weisen von Zion für alles herhalten müssen, um die Verantwortung für die Schuld derjenigen zu Übernehmen, auf deren Schultern sie in Wirklichkeit liegt, sollte auch für die russische Militärbürokratie das Märchen vom jüdischen Verrat der Strohhalm werden, an welchen sich der Ertrinkende zu klammern sucht, wenn er nichts Besseres hat. Nun hat ein Strohhalm noch nie einen Ertrinkenden gerettet, und er tat es auch im Weltkrieg Riißland nicht. Dr. I. Lew in. Line gemeinnützige jüdische Ehevermittluvgsstelle Wir werden um Veröffentlichung des nachstehenden Aufrufes gebeten: In Vorträgen und Aufsätzen hat der Unterzeichnete auf die Notwendigkeit der Errichtung einer gemeinnützigen jüdischen Ehevermittlungsstelle hingewiesen. Er sieht darin ein gecigrrcAs Mittel, um der jüdischen Ehenot der Gegenwart zu steuern, die ständig sinkende Ziffer der jüdischen Eheschließungen zu heben, zahllosen tüchtigen jüdischen Mädchen, die heute aus äußeren Gründen nicht zur Verehelichung gelangen können, und damit ihrer natürlichen Bestimmung entzogen werden, zur Verehelichung zu verhelfen; vor allem aber sollte die gemeinnützige jüdische Ehevermittlungsstelle berufen fein, die bedrohlich anwachsende Zahl der Mischehen; die ernstlich den Bestand des Judentums gefährdet, einzudämmen. Nachdem wir von verschiedenen Seiten ZustiMmungserllärungen zugegangen sind, und die Gründung einer derartigen Institution als eine Notwendigkeit bezeichnet wurde, beabsichtige ich nunmehr an die Ausführung des Planes heranzutreten. Ich bitte daher alle, Männer und Frauen, welche sich für die geplante Institution interessieren und dieselbe zu unterstützen geeignet sind, mir Ihre Adresse mitzuteilen, sowie Anregungen und Wünsche bekanntzugeben, wie ich zu weiteren AuÄüusten gerne bereit bin. ... .. . San.-Rat Dr, Hanauer, UmversttSLs-rosessor1 Frankfurt a. M., Im Trutz $7. Hilfsaktion für die vom Erdbeben betroffenen jüdischen Gemeinden Bulgariens Mehrere jüdische Gemeinden in Südbulgarien haben unter der Erdbebenkatastrophe, von der dieser Teil des Landes betroffen worden ist, schwer gelitten. Den größten Schaden haben die Gemeinden in Tschirpan und Philippopel zu verzeichnen. Von den 59 von Juden bewohnten Häusern Tschirpans wurden 17 so zerstört, daß kein Stein aus dem 'anderen blieb, während die übrigen mehr oder weniger schwer beschädigt wurden. Die Synagogen und die jüdische Schule sind vollkommen zerstört. Drei Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden verletzt. Die jüdische Gemeinde in Philippopel, die rund 1500 Familien zählt, ist schwer heimgesucht. Die von Juden bewohnten Gassen haben am meisten gelitten. Man zählt unter den Juden zwei Tote und eine Anzahl Verwundete. Da die Bevölkerung in provisorischen Zelten und zum Teil im Freien die Nächte zubringen muß, befürchtet man das Auskommen von Epidemien. Das Zentralkonsistorium der jüdischen Gemeinden Bulgariens hat einen Appell um Hilfe veröffentlicht. Die jüdische Gemeinde in Sofia hat Ans jetzt für den Hilfsfonds 150 000 Lewa aufgebracht. Es ist Wringend notwendig, daß auch auswärtige jüdische Gemeinden den unglücklichen jüdischen Brüdern zu Hilfe kommen. Ehrungen für Llaude G. Montefiore Unter Führung von Herrn Felix M. Marburg hat sich eine Gruppe prominenter amerikanischer Juden gebildet, die einen Fonds zur Ehrung des Londoner Führers des liberalen Judentums, Claude G. Montefiore, aus Anlaß seines 70. Geburtstages schaffen will. Der Fonds wird dem in London geschaffenen Claude-Montefiore-Fonds angegliedert werden. Die Urkunde wird dem Jubilar an seinem Geburtstage im Juni d. Js.' überreicht werden. Herr Montefiore wird selbst über die Verwendung der Gelder Verfügungen treffen. In Deutschland wird, wie wir hören, aus Anlaß des 70. Geburtstages von Montefiore im Zusammenhang mit der am 18. August in Berlin stattfindendeu Konferenz des liberulen Weltverbandes die .Herausgabe einer Sammet Festschrift gevlant. '! Skeuerverordnung | für die jüdischen Gemeinden Zu der auch von uns wiedergegebenen, von der Jüdischen j Telegraptzen-Agentur verbreiteten Meldung aus aabitiouett i gesetzestreuen jüdischen Kreisen, daß die vom Preußischen Kultusminister für das Rechnungsjahr 1928 veröffentlichten Richtlinien für die Erhebung der Kirchensteuer auch für die jüdischen Gemeinden die Möglichkeit eröffnen, neben Zuschlägen zu staatlichen Steuern gemäß § 9 fg des Kirchensteuer-Gesetzes von 1905 eine von Staatssteuern unabhängige Abgabe umer dem Namen „Kirchgeld" zu erheben, wird der ,/Jta" van juristischer Seite geschrieben: „Das erwähnte Kirchensteuer-Gesetz von 1905 hat mit dem Besteuerungsrecht der jüdischen Religionsgesellschaft nichts zu tun, da es nur für die. evangelische und katholische Kirche geschaffen ist. Die Synagogengemeinden in Preußen sind bekanntlich hinsichtlich ihrer Art der Steuererhebung vollkommen frei gestellt; mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde können sie jedes ihnen gutdünkenoe Steuerverfahrcn benutzeil. Es gibt daher Synagogengemeinüen, die schon lange das sogenannte „Kirchgeld" erheben. Nur wird es vielleicht anders genannt. Die Bedeutung der von dem Herrn Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung veröffentlichten Richtlinien bezieht sich also in der Hauptsache auf das Besteuerungsrecht der evangelischen und katholischen Kirche." Berliner Repräsentanten- Versammlung Beginn mit dem Synagogenba« Prinzregentenstraße. Die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde trat am 26. April zu einer Sitzung zusammen, deren wichtigsten Beratungsgegenstand die Bewilligung eines Betrages von 1200 000 Mark für den Bau der Synagoge Prinzregentenstraße (Berlin-Wilmersdorf) bildete. Mit dem Beginn des Baues, für dessen Finanzierung bereits vor Jahren von der Gemeinde eine Anleihe ausgenommen worden ist, soll nunmehr begonnen werden, sodaß die Einweihung der neuen.Synagoge bereits zu den hohen Feiertagen des nächsten Jahres erfolgen kann. Es handelt sich um eine liberale Synagoge mit Orgel. Das von dem Gemeindebaumeister, Regierungsbaumeister Beer, aufgestellte Projekt sieht einen Synagogen bau mit insgesamt 2 300 Plätzen vor. Es soll ein zentral gestalteter Kuppelbau zur Ausführung gelangen, der die Schaffung eines freien Jnnenraumes und eine freie Sicht von allen Plätzen auf die Predigerkanzel und das Allerheiligste ermöglicht, ohne Behinderung durch Pfeiler oder dergl. Auch in akustischer Beziehung rechnet man durch die neue Bauart mit einer besseren Wirkung als bei den bisherigen Langhausbauten. An Nebenräumen sind eine Wochentagssynagoge und ein Trausaal vorgesehen. Es war eine besondere Forderung des Raumprogramms, in dem Neubau auch für einen ausreichenden Versammlungsraum Sorge zu tragen. Als ein solcher ist die sehr geräumige Vorhatte des Erdgeschosses, in Aussicht genommen, die für Aufnahme von 300 Stuhlplätzen ausreichen wird. Außerdem soll in dem Hauptraum der Synagoge die Apsis des Allerheiligsten nach Bed.orf durch einen eisernen Vorhang geschlossen werden können, sodaß der Syuagogenraum alsdann auch für profane Beranstaltungen erüsten Charakters Verwendung finden kann. Die im Repräsentanten-Sitzungssaal ausgestellten Pläne ließen die gebotene Sachlichkeit und Sparsamkeit in der Ausgestaltung erkennen. Der errechnte Betrag von 1200000 Mark, der bei der Ausführung ja sicher noch beträchtlich überschritten werden wird, dürfte sür eine Riesensynagoge mit 2300 Plätzen einschließlich der Nebengebäude recht gering sein, wenn man sie als ein.würdiges Gotteshaus errichten will. Dem eigentlichen Synagogeubau sind zwei Häuser vorgelagert, die aber durch einen gewaltigen Berbindungsbogen auch von der Straße einen Blick aus die Synagoge gestatten. In ihnen sollen neben den Dienstwohnungen insbesondere auch Räume für Jugend- und Wohlsahrtszwecke, nach den von den Liberalen abgelchnten Wünschen der Zionisten auch für eine weltliche jüdische Schule, geschaffen werden. Bei der Beratung der Vorstandsvorlage, deren Annahme gesichert war, wurden von Rednern der verschiedenen Fraktionen neben Zustimmungen auch Bedenken geltend gemacht. So trat Dr. Fleischer (lib.) grundsätzlich für den Bau lleirtereo Synagogen ein, die allein die Schaffung eines jüdischen Gemeindelebens und eine Hebung des religiösen Lebens gewährleisten können. Für die Verwendung der Vorderhäuser entwickelte Dr. Fleischer ein umfangreiches soziales Programm. Aus den Kreisen der Jüdischen Volkspartei machte Landge-- richtsrat Dr. Rau Bedenken dahingehend geltend, daß in der jetzigen Zeit sozialer Not ein Betrag von V/i Millionen für den Bau einer Synagoge verwendet wurde. Oscac Cohn und Moritz A. Loeb wünschten eine Vertagung d« Vorlage bis zur Beratung des neuen Gemeindeetats. Dec Antrag auf Vertagung' wurde abgelehnt u,ld die Vorstandsvorlage mit 15 Stimmen gegen 2 Stimmen bei 1 Enthaltungen angenommen. Bei der Abstimmung waren entscheidend die u. a. auch von Markus (lib.) und Rosenthal (lib.) hervor-; gehobenen Gründe, daß trotz des vorhandenen Bedürfnisses seit Kriegsbeginn keine Synagogen mehr in Berlin errichtet worden sind, daß bei längerem Warten die Baupreise vermutlich noch weiter steigen würden, daß die den Juden im Bezirk Wilmersdorf gemachten Versprechungen endlich eingelöst werden müßten und daß dem System der Betsaalplätze weitmöglichst Einhalt geboten werden sollte. Pros .Türk kündigte für die liberale Fraktion Anträge betr. Ausgestaltung des Kultus an. Einmütigkeit bestand darüber, daß in Kürze auch mit dem Bau einer weiteren Allersversorgungsanstalt begonnen werden solle und daß bei dem jetzigen Synagogenbau jeder „Prunk" zu unterbleiben habe. Von den übrigen Punkten der Tagesordnung verdienen Erwähnung die Einsetzung zweier Kommissionen, von deneu die eine Maßnahmen zur besseren Beschäftigung jüdischer Angestellter in Harwel und Gewerbe Vorschlägen, die andere die Frage der Errichtung von Gotteshäusern in den Außenbezirken der Gemeinde erörtern soll. Ein liberaler Antrag (Dr. London, Rosenthal), der den Erwerb eines Sportplatzes für sämtliche jüdische Sportverbände bezweckt, wurde dem Gemeindevorstand zwecks Unterbreitung einer entsprechende« Vorlage nach Fühlungnahme mit den in Frage kommende« Verbänden einstimmig überwiesen. Angenommen wurde ferner ein kiberaler Antrag, demzufolge die Berichte über die Ver yandlungen der Repräfentantenversammlung im Gemeindeblatt in Zukunft von der Repräsentantenversammlung unter ihrer alleinigen Verantwortung erstattet werden sollen. Dem Bericht soll ein amtliches Stenogramm zu Grunde gelegt werden. Zu Beginn der Sitzung wurde Fräulein Rechtsanwalt Dr. Bereut (lib.), die infolge des Aufrückens von Stadlrat Herzberg zum Voltreprasentanten neu in die Versammlung eintritt, verpflichtet. Zum stellvertretenden Mitglied des Gemeindevorstandes wurde für den den Liberalen Anstehenden Sitz Landgerlchtsrat Dr. Lilienthal von der liberalen Fraktion vorgeschlagen und mit den 10 Stimmen der Liberalen bei Stimmenthaltung sämtlicher 11 Blockmitglieder gewählt. Die Sitzung bewältigte außerdem noch ein umfangreiches Arbeitspensum. Die Verhandlungsart und die Abstimmung^ zeigten bereits zum Teil, daß die von liberaler Seite erhobene« Mahnungen ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Moses Mendelssohn Unser großer Lehrer Moses hatte in grauer Vorzeit unsere Ahnen aus Knechtschaft zur Freiheit, aus TrübM zur Freude, aus Trauer zum Jubel, aus Finsternis zur lichten Helle, ans Unterjochung zur Erlösung geführt. Nach dem 30 jährigen Kriege waren die deutschen Juden durch Unduldsamkett und Druck, durch beschämende Landesgesetze und unmenschliche Beschränkurigen in die traurigste Lage geraten, ausschließlich auf Kleinhandel und Geldgeschäfte angewiesen, stets in Gefahr, von Haus und Ort verwiesen zu werden, abgeschnttten von jedem anderen als geschäftliche» Verkehr mit Andersgläubigen, ohne jedes Recht und ohne jeden Schutz, waren sie geistig und leider teilweise auch sittlich immer tiefer gesunken. Da entstand ein neuer Moses, der unsere Väter aus chrer mittelallerlichen Dunkelheit zum Licht der Kultur Europas, aus geistigem Stumpfsinn zum Streben nach allgemeiner Bildung, aus der Beschränktheit der Ghettogedanken zu neuem geistigen Wirken und Schaffe« erweckte: Moses Mendelssohn. Mendelssohn war ein beretts in der ganzen KulturweE bekannter und hochgeachteter Gelchrter, als seine GlaubenSbrnder noch — mtt seltenen Ausnahmen — unter der Führung unwissender polnischer Rabbiner und Lehrer, verachtet und gemieden, dahinlebten. Mendelssohn wurde am 6. September 1729 in Dessau als Sohn eines armen Elementarlchrers und Thoraschreibers geboren. Den ersten Unterricht erhielt er durch seinen Vaberr als dessen Kenntnisse für den sehr geweckten Knaben nicht mehr ausreichten, nahm sich der Dessauer Oberrabbiner seiner an und unterrichtete ihn weiter in Bibel und Talmud. Mendelssohn war 13 Jahre all, als der Oberrabbiner^ David Hirsche! Fränkel nach Berlin berufen wurde, damit hörte der Unterricht des Knaben auf. Nach Ansicht der Eltern blieb sür chn nichts anderes übrig, als Hausierer zu werden, aber der Knabe, von unbezähmbarem Wissensdurst getrieben, wußte, nach längerem Sträuben seiner Eltern, die Erlaubnis zu erlangen, seinem Lehrer nachwandern zu können. Mittellos kam er in Berlin an, Fränkel nahm chn gern auf, verschaffte chm Unterkunft und Freitische und gab chm weitere» Unterricht, auch beschäftigte er ihn als Abschreiber seine- Werkes, der Erklärung und Herausgabe des bis dahin fast unbekannt gebliebenen palästinensischen Talmuds. Jahrelang lebte Mendelssohn in den ärmlichsten Verhältnissen. Sein unbändiger Wissenstrieb brachte chm das Streben, sich auch allgemeine Bildung zu verschaffen. Damals war es aber bei den Inden noch streng verpönt, deutsche Bücher zu lesen, bei Strafe sofortiger Ausweisung. Nur mit BLUMEN nur von Slrahl & Faldce, Mauersfr. 79 Telephon: Zentrum 5023/4

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