Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wunsch hat, die Äcmeindcättestcn zu wählen. Um hicrsür die Möglichkeit zu schassen, stellen wir hierdurch unsere Aemter zur Verfügung und erklären uns bereit, bis zur Ernennung der neuen Gemeindeältestcn unsere Tätigkeit als Aeltcste weiter auszuüben." Der „Wahlkamps" hat auch schon mit einer vorbereitenden Besprechung, die vom provisorischen Wahlkomiwe zur Förderung der orthodoxkonservativen Liste Sonntag abend in das .Hotel Emanuel ciitbcrusen war, eingesetzt. Daß der Streit der Meinungen in dem bevorstehenden Wahlkampf nicht so heftig ivcrde, hat der Vorsitzende des Israelitischen Gemeindevercins am Schluß der Generalversammlung als Wunsch und Hoffnung ausgesprochen, wenn er meinte, daß die Liebe zur Gemeinde und Gemeinsinn Leitsterne für die Wahl sein müßten, damit die mit den Wahlen verknüpfte Hoffnung auch zur Wirklichkeit werde, und die bevorstehenden Wahlen, die getviß aktivstes Interesse aller Kreise wecken lvürden, der Gemeinde Kassel auch zum Segen gereichten. Leipzig. (Die R e p r ä s e n t a u t e n >v a h l c n.) Am 19. April hatte das Wahlprüsungsgcricht über die Einsprüche gegen die Ende Februar vorgenommcne Wahl von Gcmeindeverordncten zu entscheiden. Es lag ein Einspruch seitens der Liberalen vor, der ein Mandat der Orthodoxen aus Grund unzulässiger Wahlbeeinslussung angrisf; ein Wahlcinspruch der Orthodoxen griff die gesamte Wahl an, weil bei der Feststellung der Stimmenabgabe eines Teils der Wähler das Wahlgeheimnis nicht genügend gewahrt rvorden sei, so daß eben dieser Einspruch der Liberalen möglich getvorden sei. Das Wahlprüfungsgericht entschied die Ungültigkeit einer nicht großen Zahl von Stimmen, die aber ausrcichte, das von den Liberalen angegriffene Mandat für ungültig zu erklären. Damit haben die Liberalen den schon ini November errungenen Sitz wieder gewonnen. Das Stimmenverhältnis ist nunmehr endgültig: 18 Liberale gegen 15 der Vereinigten Orthodoxie (Reichsangehörige und Nichtreichsangehörige), Indische Volkspartei und Poale Zion. Marburg. (I u b i l ä u m.) Anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der Fraucn-Chctora war eine Feier veranstaltet ivorden, an der die gesamte Gemeinde den regsten Anteil nahin. Frau Rabbiner Dr. Munk begrüßte als Vorsitzende die anivesendcn Mitglieder und Gäste, während Provinzial-Rabbiner Tr. Eohn die Festansprache hielt und auch der Verdienste seines Amrsvorgängers, des verewigten Rabbiners Dr. L. Munt, um die Gründung des Frauenvereins gedachte. Als Gratulanten waren Vertreter der Gemeinde, des Vorsteheramts der Israeliten zu Marburg, der Männer-Chcivra und anderer Vereine erschienen, die ihre Glückwünsche übermittelten. München. (Z u r ü ck w e i s u u g einer I II t c r p e 1l a t i o u über das Schächten.) Am 2-1. April fand im bayerischen Landtag die Besprechung einer Intervention betreffend das Schächten statt. Der Interpellant verlangte die sofortige Einbringung des Gcietzentwurss über das bctäu'ouugslose Schlachten der Tiere. Ter Ministerpräsident erwiderte, der Landtagspräsident habe ihm gegenüber den Wunsch ausgesprochen, es sollten nur solche Vorlagen in diesem Landtage noch zur Besprechung kommen, die einen dringliche» Charakter tragen. Der Ministerrat sei einmütig der Meinung, daß diese Gesetzesvorlage nicht dringlich sei. Daraus verlangte der Interpellant Besprechung der Interpellation. Ter Antrag fand jedoch nicht die genügende Unterstützung und siel durch. München. (11 n; e r st tt tz tt n g h e r „D e n 1 s ch c n For - s ch u n g S a n statt f ü r P f y ch i a t r i e".) Die „Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie" in München verösscntlicht eine Kundgebung des DankeS an das gegenwärtig in Mnrnan lebende frühere Mitglied des New Parker Bankhauses Kuhn, Loeb l- Eo., Herrn Dr. h. c. James Loeb, und Alfred HeinShcimer in San Francisco, die durch ihre Geldopfer die Existenz der Anstalt ermöglichten. In dieser Kundgebung heißt cs: „Bei dem Förderer von Kunst und Wissenschaft, dem Amerikaner Dr. h. c. James Loeb in Murnau, fand Kraepetin weitestgehendes Verständnis, und an seinem 00. Geburtstage erhielt er von Dr. Loeb die erste Million zur Ver-< wirklichung dieses Projektes. Die tveiterc Werbetätigkeit Dr. Loebs bei seinen Verwandten, besonders bei Heren Alfred Heinsheimer in San Francisco, brachte eine zweite Million. Damit konnte die Forschungsanstalt für Psychiatrie im April 1018 eröffnet werden, und zwar in den Räumen der Münchener psychiatrischen Klinik, da natürlich während des Krieges nicht gebaut werden konnte. Vom Jahre 1920 ab ermöglichte Dr. James Loeb während der Inflationszeit durch jährliche Geldspenden die Fortführung des wissenschaftlichen Betriebes, und die Abwanderung der Abteilungsleiter verhinderte er durch eine neue Stiftung, die in erster Linie diesen zugute kommen solle. Zu dem Gesamtprojekt, das 1 650 000 Mark betrug, mußten noch 300 000 Mark aufgebracht werden; das geschah durch eine Zustiftung von Alfred .Heinsheimer, durch größere Beiträge der Kaiser- Wilhclm-Gesellschaft, der Stadt München und durch Erübrigungen aus Betriebsmitteln." Stuttgart. (Jubiläum.) Am 21. April ds. Js. konnte der „Israelitische K r a n l c n u n t e r st ü tz u n g s v e r e i n c. B." die Feier seines 75 jährigen Bestehens begehen. Der Verein, der sich in dieser Zeit außerordentliche Verdienste um die Krankensürsorge erworben hat, gab anläßlich dieses Jubiläums eine Festschrift heraus, die von Herrn Stadtrabbiner Dr. Paul Ri cg er versaßt ist. In dieser Festschrift nimmt, da anläßlich des 25 jährigen Jubiläums 1878 und des 50 jährigen Jubiläums 1903 ebenfalls Festschriften heransgegeben wurden, die Bercinstätigkeit des letzten Vierteljahrhunderts einen besonders breiten Raum ein. Die Vereinstätigkeil tvar in in diesen 25 Jahren außerordentlich erschwert durch die ganz besonderen Verhältnisse der Kriegs- »ud Inflationszeit. Umsomehr muß anerkannt werden, daß es der opferbereiten Treue der führenden Persönlichkeiten des Vereins gelungen ist, seine Tätigkeit aufrecht zu erhalten, in der .Kriegszeit eine besondere Verroundetensürsorge zu, organisieren und nach Beendigung der Inflation das Hilfswerk des' Vereins erheblich auszubauen. Erfreulich ist ferner die aus der Riegerschen Festschrift ersichtliche Tatsache des herzlichen Zusammenarbeitens mit anderen israelitischen Wohlsahrtsvereinigungen. Eine Sapuzinerpredigt Mein lieber Freund! Tiefe vertrauliche Anrede darf ich mir Ihnen gegenüber als Ihr alter Lehrer, dem Sie mehr als Schüler waren, mit dem mich Liebe und väterliche Freundschaft verbanden, wohl gestatten. Sie waren der beste und eifrigste Schüler, dessen ich mich erinnere. Ihr frommes Gemüt, Ihr Lerneifer, Ihre schnelle Auffassung des Lehrstoffes, Ihr scharfer Verstand machten mir dm Unterricht zur Freude und innerer Befriedigung. Ich gedenke noch mit Vergnügen der Lehrstunden Ihres letzten Schuljahres, in dem wir besonders den Kizur Schul ch an Aruch durchnahmen, Ihrer sichtlichen Freude an dem Stofs und der Begeisterung, mit der Sie sich zu den überlieferten Vorschriften bekannten. Ich nehme an. daß Sie den Kizur Schulchan Aruch, den ich Ihnen zur Barmizwah gab, noch heute in Ihrem Bücherschränke verwahren und ihn Vorkommendenfalls zu Rate ziehen. Unser letztes Zusammensein war bei Ihrer Hochzeit, bei der Sie mich mit der Trauung beehrt hatten, seitdem habe ich Sie leider nicht gesprochen. Inzwischen habe ich auch seit längerer Zeit nicht direkte Nachrichten von Ihnen erhalten, aber häufig von anderen über Sie gehört. Es hat mir große Freude gemacht, daß Sie sich eine angesehene Stellung erworben haben, daß Sie geschäftlich sehr gut dastehen. Aber noch mehr habe ich mich gefreut, zu vernehmen, daß Sie stets ein frommer Jehudi geblieben sind, ja eine Säule der Orthodoxie in der Großstadt genannt 'werden. Sie können sich denken, daß solche Nachricht beglückend für mein Lehrerherz war. Kürzlich war ich anläßlich einer Versammlung in Berlin. Auf dem Wege zur Sitzung begegnete ich Ihnen am Bahnhof Zoo: da Sie aber mit Ihrer Gemahlin und vier anderen Personen gingen, mochte ich Sie nicht anreden. Trotz Ihres veränderten Aussehens habe ich Sie sofort erkannt. . Sie waren im eifrigen Gespräch und haben mich wohl nicht gesehen. Ich nahm mir vor, noch den nächsten Tag in Berlin zu bleiben, um Sie besuchen zu können, ich hatte Sehnsucht nach Ihnen. Aber -- der Mensch denkt, und Gott lenkt. Eine schmerzliche Enttäuschung sollte mir werden. Nach Schluß der Sitzung begleiteten mich zwei Kollegen nach meinem Hotel. Unterwegs forderten sie mich aus, mit in ein Cafe zu gehen. Nach längerem Zögern willigte ich ein, bin ich doch auch zuhause gewöhnt, abends eine Tasse schwarzen Kaffee zu trinken, um noch einige Zeit lernen zu Sendet den fälligen Beitrag für das 2. Quartal 1928 in Höhe von Mk. 2,50 auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 137069 ein. ——a—■—t——w—b—n—a ■» * Jk pw können. Bald nachdein wir uns gesetzt hatten, traten auch Sie mit Ihren Begleitern von vorhin ein, und nahimein wenige Tische von uns entfernt Platz. Sie sahen mich nicht, ich aber erblickte Sie sofort und war von Ihrem Anblick betroffen, ebenso auch dann von Ihrer Unterhaltung, von der ich einige Brocken auffing. Sie waren im Theater gewesen und sprachen in animiertester Weise von dem Stücke, das Sie gesehen hatten. Meine Kollegen kannten zwar das Stück nicht, wußten aber, daß es sehr freien Inhalts fei und Jugendlichen der Eintritt nicht gestattet wäre, daß es nicht zweideutig, sondern sehr eindeutig ist. Meine Kollegen sprachen sich über das Stück höchst mißbilligend aus, ich hütete mich des halb, ihnen zu sagen, daß ich Sie kenne. Ich war entsteh,t,, konnte mich kaum fassen. Nachdem jetzt aber einige Zeit vergangen ist, und ich etwas ruhiger geworden bin, kam ich zu dem Entschluß, Ihnen zu schreiben und Ihnen meine Besorgnisse auszusprechen. Als Freund und Lehrer glaube ich, nicht nur dazu berechtigt, sondern auch verpflichtet zu sein. Vielleicht ist meine Furcht, daß „die Säule schon geborsten", übertrieben, vielleicht sehe ich zu schwarz, aber ich kann nicht anders, ich muß mich aussprechen. Als Sie mir zuerst begegneten, fiel mir .'schon auf, daß Sie sich aus der Straße in einer Weise bewegten, die den Vorschriften widerspricht. „Man darf nicht hoch aufgerichtet, mit aufgestrecktem Halse gehen, sondern gebeugten Hauptes, den Blick vor die Füße gerichtet". Sie aber und Ihre Begleiter wandelten hoch erhoben. Es steht geschrieben: „Stolz ist eine sehr böse Eigenschaft, es ist verboten, Stolz auszuüben, selbst in geringem Maße." Sie kamen mir sehr stolz vor. Sie gingen zwischen zwei Damen, Ihre Frau Gemahlin zwischen zwei Herren, obwohl die Vorschrift lautet: „Ter Manu soll sich hüten, zwischen zwei Frauen oder zwei Hunden oder zwei Schweinen zu gehen, ebenso eine Frau nicht zwischen zwei Männern oder Hunden und Schweinen." Vielleicht erinnern Sie sich noch der Stelle im Kizur Schulchan Aruch und der Unterhaltung, die wir darüber hatten, besonders auch der Deutung, die Sie dazu gaben und zu vertreten suchten. Sollten Sie es nicht mehr wissen, so möchte ich es Ihnen in Erinnerung rufen: Sie meinten, geht der Mann zwischen zwei Frauen, so ist der Mann ein Hund und die Frauen sind Schweine. Geht eine Frau zwischen zwei Männem, so ist die Frau ein Schwein und die Männer sind Hunde. Ich konnte damals wie jetzt der Erklärung nicht zustimmen. Als Sie das Cafe betraten, fiel mir sofort Ihr glattrasiertes Gesicht und Ihr ganz kurz geschorenes Haar auf, denn es heißt: „Du sollst die beiden Ecken des Kopfhaares und die fünf Ecken des Barles nicht entfernen, nicht mit Rasiermesser, Pigment oder Bimsstein". Ich weiß, wohl, daß einige sagen, Pigment oder Zwickschere sind erlaubt. Sie aber haben unzweifelhaft ein Rasiermesser benutzt. Tann heißt es weiter: „Man geht nicht in den Sitten der anderen und man gleiche ihnen nicht, weder in Kleidung, noch Haartracht, man ziehe keine Kleidung an, die für jene als Auszeichnung bestimmt ist. Schon im Talmud ist das den Israeliten verboten und als Beispiel angeführt, daß 'selbst die Schnürriemen andersartig sein müßten; jener Art zu schnüren sei nicht Israels Art, wenn jene rote Schnürsenkel tragen, müssen die Israeliten schwarze verwenden und auch umgekehrt, obwohl die schwarze Farbe lobenswert ist, wegen Demut, Bescheidenheit und Züchtigkeit, und daraus lerne jeder nach Zeit und nach Ort. Tenn jener Kleid ist gemacht zum Stolz und zur Ausgelassenheit, so soll kein Israelit handeln, sondern^ seine Kleidung soll.in löblicher Art chergestM sein, der Demut und Züchtigkeit entsprechend. Er darf nicht sagen: Jene gehen in Purpur, so will ich auch in Purpur gehen, jene tragen Seide, also will ich auch Seide tragen. Solche Worte sind Reden des Stolzes und des Hochmutes, solche sind aber nicht Jakobs Sache. Sein Weg ist Demut und Bescheidenheit, er soll sich nicht den Uebermütigen zuwenden. Alle Tinge, die jene nach Sitte und Gesetz in Trauer und Freude ausüben, darf der Israelit nicht tun." Weiter steht geschrieben: „Auch soll er sich nicht scheren oder sein Haar lang wachsen lassen wie jene, sondern ec soll sich von ihnen, unterscheiden in Kleidung, Rede und sonstigen Taten, durch die er von ihnen unterschiedep ist, auch in seinem Studium und seinen Kenntnissen." Ferner: „Er soll nicht kostbare Kleider anlegen, denn das bringt den Menschen zum Stolzsein. Aber auch beschmutzte oder sehr sichlechte Kleider soll er nicht tragen, damit er sich nicht in den Augen der Geschöpfe herabsetzt. Seine Kleider seien einfach, aber rein." Sic aber trugen keinen würdigen, geschlossenen Rock, sondern eine schwarze Jacke, wie ein Kellner, eine tief ausgeschnittene Weste mit einem großen weißen Vorhemd. Und Ihre Frau Gemahlin! Wo ist der Scheitel geblieben, den sie bei der .Hochzeit getragen hat? Sie trug das Haar gelockt und gewellt, am Nacken abgeschnitten; mein Kollege sagte, das nenne man Bubikopf. Zwar meinte der andere Kollege, es könne wohl eine Perücke sein, ein vielleicht erlaubter Ersatz des Scheitels, aber Perücke hin, Perücke her, ist das jüdische Sitte? Ist das Demut, Bescheidenheit und Züchtigkeit? Ihre Frau Gemahlin und die anderen beiden Damen trugen weit ausgeschnittene bunte Seidenkleider, ohne Aecmel, mit nackten Armen saßen sie da, behängt mit allerlei Schmucksachen, Ohrringen, Haisletten, Broschen, Armbändern, die Finger voller blitzender Ringe! Paßt das zu den Bekleidungsvorschriften des Kizur Schulchan Aruch? „Ein Mann darf eines anderen Frau nicht berühren, darf ihr nicht die Hand reichen", Sie aber haben den bloßen Arm Ihrer Nachbarin wiederholt gestreichelt! Ein Mann darf keine Frauenkleider tragen, eine Frau nicht Männertracht, auch nicht ein einziges Kleidungsstück", Sie aber haben, wohl stherzhasterweise, den Spitzenshawl der neben Ihnen sitzenden Dame sich um Ihre Schultern drapiert! „Kaffee mit Zucker oder Milch darf mau nicht ohne Segensspruch trinken". .Ich habe nicht bemerkt, daß sie einen solchen gesprochen haben, ebensowenig über den Kuchen, den Sie oerzehrien, abgesehen davon, daß „unsere Weisen verboten haben, Gebäck jener, das ans den fünf Getreidearien, bereuet ist, zu genießen, außer wenn lein jüdischer Bäcker am Orte ist." Sie hätten doch zu Tobrin gehen können. Ihre Frau Gemahlin aß Vanilleeis mit Schlagsahne, zwei Ber stoße! Erstens: „Im Sommer soll man kalte, im Winter warme Speisen und Getränke genießen": wir sind mitten im Win:er. Und Vanilleeis, Schlagsahne? Darf man Sachen ans solcher Milch verzehren? Ich könnte noch Verschiedenes anführen, aber ich habe wohl schon genüg beanstandet, nur „mit Vorsicht darf man Ermahnungen anbringen." Alle diese Sachen sind ja verbesserungsfähig, Sie können sie unterlassen und wieder zu den alten, guten Sitten Ihrer Vorfahren zurückkehren, zur Umkchr ist es nie zu spät! Aber ein anderer Umstand hat mir den tiefsten Kummer bereitet, und ich fürchte, auch meine dringendsten Vorstellungen würden daran nichts ändern, wenn er wirklich zutresfen sollte. Bei meinen Erkundigungen nach Ihrem Berus hörte ich, daß Sie ein Börsenjobber seien, darunter verstand ich, Makler an der Börse, also ein erlaubtes Gewerbe. Nach meiner Rückkehr in meinen Wohnsitz hörte ich aber, daß Jobber ein Spieler bedeutet. Ein jüdisches Kind ein Spieler? Ich kann das nicht glauben, mein Gewährsmann wird das Fremdwort wohl falsch übersetzt haben. Im englischen Lexikon finde ich als Uebersetzung: Stückarbeiter, Handlanger, Makler, aber beim nächsten Wort, Jobbery: Aktienwucher, unrechtmäßige Begünstigung zu eigenem Vorteil. Sollte er die beiden Wörter verwechselt haben? Ich selbst kenne die englische Sprache ja nicht. Es wäre ja entsetzlich, wenn er recht hätte! Ter Kizur Schulchan Aruch sagt: „Man fo-U sich vorsehen, feinen Nächsten nicht zu übervorteilen, im Kauf und im Verkauf, bei Uebernahme einer Verpflichtung, einer Arbeit oder beim Geldwechseln." Tann: „An einem Orte, wo eine Bank oder Sparkasse ist, sollen Israeliten keine Aktien der selben unö davon verbotenen Zinsgenuß haben, auch werxn die Bankoirektoren „Andere" sind, auch darf man kein Geld hingeben oder sich leihen, es könnte als für einen Israeliten unwürdig ausgefaßt werden." Ter Gedanke, daß Sie in der Tat solche Geschäfte betreiben könnten, daß Sie davon in Glanz und Wohlbehagen leben, ist mir furchtbar, unerträglich. Bitte, teilen Sie mir doch so schnell, als es Ihre Zeit erlaubt, mü, daß meine Sorgen unnötige sind, daß Ihr Gewerbe ein ehrliches und rechtschaffenes ist, wie es einem frommen Juden, der aus dem Boden des Kizur Schulchan. Aruch steht, zukommt. Sie würden mir eine sehr große Freude bereiten, wenn Sie mich über meinen Kummer trösten könnten, wenn meine Be fürchtung, daß die geborstene Säule schon gefallen sei, grundlos wäre. Ihrer Frau Gemahlin bitte ich mich zu empfehlen und Sie grüßt herzlichst, einstweilen noch in alter Liebe und Freundschaft Ihr alter Lehrer Jeremias Neua l.fx Auch Ihre Freunde wollen die Jüdisch-liberale Zeitung lesen! Fordern Sie das liberale Judentum durch Verbreitung der Jüdisch-liberalen Zeitung. Hier ist eine Liste: Bitte schreiben Sie darauf die Adressen aller, die nach Ihrer Meinung Leser der Jüdisch-liberalen Zeitung werden können, und senden Sie uns den Zettel im Umschlag zu Adolf Kochmann Traiteur des Gesell. der ..ßeseiischalf der Freunde“ W9, Potsdamer Strasse 9. Tel.: Amt Lützow 6524 Empfiehlt sich zur Ausrichtung von Hochzeiten und Festlichkeiten aller Art. In- und außer dem Hause. Kaltes Büfett. Erstklassige Küche — Gutgepflegte Weine Elegante Festsäle Name Wohnort Straße Unterschrift: cw. Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. Bruno Wohda, Berlin NW. 23. Druck: Hermann Wegner & <Eo„ Berlin-Mariendvr-. 04