Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-04-27 · 17 (27.4.1928) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
17 (27.4.1928)
Date
1928-04-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613964--2688-2620188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

tj s. Jahrgang Nummer 17 Umschau Saron von Hünefeld. Die Berliner Zeitung „Der Montaa-Moraen" veröffentlicht unter der Ueberschrift „Die Weisen von Zion und der Ozeanflug" folgende Notiz: Als Chambertin und Levine über den Ozean kamen, wurde das deutsche Volk im „Völkischen Beobachter" und gleichgesinnten Oraanen vor Begeisterung gewarnt. Nomen est omen. Levine ist zweifellos jüdischer Abstammung, — also ist höchstwahrscheinlich der ganze Ozeanflug ein Werk der Weisen von Zion So ähnlich hieß es damals. Beim Ozeanflug Köhl- Hünefeld dagegen sind völkische Warnungen nicht laut geworden. Die beiden Flieger haben sich ja auch durch chre Huldigungen für Wilhelm II. und seinen Sohn, durch chren Kranzabwurf über Doorn, ein einwandfreies nationales Alibi verschafft. Aber gebt Acht, völkische Beobachter! Vielleicht ist das nur ein besonderes Raffinement Alljudas. Wer nämlich die Genealogie des Hauses Hünefeld studiert, der erfährt — schrecklich, schrecklich —, daß die Mutter des nationalen Ozeanhelden früher ein Fräulein Lachmann war. Und nicht nur das! Ihr Vater, der Großvater Hünefelds also, war der Bruder des verstorbenen Lachmann-Mosse, sie selber stand demnach zu dem früheren Besitzer des Verlags Rudolf Mosse im Verhältnis einer Cousine. Woraus folgert, daß der heutige Inhaber des „Berliner Tageblatts" ein Blutsverwandter des Herrn von Hünefeld ist. Sollten also doch — trotz des Kranzes von Doorn und der Huldigungstelegramme an Wilhelm — nicht auch hinter dem neuesten Ozeanflug die Weisen von Zion spuken?" Zum gleichen Thema schreibt uns unser Mitarbeiter Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin: In Amerika rüstet man sich, den Empfang der zwei deutschen Ozeanflieger, des Hauptmann Köhl und des Baron von Hünefeld, die zum ersten Mal den Atlantik von Ost nach West überflogen haben, mit großem Glanze zu feiern. Auch in unserem Vaterland« ist man begeistert von der heldenhaften Tat dieser beiden Deutschen, die um einer Idee willen ihr Leben aufs Spiel setzten, und der deutschen Technik in einer so allgemein sichtbaren Weise Ehre machten. Ein Berliner Rechtsblatt benutzte vor kurzem die überragende Leistung der Beiden, um „deutsches Heldentum" wieder einmal „jüdischem Krämergeist und semitischer Zaghaftigkeit" gegenüberzustellen. Es betonte insbesondere die „treudeutsche" Gesinnung des Herrn von Hüneseld, der über Doorn Blumen und Gruß für den ehemaligen Kaiser abgeworfen hatte und in New-Aork bloß die schwarzweiß-roten Farben bei der Begrüßung zu sehen wünscht. „Wie Scheidewafser sollen sich Deutschtum und Judentum von einander trennen." — Nun, — die Tatsachen reden auch hier wieder einmal eine ganz andere Sprache! In Wirklichkeit kann gutes Deutschtum und gutes Judentum eine außerordentlich glückliche Synthese ergeben. Herr von Hünefeld hat von der Seite seiner Mutter her jüdisches Blut in seinen Adern, und einem amerikanischen Berichterstatter erzählte er, daß er vor allem eine kleine Taschenbibel auf seine einzigartige Reise mitgenommen habe. Wie bezeichnend! Das „Buch der Bücher", diese gewaltige Emanation jüdischen Geistes mit seinem Jahrtausende-Atem befand sich in dem Aeroplan, der 1928 seinen beispiellos kühnen Flug über das Weltmeer machte! Der Baron von Hünefeld ist übrigens unter anderem auch Lyriker. Und nicht einmal ein unbegabter! Er hat schon mehrere Bände Gedichte veröffentlicht, in denen sich manche schön geformten Verse und gut gesehenen Bilder finden. Sein bestes dichterisches Schaffen aber hat sich wiederum an der sprachlichen und gedanklichen Glut der Bibel entzündet. Sein bei G. A. von Halem, Bremen, erschienenes Buch „Biblische Ge st alten und Gesänge" ist wirklich eine Art Dokument der seelischen und geistigen Vorbereitung zum Ozeanflug! In formvollendeten Versen läßt Hünefeld die Heroen des alten Testaments vor unseren Augen neu erstehen. Die Taten und Leistungen der Propheten und israelitischen Könige erscheinen hier lebendig und dichterisch verklärt! — Die Existenz und das Schaffen des Herrn von Hünefeld ist, wie gesagt, wieder einmal ein neuer Beweis für die alte Tatsache, daß jüdischer und deutscher Geist vereint eine recht glückliche Verbindung und „einen guten Klang" abgeben können. — Der Retter. Das sozialdemokratische Hauptorgan „Vorwärts" schildert einige Typen völkischer Kandidaten »zum Reichstag und zum preußischen Landtag. Hier 'der eme: „Er ist ein kleiner Erzgebirgler mit melancholischen Augen und — seinem Heimatstyp entsprechend — schwarzhaarig. Im Jahre 1919 war er sozialdemokratischer Redakteur. Fuhr zu einer Agitationsreise ins Rheinland zusammen mit einem jüdischen Kollegen, der den schmächtigen Erzgebirgler »um Haupteslänge überragte. Damals verkehrten nur wenige Züge, und die wenigen waren stets.überfüllt. Kurz und gut: Unser Sachse setzte sich wohlgemut auf einen leeren Eckplatz, um gleich darauf von einem ins Kupee stürmenden Herrn zum Aufstehen aufgefordert zu werden, da dieser Platz belegt ser. Jener pocht auf fein Befitzrecht, worauf der Hinzurommlmg grob wird und unseren kleinen Sachsen, der scheu rn seme Ecke reteriert, als „impertinenten Judenlümmel" Ohrfeigen bedrohend. Hier erhebt sich der , Me0e und kündet dem Erregten,an, daß es ihm scytecht bekommen werde, wenn er sich an dem kleinen Herrn rl ^greifen sollte. Worauf der Erregte sichtlich Eühlt, sich knurrend entfernt und den Schaffner zur Mtschewung des Streites holt. Der verkannte -Arier aus dem Erzgebirge, dem sein mikriger Typ um.ein Haar die Ohrfeigen eines Antisemiten eingetragen hätte, ist dank jüdischer ^^^bution gerettet. — Heute prangt seine Name auf der Kandidatenliste des völkisch-nationalen Blocks. Für Neugierige: Der Mann hntzt Arno Franke." Der umgesattelte Ford. Bekanntlich hat Henry Ford vor einiger Zeit, etwa gleichzeitig mit der Umstellung seiner Produktion vom Massenauto zum Qualitätswagen, feinem Antisemitismus abgefchworen und erklärt, daß sein Anti- ^Uismus nur auf MißveAändnissen und Jrrtümern beruhte. Diese Wandlung des Herrn Ford macht nun ofsensichtuch im amerikanischen Tempo Fortschritte. Nach einer Meldung der Jüdischen Telegraphen-Agentur sagte der gegenwärtig in London weilende Autofabrikant und Milliardär in einem Gespräch mü dem Redakteur der jüdischen Jugendzeitschrift „The Jewish Youth": „Ich hege die größte Bewunderung für die Juden, mag es Menschen geben, die es mir nicht glauben wollen. Meine Bewunderung für diesen Menschenschlag wird noch erhöht, wenn ich mir vergegenwärtige, daß Juden zu den größten Kaufleuten der Welt und zu den Befehlshabern der Industrie gehören. Was würde die Welt heute ohne die Industriezentren sein? Die Juden aber sind es, die diese Funktion im Gange erhalten. Der Antisemitismus, führte Ford weiter aus, hat seinen Grund in der Mißgunst. Bei Menschen, die träge und müßig geworden sind, wird der Neid rege, wenn sie zusehen müssen, daß Juden infolge ihrer Initiative, Geschicklichkeit und Hingabe an die Pflicht, sowie infolge ihrer hohen Prinzipien, die oberste Sprosse der Leiter erreichen. So entsteht das antijüdische Vorurteil. Für die neuerdings in allen Ländern in Schwung gekommene zionistische Sammlung nichtjüdischer Aeußerungen I über den Zionismus mußte Herr Ford natürlich auch sein Schcrflein hcrgeben. Ich glaube nicht, sagte er, daß das Judentum als Ganzes in Palästina seßhaft zu werden wünscht. Dennoch hat die zionistische Bewegung eine große Aufgabe zu erfüllen. Sie schafft Palästina zu einer Heimat für jene Juden um, die in einigen in der Entwicklung zurückgebliebenen Ländern Verfolgungen ausgesetzt sind. Und weiter: der Zionismus, wie ich ihn verstehe, wird für das jüdische Volk überall als eine Inspiration wirken. Sagen Sie Ihren Lesern, schloß Henry Ford, daß sie ihrem Glauben und ihrer Ueberzeugung treu bleiben mögen. Sie mögen dessen eingedenk sem, daß es der Grundsatz ihrer Religion sei: Handle anderen gegenüber so, wie Du wünschest, daß andere gegen Dich handeln. Im Geschäftsleben sollen sie den vollen Wert der Ware erstatten und, wo sie Ware liefern, nur das geben, was des Preises wert sei. Das Frauenwahlrecht in den jüdischen Gemeinden. Der von Helene Lange und Gertrud Bäumer herausgegebenen Zeitschrift des Bundes deutscher Frauenvereine, „Die Frau", entnehmen wir folgende Ausführung: Im Jahre 1927 hat der Jüdische Frauenbund eine Umfrage veranstaltet, um festzustellen, in wievielen Gemeinden das Frauenwahlrecht eingeführt ist und inwieweit dort ein Einfluß der Frauenmitarbeit sichtbar wird. Es find an 52 Gemeinden Fragebogen verschickt worden, davon liegen 38 ausgefüllt vor. Sie ergeben, daß in 19 von diesen Gemeinden die Frauen wahlberechtigt, in 15 davon auch wählbar sind. Und zwar haben in Preußen 9 Gemeinden das Frauenstimmrecht eingeführt, nämlich: Berlin, Bielefeld, Breslau, Erfurt, Frankfurt a. M., Halle; in Bayern 5: Fürth, Nürnberg, Regensburg, München, Bamberg; in Sachsen: Leipzig, in Baden: Karlsruhe, Heidelberg, in Anhalt Dessau; von Freien Reichsstädten: Hamburg. Zu dieser Sachlage gibt Ottilie Schönewald in den „Blättern des Jüdischen Frauenbundes" eine Erklärung: daß die jüdischen Frauen nach fast zehnjähriger verfassungsmäßiger Gleichberechtigung in ihren Kultusgemeinden noch so rechtlos sind, liegt weder an ihrer Minderwertigkeit, noch an der Böswilligkeit der Männer, sondern — z. T. — an der unklarenl Rechtslage. Die Rechtslage der Synagogengemeinden ist durch besondere Gesetze der deutschen Länder geregelt, »die, so ver-, schieden sie sonst sind, sich darin gleichen, daß sie sämtlich das Frauenwahlrecht ausschließen, bis auf diejenigen, die, wie z. B. Bayern und Baden, nach 1919 entsprechend abgeändert worden sind. In Altpreußen gilt z. B. noch das Gesetz von 1847, das ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht des Staates über die Zusammensetzung der Gemeindekörperschaften vorsieht. Alle Statutenänderungen bedürfen staatlicher Genehmigung. Es ist nun die Frage, ob diese alten Gesetze noch gelten, oder ob sie außer Kraft zu setzen sind, soweit sie Artikel 137 Abs. 3 der Reichsverfassung entgegenstehen, nach dem jede Religionsgesellschaft ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes ordnet und verwaltet und ihre Aemter selbständig verleiht, ohne Mitwirkung von Staat und bürgerlicher Gemeinde. Wenn diese Bestimmungen der Reichsverfassung als zwingendes Recht betrachtet werden, so können die Gemeinden selbständig die Einführung des Frauenwahlrechts beschließen. Zwei Reichsgerichtsentscheidungen, vom 26. Oktober 1921 und vom 27. November 1923, ebenso eine Entscheidung des Reichsschiedsgerichts vom 9. September 1924 stellen sich auf diesen Standpunkt. Dagegen hat die preußische Regierung bisher den anderen Standpunkt vertreten, die Reichsverfassung stelle hier nur Richtlinien für die Landesgesetzgebung auf, und eine Verfügung des Kultusministers besagt außerdem, Anträge der Gemeinden auf Statutenänderung sollen nur noch genehmigt werden, wenn kein Einspruch aus der Gemeinde kommt. Die Folge: selbst der Mehrheitswille der Gemeinden für das Frauenstimmrecht kann sich nicht mehr durchsetzen! Die Gemeinde Köln z. B. hatte den Beschluß auf Einführung des Frauenwahlrechts gefaßt, kann ihn aber nicht zur Ausführung bringen, weil die behördliche Genehmigung wegen des Einspruchs weniger Gemeindemitglieder nicht erteilt werden konnte! Aehnlich liegt es bei den Gemeinden Aachen und Düsseldorf. Die Frage liegt zurzeit dem Justizministerium zur Begutachtung vor. Liberales Judentum in Polnisch-Schlesien Gründung einer „Union demokratischer Inden". Die Judenschaft Polnisch-Schlesiens, die früher teils zu Deutschland, teils zu Oesterreich gehörte und nach dem Umsturz an Polen kam, hat sich zur Gründung einer „Union demokratischerJudenPolnisch-Schlesiens" zusammengetan, welche die Pflege von religiösem Liberalismus und Universalismus zur Aufgabe haben wird. Angesichts des Ansturmes radikaler Strömungen von zionistischer und orthodoxer Seite hat sich die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses zur Wahrung der religiös-liberalen und demokratischen Traditionen ergeben. — Die kWistituierende Generalversammlung findet am Sonnabend, 28.April in Bielsko-Bielitz unter Leitung des Industriellen Heinrich Braun statt. — Der vorgelegte Statutenentwurf enthält u. a. folgende programmatische Punkte: Auffassung des Judentums als Religion, der Judenheit als religiös-ethischer und geistiger Gemeinschaft; Wahrnehmung aller jüdischen Interessen auf religiösem, politischem, sozialwirt¬ Beilage 27. April 1928 schaftlichem und kulturellem Gebiet in demokratisch-liberalem Sinne: Abwehr des Antisemitismus; Ablehnung aller jüdischen Jsolierungsbestrebunaen, vor allem des Zionismus; Propagierung eines verständnisvollen Zusammenwirkens von Juden und Christen i« allen sozialen und kulturellen Fragen; Bejahung des Emanzipationsgedankens und also auch der nationalen und kulturellen Eingliederung der Juden als« loyaler Staatsbürger in ihren Heimatländern. — Die Bereinigung für das liberale Judentum hat der „Union" anläßlich ihrer konstituierenden Generalversammlung ein ausführliches Glückwunschschreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: „Aus der Darlegung unserer Auffassung und Bestrebungen mögen Sie ersehen, wie sehr wir über die politische Grenze hinweg mit den von Ihnen aufgestellten Tendenzen einig gehen. Wir hören mit Freude und Genugtuung, daß auch Ihre Union nach dem bisher vorliegenden Statutenentwurf das Judentum als Religion auffaßt, aller Verschärfung der konfessionellen und Rasfegegensätze entgegenarbeitet, ein verständnisvolles Zusammenwirken mit den andersgläubigen Bürgern in allen sozialen und kulturellen Fragen propagiert/ die Isolierung gegenüber der christlichen Umwelt ablehnt und daß die Mitglieder Ihrer Union sich als loyale Staatsbürger ihres Landes betrachten. Durch die Aufstellung solcher Ziele wird u. E. gleicherweise dem Judentum als auch der nichtjüdischen Welt unendlicher Nutzen gestiftet, indem das neue Aufblühen eines lebendigen religiösen Judentums sowohl nach innen wie nach außen wirksam wird. Aus all diesen Erwägungen heraus bewerten wir Ihre konstituierende Generalversammlung als ein segenversprechendes Ereignis. Alle Hoffnungen, die Sie an die Gründung Ihrer Union knüpfen, sind auch unsere Hoffnungen, und unsere brüderlichen Wünsche werden all Ihre Tätigkeit begleiten." Sleuerverordnung für die jüdischen Gemeinden Der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung eröffnet in den für das Rechnungsjahr 1928 veröffentlichten Richtlinien für die Erhebung der Kirchensteuer für die jüdischen Gemeinden die Möglichkeit, neben Zuschlägen zu staatlichen Steuern gemäß 8 .9 sg des Kirchensteuer-Gesetzes von 1905 eine von Staatssteuern unabhängige Abgabe unter dem Namen „Kirchgeld" zu erheben. Diese für die jüdischen Gemeinden wichtige Bestimmung erscheint in einem gleichzeitig veröffentlichten Muster für diese Erhebung. Das Judentum und die Presse Bon Doris W i t t n e r. Kurz vor der Eröffnung der ersten Internationalen PresseAusstellung zu Köln verlohnt es sich wohl, einen Blick auf die Teilnahme des Judentums an derPressezu werfen. Das Zeitungswesen, so wie wir es heute kennen und nennen, schätzen oder verurteilen, ist 'in Deutschland eigentlich noch nicht lange heimisch, sondern es stellt sich mehr und mehr als ein fremder Importartikel dar. Wien und Paris waren ursprünglich in viel weiterem Sinn die Geburtsstätten der führenden „Gazetten", die innerhalb und außerhalb ihrer eigenen Länder die sogenannte „Oeffentliche Meinung" verkörperten. Heutzutage übernehmen wir Bräuche und Mißbräuche des zu einer Großmacht gediehenen gedruckten Wortes mehr und mehr von Amerika, der „unbesinnlichen" Stätte der „rasenden Reporter" und der wild gewordenen Schlagzeilen. In Paris kam der politische Artikel zur Welt, während Wien, das lange Zwangsperioden der Reaktion hatte durchmachen müssen, und das einen leichten Schimmer stehen gebliebener Vormärzlichkeit aus seinem Biedermeier-Jnterrims nie ganz verlor, zur romantischen Heimat des „Feuilletons" wurde (auch eines, wie schon der Name besagt, dem Gallischen entnommenen Begriffs). In der preußischen Hauptstadt hatte zwar bereits der aufgeklärte Despot, Friedrich II., öffentlich erklären lassen, „daß die Gazetten nicht genieret werden dürften", und „daß die Pasquille niedriger gehänget werden müßten", auf daß sie jedermann lesen und sich ein eigenes Urteil bilden könne. Aber in Wirklichkeit sahen diese allerhöchst erlassenen Freiheiten denn doch bedenklich anders aus, und mithin führten sowohl Gazetten als auch Pasquille in den Schwesterresidenzen Berlin und Potsdam eine möglichst schüchterne und unauffällige, den Bürger nicht eben beunruhigende Existenz. So kam es auch, daß der Norddeutsche in seinem „beschränkten Untertanenverstand" lange Zeit hindurch das „facrificio del' intellecto" brachte und die Fragen „Von Staat s- und Gelehrten-Sachen", wie der historische Zusatz der meist gelesenen Berliner Zeitung, der noch heute bestehenden „Tante Voß", lautete, höchstens aus deren Spalten schöpfte, ohne eine etwaige eigene Meinung dazu zu äußern. Die „Heilige Allianz" aber tat gewiß nichts dazu, verdunkelte Gehirne im Wege administrativer Verordnungen zu erhellen. Im Gegenteil: persönliches Denken oder gar Schreiben galt als ein gefährliches Höllengift, das mit Feuer und Schwefel exorzieret werden mußte. __ lieber Paris waren die Stürme der Revolution nicht umsonst hinweggefegt, die Verkündung der Menschenrechte nicht vergeblich gefeiert worden. Die Menschen dort waren selbstbewußter geworden und hatten es gelernt, ihr Schicksal mit eigenen Händen und nach eigenem Sinn zu formen. Zu diesem Zweck bedurfte es auch nicht selten des geschriebenen und gedruckten Wortes, das sich mit Kühnheit der Kritik an den bestehenden Zuständen unterfing und nicht minder keck dem Rade der Zukunft in die rollenden Speichen fiel. In dem Auf und Nieder von Revolution, Reaktion und Restauration entwickelte sich aus dem Franzosen, insbesondere dem Pariser, allgemach ein Wesen, das man als „Homo Politicus" mit Fug bezeichnen konnte. Die romanische Lust an Dis-, kussion und Konversation, an Rede und Gegenrede,, steigerte diesen politischen Geltungstrieb bis zur professionellen Betätigung mit allen Dingen der „Res Publica". Die Epigonen der Enchclopädisten — der Väter der Revolution — waren die ersten Publizisten und Journalisten Frankreichs, deren unerschrockene Feder sich gar bald aü Menschen, Dingen und öffentlichen Erscheinungen zu wetzen lernte. Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbehauptung waren *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.