Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 14 (6.4.1928)
- Date
- 1928-04-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1 U"- ... ' m, *«u *'■ > ohne daß sie darum mit den staatsbürgerlichen Pflichten kriegerisch zusammenstoßen müssen. Wir haben treffende Beispiele dafür im Elsaß gesehen, wo Alt-Elsässer für Frankreich optiert haben, ohne je ein Wort französisch zu sprechen oder zu verstehen. Es kann natürlich auch geschehen, daß dort, wo die staatliche Minderheit über eine höhere Kultur verfügt als die numerisch stärkere Bevölkerung, diese Minderheit eine natürliche Herrschaft über die Mehrheit, ausüben wird. In den russischen Randstaaten, wo die hochentwickelte Kultur ausschließlich deutschen Charakters war, nahm kaum jemand an der Präponderanz dieser deutschen Kulturschicht Anstoß. Hingegen haben wir gesehen, welches Unheil die ungerechtfertigten Ansprüche einer ausgesprochenen staatlichen Minderheit einer kulturell gleich hochstehenden Mehrheit gegenüber zufolge haben können. Kaum ein Umstand war annähernd so geeignet, den Weltkrieg vorzubereiten und den großen Völkerbrand unterirdisch zu schüren als die ungerechtfertigten Privilegien, die die deutschen Minderheiten sich in der Tschechoslowakei sowie anderen slawischen Kronländern der Habsburgischen Monar chic anmaßten. Es ging wider Natur und Recht, daß ein bedeutsames Kulturvolk wie die Tschechen sich staatlich dauernd unterdrückten und als Menschen zweiter Klasse behandeln lassen sollten, In einem solchen krassen Fall konnte die Nemesis nicht ausbleibcn. Jeder einsichtige Politiker wußte daher längst, daß die Habsburgische Monarchie ein morsches Gebilde auf tönernen Füßen darstellte. Nicht minder gerächt hat sich die hakatistische Politik des kaiserlichen Deutschlands den polnischen Landesteilen gegenüber. Man hat den Deutschen oft und nicht mit Unrecht vorgeworfen, daß sie es nicht verstünden, „moralische Eroberungen" zu machen. Und es heißt nicht, die eigenen Fehler entschuldigen oder beschönigen, wenn man ihresgleichen heute bei anderen, zu größerer Macht gelangten Nationen anprangert. Auch unter unseren Stammesgenossen gibt es nicht wenige, die eine staatliche Anerkennung und Pflege ihrer spezifischen Traditionen und Interessen wünschen. Demgegenüber kann nicht oft genug betont werden, daß damit eine falsche Wegrichtung eingeschlagen wird. Sie führt nämlich schnurstracks zu einer Wiedergeburt des Ghettos - wenigstens im geistigen Sinne — zurück. Und das wird sicherlich selbst von denen, die eine so weit gehende Sonderberücksichtigung heischen, nicht erstrebt. Wir können übrigens in anderen Ländern gewahren, daß Slaatsgesinnung und kulturelle Eigenart, auch ohne besondere Förderung „von oben", freundnachbarlich nebeneinander wohnen und gedeihen können. Der englische oder der französische Staatsbürger jüdischen Stammes wird immer in erster Linie Engländer oder Franzose sein und sich auch kultnrelt, nicht nur staatsbürgerlich, als Glied des großen englischen oder französischen Staatswesens fühlen und bekennen. Die religiösen oder kulturellen Traditionen des Judentums sollen gewiß liebevoll gehütet und vererbt werden, sie gehören aber nicht in das Getriebe des staatlichen Lebens. Wir kennen aus der Vergangenheit wie der Gegenwart große englische Staatsmänner jüdischen Stammes und jüdischen Bekenntnisses, die aber selbstverständlich bei allen Konflikten, in die das britische Imperium etwa verwickelt wurde, mit ehrlichster Ueberzeugungstrene sich zu dem britischen Spruch bekannten: „Right or wrong my country." Nur oder gerade durch solche Haltung haben die Inden sich ja auch den Anspruch und das Recht erworben, als Vollbürger ihres Staates geachtet und ausgezeichnet zu werden. Das Postulat staatlicher Rechte uub staatlicher Gleichberechtigung kann nur in der b e d i n g u n g s l o s e n Erfüllung aller staatlichen Pflichten gefunden werden. Man stelle sich vor, daß bei etwaigen erneuten kriegerischen Verwicklungen die jüdischen Staatsbürger der großen europäischen Nationen sich als Nationaljuden bekennen und als solche eine Ausnahmestellung begehren und womöglich eine Vereinigung mit den in anderen Ländern lebenden Juden verlangen wollten, statt in Reih und Glied, aber auch mit Herz und Hirn an dem Schicksal des Staates teilziniehmen, in dessen Boden sie wurzelt«, dessen Sprache sie sprechen und in dessen Kultur sie selbst und schon viele Geschlechter vor ihnen ausgewachsen sind. Sobald man sich eine solche Möglichkeit auch nur vor Augen rückt, darf sie schon ihrer grotesken Wirkung sicher sein. Durch eine derartige Stellungnahme würde man nur den Antisemilen die wohlfeile, häufig genug von ihnen mißbrauchte Waffe in die .Hände spielen, zu sagen: „Da habt iljrs', ihr sagt ja selbst, daß ihr in erster Linie Juden und dann erst Deutsche, Engländer, Franzosen, Italiener, oder «vas >veis; der Himmel sonst, seid. Dann bitte, zieht auch die Konsequenz, ein Land, mit dein ihr euch nicht auf Gedeih' und Verderb' verbunden fühlt, zu verlassen und euch, wo immer es fein möge, einen eigenen Judenstaat zu er rjchlen." Beiläufig sehen >vir auch, daß die nalürliche Entwicklung nationaler Streitigkeiten, wenn man sie nicht künstlich auf abschüssige Bahnen zu treiben trachtet oder sie absichtlich kompliziert, sich in dem von uns eben angedeuteten Sinne der Verschmelzung init der übermächtigen Staatsinehrheit - um das ominöse Wort „Assimilation" zu verineiden — vollzieht. Die russischen, polnischen, rumänischen Juden, die nach A m e r i k a auSwandern, bleiben in der ersten und zweiten Generation noch Juden, nichts als Juden, d. h. wiederum Anwohner eitles neuen, nur jenseits des Ozeans gelegenen Ghettos. Diejenigen aber, die in sich den Drang zur Forlentwickluug, auch zur Beteiligung au Leben und Streben des mächtigen Gefüges der Bereinigten Staaten, die ihnen Gastrecht gewährten, verspüren, werden von der dritten und vierten Generation ab sich mehr und mehr amerikanisieren, bis sie den Anspruch erheben dürfen, als Bollbürger des neuen Staates betrachtet und behandelt zu werden. Sie werden gute Amerikaner werden, ohne daß darunter ihr Judentum auch nur die geringste Einbuße zu erleiden braucht. Wir kennen zahllose Nachkommen solcher Auswandererfamilieu, die sich mit Stolz als amerikanische Staatsbürger fühlen, jedoch kaum noch eine Erinnerung an das Idiom ihrer eiugewanderten Vorväter besitzen und nur den Vorschriften der alle Juden bindenden Religionsgemeinschaft mit treuem Eifer und eifernder Treue Nachkommen. Ohne irgend einem Regente nt um das Wort zu reden, erachten wir eine derartige staatliche und kulturelle Entwicklung doch als einzig gesunde, die ebenso dem Bürger zugute kommt, als auch dem Staate, der chn in seine Gemeinschaft ausgenommen hat. Deutschen und Juden.-- wenn man einmal diese beiden Begriffe, nur des historischen Beispiels halber, gesondert nebeneinander stellen will - eignet, neben vielen sonstigen Parallelen in Geschichte und Schicksal — ein starker Hang zu Partikularismus, Sektiererei und Stammesfehden. Wir brauchen nur in der Geschichte des Volkes Israel einige Blätter umzuwenden, um zu sehen, wie der Spaltpilz des Sektenwesens stets die staatsbildende und staatserhallende Kraft der Juden herabgemindert hat. Und wir haben — als Analogen dazu — wahrnehmen können und müssen, daß, ebenso wie vormals das „Heilige Römische Reich deutscher Nation" sich ständig in seinen Stämmen zerfleischte, auch nachmals, nach der nationalen Einigung Deutschlands durch Bismarcks eiserne Hand, jeder Deutsche sich zuvörderst als ein Bayer, ein Württemberger, ein Mecklenburger, ein Lippe-Detmolder, ein Anhaltiner, denn schlechthin ein Deutscher fühlte. Eben dieser Partikularismus, der auch in der Verfassung den Weg zum Föderalismus statt zum Unitarismus wies, ist kulturell zweifellos befruchtender Natur, staatlich und politisch hingegen gefährlich. Für die Juden jedoch ist eine solche Gesinnung insofern noch viel bedenklicher, ja kaiastrophaler, als sie eben, wie oben erwähnt, dem Antisemitismus, dem nicht auszurottenden „Sozialismus der dummen Kerle" immer neue und willkommene Nahrung zuführt. Selbst in Palästina haben die Juden, nachdem einmal als vollendete Tatsache erkannt worden ist, daß der - von zionistischer und nationaljüdischer Seite ersehnte I u d e n st a a t eine Utopie bedeutet, sich ebenfalls mit der binationalen Existenz von Juden und Arabern nebeneinander und untereinander begnügen müssen. Politik als die „Kunst des Mögliche n"! Immer wieder muß diese einzig denkbare Auslegung all jenen vor Augen gerückt und eingehämmert werden, die da heute am Werke sind, die vielen noch glimmenden Brandherde einer neugestalteteu Welt zu schüren und sich — ohne weitere Kompetenz als die der eigenen Neigung - in die Händel alter und junger Staaten nebst ihren nationalen Mehrheiten oder Minderheiten zu mengen. „Hands off!" Es ist feuergefährlicher Stoff, der da durch ungeschickte Behandlung leicht neue Explosionen herbeizusüh.en vermag. Jede nationale M i n d e rh eit handelt in ihrem ureigen st en Interesse, wenn sie langsam — selbstverständlich ohne Gewaltakte — ein integrierender Bestandteil der staatlichen Mehrheit und somit d e s Staates s e l b st w i r d. Kulturelle Eigentümlichkeiten können, wenn sie dessen wert sind und mithin das Gesetz des Fortbestandes in sich tragen, von Geschlecht zu Geschlecht die zärtlichste Pflege erfahren, ohne daß darum offene Opposition, geschweige denn Obstruktion gegen den machthabenden Staat betrieben und gefördert zu werden braucht. Das Judentum in tausendjähriger Diaspora ist der beste Bsweis für die Erhaltung kultureller und religiöser Eigenart itn Rahmen staatsbürgerlicher Treue und treuen: Staatsbürgertums. Max Golde Zu feinem 60. Geburtstag am 9. April. Von Rabbiner Dr. G o t t f ch a l k, Frankfurt a. M. Zu dem 60. Geburtstag Dr. Max Goldes, der auch den Lesern dieses Blattes durch verschiedene Veröffentlichungen wohl bekannt ist, bringt eine zahlreiche Schülerschar herzliche Glückwünsche dar. Sie holt damit nach, was ihr anläßlich des 25 jährigen Lehrerjubiläums Dr. Goldes infolge der Ungunst der Zeiten leider nicht möglich war. Max Golde, 1868 in Posen geboren, wo ihm schon beim Abgang von der Schule bescheinigt wurde, daß seine „Aufsätze kleine Abhandlungen sind und nach ihrer sprachlichen Darstellung stets sehr gut" — hat noch 1925 - im 57. Lebensjahr also — promoviert. Sein Hauptfach war romanische Philologie. Dieses unermüdliche Streben des Volksschul-, Religionsschul-, Mittelschul-, Präparanden- und Seminarlehrers ist immer für ihn bezeichnend gewesen. Diese sachliche Gründlichkeit und diesen Lerneifer suchte er auch seiueu Schülern stets zu vermitteln. Noch jetzt — nach seiner Pensionierung — ist er ihnen indirektes anspornendes Vorbild. Unermüdlich sucht er andern aus seinem reichlichen sprachlich-sachlichen jüdischen Wissen durch zahlreiche Publikationen in Fachzeitungen und jüdischen Organen Kenntnisse zu verinitteln. Hervorgehoben sei: „Eine altkastilische Prachtbibel" (Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur), „Friedenspflichten des Einzelnen" (Preisschrift der Moritz Maunt- Stiftuug) und „Altfranzösische Diminutiva" (Romanische Forschung, .Heft 1). Seinen jüdischen Standpunkt hat Golde erst vor kurzem dahin präzisiert: „Unmöglich kann sich der Jude von dem geistigen Boden des allen Juden gemeinsamen Glaubens zur Anerkennung einer sie alle gleichmäßig bindenden Nationalität hindrängen lassen. Diese ist schon in biblischer Zeit von den hochgeistigen Führern des Judentums ausgegeben worden und mit dem Untergang des altjüdischen Gottesftaats für immer und unwiederbringlich zusammengebrochen... Mögen dem unermüdlichen Lehrer, dessen große Schülerschar, zu der ich selber gehöre, in allen Teilen Deutschlands seinen Geist und sein Streben an neue Generationen weitervererbt, der aber heute auch über seinen engeren Kreis hinaus in weiteren jüdischen und nichljüdischen Gremien bekannt ist, noch viele ungetrübte Jahre emsigen Schaffens neben seiner Gattin und seinen hochbegabten zwei Söhnen beschieden sein! Line gepfändete Gemeinde Die Göttinger Gemeinde ist nun Donnerstag tatsächlich gepfändet worden. Der Vollzugsbeamte entnahm dem kleinen, nach der Inflationszeit neu begründeten Pensionsfond, den die Gemeinde in ganz kurzer Zeit dringend nötig haben wird, 1500 Mark, um diese Summe nach Hildesheim abzusühren. Das Geld von den Gemeindemitgliedern besonders zu erheben, wäre nicht möglich gewesen. Sie hätten sich geweigert und bei Anwendung von Zwang die Folgerungen gezogen. So wird gegen das Judentum gesündigt und eine Gemeinde, die wirklich nicht zu den schlechtesten Deutschlands gehört, verbittert. ^Dasfreisprechende Urteil gegen den ^„Völkischen Beobachter" aufgehoben Tie Münchener Strafkammer hat bekanntlich in einem Beleidigungsprozeß von Nassauer Juden gegen den verantwortlichen Redakteur des Münchener Hitler-Organs „Völkischer Beobachter", Cerny, der beleidigende Behauptungen über die Nassauer Inden verbreitet hat, ein freisprechendes Urteil gefällt und in einer aufsehenerregenden Urteilsbegründung selbst Verdächtigungen gegen die Gesamtheit der Nassauer Juden, die in dem Prozeßmaterial keinerlei Grundlage hatten, ausgesprochen. Das Urteil der Münchener Strafkammer, das von der gesamten demokratischen Presse Deutschlands als unverständlich und ungeheuerlich bezeichnet worden war, ist nun v-oü der Revisionsinstanz des Bayerischen Oberlandesgerichts ansgühioben worden. Ter Begründung des Eutscheids des Oberlandesgerichts ist zu entnehmen: Der „Völkische Beobachter" hatte im vorigen Jahre behauptet, vor einem nationalsozialistischen Parteitag in Nassau a. d. L. seien „die Inden des ganzen Bezirks Nassau" zur französischen Besatzungsbehörde gelaufen und hätten sie zu einem Verbot des Tages zu veranlassen gesucht. Tie beiden Borinstanzen hatten Cerny freigesprochen, da aus dem Ausdruck „die Juden des ganzen Bezirks" nicht hervorgehe, daß alle Juden hätten beleidigt werden sollen. Dagegen hat das Revisionsgericht jetzt angenommen, daß „die Juden des ganzen Bezirks" einen ausreichend abgegrenztcn Personenkreis darstellten, der als solcher durchaus beleidig! werden könne. Tie Urteilsbegründung der Strafkammer sei nicht frei von Mängeln und in sich widerspruchsvoll. Sie habe den Tatbestand nicht vollständig gewürdigt. Zwar habe der Artikel gewiß nicht behaupten wollen, daß sämtliche Juden des Bezirks sich unmittelbar oder mittelbar an die französischen Besatzungsbehörden gewandt haben. Ter Richter hätte eben prüfen müssen, ob der Artikelschreiber nicht die Absicht oder das Bewußtsein gehabt habe, einen Verdacht aus die ganze Judcnschaft des Bezirks Nassau zu werfen und sie einer verbrecherischen Handlungsweise zu bezichtigen. Ob der Angeklagte gerade die Privatkläger speziell gemeint habe ooer nicht, komme rechtlich nicht in Betracht; er hätte sie ausdrücklich ausnehmen müssen. Aus diesen Gründen hat das Oberste Landesgericht die Angelegenheit zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an die Strafkammer zurückverwiesen. Erich Mühsam, der Edelanarchisi, als Zubilar Von Doris Witt n er. Hätten Burger und Puccini den Erzbohemien Erich Mühsam persönlich näher gekannt, vielleicht wäre die Oper, die heute alle Welt entzückt, etwas weniger lyrisch ausgefallen. Denn Erich Mühsam war ein Zigeuner vom echten Schrot und Korn, hat sich selbst als Prototyp eines .Kaffeehausliteraten bezeichnet, hat aber nicht ein so idyllisches Leben geführt, wie Puccini seinen Helden andichtet. Er hat als Freund seiner Freunde Kurt Eisner und Gustav Landauer den Taumel der Münchener Räterepublik mitgemacht, wurde kurz vor der blutigen Katastrophe in Isar-Athen auf einer Propagandareise in Bamberg verhaftet und zu vieljähriger Festungsstrafe verurteilt, hat nahezu ein halbes Jahrzehnt hinter den eisernen Gittern im berüchtigten Niederschönenseld geschmachtet, bis er endlich der Freiheit wiedergegeben wurde, nicht unbedingt, sondern auf Bewährungsfrist. Kaum aber war ec wieder in Berlin, so hielt er eine anarchistische Versammlung in der Stadthatte ab, bejubelt von Hunderten und Tausenden revolutionärer Jünglinge, die jeden Sozialdemokraten als Verräter und Lumpen brandmarkten, und bald hielt er mitten im strömenden Regen auf dem Bülowplatz eine Kommunistenversammlung ab, bei der 8000 Menschen seinen Worten lauschten, soweit der Sturm sie nicht verschlang und keiner von seinen Freunden, die erkannten, wie es um seine Gesundheit stand, hatte den Mut, ihm zuzurufen, daß er nicht in die Versammlung, sondern ins Bett gehöre. Dann erhielt er von der „Rote n Hilfe" eine Einladung nach Moskau. Alsbald veröffentlichte er einen Gedichtsband „N e v o l u t i o n", Kampf-, Marsch- und Spottlieder, die natürlich wegen Verstoßes gegen das Gesetz zum Schutz der Republik schleunigst beschlagnahmt wurden. Und als es einige Zeit um ihn still geworden war, überraschte er in einem bürgerlichen Blatt die Welt mit unpolitischen Erinnerungen. Soll man Memoiren schreiben, fragte er? Schon im Hinblick aus die Lebenswende des fünfzigsten Geburtstages, die ihm Anlaß geben konnte, über seine Vergangenheit Rechenschaft abzulegen, soweit sie fernab liegt vom Irrgarten der Politik. Er hatte einst vor Jahrzehnten, da er als Heinrich Hart Erinnerungen schrieb, ein sehr schroffes Urteil über dieses Beginnen veröffentlicht, tveil sein rebellisches Temperament ihn damals noch aus steinigere Wege führte. Aber es scheint, daß er allgemach zur Klarheit und Ruhe sich durchzuringeu bemüht war. Und so erzählte er dann, wie er als Jüngling in Berlin geboren, aber als Sohn eines wohlhabenden Lübecker Senators auserzogen, frühzeitig in Arbeiterkreisen verkehrt hatte, Zettet verteilt, .Hauspropaganda getrieben hatte, Vorträge an Gruppenabenden und in öffentlichen Versammlungen Agitationsreden gehalten; „ich stand als Angeklagter in politischen Prozessen vor dem Strafrichter und jeder wußte, daß ich im Privatleben 'unter Künstlern zigeunerte, in Kabaretts lustigeGedichte, Schüttelreime und allerleiBosheiten vortrug, mich in Berlin, München, Zürich, Gens, Florenz, Paris, Wien Herumtrieb, in fidelen Ateliers ein Mädel auf dem Schoß, schlechte Witze riß, mit den zeitlosen Schwärmern der Boheme wie den prachtvollen Friedrich von Schenmis ganze Nächte ducchzechte und mit vielen berühmten Leuten, die ich — nicht immer bloß für mich — anpumpte, befreundet war." So war er einst. Später ließ die physische Elastizität nach, die wachsende Neigung zur Regelmäßigkeit und die Schaffung eines eigenen Hausstandes haben seinem Lebensritt das Crrkusmäßige abgewöhnt, „wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, sitze ich nun fest im Sattel.... ich blicke zurück, hinter mir liegt das Kaffeehaus, die Boheme, der ungefegte Ballsaal des sorglosen Lebensspiels, Erinnerung, schöne, frohe, liebenswerte Erinnerung, aber keine Sehnsucht nach dem Vergangenen. Keine Spur eines Zurückverlangens nach jenen Freuden und. Gefahren des Zigeunertums. Das ist vorbei, das liegt hinter mir. — Endgültig." Und so konnte er dann unpolitische Erinnerungen eines politischen Menschen schreiben. Diese unpolitischen Erinnerungen führen den Leser mit einer Menge bekannter Zeitgenossen zusammen. Nur mit Gerhart Hauptmann ist er merkwürdigerweise nie persönlich bekannt geworden. „Wir hätten auch wohl wenig miteinander anzufangen gewußt", meint er. Dennoch war er von Hause aus über seinen Beruf noch klarer als Gerhart Hauptmann, der sich einst zum Bildhauer berufen fühlte. Erich Mühsam nahm denselben Ausgang wie Theodor Fontane und Henrik Ibsen. Sie singen nämlich als Apothekerlehrlinge an. Erich Mühsam war aber nicht