Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„verbanden sich" — wie es in dem Protokoll heißt — ,-"ut vereinten Kräften und aus reiner Absicht, bloß das Gute zu befördern, eine Schul- und Erziehungsanstalt für arme jüdische Kinder zu gründen, dieser Anstalt vorzustehen und sie emporzubrmgen. -- Von diesen vier Vorstehern war der älteste, Geisenheimer, erst 28 Jahre alt; er wurde zum Vorsitzenden gewählt. Die vier jungen Männer gingen sofort ans Werk. Gleich in der ersten Woche des Januar 1804 wurden noch zwei hiesige arme Waisenknaben im Alter von 10 und 11 Jahren ausgenommen. Die Saat, die Siegmund Geisenheimer damals, im Jahre 1804, weitblickend in die Zukunft, ausstreute, keimte, sproßte und entwickelte sich kräftig zu einer der allerersten Bildungsstätten für die hiesige Jugend. Das „Philantropin" — „Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde" — verdankt ihm sein Entstehen. — Bis zum Ende des Jahres 1822 blieb der edle Gründer in dem Schulrate, nachdem er 19 Jahre seine Kräfte der Schule gewidmet hatte. Hatte er so für die Heranwachsende Generation Bleibendes geleistet und durch seine Tätigkeit im „Verein zur Förderung der Handwerke unter den israelitischen Glaubensgenossen" für die aus der Schule austretenden Zöglinge Sorge getragen, endlich durch die Gründung der „Zur ausgehenden Morgenröthe", einen großen Kreis hiesiger Gemeindemitglieder zu humanitärer Wirksamkeit und würdiger Haltung und Lebensführung vereinigt, so widmete er seine letzten Jahre der Organisation der Krankenpflege. Er trat in die Verwaltung der von Benedict Elias Maas im Jahre 1738 hier gegründeten „Israelitischen Männcr-Krankenkasse", deren Trefflichkeit damals schon allgemein gewürdigt war und entwickelte dort eine Tätigkeit von dauerndem Erfolge. Er verstand es, die fünf Brüder v. Rothschild zu veranlassen, einen! würdigen Neubau an der Rechneigrabenstraße für die Männer- und für die Frauen-Krankenkasse zu errichten, zu dem er im Sommer 1827 noch den Grundstein legte. Nach langem Leiden starb Siegmund Geisenheimer am 20. April 1828. Seine Ruhestätte, die noch verhältnismäßig gut erhalten ist, befindet sich auf dem alten israelitischen Friedhof nächst dem Börne- Platz. Der Schlußsatz aus dem Gebet, das alljährlich am Stiftungstage der „Israelitischen Männer-Krankenkasse", gegen Ende des Festgottcsdienstcs gesprochen wird, lautet: „Indem wir alljährlich an dieser geweihten Stätte dankbar seiner gedenken, ist seiner Seele der himmlische Frieden, welchen wir alle ersehnen, bereits zu Teil geworden. — Nicht trauern wollen wir, daß wir einen solchen Mann verloren, freuen wollen wir uns vielmehr, daß wir ihn besessen. Sein Andenken wird in unserer Mitte noch lange fortleben, denn die Früchte seiner Tätigkeit sind uns geblieben." Frankfurt a. M. (Steuerherabsetzung auf 12 ",o.) Tie letzte Sitzung der Repräsentantenversammlung beschäftigte sich hauptsächlich mit der Vorlage des Vorstandes, die Steuer von 12V:> °/o ans 11 o/o hcrabzusetzen. Der Vorsitzende der Finanzkommission der Gemeindevertretung, Rechtsanwalt Tr. Rud. Geiger (Lib.), erstattete den Bericht der Finanzkommission. Die Mehrheit der Kommission hat dem Vorstandsantrag auf Herabsetzung des Satzes von 12>2 aus 11 »0 nicht zugestimmt. Dr. Geiger gibt namens aller Gemeindeparteien Erläuterungen zu dem ablehnenden Beschluß der Finanz- und Steuerkommission. Auch die S t e u e r k 0 m m i s s i 0 n , der außer Mitgliedern des Vorstandes und der Gemeindevertretung auch Gemein de Mitglieder angehören, habe sich in ihrer Mehrheit gegen den Vorstgndsbcschluß entschieden. Man sei zu dem Entschluß gekommen, der Genieindrvertretung die Festsetzung eines Steuersatzes von 12 <y0 mit der Maßgabe vorzuschlagcnn, daß man nach Verlauf eines halben Jahres bei Feststellung einer günstigen Finanzlage eine nochmalige Ermäßigung der Gemeindesteuer ins Auge fassen könne. Der Standpunkt des Vorstands lvird von Syndikus Tr. Mayer vertreten. An Hand interessanten Zahlenmaterials begründet der Redner die Berechtigung der Vorstandsansicht. In der Diskussion bittet namens des Vorstandes Dr. Fritz Sondheimer, dem Borstandsbeschluß zuzustimmen. Felix Meyer (Kons.) erklärt sich namens eines Teiles der Finanzkommission und der konservativen Fraktion für den Borstandsbeschluß, man müsse eine größtmögliche Schonung der Zensiten walten lassen. Rechtsanwalt Simon (Bolkspartei) fordert eine rechtzeitigere Etatberatung im nächsten Jahr. Dr. Wolf (Lib.) geht auf sinanzwirtschastliche Details der Gemeindesinanzgebahrung ein. Es sprechen noch in der Diskussion die Gemeindevertreter Prof. Werner (Kons.), Kaufsmann (Bolkspartei) und Dr. Geiger (Lib.). Gegen 4 Stimmen gelangt der Antrag der Finanzkommission zur Annahme, so daß der Steuersatzfür 1928 12 o/a der Reichseinkommensteuer beträgt und sich die Gemeindevertretung eine eingehende Prüfung der Finanzlage im Oktober 1928 vorbehält zum Zwecke einer evtl, nochmaligen Steuersenkung. Auf Bericht des Schulrats gelangt eine Nachtragssorderung des „Philantropins" vorbehaltlich der Beibringung eines Nachtragsetats zur Annahme. Der Entwurf einer Dienststrafordnung wird auf Antrag Dr. Geiger (Lib.) der Rechtskommission zur Beratung überwiesen. Darauf finden die Ersatzwahlen in die Synagogenvorstände statt. Die Wahlen ergeben: Für die Synagoge Königsteiner Straße: Herm. Wronker, Dr. Klein, Herr Paßmann. Für die Hauptsynagoge Börnestraße: Jos. Hase und Dr. Mainzer. Der Bericht der Friedhofsbaukommission wird vom Plenum ohne Diskussion genehmigt. Der Unterprüfungskommission für die Schaffung einer neuen Grabmalordnung gehört ein Gemeinderabbiner und für den Vorstand Dr. Baerwald an. Ebenso sollen» in diese Kommission Mitglieder aus der Gemeindevertretung gewählt werden. Die Angelegenheit wird der Wahlvorschlagskommission überwiesen. Einige Subventionswünsche werden bis zur Etatberatung zurückgestellt. Es schließt sich eine kurze nichtöffentliche Sitzung an. Frankfurt a. M. (V 0 r t r a g ü b e r „Bildung und Antis e m i t i s m u s".) Die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit" hatte Professor Dr. Walter Kinkel, Gießen, zu einem Vortrag über „Bildung und Antisemitismus" gebeten. Dem Vortragenden, dem Diskussionsredner, früherem Pfarrer und jetzigem Redakteur Dr. Klein und der Leiterin des Abends, Frau Thea Wolfs, schulden wir besonderen Dank für die Wärme und Ueberzeugung, mit der sie das Judentum und die Juden gegenüber den völlig haltlosem Angriffen der Antisemiten verteidigten. Professor Dr. Kinkel verstand es, in einer geradezu herzerfreuenden, zugleich tiefernsten und sachlichen Weise die antisemitischen Vorwürfe zu zerpflücken und auf diese Art in ihrer ganzen Hohlheit zu kennzeichnen. Er betonte zunächst, daß derjenige, der für die Juden eintretc, von den Antisemiten, ob er nun soziale, politische, wirtschaftliche oder allgemeine Probleme erörtere, auf jeden Fall angegriffen werde. Dies veranlasse ihn nicht, seine Ueberzeugung aufzugeben, nach welcher das Judentum die gleichen Werte in sich trage, wie das Christentum und jede andere auf wahrer Ueberzeugung beruhende Religion. Die Grundlagen einer jeden Einstellung gegenüber Andersgläubigen in unserem deutschen Volke, müßten die Ideale des deutschen Volkes sein, nämlich die Ideale der .Humanität; leider sei dieses Wort vielfach in den Kot gezogen und durch Humanitätsduselei in seiner Bedeutung abgeschwächt worden; umsomehr müsse man diese Ideale, denen Humboldt, Kant, Schiller und Goethe gefolgt seien, wieder zu ihren vollen Auswirkung verhelfen. Den 'Juden gegenüber sei nicht nur Toleranz am Platze, sondern volle Achtung, wie sie sich jedem Volksgenossen gegenüber ziemt; die Lehre des Judentums predige das Gleiche; sie schätze keineswegs die Andersgläubigen geringer ein und halte sich selbst für das auserwählte Volk; das Judentum verlange vielmehr Gleichachtung jedes Fremden mit seiner Hauptforderung: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Daß dieser Spruch nicht, wie die Antisemiten es zu konstruieren versuchen, nur für die Gemeinschaft der Juden gilt, ergibt sich aus dem weiteren Satz der heiligen Schrift: „denn auch Du warst ein Fremdling i« Aeghpterland", also unter Nichtjuden. In gleicher Weise enthielte die Bezeichnnung des „auserwählten Volks" keine Erhöhungegenüber den anderen Menschen, sondern eine Sendung und Aufgabe; die Ethik unter den Völkern zu verbreiten und zur Verständigung Htttjf Verbindung unter ihnen beizutragen. Die Werte des Judentums und die geistigen Fähigkeiten seiner Vertreter seien von hervorragende» Christen immer wieder anerkannt worden; Kant habe erklärt, daß er das Gute in seinem Stil und die geistige Klarheit Moses Mendelssohn verdanke; Humboldt habe eine geistige Verarmung des deutsche» Volkes befürchtet, wenn die jüdische Mitarbeit fehle. Die Fülle der weiteren Gedanken, die der Redner vorbrachte, und die trefflichen Erwiderungen antisemitischer Zwischenrufe könne» aus Mangel an Raum nicht wiedergegeben werden. Es sei an dieser Stelle nur noch auf die begeisternden Ausführungen Dr. Kleins hingewiesen, der vor allem hervorhob, daß es sich mit der christlichem Religion selbst vertrage, dem jüdisch Gläubigen in dieser Weise entgegenzutreten. Auf der anderen Seite gab gerade dieser Redner uns Juden eine nicht zu unterschätzende Lehre: uns niemals getreten und zurückgesetzt zu fühlen, sondern uns unseres Judentums ohne irgendwelche Geringschätzung eines Andersgläubigen stolz bewußt z» sein; die stärkste Stütze des Antisemitismus liege in der Eigenschaft vieler Juden, ihre jüdische Abstammung und ihren jüdischen Glauben in Gegenwart von Christen möglichst zu verheimlichen. Hierzu liege keinerlei Veranlassung vor; ein selbstbewußtes Bekennen zum Judentum und zur jüdischen Religion wirke stärker und erfolgreicher als der zu verabscheuende Versuch, sich seines Judentums nicht bewußt zu werde». Gelnhausen. (Aus der Gemeinde.) Der oft erwähnte Schächtprozeß hat nun vor dem Reichsgericht in Leipzig einen unerwarteten Abschluß gefunden. Der Schächter und Lehrer Marx wqr wegen Beleidigung des Schlachthofdirektors Dr. Lindemann, den er einen „bewußten Verleumder" genannt hatte, in erster Instanz freigesprochen, in der Berufungsinstanz aber zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Dasselbe Urteil war wegen gleichen Vergehens, gegen den Metzgermeister Reis gefällt worden. Beide Angeklagte hatten Revision beim Reichsgericht eingereicht, die in Bezug auf Reis verworfen wurde, während das Urteil gegen Marx infolge eines Verfahrensverstoßes aufgehoben und die Sache au die Vorinstanz zurückverwiesen wurde. Die Große Strafkammer in Hanau hatte sich nun nochmals mit der Klage zu beschäftigen und verwarf abermals die Berufung des Angeklagten Marx. Dr. Lindemann hatte s. Zt. in einem Artikel einen Vorgang geschildert, der sich im Schlachthof zu Gelnhausen abgespielt haben sollte, wo ein Jungrind 3 Minuten nach dem Schächtschnitt bei vollem Bewußtsein! einen Ausgang gesucht habe. Gegen diese Darstellung hatten die beiden Beteiligte» durch die vorerwähnte Aeußerung energisch Verwahrung einzulege» versucht. Gießen. (Persönliches.) Im benachbarten Groß-Karben ist der seit mehr als 55 Jahren als Lehrer und Kantor der Religionsgcmeinde wirkende Nathan Driels im Alter von 83 Jahren gestorben. Provinzialrabbincr Dr. Sander, Gießen, widmete dem bis an sein Lebensende mit unermüdlichem Eifer um die religiösen Interessen seiner Gemeinde bemühten bescheidenen Beamten einen ehrenden Nachruf; auch Lehrer Seelig, Friedberg, rief dem Amtsgenossen im Namen des Landes-Lehrervereins im Bolksstaat Hessen herzliche Ab- .schiedsworte nach. Kassel. (Vorbereitungen zur Gemeinde wähl.) Nachdem der Israelitische Gemeindeverein vom Zustandekommen der Wahlordnung Kenntnis gegeben hat und die Wahlen für Mai in Aussicht genommen sind, haben die zur Zeit amtierenden Gemeindeältesten den bestehenden Tatsachen Rechnung getragen und in einem Schreiben an den Kreisvorsteher Lazarus von der Absicht ihres Rücktritts Kenntnis gegeben. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Wir sind der Ansicht, daß die Mehrheit der Mitglieder unserer Gemeinde den Jüdische Gemeinde Berlin ■SchriMbe d. Vereinigung l.d. Mb. Judentum E.Y. Unsere verehrlichen Gemeindemitglieder weisen wir auf die Bekanntmachung betr. Erneuerung der Eintrittskarten für die Gemeindesynagogen hin. Diese Bekanntmachung ist im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, April- und Mai-Nr., abgedruckt und in den Gemeindesynagogen ausgehängt. Berlin, im April 1928 Vorstand der jüdischen Gemeinde H Heft Hr. 1 ■ Die Grundsätze des Jüdisch- ■ religiösen Liberalismus Von Rabbiner Dr. Lewkowitz-Berlin Preis 0:50 Mk. ■ Bestellungen beim Verlag der „Jüdisch-liberalen Zeitung" ■1 Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147 Malerarbeiten jeder Art Renovierung von Wohnungen, Geschäftslokalen, Fassaden etc. Robert Gutheim W50, Kulmbacherstr. 7, Fernspr.: Lützow 6260 Kostenanschläge gratis Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. Kostenlose Feuerbestattung: Annahme W 35, Lützowstraße 44, Telephon: Lützow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Bcke Fasanenstraße, Telephon: Steinplatz 1835 Israelitischer Gottesdienst in Arankfurt/M. Liberaler Ritus: Hauptsyuagoge. Freitag, d. 27. 4., abds. 7. Sonnabend, d. 28. 4., morg. 9, nachm. 4, Sabbat-Ausg. 8.30. Wochcngottesdienst: morg. 7.30, nachm. 4. Synagoge an der Königsteiner Straße. Freitag, d. 27. 4., abds. 7, Predigt: Rabb. Dr. Seligmann. Sonnabend, d. 28. 4., morg. 9. Wochengottesdienst: morg. 7.30, nachm. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börneplatz Freitag, d. 27. 4., abds. 7.10. Sonnabend, d. 28. 4., Frühgottesdienst 6.30, morg. 8, nachm. 4.30, Vortrag: Rabb. Dr. Hoffmann: „Die Grundlehren des Judentums im Anschluß an Maimonides". Sabbat-Ausg. 8.30. Wochengottesdienst: morg. 6.15, nachm. 7. Synagoge Bockenheim. Freitag, d. 27. 4., abds. 7.15. Sonnabend, d. 28. 4., morg. 8.45, nachm. 4, Sabbat-Ausg. 8.30. Wochengottesdienst: morg. 6.30. Israel. Krankenhaus Gagemstr. 36. Freitag, d. 27. 4., abds. 7.10. Sonnabend, d. 28. 4., morg. 8, nachm. 4. das Programm der 12 Attraktionen 12 Näheres siehe am Säulenring. Sonntag 2 Vorstellungen 2 330 und S Uhr. 330 kleine Preise. Vielseitig gebildeter junger Herr 28 Jahre, wünscht Gedankenaustausch mit geistig regsamer, netter junger Dame. Da beiderseitige Diskretion selbstverständlich, erbitte vertrauensvolle ausführliche Zuschr. mögt. m. Bild unter Itl. H. 151 an Ala-Haasenstein & Vogler, Frankfurt a. M. 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