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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-04-20 · 16 (20.4.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
16 (20.4.1928)
Date
1928-04-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MdMlibemleHeiülNL Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. IWIT"^ M« v-pihrvch M. 238 WWalWmmrr 0.28. Bei frei« Avsradvvg l Inland 0.25 Jfttr Mc MtgÜed« d« V«eiaig«ng ist der Vezugrprel» im MitgÜedsbei trage enthalten. Vaeantwertl. Redakteur: Bruno wo,da. Di« „Jüdisch-liberale Zerrung" erscheint jede» Ireitag. «edaktion «ud Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wilhelmstr. 147 Aorurus: B erg mann 3358, 3359 Postscheckkonto. Berlin 7UB », 13? 0ö9 (Bereinigung für bas liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger GeueMiigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene 7ionparaillezeilo 8.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Golomari^ bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung' Jnjeratenabteilung: Berlin SD 4L. Wilhelmstraße 147 (Bergmann: 3356-59), sowie sämtl. Aanoacca-Expedittou. Ar. 16 Berlin, 20. April 192S 8. Jahrgang Benjamin Disraeli im Spiegel moderner Dichtung Von Doris Wittner. Panta rhei — alles fließt — hat Heraklit, der griechische Weise, gesagt. Das bedeutet, daß die Materie — die Substanz des Lebens — sich in ständiger Bewegung befindet. Was Geltung hat für die materiellen Weltenenergien, hat nicht mindere Gültigkeit für die immateriellen Kräfte des Daseins: für die Geistes- und Gefühlsströmungen, die vom Hirn und .Herz des Menschen ausstrahlen. Geistes- und Gesühlsströmungen des schaffenden Menschen aber halten das Leben der schönen Künste in Atem, und eben darum ist das schöpferische Denken und Bilden des Menschen dem Gesetz ewigen Wandels unterworfen. Jedes Kunstwerk ist ein Kriterium der Zeit, ans der es entstand. Insbesondere aber darf die poetische Schöpfung — und vorzugsweise die epische Gattung — den Anspruch erheben, als Kulturspiegel betrachtet zu werden, zumal der Roman häufig einem kristallenen Prisma gleicht, worin sich die Leuchtkräfte der Zeit vielfarbig brechen. In der Geschichte des Romans lösen Revolution und Evolution einander ab. Es gibt Perioden wilder, unvermittelter Umstürze, denen sich Zeitläufte friedsamer Entwicklung sanft angliedern. Fast immer aber ist die Wahrheit von heute die Lüge von morgen. Künstlerische Dogmen sterben schnell. Und die Mortalität ästhetischer Imperative ist erschreckend. Man verfolge Wegspuren! Der Neuzeit allein. Von den heuchlerischen Gefühlsdokumenten Englands im achtzehnten Jahrhundert an, die in einem Richardson Orgien feierten, über den sentimentalen Roman Deutschlands, der sich im „Werther" Gattung und Standard-Work gleichzeitig schuf, und von dem keine weite Strecke zurückzulegen war bis zu den Gefühlsemanationen der Romantik, den Offenbarungen schöner Seelen, wie Novalis, Tieck, Arnim, Bettina und anderen. Ueberfluß und Ueberschuß eines bisweilen ungesund wuchernden Gefühlslebens rangen um Ausdruck. Schwulst und Schwüle hielten Einzug in die erzählende Literatur. Und an der Hypertrophie der Gefühlstriebe starb die Gattung. Oedland folgte. Dann kam das historische Genre in Schwung. Wer an der Leere der Zeit litt, flüchtete gern zu dem rasselnden Pathos der Dahn und Ebers oder zu der heroischen Phantastik eines Dumas'. Aber auch den neuen Götzen (oder Göttern — „wer wagt, sie zu nennen, wer sie zu bekennen?") war der Scheiterhaufen bald gerichtet. Die Forderungen des Tages lauteten wieder anders. Zeit- und Streitfragen wurden begehrt. Und in den Werken der Gutzkow, Spielhagen, Heyse, Freytag wetterleuchteten schon die Interessen der herrschenden Stunde und der Oeffentlichkeit. Der Roman wurde zum Turnierplatz, auf dem sich die Kämpen des Idealismus wacker tummelten. Und sie schlugen so gute Klingen, daß man zuweilen vergaß, daß die Schwerter — aus Papier waren. Neue Morgenröten aber tagten, als in Deutschland die Keller und Fontane auf den Plan traten, nachdem in Frankreich Beyle, Balzac und Flaubert den Boden urbar gemacht hatten für die Goncourts und Zola. Psychologische Analyse und Realistik (die Formel des „konsequenten Naturalismus" war noch nicht erfunden) hießen die neuen Werte, denen eifervoll gedient wurde. Skandinavien eröffnete seine vrvrsektorische Tätigkeit an Menschenseelen. Der soziale Roman feierte seine Geburt. Und während auf der einen Seite die Streiter der Idee, wie Zola und Tolstoi (der übrigens „den" Gefells chaftsroman erschuf in „Anna Karenüm"), chre modernen Epen mit wahrhaft biblischer Schleuderkraft hinwarfen, gedreh auf der anderen Seite die Bekenntnisliteratur zu üppiger Reife. Ein hemmungsloser Subjektivismus brach sich Bahn. Das Jchbuch kam in Mode. Früher hatte man wohl den Künstler hinter dem Kunstwerk entdeckt. Jetzt stellte sich der Künstler vor sein eigenes Werk oder mitten hinein und verdunkelte es nicht selten durch seine eigene aufdringliche Mlgegenwart. Eine gewaltige Renaissance wurde dem erotischen Roman zuteil, der stets durch alle Kulturen und Zeiten hindurch ein selbstherrliches Eigenleben geführt hat. ^ud heute? Heute ruft man wieder Anathema und zuckt den Bannstrahl, wo man vor kurzem noch Hosianna fchne. Denn — alles fließt — die Werte des Gestern gelten mchts vor dem Forum des Morgen. Gestern noch galt der Triumph der Empfindsamkeit, heute steht ein eiskühler Rationalismus auf der Tagesordnung. Heute beherrscht die Technik die Welt. Wie hätte die Kunst - die große Jmpresftonable - sich dem Einfluß dieser wahrhaften Großmacht entziehen sollen? Sie tat es denn auch nicht. Die Kunst gebar schließlich den technischen Roman. Das „Epos des Elsens", wie unter vielen andern Kellermann und vor ihm Max Eyth oder der Utopist Wells es schufen. In unfern modern — allzumodernsten Romanen rasen und reisen wir unter der Erde und unter dem Wasser, wie in den Lüften, auf Sternenbahnen, mit gleichem Komfort und Vielhundert Pferdekräften; hören, sehen, sprechen wir von Gnaden des alleinseligmachenden Funkens (des wirklichen „göttlichen Funkens", den Prometheus — Mensch nutzbar machte) in hie fernsten Fernen und erfahren wir immer aufs neue, daß dem lebenden Menschen kein Ding mehr unbezwinglich dünkt. Wischer Kongretz in der Sowjet-Union „Mr träumen von dem Tag. da der letzte jüdische Kramladen geschlossen wird." In Anwesenheit von mehr als 200 Delegierten aus allen Ländern der Sowjet-Union wurde in diesen Tagen in Charkow im Hause des jüdischen Staatstheaters die zweite Konferenz der jüdischen Kulturfunktionäre ganz Rußlands eröffnet. Außer den Delegierten hatten sich Abordnungen verschiedener Jnstitiltionen und zahlreiche Gäste eingefunden. Der Sekretär des Centralkomitees der kommunistischen Partei, Ljubtschenko, begrüßte die Konferenz im Namen der Partei. Das Centralexekutivkomitee der Regierung der Sowjet-Union sandte einen telegraphischen Gruß. Tschcmeriski sprach im Namen der jüdischen Sektionen der kommunistischen Partei. Reden hielten auch der Redakteur des „Emeß", Litwakow, M. Kossenstein u .a. m. Aufsehen erregte eine Stelle in der Rede Tschemeriskis, die also lautete: „Wir träumen von dem Tag, da wir vor die Tür des letzten jüdischen Kramladens ein Schloß hängen werden, da wir jüdische Arbeiter in den Schächten, den Fabriken und auf den Feldern der Sowjet- Länder eine Armee jüdischer Bauern sehen werden." Im weiteren Verlauf seiner Rede teilte Tschcmeriski mit, daß in der Ukraine 95 Prozent aller Juden des Lesens und Schreibens kundig sind, während in Weißrußland nur 80 Prozent der Juden diese Kenntnisse ausweisen können. 73 Prozent der ukrainischen Juden geben Jiddisch, der Rest Russisch als Muttersprache an. Auf dem Kongreß wurden dann Referate über die Notwendigkeit der politischen Erziehung der jüdischen Massen gehalten und Vorschläge unterbreitet, die darauf hinzielen,, die Juden dazu zu bewegen, ihre Kinder in die jüdischen Schulen zu schicken. Gegenwärtig besucht die Mehrheit der jüdischen Kinder die allgemeinen Sowjet-Schulen. Der Kongreß lehnte einen Vorschlag, die jiddischen Bücher in lateinischen Buchstaben drucken zu lassen, ab. (Jta.) Das vorsichtige Amerika Keine Einmischung in die „inneren Angelegenheiten" Rumäniens In Erwiderung auf die Forderung verschiedener Gruppen, besonders des American Jewish Congreß, daß die Regierung der Vereinigten Staaten bei der rumänischen Regierung wegen der ungerechten Behandlung der jüdischen Bürger intervenieren und erforderlichenfalls einen Druck auf Rumänien ausüben möge, erklärte Staatssekretär Kellog, die Vereinigten Staaten werden niemals einer fremden Regierung vorschreiben, welche Politik diese gegenüber ihren eigenen Bürgern, auch wenn sie Minderheitsnationen angehören, befolgen solle. Die Erklärung des Staatssekretär Kellog, daß die Vereinigten Staaten niemals einer fremden Regierung vorschreiben werden, welche Politik diese gegenüber ihren eigenen Bürgern befolgen solle, und daß die Regierung es darum ablehne, dem Wunsche jüdischer und nichtjüdischer Organisationen der Vereinigten Staaten zu entsprechen und bei der rumänischen Regierung wegen der Verfolgung der Juden und der übrigen nationalen und religiösen Minderheiten einzuschreiten, hat in Amerika Aufsehen erregt und zu verschiedenen Kommentaren Anlaß gegeben. Aus Kreisen der Washingtoner Regierung, die dem Staatssekretär nahe stehen, wird der Jüdischen Telegraphen- Agentur mitgeteilt, daß die mündliche Aeußerung Kellogs an die Pressevertreter falsch gedeutet worden sei. Die Regierung der Vereinigten Staaten, heißt es in dieser Erklärung, ist tief betroffen durch die Mitteilungen über die schlechte Behandlung, der die Juden und die anderen Minderheiten in Rumänien und anderen Ländern ausgesetzt sind. Aber eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder verbietet sich schon durch internationale Vorschriften, die die Formen des Verkehrs zwischen den einzelnen Ländern regeln. Die Note des Staatssekretärs John Hay vom Jahre 1902 an die rumänische Regierung betreffend die Behandlung der Juden in diesem Lande war nur möglich, weil die Juden in Rumänien damals noch nicht Bürger Rumäniens waren und also auf auswärtigen Schutz ein Recht hatten. Die Lösung des Vertrages zwischen den Vereinigten Staaten und dem zaristischen Rußland im Jahre 1911 geschah nicht wegen der schlechten Behandlung der russischen Juden, sondern wegen der Antastung der Rechte der Juden, die amerikanische Bürger waren. Im übrigen, heißt es in der Erklärung an die „Jta" weiter, bezogen sich die Aeußerungen Kellogs nur auf die technische Form der diplomatischen Beziehungen im Zusammenhang mit der rumänischen Anleihe, sollten aber keineswegs die Einleitung einer neuen Politik oder die Abwendung von der traditionellen amerikanischen Politik der Sympathie für die unterdrückten Juden der fremden Länder andeuten. Die Regierung der Vereinigten Staaten hegt nach wie vor starkes Interesse für das Wohlergehen der Juden in Rumänien und hat die Vorstellungen der amerikanisch-jüdischen Körperschaften einer ernsthaftesten Erwägung unterzogen. Die Regierung hat alles, was in ihrer Macht liegt, und zwar innerhalb der Grenzen des diplomatischen Anstandes, getan, um eine Besserung der Lage der Juden in Rumänien zu erwirken. Was aber die rumänische Anleihe betrifft, so wurde das Staatsdepartement von den Bankiers nicht um Rat gefragt. Es bestehen Zweifel darüber, ob die amerikanischen Bankiers in Anbetracht der Unstabilität der Lage und der Stimmung in Rumänien genügend Interesse für eine Beteiligung an der Anleihe aufbringen werden. Der Roman von heute spiegelt uns. Unfern Haß und unsere Liebe. Unfern Wahn und unser Wähnen. Und was von den Zeitdokumenten des modernen Romans gilt, gilt in erhöhtem Maß von dem Romanhelden aller Zeiten. Der Mensch sucht immer sich selbst. Manchmal auch sind die Helden moderner Romane keine einzelnen Menschen, sondern es sind — sterbende Völker oder neugeborene Ideen — dann aber, nur dann — werden diese Bücher meist nicht gelesen. Denn sie tragen den Geruch der Ewigkeit an sich. Nur eine Form der Unsterblichkeit wird im Romanideal unserer Zeit toleriert und propagiert. Das ist die des großen Eros. Unsere, dank mehr denn vierzehn Jahren Krieg und Staatsumsturz aus den Fugen gerissene Welt hat längstens alle „Bande frommer Scheu" gelöst und gefällt sich in einem wilden Taumel entfesselter Triebe und verachteter Hemmungen. Es gibt schier nichts mehr, was in einem modern — sein wollenden Roman nicht plastisch und drastisch zum Ausdruck gebracht würde. Die Boccaccio, Casanova, Balzac (in seinen „Contes drolatiques") verblassen zu der Harmlosigkeit von „Herzblättchens Zeitvertreib" gegenüber den Emanationen unserer jungen und jüngsten „Schaffenden", die trotz aller wüsten und wilden Bmnst und Inbrunst, in der sie sich zu gefallen scheinen, nur zu häufig im Zeichen des „kalten Eros" stehen, das heißt: im Zeichen einer dürren, nur sehr geschäftskundigen Spekulation auf die niedrigsten Triebe der Menschheit. Denn nicht wahre, erdhafte und darum ewig — fruchtbare Sinnlichkeit ist es, die aus diesen Bekenntnissen und Erkenntnissen eines erotischen Zynismus jauchzt und sich selbst befreien möchte, sondern es ist vielmehr das lüsterne und darum allein lasterhafte Spiel mit wohlfeilen Sensationen; es ist der Stachel, müde Nerven und ohnmächtige Sinne zu kitzeln und ihnen die Peitsche „unerhörter Begebenheiten" um das erschlaffte Sensorium sausen zu lassen. Die „Pfauenfeder" der alten Römer!... Aber schon wieder macht sich das „Alles fließt" geltend, und es scheint, als ob auf die Exzesse der letzten Jahre eine dämpfende Reaktion wohltuend bemerkbar würde. Der heutige Roman wendet sich nicht allein rechtlichen und staatlichen Mißständen zu, die er in getreuem Glase und zum Besten einer höheren Weltordnung wiedergibt, sondern er zeigt auch wieder eine unverkennbare Neigung für große Menschen und deren Lebensläufe. Wohl verstanden: nicht mit dem verlogenen Pathos und Ethos des sogenannten „historischen Romans" aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, sondern viel eher kritisch, frei von jeder Geschichtsklitterung, sowie den berüchtigten „höheren Einflüssen", d. h. sachlich, kühl und klar und im Rahmen einer vorurteilslosen Darstellung, die uns keine überlebensgroßen Titanen, wohl aber Menschen von Fleisch und Blut offenbart, wie sie, obzwar nicht durch unseren Alltag, so doch durch Ausnahmeperioden internationalen Lebens schritten. Wiederum wird der Roman zum Exponenten und Protagonisten alles menschlichen Lebens. Wie in allen bedeutsamen Kulturepvchen der Völker tritt der Dichter hervor und wirft sich mit Fug zum öffentlichen Sprecher der Nationen auf. Im Spiegel der belletristischen Literatur wird Gegenständliches und Psychologisches klüglich gemischt. Immer waren es die großen Romandichter, die große Zeiten durch ihr eigenes Temperament zu erkennen trachteten, auf das der Durchschnittsbürger die Sonderkeiten und Eigentümlichkeiten geschichtlich besonders ausgezeichneter Epochen, bar jeden

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