Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchMkvck3Ä«g Organ der Vereinigung Kr das liberale Judentum e. V. tot* Mt fttWf'MIte« »MM* M. 2L0 «Lg. Bel freier Zufentong l Inland (US M Mo Mtzvrd« der Vereinigung ist der Bezugspreis i« Mkglled-bettrage enthalten. DeeaulWertl. Redaktenrr Vrnns Wogdn. Dls «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wtthelmslr. 147 Fernruf: Bergmann 3353, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestaltet. Anzeigenpreis er Die 12 gespaltene Nouparalllezeite 0.45 Goldmart, die Reklamezeile 3.00 Goldmark. bet Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung- Inseratenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmskrahe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie säwtl. Anuouceu-ExpedMon. Nr. 17 Berlin. 27. April 1928 8. Jahrgang Der Gefühlsgehalt des Judentums Von Rabbiner Dr. Arthur Löwen stamm - Spandau. Mvtto: „Tas Herz hat feine 6h-ünbe, die der Verstand nicht kennt." (Pascal.) Jede Zeit und jede Weltanschauung hat ihre geistige Struktur. Ein einheitliches Fluidum durchströmt ihr Erleben. In jeder Betätigung zeigt sie ihr Antlitz. Darum bekommt jede Epoche ihr Etikett. So war das 18. Jahrhundert die Zeit der Vernunft, die über die Bestimmung des Menschen sann und der Gott, Freiheit und Unsterblichkeit unverrückbare Säulen des Lebens waren. Das J9. Jahrhundert stand unter der Herrschast des Verstandes, der die Wissenschaft hervorgebracht hat, den Willen zwingt und Tatmenschen entwickeln will und der in der Technik die Breite des Daseins immer weiter ausdehnt. Unser Jahrhundert hat das Gefühl iu seine rechtmäßige Stelle eingesetzt. Man hat eingesehen, daß das Leben in seinen Quellen erst jenseits des Intellekts beginnt, weil wir von Mächten geführt werden, die wir oft nicht begreifen, die wir aber anerkennen und ehren müssen. Das Ich hat unergründliche Tiefen, die die Erforschung der großen Natur nicht enthüllt. Man hat diese Signatur unserer Zeit mit Irrationalität bezeichnet. Der Ausdruck ist nicht glücklich. Der Gegensatz soll der Rationalismus sein. Aber wenn je ein Wort die Menschen verführt hat, die Welt schief zu sehen, so ist es dieser Begriff. Rationalismus ist doppelsinnig: es bedeutet einmal die Verstandesrichtung und dann die Geltung der Vernunft. Verstand heißt logisches Denken nach Begriffen, Urteilen, Schlüssen und Beweisen; Vernunft ist die Macht der Ideen des Guten, Wahren, Schönen und Heiligen, die, unbeweisbar und doch ewig gültig, durch sich selbst einleuchtend find. In diesem Sinne werden wir immer Rationalisten bleiben müssen, so wahr wir uns von diesen Ideen leiten lassen, weil sie der Sinn und Wert des Lebens sind. Verstand ist Peripherie und Oberfläche, Vernunft ist Zentrum und Tiefe. Weil die große Masse nicht fähig ist, zu den Quellen des Daseins hinabzusteigen und die Wirklichkeit in dem erblickt, was vor Augen ist, weil Wissenschaft nur in ihren Ergebnissen, nicht in ihrem Forschungsprinzip ihr verständlich ist und die Technik als Anwendung der Wissenschaft ihren Gesichtskreis trifft und beherrscht, darum kennt sie nur den Rationalismus des Verstandes. Vernunft ist aber der Grund aller Erkenntnis, weil sie den Glauben an die Wahrheit bedeutet. Für den Intellekt ist der Mensch eigentlich Maschine, für die Vernunft eine Individualität mit subjektiver, gefühlsmäßiger Tiefe. Maschinen sind in unübersehbarer Zahl gleichartig herzustellen, Individualität ist immer etwas Besonderes, Einmaliges, weil die Mischung aus Temperament, Naturell, Charakter, aus Denken, Fühlen und Wollen immer anders ist. Darum ist die Grundstimmung bei jedem Menschen verschieden. Die Tiefe des Ich, die Innerlichkeit ist das Entscheidende, das die Tat des Lebens zärbt. „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Wetten, die Vergangenheit und Zukunft" (Novalis). ^0 wird heute der Gefühlsgehalt, die Unmittelbarkeit, das Ursprüngliche überall gesucht und erforscht: in der Kunst, irr der Religion, sogar in der Wissenschaft, die zum Unbewußten eine positive Stellung gewonnen hat. Der Hinweis aus die Psychoanalyse mag hier genügen. Eine neue Romantik leuchtet aus. grundverschieden von der alten, aber auch eine Reaktion des Gemütes gegen den Verstand. So folgen immer die Perioden der Gefühlsbetonung auf solche des Intellekts. Aber unsere Romantik flüchtet nicht mchr in das falsch verstandene Mittelalter und vollzieht keine Abkehr von der Welt, werl sie die Wissenschaft und Technik als unendliche Werte des Menschentums freudig anerkennt, sondern sie will die Leele in ihren Grundtiefen erforschen und das Leben verinnerlichen, aus seiner Nüchternheit herausführen und verlebendigen, wett der Verstcnid alles gleichsam aus zweiter Hand besitzt. So ist unsere Zeit gekennzeichnet durch eine Romantik des wissenschaftlich-technisch-wirtschaftlichen Geistes. Die Religion hat die Zeichen der Zeit verstanden. Sie ist ja diejenige Lebensmacht, die immer das Gefühl bevorzugt hat, wenn auch eirft Schleiermacher die theoretische Begründung für den Gefühlsgehalt des Glaubens entdeckt hm. Auch Religion ist im tiefsten Wesen mißverstanden worden, wenn man sie in ihren Grundproblemen nach Art eines mathematischen Lehrsatzes beweisen zu können glaubte oder sre mit Ethik identifizierte. Die Zeit ist vorüber, da man das Dasein Gottes, die Freiheit des menschlichen Willens und die Unsterblichkeit mit logischen Schlüssen zu Wahrheiten gestalten wollte. Diese Ideen, die das Leben tragen, sind von höchstem Wert, obwohl oder gerade weil sie dem Verstände in ihrer Tiefe und Ursprünglichkeit wenig zugänglich sind. Allein die Vernunft bejaht diese höchsten Gedanken, oder, was dasselbe ist, sie müssen erlebt werden und werden auch erlebt, wenn uns auch das innere Erlebnis rm äußeren, nie rastenden Getriebe des modernen Lebens selten zum Bewußtsein kommt oder wir ihm die Zugänge äJJr Seele mit Gewaltsamkeit versperren. Auch dre Zeit rst vorüber, wo man die Rettung der Religion versuchte, indem man ihren wertvollsten Charakter in der Moral fest- Der Stein von Sichem gefunden? Professor Jirku, Breslau, berichtet über die Funde, die bei den von Professor Sellin (Berlin) geleiteten Ausgrabungen zu Sichem in Palästina gemacht wurden. Bekanntlich hat Professor Sellin den alten Königspalast und deil Tempel des Bundesgotles — beides Lokalitäten, die uns schon aus dem 9. Kapitel des Richter-Buches bekannt waren — sowie mehrere Urkunden in Keilschrift gefunden. Seit Anfang März weilt Professor Sellin wieder in Sichem, und in wenigen Wochen sind ihm neue, überaus wertvolle Funde geglückt. Neben der Freilegung des doppelten Besestigungsgürtels der alten Stadt wurden zwei Feststellungen gemacht, die für die alttestamentliche Religionsgeschichte von hoher Bedeutung sind und sicher itod) viel diskutiert werden dürften. Erstmals fand Sellin, was bisher ganz übersehen worden war, daß der Eingang zu dem Tempel des Bundesgotles von zwei großen Steinfäulen flankiert war, welchen Brauch wir bisher nicht nur von phönizifchen Heiligtümern, sondern auch vont salomonischen Tempel zu Jerusaleur kannten (1. Kö nigsbuch 7,2l). Diese Steinsamen, die nach oben hin vielleicht in Verzierungen endigten, sollten wohl die Stelle von Schutzgottheiten einnehmen, die den Eingang zuin Tempel bewachen. Dann aber fand Sellin, daß eine schon früher entdeckte große Steinplatte, deren Zweck man noch nicht erkannt hatte, zweifellos ihren Standort unmittelbar östlich vom Altar hatte und hier als kultische Stcinfäule (auch das alte Testament kennt solche) Verwendung fand. Der Tempel, in dem dieses Steinheiligtum' stand, wurde zwar, ivie wir aus der Bibel wissen, im 12. Jahrhundert vor Christi durch Abimelek zerstört. Da aber, schreibt Professor Jirku, durch die jetzt gefundene Keramik bezeugt ist, daß dieses Heiligtum auch noch in den folgenden Jahrhunderten weiter bestand, so kann kein Zweifel obwalten, daß dieses Slciuheiligtum den berühmten Stein von Sichem darstellt, der in den Erzählungen von Jatob und Josua eine so große Rolle spielt (1. Mos. 33,20. Buch Josua 21,26). Es ist mithin bei den Ausgrabungen von Sichem geglückt, das berühmteste altifraclitifche Kultobjekt wiederzufinden. - Ein ausführlicherer Bericht Sellins, dem in Fachkreisen mit Spannung entgegengefehen wird, folgt dein nächst. Inoffizielles Eingreifen Amerikas Gegen die Zudenpoliiik Rumäniens In der vorigen Woche hatten wir eine Meldung wiedergegeben, nach der Staatssekretär Kellogg eine Intervention zu Gunsten der Juden Rumäniens ablehnte, weil Amerika sich nicht in die „inneren Angelegenheiten" anderer Staaten einmischen könne. Die Verstimmung über diese merkwürdige Stellungnahme wurde zu mildern versucht durch eine offiziöse Erklärung an die Jüdisch-Telegraphen-Agentur, wir gleichfalls in der vorigen Woche Wiedergaben. Mit dieser befaßt sich ein Leitartikel der „New Bork Times". Er kommt zu dem Schlüsse, daß Amerikas moralische Pflicht zu einem Einschreiten angesichts der jetzigen Situation in Rumänien größer sei, als zur Zeit der russischen Judenverfolgungen im Jahre 1911, da Amerika den Handelsvertrag mit Rußland annulliert hatte. Denn Amerika ist an der heutigen Gestaltung Rumäniens direkt beteiligt gewesen, indem es den Alliierten geholfen hat, den Sieg an ihre Fahnen zu heften und so das Territorium Rumäniens zu vergrößern und seine Unabhängigkeit zu sichern. Inzwischen hat sich Herr Kellogg veranlaßt gesehen, zu der Frage des Schutzes der Juden Rumäniens nochmals offiziell Stellung zu nehmen. Er ergänzt seine frühere offizielle Erklärung, wonach für die Regierung der Vereinigten Staaten keinerlei Möglichkeit bestehe, der rumänischen Regierung vorzuschreiben, wie sie ihre eigenen Bürger zu behandeln habe, durch die folgenden Feststellungen: Die Regierung der Vereinigten Staaten ist durch die Tatsache der Verfolgung der Inden und der anderen Minderheiten in Rumänien und in anderen Ländern tief betroffen, aber eine offizielle Intervention in rein internen Angelegenheiten anderer Länder verbietet sich schon durch internationale Vorschriften, die die Formen des Verkehrs zwischen den einzelnen Staaten regeln. Die früheren Erklärungen des Staatssekretärs Kellogg, heißt es in der offiziellen Mitteilung weiter, wonach die Negierung der Vereinigten Staaten nicht intervenieren könne, bezog sich nur aus die Förmlichkeiteu iu Verbindung mit der rumänischen Anleihe und die vom Kongreßmitglied Celler betreffs dieser Anleihe eingebrachte Resolution, bedeutet aber nicht das Einschlagen eines neuen politischen Weges oder ein Abweichen der traditionellen amerikanischen Politik der Sympathie für die unterdrückten Juden in fremden Ländern. In Uebereinstimmung mit der erwähnten traditionellen Politik verbleibt Staatssekretär Kellogg in engster Berührung mit der Frage der rumänischen Juden und hat die dem Staatsdepartement seitens amerikanischer jüdischer Körperschaften über Rumänien gemachten Vorstellungen in ernsteste Erwägung gezogen; auch hat die Regierung innerhalb der Grenzen der diplomatischen Gepflogenheit alles, was in ihrer Macht liegt, getan, um eine Besserung der Lage durchzusetzen. stellte. Daß die Sittlichkeit ein integrierendes Element wahrer Religiosität ist, wird niemand bezweifeln. Aber Ethik in der Religion ist Weg und Ziel, nicht Grund und Wurzel. Sittliches Leben mag auch außerhalb der religiösen Sphäre möglich sein, aber hier kommt es nicht bloß auf den Inhalt, sondern vor allem auf die Form an. Echte religiöse Moral hat ein Plus gegenüber der religionslosen, wie »veiterhin gezeigt werden soll. So ist Religion etwas Selbständiges in ihrer gefühlsmäßigen Bezogenheit auf Gott, den Urgrund alles Seins und aller Vernunft. Darum ist es eine anerkannte Großtat Rudolf Ottos, daß er in seiner vielgelesenen Schrift „Das Heilige" das Wesen der religiösen' Gefühle ergründet und uns Menschen dieser harten Zeit das religiöse Erleben, den Gefühlsgehalt des Glaubens, nahegebracht hat. Wie steht es im Judentum um Gefühl und Stimmung, um Innerlichkeit und Seele, um Sehnsucht und Intuition, um Gemüt und Andacht? Seine Bekenner sind stolz darauf, daß es vielleicht die rationalste religiöse Weltanschauung ist: durchsichtig, hell, eindeutig, vom Intellekt beherrscht und ihn beherrschend.- Daher die schöne Verstandesklarheit derer, die sich seit unzähligen Generationen von chm führen lassen. Aber bei den Arweren steht es in dem Verruf, daß es allzu rationalistisch, allzu klar sei und den Tiefen des Lebens gegenüber negativ oder mißverstehend sich verhalte. Und weil der Verstand vorherrsche, wirke es zersetzend und auflösend, nicht aufbauend und erhöhend. Es sei eine reine Gesetzesreligion, die auf formalem Gehorsam gegen die göttliche Autorität ruhe und die Gesinnung und die Gefühlsmomente ausscheide, während das Christentum als Erlöfungsreligion den Glauben und die tiefe Innerlichkeit betone. Aber schon ein Blick auf die Geschichte des Judentums zeigt deutlich, daß, wie in jedem Menschenleben, auch im jüdischen Geistesleben um die Herrschaft des Gefühls oder des Verstandes gerungen wurde. Im alten Israel stand der gewohnheitsmäßigen religiösen Uebung, die zur Werkheiligkeit und heuchlerischen Scheinheiligkeit führte, der Prophetismus gegenüber, der auf Verinnerlichung drang, weil er auf den irrationalen Tiefen des Erlebens beruhte. Was der Prophet lehrte, war ein Ausströmen der sittlichen Vernunft und durch sich selbst klar. Aber worauf seine prophetische Sendung begründet war, feine Gottesschau und Divination, feine geheimen Offenbarungen und seine Beziehung zu Gott, kurz: was ihn zum Propheten machte, die Stunde der Berufung, die, wie Maimonides es auffaßt, ein innerer, iu den Tiefen des Ich sich gestaltender Vorgang der Begeisterung war, dies ist immer dem Verstände unzugänglich und nur dem intuitiven Gefühl gleichnisweise spürbar. Als dann nach dem Aushören der prophetischen religiösen Ursprünglichkeit die Schriftgelehrten Recht, Ethik und Religion in ein System von Begriffen brachten und die Halacha, d. h. den Weg, die Norm für das tätige Leben schufen, erstand daneben das Weiche und Milde, das Freundlich-Sinnende und Gemütsttefe der Haggada, d. h. der Erzählung vom Leben und von Gott, der zu den Menschen von seiner thronenden Erhabenheit als Gesetzgeber herniederstieg und ihnen als der liebende Vater erschien. Zur Haggada fühlte sich das Volksgemüt hingezogen, sie war die Wärme und die Innigkeit des Judentums, die sich hier allen verständlich aussprach, frei von der Kälte des Verstandes und der Verknöcherung des Kopfes. Im Mittelalter war dann, angeregt durch die Araber, die Philosophie des Judentums fruchtbar gemacht, die durch den Geist des Maimonides auf die Höhe getrieben ward, als er die Vernunfterkenntnis mit scharfer Dialektik zur Seele der jüdischen Lebensanschauung erhob. Als Gegenwirkung schuf sich der jüdische Geist die Phantasiewell der Kabbala, die die Gefühlsspekulation des Judentums genannt werden kann. Sie führte die Seele in jene phantastischen Höhen und Tiefen, wo alles erahnt, mit dem Schleier des Geheimnisses umwoben