Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 16 (20.4.1928)
- Date
- 1928-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ZurZelchstagswahl im ganzen Reich der Kampf judenfeindlichen Charakter Haber In diesen Tagen wird im ganzen Reich der _T. um die Parlamentsmandate einsetzen. Es bedarf keiner Schilderung der dabei üblichen Methoden; sie werden sich von denen der früheren Wahlkämpfe in nichts unterscheiden. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die sogenannte Judenfrage eine erhebliche Rolle in den kommenden Auseinandersetzungen spielen wird; daß also die nach unserer Meinung schädliche und daher höchst überflüssige Untersuchung angestellt werden wird, ob wir deutschen Juden ein Bestandteil des Volksorganismus oder ein Fremdkörper in ihm seien. Obwohl dieser Sachverhalt an sich mit der allen politischen Erörterungen seit der Revolution zugrundeliegenden Kernfrage Republik oder Monarchie dem Wesen nach nicht zusammenhängt, haben sich die treibenden Kräfte doch in der Form gruppiert, daß die Bejaher der neuen Staatsform die „Wirtsvolk"-Theorie verneinen und umgekehrt die andern sie durchweg bejahen. Die Gründe für diese enge Verknüpfung zweier auseinanderliegcnder Gedankenkomplexe brauchen an dieser Stelle nicht untersucht zu werden. Es sind keineswegs theoretische Erwägungen, die zu ihrer Verquickung führten, sondern höchst reale Absichten, die die Gleichberechtigung oder die Entrechtung des jüdischen Volksteiles betreffen. Diese Feststellung reicht hin, um die Bedeutung zu erkennen, die dem Wahlkampfe im Hinblick auf die Gestaltung unseres zukünftigen Schicksales eignet, damit aber zugleich auch die Gefahren, die uns drohen, wenn wir den Pflichtbereich verkennen, in den uns die nächsten Wochen mit besonderer Stärke einbeziehen. Dieser umfaßt nicht nur das Gebot, unermüdlich nach innen und nach außen hin Aufklärung zu tragen, sondern auch die Mahnung zur Stimmabgabe. Es wäre töricht, unter Hinweis auf die geringe Anzahl der jüdischen Wähler von einer Bedeutungslosigkeit der jüdischen Stimmen zu reden. Man braucht nur daran zu denken, daß die an Zahl kleinste politische Gruppe häufig als „Zünglein an der Wage" den Ausschlag gibt, um eine derartig kurzsichtige Auffassung ad absurdum zu führen. Die Häupter der politischen Parteien wissen sehr wohl den Wert auch der jüdischen Stimmen einzujchätzen. Wir haben cs mehrfach erlebt und werden es auch jetzt wieder beobachten können, wie die jüdische Wählerschaft von Kreisen lockend umworben wird, von denen man sonst zu Zeiten keine übermäßig starke Sympathie zu erfahren gewohnt ist. Die deutsche Judenheit verteilt sich, allgemeinpolitisch gesehen, auf alle Richtungen im Reiche, die nicht ausgesprochen judenfeindlichen Charakter haben. Einem rein religiös eingestellten Organ, wie unser Blatt es ist, verbietet es sich daher von selbst, eine bestimmte Gruppe zur Wahl empfehlen zu wollen. Mag jeder Jude seiner politischen Grundrichtung entsprechend den Stimmzettel abgeben. Eins aber dürfen und müssen wir aus Gründen des Selbsterhaltungstriebes unbedingt fordern: wie auch die Entscheidung des Einzelnen beschaffen sein mag, es kann kein Paktieren mit einer Partei geben, die in Hinblick auf die Judenfrage keine klare Haltung erkennen läßt; ein derartiger Pakt wäre wahnwitziger Selbstmord. Die nächsten Wochen werden auch in unserer Vaterstadt die Gemüter leidenschaftlich erregen und auch die Kölner Judenheit zur Stellungnahme rufen. Wer in den letzten Jahren die Haltung der Parteien aufmerksam verfolgt hat, der wird wissen, wo unsere Freunde sitzen. Nicht die Lockrufe sind für uns ausschlaggebend, mit denen Zeitungen und Flugblätter ad hoc gefüllt werden, und die uns aus Volksversammlungen heraus entgegenschallen, sondern einzig und allein die Taten während der jüngsten Vergangenheit. Es gibt auch unter uns Juden Leute, die glauben, aus einem vagen Gefühl des Unbehagens und aus unbestimmten ästhetischen Erwägungen heraus dem Wahlkampf und der Wahl mit all ihren Häßlichkeiten fernblciben zu müssen. So wahr es ist, daß kein Abschnitt im Ablauf des bürgerlichen Lebens so reich an üblen Erscheinungen und wüsten Ausbrüchen niedrigster Masseninstinkte ist wie gerade die Wochen vor der Wahl, so verhängnisvoll ist es, wenn die Konsequenz gezogen wird, daß man sich fernhalten und mit dem Lateiner denken müsse „beatus ille, qni procul negotiis" (wohl dem, der fern von Geschäften). Das heißt eine schlimme Vogel Strauß-Politik treiben und sich des Einflusses freiwillig begeben, den auszuüben jeder einzelne die Macht hat. Wir müssen in den kommenden Wochen mit stärkster Anteilnahme und gespanntester Aufmerksamkeit dem Verlauf der Dinge folgen; wir müssen, jeder an seiner Stelle und nach Maßgabe feiner Fähigkeiten eingreifen in die Gestaltung der Zukunft. Mit den Waffen des Geistes wollen wir kämpfen, uns aber freihalten von den Gepflogenheiten gewisser Elemente, die da meinen, mit Anwendung roher Brachialgewalt ihr Ziel erreichen zu können. Unserer Pflicht wollen wir uns als jüdische Deutsche bewußt sein, damit nicht das Gefühl schwerer Schuld auf uns laste, wenn die Wahlen vorüber sind. Dr. Siegfried Braun. Truges, begreifen lerne. Die Balzac, Zola, Tolstoi, Dostojewski — um nur die Größten der Großen zu nennen — haben in diesem Sinne gewirkt. „Am farbigen Abglanz erkennt chr das Leben!".... Setzen viele Dichter von heute ihre besondere Ehre darein, den modernen Menschen und — darüber hinaus den modernen Staat mit allen Mitteln ihrer Phantasie und Gestaltungskraft vor uns hinzustellen und, ohne etwa irgendeine „sittliche Forderung" zu erheben, vorhandene Schäden erbarmungslos aufzudecken, einer fortschrittlichen Entwicklung oder dem, was sie dafür halten, hingegen lewenschaftlich das Wort zu reden, so gibt es wiederum deren andere, die sich, ntte wir schon erwähnten, mit Vorliebe der Darstellung besonders überragender Menschen und chrer Wegspuren zuwenden. Die Darstellung solcher Persönlichkeiten fußt zumeist auf einwandfreiem dokumentarischem Material, das sich in jedem Buchstaben nachprüsen läßt. Auf diesem Gebiet gebührt besondere Bewunderung einem französischen W e r k „L a v i e de D i s r a e l i" von Andrre Maurois (Gallimand-Paris), das demnächst auch ins Deutsche übertragen werden soll. Schon das Wahr- und Wahlwort des großen englischen Staatsmannes, das dem Buche vorangesctzt ist, darf als symbolisch für diese Arbeit gelten: „D a s Leben ist zu kurz, um klein sein zu dürfen." Wir nehmen ein besonderes Interesse an dem Leben dieses einstigen Stammesgenossen, dessen Existenz niemals klein oder kleinlich war, sondern dessen Leben vielmehr bunt, benteuerlich, verwegen und groß in jedem Sinne sich ewegte; dieses Mannes, der die höchsten Würden des britischen Imperiums aus seinen Schultern trug, während in seinem Herzen die Zauberharfe des Ostens ihre Märchenweisen sang und klang. Nicht umsonst ward diesem rätselhaften Manne von einer vergeblich um Verständnis ringenden Umwelt der Spitzname „Die orientalische Sphinx" verliehen, denn eben dieser Mann, der Dichtung und Krieg im Busen trug, und dessen Seele wohl nicht umsonst Jahrtausende zurückgewandert war über jene östlichen Meere und Wüsten, durch die einst seine Vorfahren geschweift waren. Auch er war nicht heimisch auf der britischen Insel, die er beherrschte, sondern in jenen fernen Urtriften des Lebens, denen er noch nach Jahrtausenden Weisheit und Sangeskunst dankte. Und wiederum will es uns als das Verdienst eines dichterisch begnadeten Schriftstellers — eben des Franzosen Andre Maurois erscheinen, daß er, trotz der umfänglichen Literatur, die über Benjamin Disraeli, Lord of Beaconsfield, bereits besteht, und die in den Archiven der Beaconssield- Berwaltung sorgfältig aufbewahrt wird, zum ersten Male eine wirkliche Synthese dieses widerspruchsvollsten aller säkularen Genies gefunden hat. Das Leben Disraelis, durch das Temperament eines Maurois gesehen, liest sich, obwohl der dichterische Biograph sich streng an die historischen Quellen hält, wie der spannendste Roman. Allerdings hat Maurois es nicht verschmäht, bis auf die Uranfänge dieser erstaunlichsten aller dichterischen und staatsmännischen Laufbahnen zurückzugehen. Im Jahre 1290 vertrieb der dazumal herrschende König Eduard I. alle Juden von der britischen Insel, auf der sie bisher toleriert worden waren. Es war die Zeit der Kreuzzüge, und allenthalben erhoben sich die Mönche, um gegen die vermeintlichen Ungläubigen zu hetzen. Ungefähr sechzehntausend Juden verließen dazumal England. Jene, die dem Meer und der Grausamkeit der Marinebesatzungen entgingen, fanden in Frankreich ein Asyl. Aber auch nur für kurze Zeit. Im Jahre 1306 entschloß sich Philipp der Schöne, aus dringendem Geldmangel die Güter der Juden einzichen zu lassen und sie selbst nach Spanien zu vertreiben. Dort verbrachten sie zwei Menschenalter des Friedens, bis auch daselbst die Scheiterhaufen aufflamrnten und das unglückliche Volk sich entschließen mußte, weiterzuwandern. Aber die Verfolgungen trugen ihr Maß in sich. Sobald Spanien sich den Juden verschloß, eröffneten sich chnen die Republiken von Venedig und Amsterdam, und auch Frankreich schien sie wieder gastlich aufnehmen zu wollen. In England selbst hatte die Reformation, dank gründlichem Studium der Bibel, eine gewisse sympathische Neugier zu Gunsten der Juden erwachsen lassen. Die Puritaner nahmen jüdische Vornamen an und suchten nach den verlorenen Schriften. Im Jahre 1649 wurde die Rückkunft des Volkes Israel durch Lord Fairfax offiziell kundgetan. Cromwell zeigte sich ihnen gnädig und Karl II. Unterzeichnete das Einlaßedikt. So kehrte Ende des 17. Jahrhunderts eine stattliche Gemeinde portugiesischer und spanischer Juden nach London zurück. Viele dieser Familien — beispielsweise die Villa Real, die Medina, die Lara — waren zur Zeit der maurischen Herrschaft nobilitiert worden; sie verachteten die polnischen und litauischen Juden, die durch die Erhebung der Kosaken nach Westen vertrieben wurden und verwehrten ihnen die Teilnahme an ihrem eigenen Gottesdienst. Im Jahre 1748 gewahrte die jüdische Gemeinde von London die Ankunft eines jungen Italieners, Benjamin Israeli oder Disraeli, der, aus Cento oder Ferrara stammend, vergebens versucht hatte, in Venedig sein Glück zu machen, und nunmehr einem günstigeren Lande zustrebte. Seine Anfänge waren auch in England nicht eben vorteilhaft. Er spekulierte, verlor und schien ruiniert, aber, als er in zweiter Ehe eine Frau heiratete, die ihm nicht nur das Blut der Villa Real, sondern auch eine stattliche Mitgift zuführte, ward er zur Börse zugelassen und wurde alsbald ein sehr reicher Mann. Er war ein duldsamer und heiterer Mann, der in einem Vorort von London sich einen italienischen Landsitz errichtete, seine Gäste in großem Stile bewirtete und nach der Mahlzeit zur Mandoline griff, um seine Serenaden zu singen. Außerhalb der Geschäfte sah Mister Disraeli niemalsandereJuden. Es war das nicht etwa Berechnung von ihm, denn er war einfach, gütig und fürchtete, irgend jemand zu verletzen. Aber seine Frau, in Spanien zwangsläufig Christin geworden, durch ihre Schönheit und ihr Vermögen in London zu einer überragenden gesellschaftlichen Stellung gelangt, haßte es, an chre jüdische Geburt erinnert zu werden oder gar an die Tatsache, daß sie durch chre Heirat zu einem nahezu symbolischen Namen verurteilt war. Um ihr zu gefallen, besuchte Disraeli niemals den Tempel; aber er blieb Mitglied der Glaubensgemeinschaft und brachte insgeheim dem Gotte Israels stattliche Geldopfer dar. Benjamin und Sarah Disraeli hatten einen einzigen Sohn Isaak, der sie frühzeitig in Erstaunen setzte. Der Vater suchte die Mißhelligkeiten zwischen Mutter und Sohn dadurch zu schlichten, daß er das Kind reich beschenkte. Für sein Auffassungsvermögen war ein Kind immer nur dann unglücklich, wenn ihm Geschenke verweigert wurden. Mit 13 Jahren veröffentlichte der Jüngling ein Gedicht, das trotz allem Wohlwollen und Optimismus den Vater Disraeli erschreckte, denn sein Gegenstand hieß „Gegen den Handel, der die Menschen korrumpiert". Der junge Disraeli wurde mit Erziehern nach Frankreich und Holland geschickt, von wo er als Freidenker und Schüler der französischen Encyklopädisten, Rousseau und Voltaire, zurückkehrte. Auch dieser pädagogische Versuch war mithin kläglich gescheitert und Isaak Disraeli lebte fortab völlig nach seinem Geschmack, d. h. zwischen Büchern oder innerhalb des dazumal völlig verödeten Britischen Museums. Er war zwar Mitglied der Londoner Sephardim-Gemeinde, brach aver alle Beziehuugeu zu ihr ab, als sie ihn zwingen wollte, eine Stelle im Gemeindevorstand einzunehmen, und widerstand nun auch nicht länger dem Drängen eines seiner christlichen Freunde, des selbst in Deutschland bekannten Historikers Turner, seinen Sohn in die Anglikanische Kirche aufnehmen zu lassen. Den jungen Benjamin Disraeli, sowie seine jüngere Schwester Sarah, mit der er sich innig verbunden fühlte, kostete der Glaubenswechsel kein großes Opfer, da er im väterlichen Hause nur religiöse Gleichgültigkeit und seitens der verhaßten Großmutter, der geborenen Villa Real, Feindseligkett gegen alles Judentum erfahren, überdies aber auch in den ersten Schulen, in die man ihn ausgenommen hatte, zum ersten Male den Begriff „Jude" als Schimpfwort und die in hoher Blüte stehende Rassentheorie kennen gelernt hatte. Ein schönes verwöhntes Kind aus reichem Hause, das von unterlegenen Gefährten um seines Judentumes verspottet worden, gelangte naturgemäß zu dem instinktiven Hochmut feines höher organisierten Geistes, der sich in dem einfachen Wort sublimierte: „Ich kann warten!" Benjamin, körperlich zarter gegliedert als seine Mitschüler, ward eines Tages iu der Schule von rustikalen Gefährten brutal überfallen. Zu aller Erstaunen blieb der schwächliche Knabe Sieger. Vielleicht hätten Schüler und Lehrer sich weniger gewundert, wenn sie gewußt hätten, daß der Sieger seit drei Jahren heimlich Unterrichtsstunden in der chm heterogenen Kunst des Boxens genommen hatte. In einem freigeistigen Hause ausgewachsen, mußte der Gedanke des Martyriums für irgend eine religiöse Ueberzeugung, der gerade starken Charakteren wie Disraeli Trost und Kraft gewährt, aber wohl auch Trotz und zu großes Selbstbewußtsein züchtet, ihm fernliegen. Aber auch die gewöhnlichen Empfindungen des Konvertiten, der durch Haß gegen seinen früheren Kultnrverband die Reue in der eigenen Brust zu überwinden strebt, konnte bei chm, der zur Zeit seines Glaubenswechsels im 13. Lebensjahre stand, nicht Platz greifen. So wurde Disraeli, da er seine Abstammung keineswegs für schlechter als die seiner christlichen Kameraden halten konnte, schon früh zum Nachdenken über sogenannte „Rasseverschiedenheiten" und chre Folgen im Gemeinschaftsleben geführt. Und da der Dichter in ihm frühzeitig erwachte, hat er diese ihn offenbar Jahre hindurch beschäftigenden Gedanken auch für und für poetisch verwertet. Mit welcher Gewalt die schmachvollen Jugenderinnerungen sich chm bei seinem literarischen Schaffen aufdrängten, zeigen viele Stellen des 182 5 entstandenen Romans „Vivian Grey", der chm vielen Ruhm eintrug. Auch in dem 1832 veröffentlichten Roman „Contarini Fleming" spielen die Erinnerungen an die selbst erduldeten Anfeindungen, sowie das Gefühl der Fremdheit des im Norden nicht eingewurzelten und viel angefeindeten Südländers eine Hauptrolle. Noch viel wichtiger als diese Dichtungen, die nur für die erzwungene Entwicklung des modernen Rassegedankens bei Disraeli selbst Bedeutung haben, sind für die weitere Geschichte dieser Theorie die Romane „Coningsby" und „Tankred", die er veröffentlichte, nachdem er schon als Mitglied der Torypartei in das Parlament eingetreten und gemeinsam mit Lord Derby für die Zulassung der Juden zu allen öffentlichen Aemtern und staatlichen Würden sich eingesetzt hatte. Sich selbst identtfiziert Disraeli mit der von ihm erfundenen Gestalt des orientalischen Juden „Sidonia", dem er die kühnsten Wünsche seiner eigenen Person unterschiebt. „Ein Rothschild an Reichtum und Macht, sprachenkundig wie Mezzosanti, ein Wesen von lauter Intelligenz, frei von allen Leidenschaften wie Spinoza, dabei ein Weltmann, der in den Kabinetten der Kaiser und Könige ebenso zu Hause ist wie in den Salons der geistreichsten Damen von London und Paris." Dieser Sidonia nun vertritt in Hinsicht auf die Bedeutung der Rasse für die Weltgeschichte dieselben Ansichten wie späterhin Gras Gobineau; nur daß Disraeli den I u d e n und den ihm stammverwandten Arabern jene Rolle zuerkennt, die bei dem französischen Grasen, der sich für den Abkömmling eines normannischen Wikingerführers hielt, „les aryens" spielen. Der orientalische Jude „Sidonia" war noch eine dichterische Fiktion des Poeten Disraeli. Vielleicht ahnte er indessen schon, daß ihm selbst die absonderlichste Laufbahn selbst eines genialen Staatsmannes beschieden sein sollte. Fürwahr: Der Vorwurf der Kleinheit oder Kleinlichkeit traf den geheimnisvollen Enkel und Erben des Wüstenwander stammes, Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield, niemals. Nur ein Mann, in dessen Adern der geheimnisvolle Rhythmus tausendjährigen Blutes sich mit Strömen spanischen und venetianischen Geblütes mischte, ein Mann, der Dichter und Staatsmann zugleich war, der sich seine Sporen in Kämpfen mit den großen englischen Staatsmännern Gladstone und Palmerston eroberte, der von den Whigs zu den Tories hinüberwechselte, und der nach der Erwerbung der Fidschiinseln, den Ankauf der Suezkanalaktien, der wohlüberlegten Reise des Prinzen of Wales nach Indien im Jahre 1875 seiner Königin den Titel einer Kaiserin von Indien" erstritt; nur ein solcher Mann, der nach den Orientwirren von 1877 und 1878, nach dem Frieden von St. Stefano persönlich dem Berliner Kongreß beiwohnte, um Rußland endgültig die Herrschaft über den Orient zu entreißen und, trotz seinen verhangene?! Mienen dem einzigen, chm ebenbürtigen Genie seiner Epoche, Bismarck, bedingungslos zu imponieren; nur dieser Mann vollbrachte, was sein dichterischer Biograph ihm mit Fug nachrühmt. Den letzten Extrakt alter Kulturen in sich vereinend, mtt der Welt in all ihren Tiefen und Höhen vertraut, blieb er den meisten Männern seines Zeitalters (das an Genies nicht eben arm war) ein Rätsel, verstand dafür aber, alle Frauen zu bezaubern, obzwar er der treue Ehegefährte einer wesentlich älteren Jüdin, Mrs. Lewis, war, und vermochte es zugleich, seiner Königin — der höchst impetuosen und autokratijch gesinnten „Queen" — seinen Willen in den minniglichen Formen eines Troubadours zu diktieren und dafür die bedingungslose Gefügigkeit der sonst sehr widerspenstigen Königin, aber auch die Zärtlichkeit der alternden Frau zu ernten. Mit dreizehn Jahren durch den Judenhaß einer verständnislosen Menge von seinem Stamme abgetrieben, hat er dennnoch niemals unterlassen, sich mit der ganzen Willenskraft seines impetuosen Genies für die Judenheit einzusetzen und ihr in England sowie inner halb des gesamten britischen Imperiums jegliche Freizügigkeit zu erkämpfen. Dieser Mann, der schon rein äußerlich wie ein geheimnisträchtiger Nekromant wirkte, in dessen Gesichtszügen wie in dessen Kleidersalten man alle Wunder der Welt verborgen wähnte, hat sein Wort wahr gemacht. Er hat ein großes Leben geführt, und eben dieses große Leben hat in derDar st ellungAndreMauroiseineng roßen, seiner würdigen Spiegel gefunden. Jeder Jude, gleichviel, ob er sich von Religion» oder Stammes wegen als Jude fühlt, wird eine Bereicherung erfahren durch diese erste homogene Schilderung des Lebenslaufes dieses offiziellen Christen und doch hochgemuten Juden, genannt Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield. Dem Dichter aber, der mit ungewöhnlichem Nnfühlungsverrnögen in eine so vielspältige Psyche einzudringen verstand, gebührt der Dank aller literarisch Gebildeten oder Bildungsfähigen, seien sie Mischen Stammes oder nicht.