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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-04-27 · 17 (27.4.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
17 (27.4.1928)
Date
1928-04-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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eben im revolutionär-evolutionären Wandel der öffentlichen Daseinsformen zu integrierenden Bestandteilen der individuellen Persönlichkeit in Frankreich geworden. Anders in Wien. Hier hatte der dumpfe Druck Metternichs, des sogenannten „Don Quichote der Legitimität", allmählich jeden Willen zum eigenen Wollen gelähmt oder erstickt und hatte eine wohllebige Indolenz allen Dingen des öffentlichen Lebens gegenüber gezüchtet. Es war eine laue und sentimentale Luft, die diese Gleichgültigkeit begünstigte. Schließlich: es blieb einem wohlgesinnten Bürger ja immer noch das Burgtheater, der Kahlenberg, der Prater mit der Freudenau, die zeitweilig geöffneten Gärten von Schönbrunn und Larenburg, die unsterblichen Walzermelodien von Strauß und Lanner, die „süßen Mädel", die erlesenen Opern oder Konzertdarbietungen beim „Börsendörfer" und für das niedere Volk nicht zu vergessen! - auch noch ein beflügelnder Heurigentrunk in Grinzing, wo man die anmutigen Stilkleider gefällig raffte, um mit dem Trautgesellen zum Tanz anzutreten, und wo Bursch und Mann es mit Ton und Wort nicht allzu genau nahmen, trotz der gestrengen Zensurbehörde, die in der Residenz ihres Amtes walten mochte. Und hier in Wien wurden gerade das Volkslied oder die Beschäftigung mit der Kunst schlechthin eben jene Gasse, die sich die Freiheit - allen Handschellen zum Trotze - brach. In den Wiener Journalen, deren es eine stattliche Anzahl gab, und (die sich großer Beliebtheit, oder besser gesagt, VolkSlümlicht'e.it erfreuten, erschienen allgemach Plaudereien über Kunst und Leben, beileibe nicht etwa über Staat, Politik, Dynastie oder derlei anrüchige Dinge, in denen allerlei ironische und, amüsierliche Betrachtungen über die Verkehrtheiten des Lebens arrgestellt wurden, so ungefähr wie im Märchen bunte Allegorien das Kind durch lichte Bezirke zum loahren Ernste des Lebens führen. Die I r o n i e wurde die selbstverständliche Waffe des Wiener Publizisten, der sich imu den Ehergen der Zensur allerwegen bedroht sah und ihnen nur zu entfliehen vermochte, indem er sich hinter Gleichnisse und Irre alitäten verschanzte. Der Wiener Leser aber, sehr gelehrig und insbesondere durch Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung leicht zu bestechen, gewöhnt sich alsbald mit besonderem Vergnügen, zu enträtseln und erforschen, welcher wirlliche Sinn hinter dem Tcheingesüge des Wortes stand. Dank svtanem staatlichem Zwang entwickelte sich jene spezifische K n n st d e r W i e n e r I 0 n r n a l i ft i f (deren Keimzelle zuvörderst im Feuilleton sproß), die niemals in grobschlächtigen Worten auszudrücken beliebte, was eigentlich sie sagen wollte, sondern, die vielmehr mit der Geschicklichkeit eitles Jongleurs od?r Prestidigitateurs mit den Worten wie mit leuchtenden Balten spielte. Eine besondere Artistik wurde aus diese Weise der Wiener Publizistik zu eigen. Eine Artistik, die ihre Genießer mehr und mehr verwöhnte, während sie eine hohe Obrigkeit irritierte und in Verwirrung setzte. Diese Zauberer des Wortes, die die erstaunlichsten Geheimnisse zu offenbaren schienen, wenit und obzwar sie ausschließlich von den prosaischsten Dingen des Alltags redeten, hatten zwar ein unnachahmliches künstlerisches „Eachet" für sich: dafür aber waren sie niemals bei einem objektiven Delikt zu fassen und dingfest zu machen. Sie konnten die erstaunlichsten Mären auftischen von Großmogulen und exotischen Dschingiskhans und deren despotischen Taten: ohne daß ein Polizeikommissar der Wiener Gemeindeverwaltung vermocht hätte, sie auch nur mit einem Anschein von Kompetenz einer etwaigen Majestätsbeleidigung zu zeihen. Die srlbstoerständliche Formfreude und Formvollendung der künstlerisch von Natur aus begabten, überdies seit Jahrhunderten ästhetisch erzogenen Romanen zerschmolz mit dem vielfältigen Rassengemisch, das in Wien, der vorgeschobensten Bastion des Ostens, ein bunt durcheinander gewürfeltes Dasein führte, zu einem künstlerischen Organismus von ebenso eigenartigem wie reizvollen Charakter. Schon lange, ehe man in dem immer größer und mächtiger werdenden Preußen lernte, in einer Svrache zu reden, geschweige zu schreiben, „die für sich selber dichter und denkt", war man im Westen und Osten Europas dazu vorgedrungen, die Sprache als ein musikalisches Instrument zu betrachten, dem sich beliebige Wunderweisen entlocken ließen. Die Ironie, Satire und Selbstpersiflage, die den Wienern durch äußere Umstände ausgenötigt worden, lag dem Franzosen in dem fröhlichen, allzeilig übermütig moussierenden Blut. Und somit entstand, datik Imponderabilien, die unter der Ober fläch-? der sichtbaren Dinge wohttleti und dem gemeinen Bürger in ihren geheimen Zusammenhängen niemals offen bar wurden, zwischen Franzosen und Oesterreicher» eine W a h l v e r w a n d t s ch a f l de r 2 p rache deren fultu rette Auswirkung sich in der geistigen Gemeinschaft Europas erwtgreich geltend machen sollte. Die Eigenschaften, die die Völker des Westens und Ostens ü der alle nationale n G e g e n s ä r, e h i 11 w e g miteinander verbanden und verschwisterten, schlossen aber auch noch eine Gemcinschast ein. die. überall und nirgends behaust, oder besser g.stigl, nie-« gends staatlich linb vollwertig anerkannt, i hr eigen es S p r a ch g e s ü bl i 11 d e n Nerven u n d i m Blute trug. Und zwar waren das die Juden, die, seit Jahr tanienden in der Verbannung lebend, stets Berührung er fahren hatten mit allen Sprachen der Welt, sowie mit sprach Uchen Abarten, Mischformen, Idiomen und Dialekten ihrer Wirtsvölkcr. Auch hatte für sie - wohlverstanden: immer an Jabrlausenden gemessen Geltung, was für die Läilder der HabSburgUchen Monarchie höchstens ein Jahrhundert hindurch wirksam gervesen war. Nämlich die uralte, biologisch und historisch immer wieder begründete Formel: „Truck er z e n g t G e g e n d r u ck!" Der Don Metternich, nebst anderen evuiuduni Pacht Herren des menschlichen Denkvermögens, seiner eigenen Rede und Schriftfreiheit beraubte Oesterreicher war aus den Ausweg verfallen, Ernst mit Ironie zu vermummen und den Sinli all seines Denkens und Trachtens hinter gefälligen, harmlos anmutenden Scherzworten zu verbergen. Der Meticrnichsche Oesterreicher war gleichsam eine M i n i n r n r a rl s g a b e des seit I a h r t a u s e n d e u z n r Dia s p 0 r a verurteilten Jude n. Der Jude hatte an den Anfang der Schöpfung das Wort gesetzt. Und da man immer an dem gestraft zu werden pflegt, was einem am liebsten gewesen, so hatte auch der Jude, der Hüter Res bciligen Wortes, für und für in ihm zunächst fremdest Sprachen'denken, handeln, hassen und lieben müssen. Nur, wenn er Zwiesprache hielt mit seinem bildlosen, namenlosen Gott, harte er sein eigenes, ihm eben von diesem Gott verliehenes Wort benutzen dürfen. In weit höherer Potenz als der Oesterreicher hatte der Jude im Umgang mit den Völkern der Erde, zwischen die er zunächst als ungebetener Fremdking eingesetzt worden, die Sktavenkünste der Selbstverleugnung, der Verstellung deS geistigen Mummenschanzes, der ätzenden Ironie und der Setbstverspottung bis zum äußersten erlernen und unausgesetzt üben müssen. Wurde er auf der Versammlungskalender Berlin. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V. Am Montag, den 30. April, 20.30 Uhr, findet im großen Saal der „Gesellschaft der Freunde", Potsdamer Str. 9 eine Mitglieder-Bersammlung statt. Herr Rechtsanwalt Dr. Walter Breslauer wird über: „Der Kurs der liberalen Gemeindepolitik" sprechen. Wir bitten unsere Mitglieder, möglichst vollzählig zu erscheinen. Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachschcn Waisenhaus, Schönhauser Allee 162): Freitag, den 27. April, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonsli. Sonnabend, den 28. April, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 4. Mai, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Wilmersdorf-Schöneberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschule, Nitolsburger Platzt: Jeden Freitag abend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 27. April, Predigt: Rabbiner Dr. Galliner. Freitag, den 4. Mai, Predigr: Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal. Aus der eigenen, der heiligen Sprache, der Sprache seiner Vorväter ertappt, in der der Erzvater Abraham zu Horeb, im flammenden Busch dem Herrn seinen Sohn zum Opfer dargeboten oder Moses auf dem Berge Sinai aus Gottesmund und Gotteshand die für ewig gehämmerten Gesetzestafeln empfangen hatte, so ward er von einem verständnislosen Pöbel beschimpft und verleumdet. Und doch war die Kunst am Worte ihm nicht nur G 0 t t e S g e b 0 t, sondern stetes, n i m m er m eh rauszu rotten des, höchstens durch Lüge zu umkleidendes L e b e n s b e d ü r f n i s. Was Wunder, daß eben der Jude, dem da ausertegt worden, sich in allen Ländern der ,Eroe und mit allen Völkern des Weltalls in deren e i g e 111 r M unzart zu verständigen, ohne es zu wissen oder cs zu wollen, ein heimliches Genie des Wortes ward, treu der Bestimmung, Dtc ihm von Seinem unsichtbaren abstrakten .Herrn geworden. Eben dieses Genie, das sich zuvörderst nur in der Auslegung und Offenbarung der Heiligen Schriften kundgab, übertrug sich im Lause der Zeit und der fortschreitenden Emanzipation auch aus den Alltag und feine vielfältigen Aufgaben. So geschah es, daß der Jude nicht nur der edlen Dichtkunst leidenschaftlicher Diener und Jünger ward, sondern daß ihn auch zu dem Berufe des Tagefchriftstellers eine unbezwingliche Neigung zog. In Wien, das dem deutschfprechendeu Mitteleuropa die meisten Publizisten lieferte, galten die Begriffe Journalist und Jude gemeinhin als Synonyma. Geistesgegenwart, Witz, die historisch und biologisch aus der tausendjährigen Ghettoexistenz erklärten und erklärlichen Verstellungskünste, die Gabe, jeden Sinn hinter dem äußeren Schein der Dinge zu erkennen und anzuwenden, Dialektik, Elastizität und ein in diesem Grade nur aus Leid erwachsenes und verständliches Ein füh lungsverm ö g e n in die Psyche Anderer, eine am Studium der Tora und des Talmuds geschärfte Urteilsfähigkeit, häufig zu haarspatterischem Kritizismus überspitzt, dazu die gottgewollte Liebe zum Wort irnd seiner tiefschürfenden Exegese lassen den Juben allerdings als einen Journalisten von Berus u u d Neigung weither und weithin erkennen. Die Verwandtschaft des jüdischen und gallischen Geistes, die eine gewisse Schärfe zum „bon mol" der Analyse einen offensichtlichen Haiig zur Anekdote, mit einer natürlichen Begabung zur schönen Form verbindet, bringt die erstaunliche Aehnlichkeit in den publizistischen Leistungen Beider zu Tage. Dem Wiener In d e ii wie dem Pariser B 0 n l e v a r d i e r eignet eine gewisse Leichtigkeit, eine tänzerische Beweglichkeit des Ausdrucks, die dem fchwerfugigen Mittel oder Norddeutschen häufig ab gehen. Nicht umsonst und nicht zum Nachteil der deutschen Presse haben wir darum in dem letzten Menschenalter eine iiiigeheure I v. vasi 0 n ö st e r r e i ch i 1 ch e r P u b l i z i st e n ii a ck' D e u t s ch land sich voll z i e h e n s e h e n. Nach Deutschland, wohlverstanden, nicht etwa nach Frankreich! Denii in Frankreich bedarf man der wahlverwandten Elemente nicht, während Deutschland durch den Einschuß und Zufluß österreichisch jüdischen Geblütes eine wohltuende Auffrischung und Ausmis'chung ersnhr. Es bedeulet keineswegs eine Herabsetzung des norddeutschen Publizisten, noch dazu von Qualität, wenn man eine derartige Hypothese wagt. Denn schon Bismarck hat mit Fug hervorgehoben, daß dem Durchschnitt lichen deutschen Bürger ein Schuß Champagner im Blute sehte. Nietzsche, der schöpferische Sprachbilduer und Wort küiistler, yat sich lioch unerbittlicher und erbaimungsloser ausgedrückt. Und eben dieser Schuß Champagner charakterisiert den indischen Journalisten ebenso wie deii französischen. Wie gerade der Jude zu diesem moussierenden Element in seinem sonst so schweren und müden Blute kommt, ist eine physiologisch-psychologisch interessante Frage für sich. Eine Rätselfrage, ein Vexiersviel, das die Natur üöchstselbst vielleicht sogar ausgibt. Und uiögl'.cheusalls nur zu erklären aus der gleichen sonderbaren Erscheinung, die bei den Inden, von eenen mit Recht ge schrieben steht: „Und Dulden ist das Erbteil seines Stammes." Auch statistisch eine überwiegende Anzahl nicht nur von Schauspielern, sondern auch von Artisten jeglicher Art nach weist Vielleicht ist es nur denkbar, durch Jahrtausende der Knechtung und Entrechtung, der Trauer und Trübsal, der Verfolgung und des Elends zu schreiten, wenn jedes einzelne Mitglied, dem dieses LcidenSschicksa! auserlegt worden, einen „Jardin sec r et" seiner Seele und 'ein-?-.- Körpers betreut, in dem die Eymbeln klingen, Tanz und Freude, und mancherlei außergewöhnliche Künste sich in toller Lnstbarleir überstürzen. Wir sind Holz aus alle seriösen Künstler, die Israel bervorgebracht: wir freuen uns nicht minder der Äkro baten, Zauberkünstler und Taschenspieler, die sich das tau fendjährige Leid der Judenheit von der Seele zu tanzen, klettern und spielen vermochten. Aber mit aufrichtiger Anerkennung danken und denken wir der „Ritter vom Geist".'will sagen, der jüdis chen Publizisten, die da l,elfen, die Presse zu einer wirklichen siebenten Großmacht auszugestalten, und die heute von ihrer eigenen Unentbehrlichkeit innerhalb dieser Großmacht überzeugt sein dürfen, auch wenn der große Europäer Romain Rolland sie nicht ausdrücklich als „d c»«s Salz der Erde" bezeichnet hätte, „ohne das die Völker dieser Welt „t u m b" werden würden". I* »4-0 »4-444 «444 +++44-»<> 4-» ♦ 4444•< Breslau. (Liberaler Verein der Synagogen-Gcm e i n d e.) Die Versammlung des Liberalen Vereins der hiesig e n S y n a g 0 g e n - G e m e i n d e am IN. April war in Anbetracht des stürmischen Regenivctters immerhin noch rech! gut besucht zu nennen. Der Vorsitzende des Vereinsvorstandes, Herr Erich Bayer, eröffnete sie und wies auf die Bedeutsamkeit des Themas hinn und erteilte dann dem Redner des Abends das Wort. .Herr George G 0 etz ,' der Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum, aus Berlin sprach über ,.K r i - s e n e r s ch e i n u n g e n im jüdischen G e m c in d e l c b en" in ruhiger, sachlicher, logischer und interessanter Art etwas über eine Stunde, ohne die Zuhörer auch nur im geringsten zu ermüden. Der Hauptinhalt seiner Rede tvar folgender: „Lokale Meinungsverschiedenheiten sind noch keine Krisen. Letztere, d. h. ernstliche Konflikte, entstehen erst dann, wenn eine im Grunde genommen nur aus taktischen Gründen zu Stande gekommene Majorität die zahlenmäßig tveilaus größte Partei grundsätzlich bekämpft, ja sogar terrorisiert. Die Frage, ob das jüdische Gemeindeleben ganz ohne Kämpfe vor sich gehen könne, ist zu verneineir. Diese Ant'.vort toird durch die Verschiedenheit der drei Parteien im Judentum gegeben. Konservative, Zionisten, Liberale, jede einzelne dieser drei Richtungen sieht in ihrer Aussassung des Judentums das Judentum. Solange es einen jüdischen Staat und eine jüdische Nation gab, bedeutete der Uebertritt zum Judentum die Naturalisation des betr. Einzelindividuums. Auch tvährcnd der Ghellozeit konnte man noch von einer jüdischen Nation sprechen, jedoch auch da schon nur in einer bedingten Ausfassung. Schon Rabbi Akiba hat gesagt: „11 nscrc N a - tion ist nur durch ihre Lehre Nation." D. h. also: das W c s c » 1 l i ch e, das Einzige ist die Religio n. Mil der Emanzipation fand der Begriff der jüdischen Nation (soiveit er bis dahin noch bedingt bestand) sein völliges Ende. Daher der Widerstand, die damalige Abneigung gegen die Emanzipation von seiten der Orthodoxie, die aber in dieser (wie auch in manch anderer) Beziehung durch den Einfluß des Liberalismus völlig umgelernt hat. Erst die religiöse Auffassung des Liberalismus hat dem Westjuden und auch dem amerikanischen die Möglichkeit gegeben, unter den veränderten Verhältnissen »vciter Jude zu sein. Solange nur 2 Richtungen im jüdischen Gcmeindclcbcn bestanden, die konservative und die liberale, Uhu das Zusammenleben und Zusammenarbeiten noch erträglich, denn schließlich >var nur Religion die Grundlage. Erst das Auftreten des Nationaljudentums als Gemeindepartei schuf die Problematik, die jetzt sogar schon die Gefahr der Trennung der Gemeinden in den Gesichtskreis rückt. Liberale und Konservative brauchten sich nicht zu trennen. Tie Trennungsgesahr entsteht erst durch die von den Zionisten angcstrebte Volksgemeinde. Diese führt notwendig zum .Hintenansetzen des Religiösen, ungeachtet der Tatsache, daß der Zionismus (wie auch jeder andere Nationalismus) religiös verbrämt ist. Diese Rückstellung des Religiösen bringt dann schließlich ganz zwangsläung die Stellung als völkische Minderheit mit sich." Der Redner beweist das durch die Aussprüche von Führern des deutschen Zionismus aus allerletzter Zeit; er schildert dann die bekannten Vorgänge im Berliner Gemcindeleben, zeigt die sogenannte Friedensliebe der sogenannten M i t t e l p a r t c i e n, den rednerischen Terror der Zionisten, die Gefahr des „Pro P a l ä st i n a"-Komitecs usiv. Weiter sagt dann der Redner: „Der Liberalismus kämpft für ein universalistisches Judentum, weil nur ein solches die jüdische und das ist die Ethik wahren Menschentums unter den Völkern verbreiten tan». Dazu ist aber völlige bürgerliche Emanzipation notwendig, die der Zionismus bekämpft. Der Streit zwischen Liberalismus und Zionismus ist also nicht nur ein politischer, sondern vielmehr ein religiöser. Mag er auch manche Widerwärtigkeiten mit sich bringen, er muß mi: aller Kraft ausgefochten werden. Und er wird schließlich zum Siege führen. Mit dem Wort unserer Weisen: „Ein Kamps, der um die Sache Gottes geführt wird, hat Erfolg und bleibenden B c st a n d", schloß der Redner, und lan:er Beifall dankte ihm. Herr Erich Bayer forderte dann zum tätigen Anschluß an den Verein aus. Frau Paula Ollendorsf wies aus die schwere Gefahr des Zionismus hin und erinnerte an die bevorstehenden polnischen Wahlen, jeder Jude seine Stimme nur solchen Parteien geben dürfe, die seine unbedingte Zugehörigkeit zum deutschen Volke anerkennen. Herr Alfred Bayer sprach für den „I l i". Dann halte Herr G 0 e tz noch Gelegenheit, in seinem Schlußwort von der im Preußischen Landesverband beschlossenen neuen Fassung des Judengesetzes zu sprechen, die immerhin die wesentlichen Forderungen des Liberalismus erfülle und an die bereits im Jahr 1928 stattsindenden neuen Landesverbandswahlen zu erinnern. Nach Schluß der Versammlung fand dann noch im Beisein des Herrn Goetz eine Sitzung des Vcreinsvorstandes statt. Duisburg. (Gr ü n d u n g s v e r s a m m l u n g.) Am 17. April fand eine gu: besuchte Versammlung der jüdisch-liberalen Kreise der Synagogengemeinde Duisburg (Altstadt) statt. Herr R e ck> t s a n - >v a I : Tr. Satt y K a n s m a n n gab ein einleitendes Referat über dir Ziele des Liberalismus, dessen Berechtigung er auch an Beispielen aus der jüdischen Geschichte nachwies, und über die Aus gaben, die von den Liberalen in der hiesigen Synagogengemeinde erfüllt werde» müßten. Er ivics darauf hin, daß ein Erfolg nur durch Zusammenschluß erreicht werden könne. Herr Rudolf A l s b c r g berichtet als zweiter Redner über die Tätigkeit der hiesigen Repräsentantenversammlun.g und insbesondere über den Anteil der liberalen Repräsentanten an der Gesamtarbeit. In der anschließenden Diskussion ivucde allgemein die Notwendigkeit eines festen Zusammenschlusses der liberalen Kreise betont und einstimmig die Gründung eines jüdiscki-liberalen Gemeindevereins, der als Ortsgruppe der- Ver einigung für das liberale Judentum gedacht ist, beschlossen. Zunr Vorsitzenden wurde .Herr Rechtsanwalt Dr. Sally K a u s m a n n . zu stellvertretenden Vorsitzenden wurden Frau Nenne Selig und Herr Gustav H 0 f f m a u n , zum Schriftführer wurde Herr A. H a r t 0 g s 0 h n und zum Kassierer Herr G. H c y m a n n gewählt. Der Vorsitzende soi! das Recht haben, ihm geeignet erscheinende Mitglieder zu seinen Beratungen hinzuziehen. Dem Vorstand wurde ausgegeben, in Kürze eine Mitgliederversammlung cinzubernsen. Kalendarium f. die Zeit v. 28.4. b. 5. 5. 28 April 1928 Jjar 5688 --- Sonnabend s. Wochenabschnitt: Achare Manß und Kedaujchim .Haflarah: Amor- 9,7!-'> Sabbat-Ausgang: 8.12 Ubr 1 Soiunag 2\K 9. jj Moncag I . Mai 1928 30. 10. Tanis scheut i Dienstag l. 11. 8 Mittwoch 0 12. iDonner-siag 3; 13. Tonis chamischi I Freitag i. 14. Sonnabend 5. ir>. Wochenabschnitt: Emor Hastarah: Ezechiel 47,1.7—31

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