Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 14 (6.4.1928)
- Date
- 1928-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 14 MKchÄemleMmg Beilage 6. April 1928 Gründung einer Gesellschaft zur AnkerMhung des jüdischen Siedlungswerkes in der Sowjet-Union Tao vorbereitende Komitee zur Unterstützung der jüdische»! Siedlungen in der Sowjet-Union lud sür den 29. März abends in den Schubertsaal zu einer Versammlung ein: Unter den Erschienenen bemerkte man bekannte jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten Berlins, so Geh. Tr. Julius Stern, Tr. Bernhard Kahn, Tr. A. Singalowsky, Tr. D. Lvoritch, Tr. E. Lscheriköwer, Tirettor Joachimsöhn, Herrn Geldschmidt, S. Adler-Rudel u. v. a. Ter Referent des Abends, Tr. Klauber, umriß, bie Geschichte der jüdrschen Siedlungsbewegung auf russischem Territorium. Tie Bewegung setzte 1804 ein, um bald daraus durch die Willkür des Zarenregimes unterbrochen zu werden, bis dann einige Jahre nach dem Kriege die Bewegung unter den jüdischen Massen wieder spontan einsetzte und aus der anfangs planlosen Kolonisation im Jahre 1924 aus Grund eines Regierungsgesetzes eine geregelte gewordn rst. Tiefes Koionisationswerk ist nicht nur eine soziale, sondern auch eine Staatsnotwendigkeit. Bon den etwa 3 Millionen Juden, die aus dem lMtigen russischen Territorium leben, haben mindestens 1 Million wirtschaftlich keinen Boden unter den Füßen. Ter Redner umschrieb die Rolle der Regierung^ k'ommission Komzet und der in ganz Rußland etwa 100000 Mitglieder zählenden privaten Kolonisationsgesellschaft Ozet, in der Kommunisten wie Nichtkommunisten, Juden wie Nichtiuden gemeinschaftlich arbeiten. Tre Regierung gewährt den Kolonisten freien Boden und große Ermäßigungen der Bahnfpesen sowie Steuerfreiheit und Befreiung vom Militärdrenist für eine dreijährige Tauer. Ter Redner hob die Tätigkeit ron Joint, I c a und tz i t s s vere i n der Teutschen Juden hervor und stellte dann die Frage, wie das Werk weiter gehen soll: als dezentralisierte oder als eine geschlossene Kolonisation? Tie Regierung und Ozet sind für eine geschlossene Koonisation und sür ein autonomes Berwaltungswesen. Ta aber im europäischen Rußland größere Flächen freien Landes nicht mehr vorhanden sind, hat sich eine Expertenkommjsfton sür den Wasser- und waldreichen 2V-J Millionen Hektar Boden umfassenden Rayon Biro Bidschan im Fernen Osten entschieden, der eine Million Menschen in Landwirtschaft, Berg- und Wäldindustric beschäftigen kann. Tie Unterbringung der deklassierten Juden in der Landwirtschaft ist nicht die ganze Lösung; es handelt sich darum, einen geschlossenen organisch durchgebildeten Wirtschaststörper zu schaffen. Ter Präsident der Sowjet-Union Kalinin ist sehr an diesem Werke interessiert. Tie gesamte russische Presse beschäftigt sich fortgesetzt und eingehend mit dem Problem. Zum Schlüsse skizzierte der Redner die Aufgaben der in Berlin zu bildenden Gesellschaft und betont, daß diese in keiner Weise sich in irgend einen Gegensatz zu den bestehenden Organisationen, die das russische Ausbauwerk fördern, wie Joint und I c a, O r t unb Hilfsverein stellen, sondern bemüht sein wird, die deutsche Oessentlichkert über den Stand und die Fortentwicklung der jüdischen Kolonisation in Sowj'et-Rußland unter Berücksichtigung der Leistungen sämtlicher sür die Kolonisation tätigen Organisationen in weitestem Maße aufzuklären. Im Namen der Berliner Abteilung der russischen GeleUschaft Ozet begrüßte Herr Abrahamsohu die Versammlung und betonte, daß die Frage der Umschichtung, der Zugang zur Produktion, das Hauptproblem des heutigen Judentums ist. Wenn Millionen zivilisierter Menschen aus dem Staub der Armut erhoben und zu einem Volke aus eigenem Boden zusammengesaßt werden, so ist dies nationale Arbeit. Tie Vorführung eines das Entstehen der Kolonien und das sich entwickelnde Leben in denselben darstellenden Films beschloß die Veranstaltung. Zahlreiche der Anwesenden haben sich als Mitglieder der neuen Gesellschaft angemeldet. Begrüßungen an die Bersammlung sandten die deutsche Liga für Menschenrechte (Senatspwäsident Großmann), Bund deutscher Bodencesormer (Prof. Tamaschte), Theodor Wölfs (Berliner Tageblatt), Helmuth von Gerlach (Welt am Montag), Tr. Adolf Grabowski (Zeitschrift für Politik), Bund entschiedener Schulreformer (Pros. Oestreich), Arthur Holitscher, Arnold Zweig, Kurt Hilter, Direktor Piscator u. v. a. Tie neue Gesellschaft erläßt eine Deklaration über ihre Ziele, in der es u. a. heißt: Tie neue Gesellschaft 'stellt sich zur ausschließlichen Ausgabe, die jüdische Kolonisation in Rußland zu propagieren.... Tiefem Ziele soll in der Weise gedient werden, daß. der Tätigkeit der Gesellschaft „O r t", die seit Jahren sich an der Kolonisation praktisch beteiligt, bei ihrer propagandvstischen und sonstigen Tätigkeit in Deutschland keine Hindern:sie in den Weg gelegt werden. Ebensowenig soll die Tätigkeit des Hilssverems der Teutschen Juden be- . einträchtigt werden, der im Begriffe iü, den russischen Kolonisten sanitär-hygienische, sowie kulturelle Hilfe zu gewähren. * Wir veröffentlichen vorstehende Meldung der Jüdischen Telcgrapheu-Agentur und brauchen wohl bei dieser Gelegenheit nicht erneut besonders zu betonen, daß. wir das jüdische Siedlungswerk in der Sowjet-Union als äußerst sördernswert anscheu. Es will uns jedoch scheinen, als ob aus diesem Gebiete des Guten nun bald zuviel geschieht. Tie in Deutschland wirkenden Organisationen sür das jüdische Siedlungswerk in Rußland sollten einmal gemeinsam ihr Aufgabengebiet gegenseitig abgrenzen und sich dann über ihre Vortragsveranstaltungen, Propaganda u. dgl. verständigen. Durch die jetzige Ueberfülle und durch das Nebeneinander wird sicherlich dem Werke selbst und den beteiligten Organisationen nur Schaden zugesügt. Wenn die Gesellschaft „Ort", der „Hilfsvereiu der deutschen Juden" und nun die „Gesellschaft zur Unterstützung des jüdischen Siedlun'gswerkes in der Sowjet- Union" konkurrieren, so scheint uns das vom allgemeinjüdischen Standpunkt aus äußerst bedauerlich. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei alle« Postämtern Deutschlands Das Problem der staatlichen Minoritäten Von Dort* Der Friedensvertrag von Versailles, nebst den ergänzenden Friedensschlüssen von Trianon und St. Germain, die die Weltkarte zerrissen und von Grund aus veränderten, haben ein von jeher viel umstrittenes Problem als eine der brennendsten Tagesfragen in den Vordergrund staatlicher und politischer Erörterungen gerückt. Es ist dies das immer vom Streite der Meinungen stürmisch umbrandete Problem der staatlichen Minoritäten. Durch das von Wilson verkündete, teils mißverstandene, teils falsch ausgelegte, sogenannte „S e l b st b e st i m m u n g s r e ch t" der Völker einerseits, andererseits durch offene Willkürakte wurden diesseits wie jenseits des Ozeans Nationen gespalten, Volksteile aus ihrem bisherigen nationalen und kulturellen Gefüge gerissen, um anderen staatlichen Mächten ein- und untergeordnet zu werden. Volksstämme', die Jahrhunderte lang im Rahmen ein- und desselben Staatswesens gelebt, oft auch gelitten hatten, erreichten jählings nationale Selbständigkeit, oder aber sie wurden — im schlimmeren Falle —, ohne gefragt zu werden, anderen nationalen Mehrheiten zugeschlagen und eingefügt. Die besiegten Mächte des Weltkrieges sind naturgemäß auch die Leidtragenden des großen Völkerringens gewesen und geblieben. Auf ihren ehemaligen Territorien kann man daher die Streitfrage der staatlichen Minderheiten am gründlichsten kennen lernen und erforschen. Die ehemals Habsburgische Doppelvonarchie, die allerdings niemals einen einheitlichen Nationalstaat, sondern vielmehr immer ein buntscheckiges, nur von Gnaden der Dynastie zusammengehaltenes Nationalitätengebilde darstellte, ist in ein halbes Dutzend oder mehr selbständiger Staatswesen zerfallen, wobei kulturelle und sprachliche Dualismen nicht immer zu vermeiden waren. Das vormalige deutsche Kaiserreich hat im Osten erhebliche Gebietsverluste an den neugeschaffenen polnischen Staat erlitten, im Westen vielfach kerndeutschen Boden mit Land und Leuten au Frankreich abtreten müssen. Und alle die Völker und Volksstämme, die unter dem Szepter Väterchens, des weißen Zaren, wie in einem eisernen Ring zusammengeschmiedet waren — all diese zahllosen Bestandteile des vormals gewaltigen russischen Reiches — „wer kennt die Völker, nennt die Namen": Weißrussen, Ukrainer, Polen, Georgier, Juden, Balten, Esthen, Letten, Litauer, Kaukasier, Tscherkessen, nebst den Bergbewohnern des Ural, den Ansiedlern der großen Ströme der Wolga und des Don, sowie des schon an die mongolischen Grenzen stoßenden Sibiriens oder des südlich gelegenen Beßarabiens — haben teilweise staatliche Selbständigkeit, teilweise nur politische Autonomie W i t t n e r. innerhalb der russischen Sowjetrepublik erhalten; zum anderen Teile sind sie anderen Völkern einverleibt und neuen Staatsformen unterworfen worden. Und nirgends, weder auf dem Gebiet der Mittelmächte, noch in Rußland, noch im Süden Europas, wo Italien seine glühenden Expansionswünsche in Erfüllung gehen sah, geschweige denn im Osten, wo die Völker des Islams zum Teil dezimiert wurden, während andere, begünstigtere Stämme ein scheinbar staatliches Eigenleben unter der Oberhoheit westlicher Großmächte zugesprochen erhielten, noch andere sich mit Feuer und Schwert und unter Strömen von Blut eine wirkliche nationale Unabhängigkeit erkämpften, konnte der Trennungsstrich zwischen nationalen Mehrheiten und Minderheiten mit der Exaktheit eines Geometers vorgenommen werden. Im Gegenteil: in fast allen diesen neu erstandenen Staaten kam bestenfalls ein bi-nationales Zusammenleben und Wirken benachbart hausender Völker und Rassen zustande. Mit vollendeten Tatsachen findet man sich am besten ab, indem man sich in sie zu schicken lernt. Es ist das nicht eine wohlfeile Ermahnung zu feiger Entsagung und müder Resignation, sondern es heißt vielmehr: praktische Politik betreiben. Politik aber ist mit Fug als die „Kunst des Erreichbaren" oder auch, in anderer Definition, als „die Kunst des Möglichen" charakterisiert worden. Ohne verkennen zu wollen, daß den staatlichen Minoritäten die ihnen zugemutete Assimilierung an eben das neue Staatswesen, dem sie eingegliedert worden, mindestens in der ersten oder zweiten Generation schwer ankommen mag, und daß Konflikte und Reibungen zuvörderst unvermeidlich sein werden, halten wir es doch für verfehlt, eben diese Volksminderheiten aufzustacheln und scharf zu machen zu einem Kampf um Rechte oder gar Vorrechte, die ihnen im Rahmen einer sie erdrückenden staatlichen Majorität auf die Dauer niemals zugebilligt werden können, soll nicht der machthabende Staat sich immer wieder eine Jrredenta züchten und damit seinen eigenen Grund und Boden unterminieren. Es kann Jeder nur ein gesunder, seine eigenen wie die staatlichen Interessen berücksichtigender Bürger eines Landes werden, wenn er sich den Sitten und Gebräuchen des Landes und Volkes, in dessen Mitte zu leben nun einmal sein Schicksal ist, mit ehrlichem Wollen anzupassen trachtet. Kulturelle Eigenarten, sofern sie Vorzüge darstellen oder besonders charakteristisch sind, können und dürfen von Geschlecht zu Geschlecht ruhig als edle Ueberlieferung weitergepflegt werden, Länger, stärker, kraftvoller denn je — der neue Chevrolet mit sicherer Vierradbremse übertrifft sich selbst Jeder Chevrolet hat ein Jahr Garantie — Bequeme Zahlungsbedingungen -MW *■ V Groß, stark und sparsam im Betrieb, erheblich herabgesetzte Preise Die Modelle für 1928 — auf einer Prüfungsstrecke von 4500000 km erprobt — sind wesentlich verbessert, noch schöner, stärker, handlicher, bequemer und sicherer geworden. Noch kraftvoller der berühmte ChevroletsMotor mit Aluminium* kolben, thermostatischer Kühlung, stärkerem Anzugsvermögen und vielen raffinierten technischen Einzelheiten. Die neue, sichere Vierrad«* bremse läßt auch den neuen (Chevrolet augenblicklich anhalten. Er schießt aus dichtem Verkehr blitzschnell vor. Noch geräumiger, noch bequemer ist die farbig leuchtende Eisher-Karosserie. Sie ist noch länger geworden, der Aufbau und Kühler z. B. bei der Coach um volle 20 cm. Jetzt ist noch mehr Raum für fünf Erwachsene und viel Platz zum Ausstrecken der Füße. Eine kurze Probefahrt zeigt am besten, in wie reichem Maße dieser neue Chevrolet verwöhnten Ansprüchen genügt. Ermäßigte Preise Touring, 5 Sitzer.M 3725 Coach, 5 Sitzer. 4250 Sedan, 5 Sitzer. 4625 ImperiaLLandau Sedan. 4920 SporkCoupe, 4 Sitze. 4 650 1/2*tsLieferwagen*Chassis. 2895 11/2-1-Lastwagen-Chassis. 3795 Prefse ab Berlin, 5 Reifen bei Personenwagen. Ferner fahrbereite SchnelULiefer* und Lastwagen auf Chevrolet’Chassis. Auskunft und Beratung durrn unsere Händler. CH EVROLET GENERAL MOTORS G. M. B. H.. BERLIN. BORSIGWALDE Autorisierter General Motors.Händler für Chevrolet