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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-04-27 · 17 (27.4.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
17 (27.4.1928)
Date
1928-04-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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und dem Eingeweihten in der Sphäre des Gemütes offenbart wurde. Die Kabbala ist so die Reaktion des Gefühls auf die Herrschaft des Verstarb es und ergriff um so mehr die Seele weitester jüdischer Kreise, als sie tn ihr bei dem Leidensdruck der Verfolgungen in allen Ländern sich hineinträumten in eine Zeit der Erlösung, die die kühle Berechnung nicht sichtbar machte. Ihre Ausläufer sind die Gedankengänge des Ehassidismus, der in Polen im 18. Jahrhundert die Geister von der Spitzfindigkeit des übertriebenen, einseitig angebauten Talmudismus befreite und sie aus die religiösen Gefühlsmomente hinwies: die Inbrunst, den Dienst, die Intention und die Demut. Die Freude des Lebens im Dienste des religiösen Stimmungsgehalts wurde der Grundaccord, der die Seele des chassidischen Weisen durchzog. Im Westen Europas machte sich inzwischen der Rationalismus des 19. Jahrhunderts zum beherrschenden Lebens- und Wissenschaftsprinzip : Demokratie und Naturerkenntnis, Realismus und Naturalismus in Kunst und Forschung trieben auch im religiösen Leben die Herrschaft des Intellekts hervor, und es entstand der religiöse Liberalismus, der auch die Wissenschaft des Judentums gründete mit ihren unendlich wertvollen Gaben, die dem modernen Juden das große Kleinod seiner Geschichte und seiner Ideen erst wiedergab. Da erschien die Reaktion des Gefühls aus den modernen Rationalismus. Die alte Romantik hatte ihren jüdischen Repräsentanten in Samson Raphael Hirsch gesunden, der die warme Innerlichkeit in den Gedanken und dem Gesetz des Judentums erneuerte. Und am Ende des Jahrhunderts entstand, beeinflußt von dem allgemein erwachten Nationalitätsprinzip, der Zionismus, der wie jeder Nationalismus an das Gefühlsmäßige und Unbewußte des menschlichen Daseins appelliert. Jetzt stehen wir inmitten der irrationalen Zeitströmung auch im jüdischen Liberalismus und gewinnen ein neues inneres Verhältnis zu dem Gefühlsgehalt des Judentums, der sich im Leben der Gedanken und der Formen ausspricht, weil jede Zeit ihren Liberalismus hat und der religiösliberale Entwicklungsgedanke keinen Stillstand verträgt, sondern die im All stattsindende unaufhörliche Veränderung und Bewegung anzuerkennen hat. Nach diesen prinzipiellen und geschichtlichen Betrachtungen sei in charakteristischen Merkmalen der Stimmungsgehalt der jüdisch-religiösen Lebensanschauung in seiner Literatur und seinen Religionsquellen, in seinen Ideen und seiner ethischen Daseinsrichtung sowie in seinem Gottesdienst gezeichnet. Wie die Grundlagen und Säulen eines Systems ist sein Ausbau und seine Spitze. Der Eckpfeiler des Judentums aber ist die Bibel. Es ist das Bezeichnende dieses Buches, daß es kein trockenes Lehrbuch, kein dürrer Katechismus, kein paragraphenmäßig aufgezogenes Gesetz ist. Das volle Leben mit seinen Großtaten, aber auch mit seinen Niederungen ist hier dargestellt, volksmäßig, auf das Herz berechnet, dem Gemüt nachgebend. „Die Thora spricht in der Sprache der Menschen," nicht in philosophischen Kunstausdrücken, nicht abstrakt, sondern auf die sinnende Seele des innerlich unverdorbenen Menschen zugeschnitten. Die Bibel ist ein Buch der Poesie und der Geschichte. Selbst rhre Gedanken und Gebote sind in die Wärme des Gefühls getaucht. Darauf beruht ihre unsagbare Wirkung: ihre Konkretheit und Gemütstiefe haben immer die Menschen zu ihr hingezogen. Nicht das Moralische ist der Zauber, sondern das unendlich feine und echte Lebensgefühl, gepaart mit dem Naturgefühl ifi: ihre Stärke. Das Leben der Patriarchen, Josefs, Mosis, Davids, Ruths; die Gefühlstöne der Psalmen und der Klagelieder, selbst die Weisheit der Sprüche sind mit dem Herzen geschrieben. So zahlreich in der hebräischen Sprache die Worte sind für das, was Wissen, Erkenntnis, Verstand ausdrückcn soll, so wird doch wieder alles zusammengefaßt in dem einen Worte „Herz" (lew), das nicht bloß die Quelle der Empfindungen, sondern auch der Gedanken und der Weisheit ist, um gleichsam zu sagen, daß nur der Gedanke wertvoll ist, der durchs Herz hindurchgegangen ist: das ist der Urlaut der Religion und des Lebens. Daß dann der gedankenschwere Talmud durch die Stimmung der Haggada gleichsam in sich selbst das notwendige Gemütskorrelat geschaffen hat, ist bereits oben dargelegt worden. Der Gefühlsgehalt der jüdischen Literatur des Mittelalters ist ausgesprochen in der großen Masse der synagogalen Poesien, in den Sittenbüchern und Testamenten und in der Philosophie Juda Halevis, des Gefühlsphilosophen, der als der größte Dichter des Judentums nach David auch die jüdischen Gedanken und das jüdische Gesetz unter den Gesichtspunkt des religiösen Erlebnisses stellte. Wesentlich aber ist, daß die Ideen und die Ethik des Judentums nicht nur einen Wahrheitsgehalt von ewiger Dauer, sondern auch einen Gefühlswert von einzigartiger Kraft enthalten. Der größte Gedanke des Judentums, der Monotheismus, ist nicht in einem dogmatischen Glaubenssatz ausgeprägt, sondern in der feierlichen, das Herz berührenden Form: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." Es klingt, wie die Ansprache eines Vaters an seine Kinder: dieses „Höre", diese Anrede „Israel", endlich dieses „unser Gott" hat eine gemütstiefe Eindringlichkeit» die keine abstrakte Formel, kein nüchterner Lehrsatz, wenn er auch die höchste Wahrheit enthielte, Hervorrufen kann. Die Beziehung des Menschen zu Gott, ausgedrückt durch Gedanken von der Gotteskindschaft, entspricht dem ganzen, großen und lebendigen Gefühl der Liebe, das Gott und den Menschen beseelt. Und die Darstellung der messianischen Zeit bei den Propheten ist gleichsam das Ausströmen aller religiösen und moralischen Gefühle über die Erde, mögen wir lesen, nein: sehen das Bild von der einträchtig beisammen weidenden Herde wilder und zahmer Tiere oder von den Menschen, die da „umfchmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern", um Kultur schaffend dem Boden der Erde seine ganze Kraft zu entlocken. Da überall ist die Sprache des Herzens. Daß aber alles Rationale im Judentum einen starken Gefühlseinschlag hat, zeigt sich nirgends deutlicher als m der jüdischen Ethik. Zahllos können die Beweise für diese Ansicht aus Bibel und Talmud gehäuft werden. Sittliche und rechtliche, soziale und politische Gebote tragen hier eine ' Form und eine Begründung, die neben dem Inhalt den stärksten Gefühlston anschlagen und aus denen sich die starke Wirkung auf die Seele des jüdischen Menschen erklärt. Diese Verwurzelung des Ethischen im Gemüt erklärt sich aus der Bezogenheit der ganzen Lebensrichtung auf das Religiöse, auf Gott. Typisch sind folgende Gesetze: „Wenn du das Gewand deines Nächsten pfändest, sollst du es ihm vor Sonnenuntergang zurückgeben; denn es rst (vielleicht) seine einzige Decke, sein Gewand für seinen Leib, worauf soll er liegen. Wenn er zu mir ruft, werde ich ihn erhören, denn ich bin gnädig" (Exodus 22, 25—26). Oder „Den Fremden sollst Du nicht bedrücken; denn ihr kennt die Seele des Fremden, weil ihr Fremdlinge wart im Lande Aegypten" (a. a. O. 2b, 9). Oder „Ihr sollt Witwe und Waise nicht bedrücken; wenn du sie doch bedrückst — wenn sie zu mir schreit, werde ich ihr Schreien erhören" (a. a. O. 22, 21—22). Oder „Fluche nicht einem Tauben, und vor einen Blinden lege keinen Anstoß, fürchte dich vor deinem Gotte, ich bin der Ewige" (Levit. 19, 14). In der Tat: dies sind Sätze, die dem Herzen anvertraut sind und aus denen ein innerer Takt und ein ethisches Feingefühl spricht, die ihren Einfluß nicht bloß auf die Tat, sondern vor allem auf die Empfindung und Gesinnnug ausüben mußten und ausgeübt haben. Daher das ewigwahre Wort vom „jüdischen Herzen", das nicht etwa nur auf dem Gebiete sozialer Fürsorge, sondern bei jeder Lebensbetätigung wirkt, das der Grausamkeit unfähig ist und bei aller Energie in der Meisterung des Schicksals seine Weichheit und Milde nicht verliert. Trefflich hat der jüdische Religionsphilosoph Josef Albo (15. Jahrhundert) diesen Standpunkt in den Ausdruck gefaßt: „Es ist der große Grundsatz bei der Ausübung der Gebote, daß alles nach der Gesinnung des Herzens geht, wie dieWeifen sagen: Gott will das Herz." So ist es nicht zu verwundern, daß die Formen des jüdisch-religiösen Lebens, zu deren höherer Wertung weite Schichten des Liberalismus durch die neue Romantik geführt worden sind, den Stempel der Innigkeit tragen. Schon daß sie sich in bedeutendem Ausmaß auf dem Boden der Familie bewegen, dieser Ursprungsstätte des Gemüts und alles wertvollen Stimmungsgehalts, erhebt sie in die Sphäre, die jenseits des Verstandes liegt. Der Freitagabend, die Sederseier, die Barmizwa, alle Lebensstufen, selbst der Tod und die Bestattung: alles ist religiös-verklärt und gefühlsdurchwrrkt, wie mit dem Zauber und Reiz der Poesie durchglüht, in allem: ssimcha schel mizwa „die Freude, die in der Ausübung des Gebots liegt und aus der Pflicht hervorquellen soll". Endlich noch ein Wort vom jüdischen Gebet. Daß seine Wertlosigkeit anerkannt ist, wenn es als Lippendienst geübt wird, bezeugen Propheten und Schriftgelehrten: „Dieses Volk naht sich mir mit dem Munde, mit den Lippen ehren sie mich, ihr Herz aber ist fern von mir" (Jesaja 29, 13). „Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele" (Talmud). „Besser wenig beten mit Andacht als viel ohne Andacht" (Schulchan aruch). Welches aber die tiefste Meinung des Judentums über das Gebet ist, hören wir, wenn es als der Gottesdienst des Herzens bezeichnet wird. In der Tat: in scm Gebetbuch hat der jüdische Geist das ganze Gefühl ergossen, dessen er auf Grund der Erziehung durch seine Lehre und des ihm von der Vorsehung auferlegten Schicksals fähig war. Denn auch das ist wahr: der jüdische Leidensweg hat das Herz des Juden nicht verhärtet, sondern immer mehr erweicht und vertieft. Dre künstlerisch-religiöse Form für diese besondere seelische Einstellung zu Gott und Welt sind jene innigen jüdischen Melodien, die einen vollendeten Gefühlsgehalt darstellen und das Gemüt in echte religiöse Schwingung versetzen. Daß das Judentum trotz des starken irrationalen Einschlags nicht gefühlsselig und schwärmerisch sich entwickelt und sich von den krankhaften Verirrungen ferngehalten hat, die die Religionen des Altertums und Christentum wie Islam und Buddhismus in einzelnen Richtungen gezeitigt haben, müssen wir einem Streben zuschreiben, das die ganze jüdische Lebensanschauung beherrscht: das ist der Einheitsgedanke. Wie Gott Einer ist, so soll der Mensch in sich einheitlich und das Leben ein Ganzes sein, beherrscht und durchzogen von dem einen Gedanken, daß alles in den Dienst dieses Gottes gestellt werden soll. Der Mensch einheitlich d. h. alle seelischen Funktionen, das Denken, Fühlen und Wollen harmonisiert, kein Seelenteil vernachlässigt, keiner übertrieben, alles zur gottgegebenen Vernunft vereinigt. Deshalb darf auch im Zeitalter der neuen Romantik der reife Nationalismus niemals verschwinden. Es war das jüdische Lebensideal, Verstand und Gefühl in Einklang zu bringen. Für diese Aufgabe auch in unserer Epoche die rechte Lösung zu finden, ist die Pflicht des modernen jüdischen Menschen. Dann wird auch für uns das Judentum die klassische Religion bleiben. * Aus den Gemeinden Bebra. (Lehrer-Tagung.) Die Israelitische Lehrcrkonserenz Hessens hält am 17. Mai (.Himmelfahrt) ihre diesjährige Hauptversammlung hier ab. Das Hauptrefcrat hat Lehrer Wetzlar. Frielendorf, über das Thema: „Grundlegendes über jüdische Jugenderziehung" übernommen. Berlin. (6 0. Geburtstag.) Am 28. April feiert Geheimrat Pros. Dr. Hermann Strauß, Direktor der Inneren Abteilung des Jüdischen Krankenhauses, seinen 60. Geburtstag. Prof. Strauß hat als Assistent Senators und durch seine wissenschaftlichen Arbeiten über Magen- und Darmkrankheiten schon früh die Fachwelt auf sics^ aufmerksam gemacht. Seiner tätigen Mitarbeit ist die Errichtung des neuen Krankenhauses in der Exerzierstraße mit zu verdanken und er ist ständig bemüht, durch Verbesserungen der Einrichtungen im Krankenhaus, dieses zu einem vorbildlichen zu machen. Wir wünschen Herrn Pros. Strauß, der unserer liberalen Bewegung angehört, noch viele Jahre wirksamer Tätigkeit. Berlin. (E r n e n n u n g.) Der Leiter der Abteilung I im Berliner Polizeipräsidium, Rcgierungsrat Abramowitz, ist zum Regierungsdirektor ernannt worden. Regierungsdircktor Abramowitz hat den ganzen Feldzug mitgemacht, kam dann als Assessor zur Regierung und wurde als Regiernngsrat dem Berliner Polizeipräsidium zugeteilt. In sein Dezernat fällt auch die Bearbeitung der Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, insoweit der Polizeipräsident, bezw. die Regierung als Aussichtsinstanzen zu fungieren haben. Berlin. (Dem Andenken D r. Paul Nathans.) Am Mittwoch, den 25. April, dem Geburtstage des am 15. März v. I. dahingeschiedenen Dr. Paul Nathan, hat eine Deputation des Hilfsvereins an seinem Grabe einen Kranz niedergelegt. Es soll zur Erinnerung an Dr. Nathan eine Schule in einer der neu gegründeten Kolonien in Rußland vom Hilfsverein erbaut werden. Um das Andenken des Verewigten, der den Hilfsverein mit begründet und ihm Jahrzehnte lang nahe gestanden hat, zu ehren, ist ein Dr. Paul Nathan-Fonds beim Hilfsverein gebildet worden. Eine Anzahl von Freunden und Verehrern von Dr. Paul Nathan hat diesem Fonds bereits Zuwendungen gemacht. Die Stiftung soll humanitären Ausgaben dienen, die die Arbeit des Hilfsvereins ergänzen. Berlin. (Eröffnung eines jüdischen Oberlyzeu m s.) Mit dem neuen Semester wird in Berlin das von der Berliner Adaß Jisroel-Gemeinde geschaffene erste jüdische Oberlyzeum seine Pforten öffnen. Berli«. (Preisausschreiben.) Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes erläßt durch seinen Unterausschuß für Bevölkerungspolitik ein Preisausschreiben: „Das großstädtische Wohnungsproblem und sein Einfluß auf die jüdische Bevölkerung". Als Preise werden ein erster von 1000,— RM. und ein zweiter von 500,— RM. ausgesetzt. Das Preisrichteramt haben übernommen: Prof. Dr. Erich Seligmann-Berlin, Prof. Dr. Moritz Türk-Berlin, Frau Wronsky-Berlin. Die Arbeiten sollen bis zum 31. März 1929 mit Kennwort und ohne Verfassernamen, jedoch unter Beifügung eines verschlossenen, den Namen enthaltenden und außen mit dem Kennwort versehenen, Umschlags an das Büro des Landesverbandes, Berlin N. 24, Oranienburger Straße 29, eingesandt werden. Nähere Auskunft erteilt ebenfalls das Büro. Berlin. (C l u b k a m p f des R. j. F. gegen Polizei- Leipzig.) Am 19. April weilte auf Einladung der Jiu-Jitsu- Gruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten eine kampfstarke Mannschaft des Polizeisportvereins 21 Leipzig in der Reichshauptstadt, um hier einen Clubkampf auszutragen. Der Abend, an welchem der R. j. F. ein ausverkauftos Haus begrüßen konnte, wurde mit interessanten Vorführungen des Herrn Krotki, Lehrers an der Hochschule für Leibesübungen, eingeleitet. Nachdem darauf Neum a n n (R. j. F.) den Postsportler W e g e n e r nach gut geführtem Kampfe 3 :06 durch Brustschere zum Aufgebcu gezwungen hatte, standen sich im ersten Tressen der deutsche Meister Joachimsthal (R. j. F.) und der sächsische Polizeimeister Schumann (Leipzig) gegenüber. Erst in der dritten Runde gelang es Schumann überraschenderweise den R. j. F.'ler in 14 :15 durch Würgegriff zu besiegen. Ausgeglichen wurde dieses Treffen durch die Begegnung zwischen Friedländer (R. j. F-) und Steincke (Leipzig). Nachdem Friedländer in der 2. Runde zeitweilig bereits im Vorteil gewesen war, konnte er in der 3. Runde nach 14 :35 durch Würgegriff eine Entscheidung zu seinen Gunsten herbeisühren. Nach einer Pause führten Fräulein B l u m e n f e t d und Herr Joachimst h a l in humoristischer Weise vor, wie auch die Dame sich der Jiu-Jitsu-Verteidigungsmethoden bedienen kann. Ein sehr lebhafter Kamps, der mit einem glatten „Unentschieden" enden sollte, wurde zwischen Arzt (R. j. F.) und Meister Peine (Leipzig) ausgesochten, so daß die Punktwertung bisher 3 :3 ergab. Die Entscheidung sollte der letzte Kampf zwischen Wolfs (R. j. F.) und Raschle (Leipzig) bringen, den der jüdische Kämpfer durch physische Ucberlegenheit in 4 :40, einer beispiellos kurzen Zeit, gewann. Das Endergebnis des Clubkampfes ivar demnach 5 :3. Unter den anwesenden Ehrengästen bemerkte man den Polizeivirepräsidenten Dr. Weiß, Vertreter des Kominandos der Schutzpolizei (Sportdezernat) und des Wohlfahrtsamts der Jüdischen Gemeinde Berlin. Berlin. (Ose-Abend.) Der deutsche Landesverband der Ge sellschast für Gesundheitsschutz der Juden „Ose" veranstaltete im Logenhaus Kleiststraße 10 einen Vortragsabend, dem zahlreiche Aerztc und Mitglieder der Berliner Gesellschaft beiwohnten. Dr. Arthur Ezellitzer, der Gründer der Gesellschaft für jüdische Familiensorschung, sprach über das Thema „Jüdische Ehe - jüdische Zukunft", hierauf gab der Arzt Dr. Karl Blum, Mitglied des Vorstandes, Bericht über Geschichte und Wirksamkeit der Gesellschaft „Ose", die sich zur Verbreiterung ihrer Arbeitsbasis im Jahre 1923 als Weltvcrband organisiert hat und sich mit ihrer hygienischen Aufklärungsarbeit und ihren zahlreichen, für die Judeuheit in Osteuropa lebenswichtigen sanitären Einrichtungen und Anstalten nicht nur auf Rußland beschränkt, sondern auch Polen, Litauen, Lettland, Beßarabien, die Bukowina und andere Länder ersaßt und nicht zuletzt die Auswarrdererscharcn in Mitteleuropa, also auch in Deutschland, betreut. In Berlin selbst wird der Kinderfürsorge unter deir weniger bemittelten Schichten der jüdischen Bevölkerung große Aufmerksamkeit zugewandt. Chemnitz. (Aktion für den Verband Russischer I u - d c n.) Wie der „Jta" aus Chemnitz telegraphiert ivird, hat die jüdische Gemeinde von Chemnitz dem dort eingctrosfenen Präsidenten des Verbandes russischer Juden in Deutschland, Staatsrat Dr. Jacob Teile!, einen ehrenden Empfang bereitet, au dem sich besonders die Chemnitzer russisch-jüdischen Kreise beteiligten. Zugunsten des Hilfs Werks des Verbandes russischer Juden, der für viele Tausende verarmte jüdische Emigrantenfamilien, die einstmals bessere Tage erlebt und sich selbst an Wohlsahrtsaktionen hervorragend beteiligt haben, zu sorgen hat, wird in Chemnitz eine Aktion durchgesührt, die bisher von sehr gutem Erfolge begleitet war. In einer hier stattgefundenen Kundgebung dankte Herr Staatsrat Teitel dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Herrn Joseph Kahn, dafür, daß er sich mit viel Energie für das Gelingen der Aktion einsetzt. Elberfeld. (Der völkische Deutsche Akademikertag für den Numerus Clausus.) Der dritte deutsche Akademikertag, der vom 11. bis 15. April in Elberfeld getagt hat, hat einstimmig die Entschließung seines Rasseausschusses angenommen, die u. a. besagt: Es ist notwendig, statistisches Material für den Kampf gegen die geistige Uebersrcmdung zu sammeln. Deshalb werden die Kommilitonen aufgesordert, in ihren Heimatorten eine Statistik über die Vcrjudung der akademischen Lehrkörper und der akademischen freien Berufe baldigst anzufertigen und dem Vorort zu übersenden. Der dritte Deutsche Atademikertag fordert Einführung des Verhältnisrechtes für .Zulassung von Lehrern und Hörern an deutschen Hochschulen entsprechend der Verhältniszahl zwischen deutschen Staatsbürgern arabischer und deutschen Staatsbürgern jüdischer Abstammung. (Numerus Clausus.) Der Deutsche Akademikertag repräsentiert nur die ausgesprochen völkische Gruppe der Akademiker in Deutschland. Aus Kreisen der deutschen Akademiker wurde schon wiederholt dagegen protestiert, daß eine verhältnismäßig kleine rechtsradikal gebundene Gruppe sich einen so anmaßenden und darum irreführenden Titel beilegt. Bad Ems. (Jüdisches Erholungsheim sü r Minderbemittelte.) Das „Sanatorium Emstr Heilquelle", ein Heim mit koscherer Verpflegung für minderbemittelte jüdische Patienten (täglicher Pensionspreis 5 Rm.) wird Mitta Mai wieder eröffnet. Anmeldungen an den Vorsitzenden, San.-Rat Dr. Nehab, Bad Ems. Frankfurt a. M. (S i e g m u n d G e i s e n h e i m e r.) Der Frankfurter Zeitung entnehmen wir folgendes Gedcnkblatt zum 100. Todestag von Siegfried Geisenhcimer aus der Feder von Jacob Ballin s „Wer war dieser Mann, dessen Todestag sich in diesen Tagen zum 100. Male jährt? Siegmunb Geisenhcimer wurde am 12. Dezember 1775 zu Bingan a. Rh. als Sprößling einer Familie, die sich bis in das 17. Jahrhundert Nachweisen läßt, geboren. Sein Vater, Simon Geisenhcimer, gehörre nicht zu den wohlhabenden, aber zu den ehrbaren und gebildeten Mitgliedern der dortigen israelitischen Gemeinde. Weil seine Schulkenntnissc nach der Sitte der damaligen Zeit nur auf das religiöse, hebräische Schrifttum beschränkt waren, eignete sich der strebsame Jüngling seine weitere Ausbildung durch Selbst- und auch durch Privatunterricht an. Am mächtigsten jedoch wirkten die Zeitereignisse (große französische Revolution von 1789 und die ihr nachfolgende- Napoleonische Aera) auf den jungen Geisenhcimer ein. Sein Lerneifer beflügelte sich; er strebte hinaus aus der Enge des kleinen Heimatsorts und trat in ein Handelshaus zu Düsseldorf ein. Seine Wanderjahre brachten ihn nach Frankfurt a. M., wo er bis zu seinem Lebensende als ein hervorragender Bürger ansässig blieb. Erst 19 Jahre alt, fand er eine Stellung als Buchhalter in der damaligen hiesigen. Warenhandlung M. A. Rothschild, aus der das Warenhaus M. A. v. Rothschild u. Söhne hervorging. Er gewann bald das Vertrauen seines Prinzipals. Inzwischen hatte Meyer Amschel Rothschild, wie hinlänglich bekannt, gegen Ende d. I. 1803 einen elternlosen, arme» aber begabten Knaben namens Moses Samuel Weintraub aus Brody in Galizien bei sich ausgenommen und beabsichtigte, ihm eine zeitgemäße, möglichst umfassende Bildung beibringen zu lassen. Er konnte hierzu als Lehrmeister keinen geeigneteren als seinen bewährten Buchhalter Geisenheimer finden, urü> vertraute ihm den Jüngling an. Der neue Amateur-Lehrer faßte nun den Gedanken, die Wohltat zu verallgemeinern und hier eine Schule für arme jüdische Kinder zu gründen^ Am 1. Januar 1804 traten in der Judengasse vier dem Handelsstands angehörende junge Männer: Siegmund GeisenheimerLsaak Michael Reis, Isaak Hirsch Stiebe! und Daniel Hirsch Knlp zusammen und

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