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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-05-04 · 18 (4.5.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
18 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Mai 1928 * kt Z>de ifl Wil» Veröffentlichung von Seheimdoknmente« über die Haltung der ruffische« Heeresleitung zu den Inden im Weltkrieg Unendliches Unhell wurde im Weltkrieg in allen kriegführenden Ländern dadurch verursacht, daß die Civllgewalt überall der mllllärischen untergeordnet wurde. Das hatte nicht nur zur Folge, daß die sogenannten Kriegsziele vom rein mllllärischen Standpunkt aufgestellt wurden, ohne Berücksichtigung der realpolitischen Bechältnisse, sondern es führte auch zu einer einschneidenden Beschränkung aller Rechtsgarantien, die sich die Völker in jahrhundertelangem Kamps gegen die militärisch-feudale Ordnung errungen haben. Allein entscheidend wurden die Notwendigkeiten der Kriegsführung und die Normen der civllen Verwaltung in allen chrrn Zweigen wurden eingeschränkt, wenn nicht vollständig aufgehoben. Ein englischer Jurist drückte das während des Krieges mit den Worten aus, daß „England auf einmal zu den Berwaltungsnormen des Zeitalters der Plantagenets zurückgekehrt ist". In anderen Ländern, in denen die demokratischen Rechte und Frechellen noch weit weniger verwurzelt waren als in England, führte das zu Zuständen von Rechtlosigkeit, die in Friedenszetten undenkbar gewesen wären. Man braucht sich dabei nur an derartig grauenhafte Episoden wie die Massenabschlachtung von Hunderttausenden von Armeniern in der Türkei zu erinnern oder auch z. B. an die zahlreichen Verhaftungen und Hinrichtungen von Serben, Ukrainern, Rumänen, die des Hochverrats verdächtig erklärt wurden, in Oesterreich-Ungarn. Rußland bildete auf diesem Gebiet selbstverständlich keine Ausnahme und die Juden gchörten, was bei der Lage der Juden unter dem zaristischen Regime ebenfalls selbstverständlich ist, während des Weltkriegs in erster Reihe zu den Opfern dieser Ueberhandnahme der mllllärischen Diktatur. Das ungeheure Gebiet der westlichen Teile des früheren russischen Reiches, die zum Kriegsschauplatz wurden bezw. an chn grenzten, wurde von der russischen obersten Heeresleitung verwaltet, der die civilen Behörden zu gehorchen hatten. In diesen Gouvernements war die Hauptmasse der russischen Juden (im sogen. Ansiedlungsrayon) konzentriert. Waren nun auch die Civilbehörden in Rußland im allgemeinen antisemitisch eingestellt, so waren es die Militärbehörden noch well mehr, wie ja in allen Ländern die MUitärs gewöhnlich reaktionärer als die civllen Verwaltungsorgane waren. Dazu kam noch, daß im ersten Kriegsjahr Rußland einen großen Teil Galiziens besetzt hatte, also ebenfalls ein Gebiet mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung. Und als nun die Mißerfolge der russischen Heere einsetzten, wurden die Juden nls locus minoris resistentiae zum Sündenbock bestimmt. Die Erfolge der Gegner seien darauf zurückzusühren, daß die Juden zu Gunsten der Deutschen und Oesterreicher Spionage treiben, — so hieß die Parole, die ausgegeben wurde und die als Rechtfertigung ganz außerordentlich barbarischer Maßnahmen diente. Um das loyale Verhalten der Juden zu sichern, wurden von chnen Geiseln genommen, und zwar nicht nur in den Städten von den österreichischen Juden Galiziens, sondern auch von der russisch-jüdischen Bevölkerung der russischen Grenzgouvernements. Die jüdische Bevölkerung ganzer Gouvernements, wie z. B. Gouvernement Kowno oder Ploezk, wurde im Zellraum von 1—2 Tagen ausgewiesen und vollzählig ins Innere Rußlands transportiert, wobei auch für Schwerkranke, Greise und Kinder keine Ausnahme gemacht und auf sie nicht die geringste Rücksicht genommen wurde. Aus den in den letzten Jahren veröffentlichten offiziellen Dokumenten, die vor der Revolution Geheimnisse der Staatsarchive waren, gcht hervor, daß die russffche Regierung als ßanzes diese Maßnahmen durchaus nicht wollle oder bllligte. Der eigentliche Urheber dieser Verfolgungen war der Generalstabschef des Großfürsten Nikolaus Nikolaiewitsch, des Oberbefehlshabers der russischen Heere in der ersten Kriegsperiode, General N. N. Januschkewllsch, der polnischer Abstammung war. Dieser Umstand verschärfte vielleicht infolge des tradllionellen polnisch-jüdisch m Gegensatzes in Rußland noch seine schon an sich genügend starke reaktionär-antisemitische Einstellung. Aus einem vor kurzem veröffentlichten Protokoll einer Sitzung des russischen Ministerrates während des Weltkriegs geht hervor, daß der Ministerrat mehr als einmal sowohl den Großfürsten-Oberbefchlhaber als auch General Januschkewitsch vor dieser Politik warnte und sie darauf aufmerksam machte, daß „selbst unversöhnliche Antisemiten bei den Mllgliedern der Regierung Proteste und Klagen über die empörende Bchandlung der Juden an der fjtottf" einlegten. Der Landwirtschaftsminister Kriwoschem äußerte über die Maßnahmen des General Januschkewitsch: ,^s scheint manchmal, als befänden wir uns in einem Tolchaus", der vor kurzem verstorbene damalige Außenminister Sasonoff sagte empört: „tum Herrn Januschkewitsch kann man alles erwarten" und auch der Minmervat steltte fest, ,^as, was während dieser gewaltsamen Ausweisung der Juden vorge- -angen ist, sei unbeschreiblich". Also selbst bei den Mitgliedern des damaligen Ministerrats, bei denen von einer Judenfreundlichkell gewiß keine Rcke sein konnte, riefen diese Maßnahmen entschiedenen Widerspruch hervor. Das half aber alles nichts, da die Mllitärgewalt sich um die civile kaum kümmerte und alles tat, was ihr gut dünkte. In dem soeben erschienenen Band des in russischen Sprache herausgegebenen „Archiv der russischen Revolution" sind eine Reihe von bisher unbekannten Dokumenten aus der Kriegszeit veröffentlicht, wie Befehle verschiedener Armeeoberbefehlshäber über die rücksichtslose Verfolgung der jüdischen Bevölkerung der Kriegsgebiete, welche die Lage der Juden im Kriegsgebiet grell beleuchten. In allen diesen Dokumenten wird nicht einmal der Versuch gemacht, die Fälle der angeblichen Judenspionage zu beweisen, Ebenso wenig wird versucht, die Richtigkeit der Verallgemeinerung, der Ausdehnung des Spionageverdachts auf alle Juden überhaupt, auch nur einigermaßen stichhaltig zu bekräftigen. Es wird einfach als eine feststehende Tatsache erklärt, die Juden seien Freunde der Deutschen und infolgedessen als ein feindliches Element anzusehen. So heißt es in einem Befehl des Kommandierenden des Gebiets der Festung Nowogeorgiewsk (Kongreßpolen) vom 27. November 1914: „In deutschen Zeitungen erscheinen Artikel, in denen gesagt wird, daß die Deutschen in den russischen Juden zuverlässige Verbündete gefunden haben, die nicht nur die Deutschen mit Lebensmitteln versehen, sondern oft uneigennützige Freunde der .Deutschen seien, zu allen Diensten bereit, wenn sie nur den russischen Interessen schaden können. Im Siege der Deutschen sehen die Juden eine Rettung vom Joch des Zarismus und von der Unterdrückung der Polen. Aehnliche Nachrichten kommen auch von den Truppen." Der Oberbefehlshaber habe daher befohlen, bei der Besetzung von bewohnten Ortschaften von der jüdischen Bevölkerung Geiseln zu nehmen und die Einwohner darauf aufmerffam zu machen, daß für jede verräterische Handlung nicht nur während der Zell der russischen Okkupation, sondern auch nach der Räumung des Ortes durch die Russen die jüdischen Geiseln hingerichtet werden. Ein Befehl des russischen Militärgeneralgouverneurs von Galizien während der russischen Okkupation, des Grafen Bobrinsky, vom 13. Februar 1915 bestimmt, daß „infolge der in der letzten Zeit sich vermehrenden Fälle der Spionage der Juden" Personen jüdischen Glaubens die Einreise nach Galizien bzw. die Reise aus einem Kreis Galiziens in einen anderen bei Geldstrafe bis 3000 Rubel oder dreimonatlicher Haft verboten ist. Eine in polnischer Sprache veröffentlichte Bekanntmachung der russischen Besatzungsbehörden in Galizien schreibt vor, jüdische Geiseln zu nehmen, von! denen im Falle einer jüdischen Denunziation nach der Räumung der Ortschaft durch die Russen je zwei gehängt werden sollen. Infolge der während des Krieges herrschenden Verhältnisse, der strengen Militärzensur usw., hatten die Juden in Rußland kaum die Möglichkeit, gegen diese Beschuldigungen zu protestieren bzw. ihre Unrichtigkeit nachzuweisen. Manchmal taten es die jüdischen oder Unken Abgeordneten in deü Geheimsitzungen der Reichsduma, was aber der weiteren Oeffentlichkeit unbekannt blieb. In den wenigen Fällen, in denen dies möglich war, wurde stets nachgewiesen, daß diese Verdächtigung der jüdischen Bevölkerung vollkommen grundlos sei. Eine solche Möglichkeit bot z. B. eine offizielle Meldung über die Vorgänge in einem Städtchm Kufhi, das in die Hände der Deutschen durch einen Verrat der dortigen Juden gefallm sein sollte. Die Juden des Städtchens sollten angeblich deutsche Soldaten in den Kellern ihrer Häuser verborgen gehalten haben, die sich auf ein gegebenes Zeichen auf die russischen Soldaten stürzten und sie niedermachten. Dabei haben, hieß es wörtlich in der offiziellen Meldung, „die Deutschen sich wiederum als wilde Tiere unter den Menschen gezeigt"", indem sie einem russischen Soldaten die Zunge und die Ohren abschnitten. Gerade dieser Fall konnte rechtzeitig von russisch-jüdischen Organisationen nachgeprüft werden, wobei sich herausstellte, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort ist. ( Ein Telegramm des Oberbefehlshabers des Militärbezirks Odessa vom 22. Februar 1915 an den Gouverneur vvon Beßarabien lautet: „Bllte in erster Reche zur Arbeit in den Schützengräben jüdische Männer und Frauen von 16 Jahren ab hrnzuschaffen, ein Ersatz durch Christm ist nicht zulässig. Es ist wünschenswert, möglichst sofort eine Grenzzone von 50 Werst (1 Wersta 16/u Kilometer) an \ der rumänischen Grenze von der jüdischen Bevölkerung zu räumen." Ein Befehl vom 12. Juni 1915 des damaligen russischen Gouverneurs von Taruopol schreibt vor, die gesamte jüdische, Bevölkerung in einer ö-Kllometer-Zone vom Fluß Abrutsch auszuwersen und sie zur Verfügung der Gouverneure von Kyew und Podolien zu stellen, welche diese Juden nach den östlich der Wolga gelegenen Gouvernements zu transportieren Liberale Wellkouferenz in Berlin am 18. August 1928 Am 16. April fand in London eine Tagung des Vorstandes des „Weltverbandes für religiös-liberales Judentum" statt. Anwesend waren außer den englischen Liberalen, insbesondere dem Präsidenten Claude G. Monteftore und der Schriftführerin Miß Lily Montagu, die beiden deutschen und amerikanischen Vizepräsidenten Ludwig Vogelstein aus Amerika und Rechtsanwalt Heinrich Stern aus Deutschland, ferner Rabbiner- Dr. Vögelst ern-Breslau und als Gast Rabbiner Dr. Sali Levi-Mainz, ferner Rabbiner Dr. Germain Levi aus Paris. Es lagen eine ganze Reihe rnteressanter Berichte aus europäischen und außereuropäischen Ländern vor, welche erkennen ließen, daß die liberale Bewegung langsam, aber ständig an Boden gewinnt. Besonders interessant waren! die Berichte aus Osteuropa und Südafrika. Miß Montagu hat mit einer ganzen Reihe führender Persönlichkeiten in europäischen und außereuropäischen Ländern eine ständige Korrespondenz nngerichtet, sodaß in der Zentrale in London jetzt die Berichte über die Entwicklung des liberalen Judentums aus allen Teilen der Erde zusammenlaufen. — Außer einigen organisatorischen und finanziellen Fragen bildete einen weiteren Hauptpunkt der Tagung die Vorbereitung der Konferenz des Weltverbandes, welche bekanntlich am 18. August und den folgenden Tagen dieses Jahres in Berlin stattfinden wird. Es ist erfreulicherweise mit einer starken Beteiligung, namentlich aus angelsächsischen Ländern zu rechnen. Schon jetzt kann gesagt werden, daß der sachliche Teil der Arbeiten sich gliedern wird in die Berichte über die Entwicklung des liberalen Judentums in den einzelnen Ländern "und in einen großzügigen Vortragszyklus „Was bietet das liberale Judentum dem Menschen von heute?" Die Einzelvorträge teilen sich in deutsche, französische und englische Reden. Ferner sollen, abweichend von der Londoner Konferenz, Fragen des Gottesdienstes und des sozialen Lebens und Erzrchungsfragen, eingeleitet durch Referate in einzelnen Sekttonen erörtert werden. Im geschäftlichen Teil wird insbesondere die Verfassung des Weltverbandes, die bereits von dem Vorstande vorbearbeitet ist, festgelegt werden. Die Tagung wird eingeleitet werden durch einen Gottesdienst in der Neuen Synagoge und einen solchen in der Synagoge der Reformgemeinde. Die Ansprache in dgr Reformgemeiude wird voraussichtlich Miß Montagu halten. Das vollständige Konserenzprogramm wird in Kürze veröffentlicht werden. Im Anschluß an die Borstandssitzuna haben die deutsche« Delegietten das großartige soziale Fürsorgewerk des Mügliedes des Vorstandes des Weltverbandes, B. Henriques, wiederum eingehend besichtigt. Der Eindruck der dortigen Arbeit war der denkbar großartigste, und es ist nur zu wünschen, daß auch unsere deutschen Freunde in praktischer sozialer Arbeit und hochstrebendem Idealismus ähnliche Leistungen vollbringen möchten. — Die Aufnahme der Dttegietten, die größtenteils die private Gastfreundschaft unser« englischen Freunde genießen durften, war wie stets außerordentlich herzlich und freundschaftlich. hatten. Ein Befehl des Kommandierenden des 18. Armeekorps vom 14. Mai 1915 lautet lakonisch: „Die Juden sind nach der Seite des Gegners zu jagen, kein einziger soll im Gebiet unserer Truppen bleiben."" Auch die Teuerung oder die Bestrebungen der Bevölkerung. Gold- und Silbermünzen zu verstecken und kein Papiergeld anzunehmen, werden den Juden in die Schuhe geschoben. So heißt es in einem Zirkularschreiben des Polizeidepartements vom 9. Januar 1916: „Nach den im Departement eingegangenen Meldungen seien die Juden mit Hilfe zahlreicher geheimer Organisationen gegenwärtig eifrig mit revoluttonärer Propaganda beschäftigt"", wobei sie „zwei wichttge Mittel gewählt haben, nämlich die künstliche Verteuerung der notwendigsten Gegenstände und das Berschwindenlassen des Metallgeldes."" Da die russischen Mißerfolge im Kriege auf die breiten Bolksmassen keinen ernsten Ausfluß ausüben, — fährt das Rundschreiben fort — suchen „die Revolutionäre und ihre Inspiratoren, die Juden, ebenso wie die geheimen Anhänger von Deutschland allgemeine Unzufriedenheit gegen den Krieg durch Hunger und übermäßige Verteuerung der Lebensmittel hervorzurufen. Dank dem Mangel von Metallgeld im Umlauf suchen die Juden der Bevölkerung Mißttauen zu der russischen Währung einzuflößentz sie als wertlos zu erllären und die Bevölkerung zu beton*» lassen, ihre Depots aus den staatlichen Kredttanstulten und Sparkassen herauszunehmen. Die Ausgabe von Marken als Scheidemünze gibt den Juden die Möglichkeit, in der Bevölkerung Gerüchte in Umlauf zu setzen, daß die russische Regierung bankerott sei, da sie nicht einmal Metall für Scheide, münzen habe." Wie weit diese Beschuldigung geht, zeigt ein geheimes Rundschreiben eines der Departements des FinanzministeriumS vom 23. Juli 1916, in welchem der Bericht des Gehilfe« des Innenministers, Ostrunkowsky, wiederholt wird, demzufolge das Polizeidepartement erfahren hätte, die Deutschen > s

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