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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-04-06 · 14 (6.4.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
14 (6.4.1928)
Date
1928-04-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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so lange währenden Mittelalter der jüdischen Geschichte diese Beeinträchtigung des Glaubens an sich selbst als ein bedauerliches Erbgut mit jedem neuen jüdischen Geschlecht immer stärker ins Leben getreten. Aber auch die Gegenwart habe dafür gesorgt, daß dieses Erbe auch jetzt noch, etwa ein Vierteljahrhunderl nach der Befreiung, sich nicht hat abtun lassen. Ein solches Nebel feststellen, hieße aber zugleich auf die Notwendigkeit Hinweisen, daß man sich von ihm befreien muß. Würden die Eigenschaften, um derentwillen der Jude sich Feindschaft zuzicht, in einem unabänderlichen, rassemäßig begründeten Wesen ihre erste Ursache haben, so würde immer vergebliches Mühen bleiben, sie zu wandeln. Käme aber die Erkenntnis, daß es historisch begründete, philosophisch gesprochen: nicht unbedingte, sondern zufällige Eigenschaften sind, und welches der Boden ist, auf dem sie geworden sind, dann würde daraus die selbstverständliche Pflicht erwachsen, sich ihrer zu entledigen. Und um so mehr, wenn wir sehen müßten, daß es sich um das Bewußtsein einer Minderwertigkeit gegenüber dem nichtjüdischen Menschen handelt, der unsere Umgebung bildet. Wäre aber solches Minderwertigkeitsgefühl der Juden innerlich begründet? Sind wir in Wahrheit geringer an Wertweil wir Juden sind? — — Gäbe es keinen anderen Be weis für die Werte des Judeseins: die Tatsache, daß Judenheit und Judentum da sind, daß sie da sind trotz allem, was die jüdische Geschichte über jüdisches Schicksal berichtet, sie allein reicht hin, um jeden Zweifel am eigenen Werte zu zerstreuen. Aber unser Judentum, unsere Lehre, die der Menschheit so viel gegeben hat, und ihr noch manches zu geben imstande ist, die Bewährung des Juden inmitten der menschlichen Gesellschaft, seine Leistungen für die allgemeine Kultur, geben uns durchaus Anspruch aus menschliche Wertung. Blieben nur noch jene äußeren Momente, die geeignet waren und noch immer nicht aufgehört haben, ein Gefühl der Minderwertigkeit hervorzurufen: die feindselige Gesinnung der Umwelt, die den Juden mit so unendlicher Verachtung behandelt hat und vielfach noch immer behandelt. Aber müßten nicht gerade diese äußeren Momente unsere Selbstachtung steigern, uns das Bewußtsein unserer Eigenwertigkeit sichern? Viel Feind, viel Ehr, sagte der Ritter früherer Jahrhunderte, und er steigerte seine Kraft, um sich nicht selbst zu verlieren und dann — zu erliegen. Es ist ungemein schwer zu sagen, inwieweit die These von ttnem allgemeinen Minderwertigkeitsgefühl der Juden zutrifft. Daß manche Erscheinung durch sie Erklärung finden würde, kann nicht bestritten werden. Und daß es recht, recht viele Juden gibt, die zur Aufstellung solcher These Anlaß geben, sollten wir Juden einsehen und dem entgegen wirken, durch stete Steigerung unserer Selbstachtung dagegen ankämpfen. Das wäre ein wesentlicher Schritt aus dem Wege der Ueberwindung der Unfreiheit, die uns heute noch bedrückt. — — — Auf eine besondere Art jüdischen Minderwertigkeitsgefühls soll gerade in diesen Blättern hingewiesen werden. Längst geschwunden ist die Zeit, in der der liberale Jude sich bedingungslos als guten Juden empfand. Die Zahl der Liberalgesinnten, die ganz erfüllt sind von ihrem Judentum, ist bedauerlich gering; bedauerlich groß dagegen die Zahl derer, die sich zwar zur liberalen Richtung rechnen, die aber unbewußt, oft auch ganz offen zum Ausdruck bringen, daß sie sich als die schlechteren, die Gesetzestreuen als die echten, die wahrhaften Juden erachten. Ja, es begegnen durchaus nicht selten Männer, die in den Gemeinden, den Organisationen und Verbänden führende Stellungen einnehmen, und trotz ihrer ausgesprochen liberalen Anschauungen mit einer bewundernden Ehrfurcht und mit Worten begeisterter Anerkennung von der Tiefe der jüdischen Auffassung gesetzestreuer Juden sprechen, und dabei mehr oder weniger deutlich durchblicken lassen, daß sie in jenen die wahren und echten Vertreter des Judentums sehen. Gegen diese Art des Minderwertigkeitsgefühls, das offen zu Tage liegt, mit aller Entschiedenheit anzukämpfen, ist eine Aufgabe von ungeheurer Bedeutung für die liberale Judenheit. Sie ist um so heiliger, weit nicht verkannt werden kann, daß dieses Gefühl der Minderwertigkeit innere Gründe hat. Allen den Juden, die mit so aufrichtiger Bewunderung von den Gesetzestreuen sprechen, ist aus falsch verstandenem Liberalismus das Judentum entglitten; und doch leiden sie darunter, daß. ihren religiösen Bedürfnissen die Auswirkungsmöglichkeit genommen ist. Liberales Judentum hat sich dagegen gewandt, daß die Entwicklung der jüdischen Lehre als von vornherein oder an einem bestimmten Punkte unabänderlich abgeschlossen gelten solle, daß jeder Brauch, der irgend wann und aus irgend welchen ort- oder zeitbedingten Verhältnissen heraus einmal entstanden ist, als für alle Zeiten gültiges Religionsgesetz angesehen werden soll, selbst dann, wenn nachweislich abergläubische Anschauungen ihn veranlaßt haben. Nie und nimmer aber darf liberales Judentum nun so aufgefaßt werden, daß alle religiösen Gesetze und Gebräuche, alle rituelle Haitdlung aus dem Leben ausgeschaltet werden dürfe. Es gibt kein wahres religiöses Leben, das nicht in irgendwie bestimmten Form Ausdruck lucht und finden muß. Wer gemeinsamen Gottesdienst und häusliche religiöse Feier nur hier und da einmal im Jahre oder überhaupt nie kennt, der wird auch innerlich schnell erkalten. Das liberale Judentum wollte die Erstarrung der Form durch eine fortschreitende Form ersetzen, aber eine Form, die an die altüberlieferte anknüpfend dem Menschen einer neuen Zeit alte Inhalte vermittelt. Dieser Absicht wurde durch die zeitgemäße Umgestaltung der Gottesdienste Rechnung getragen. Das liberale Judentum vermag dem, der die von ihm geschaffenen Formen lebendig in sein Leben eingliedert, unendlich viel an religiöser Kraft zu geben: minderwertig wird ein solcher wahrhaft liberaler Jude sich nicht fühlen. Ein Gleiches läßt sich über die Bewährung des liberalen Judentums im Leben sagen. Es fordert die Erfüllung jüdischsittlicher Lebensform nicht, weil die allgemein anerkannten Gesetze der Sittlichkeit es gebieten, sondern aus jüdischer Sittlichkeitsforderung heraus. Da begegnete uns ein hochangesehener jüdischer Akademiker von hoher sittlicher Lebensauffassung, der erstaunt war, zu hören, daß das-'Gebot der Nächstenliebe in der jüdischen Lehre seinen Ursprung habe und von ihr gefordert werde. Darf man sich wundern, wenn Juden solcher Art keine Wärme für das Judentum im allgemeinen und für das liberale im besonderen auszubringen vermögen? Liberales Judentum will, daß wir im Leben Judentum bewähren, indem wir jede unsere Handlungen als Ausfluß unserer tiefen Durchdrungenheit von jüdischer Frömmigkeit aussühren: wem so in jedem Augenblick sein Judentum bewußt in der ^oeele lebt, der mag dem gesetzestreuen Juden mit aller Bewunderung gegenübeostehen, mag höchste Achtung vor der Konsequenz der Pflichterfüllung äußern, die jenem als Ausdruck seiner Frömmigkeit gilt, aber er darf für sich in Anspruch nehmen, daß sein Judentum kein minderes sei, daß es ihn nicht weniger ausfüllt als jenen. * Peßach erleben wir als „unsere Befreiung". Erleben cs nur dann ganz als unsere Befreiung, wenn wir dieses Minderwertigkeitsbewußtsein als liberale Juden bekämpfen. Gerade das Peßachfest mit seinem noch immer so zaubergewaltigen Seder sagt uns, welche Kraft uns aus den Formen alter häuslichen Feier wird, wenn sie in zeitgemäßem Gewände geübt wird. Gerade Peßach sagt uns, daß die Freiheit, über die wir uns freuen, weil sie uns zuteil geworden ist, auch anderen Menschen gegeben wird. Wir sind sittlich gebunden an den Mitmenschen. Denken wir im Hochgefühle eigenen Behagens an die Aufgabe, dem Mitmenschen Behagen schassend zur Seite zu stehen: das ist Ausgangspunkt aller Sittlichkeitsforderung unserer Lehre. Erleben wir die Befreiung in solchem Geiste, dann werden wir frei. „Die Botschaft des Propheten Elia" Eine Peßachbetrachtung von Rabbiner Tr. Nell h aus, .Hirschberg. Unter den Gästen, den Verwandten und Freunden, den Fremden und Armen, die wir bei der Sederseier im Fa^- milienkreije willkommen heißen, befindet sich einer, dem alle Festgenossen die höchsten Ehren zn erweisen bereit such. Er hat seinen Sitz an der Seite des Familienoberhauptes, für ihn wird der prächtigste Pokal auf die Tafel gestellt und vor allen anderen mit Wein bis zum Rande gefüllt. Aber merkwürdig! Dieser Gast ist unsichtbar. Seine Anwesenheit wird zwar von allen Tischgcnosscn lebhaft empfunden: sein Geist zieht durch die Räume, und das Bewußtsein seiner Nähe erhöht in uns die weihevolle Stimmung, doch hat ihn noch niemand wahrtzenommen. Dieser Gast, der unsichtbar und doch gegenwärtig ani Sederabend in unserer Mitte weilt, ist der Prophet Elia. Tie heilige Schrift hat uns erhabene Reden von ihm nicht überliefert, nur Wundertaten weiß sie von ihm zu berichten. Sie schildert ihir bald als den eifervollen Kämpfer für für Gott, bald als den Boten des Friedens. In einer Zeit, in der der Götzendienst unter dem Schutze eines mächtigen Königstums üppig wucherte, trat er ganz allein deni Kötnig und dem Volke als der Prophet Gottes gegenüber nnb gewann durch sein kühnes Wort dem schon verstoßenen Gottesglauben neuen Anhang. Er war ein strenger Eiferer, ein opfermütiger Verteidiger seiner Religion. UWd Elia ist zugleich in der verheißungsvollen Vorschau des Propheten Mainacht der Versöhner der Menschen, der die Herzen der Väter den Kindern und die der Kinder ihren Vätern wieder zuwendet. Er galt den späteren Propheten als der Vorläufer des Messias. Elia werde wiederkommen vor dem Tage, da der Messias das Friedensreich gründen werde. Tie Sage hat sich irüh seiner bemächtigt und hat aus allen Prophetengestalten sich ihn zu ihrem Liebling gewählt?) Tie biblische Sage, die von Elia erzählt, daß er den -Tod nicht gekostet hat, daß er lebendigen Leibes gen Himmel gefahren, um am Tage des Weltgerichts als ein. Vorbote der Versöhnung zu erscheinen, diese Sage erweiterten unsere Weisen dahin, daß sie Elia zum ständigen Begleiter Israels aus dessen Gang durch die Geschichte machten. Ter Name „Elia" besagt: „Gott ist meine Macht" oder „Adonaj ist Gott", und was sein Name andeutet, das wla.r er selbst, die leibhaftige Verkörperung der Idee, die Israel in der Welt verwirklichen sollte. Tie ewige Losung unserer Gemeinschaft ist in diesem Namen ausgesprochen, darum kann Israel ohne Elia kaum gedacht werden. Elia ist der Bundesengel, der das neugeborene Knäblein in den Glaübensbund Abrahams einführt, er ist der Helfer und Tröster, der am Ausgange des Sabbaths den Familienvater durch die Mühsale des Werktags begleitet; er ist der Berater der Weisen, der im Lehrhause erscheint, um alle dunklen Fragen aufzuhellen, um alle Widersprüche des Gesetzes zu lösen. Aber Elia ist auch der gute Schutzgeist Israels, der gegen den Truck der Völker für die Geknechteten eifert. Er war Zeuge aller Verfolgungen, unter denen die Vorfahren gelitten, und die Erlösungen hat er nicht bloß erlebt, sondern auch verkündet. Er weiß Rat in allen Nöten und einen Ausweg in allen bedrängten Lagen. Darum gedenken wir seiner, so oft wir im Tischgebet Gott für das (Brot danken, das er uns gegeben, und beten, daß er uns den! Propheten Elia senden möge, den Künder froher Botschaften der Hilfe und des Trostes. Darum ward er zu alten Zeiten als Bote des Ewigen begrüßt, der der göttlichen Erlösung die Wege ebnet, zumal am Peßachabend, an dein' er in den Wohnungen Israels erscheint, um die Strafe des Herrn herabzuflehen auf die Bosheit, die in. früheren Zeiten durch blutige Verfolgung, in unsereil Tagen durch Rechtsverweigerung und Mißachtung die Erlösung verzögert und die Sendung des Gottesboten an die Völker zu vereiteln sucht. Gerade an dem Feste, an welchem Israel seine Entstehung feiert, wird Elia als gegenwärtig empfunden in seiner Mitte, gerade an ihm schlagen unsere Herzen hosfuungsfroh diesem unserem Schutzgeist entgegen. Ter Ansspruch Hoseas: „Durch einen Propheten führte Gott Israel aus Aegypten, und durch einen Propheten wird es betvacht", wurde von unseren Weisen so gedeutet, daß sic unter dem Propheten, der Israel befreite, Mose, und unter dein anderen, derbes seitdem bewacht und betreut. Elia ve» standen. Bald entflammt er uns zu Kampf und Abwehr, bald ermabnt er uns zu Versöhnung und Frieden. Jetzt dringt er auf Uunachgiebigkeit und Entschiedenheit, dann wieder aus Milde. und Verträglichkeit. Und diese zweifache, scheinbar sich widersprechende Wirkung geht von ihm aus, weil zwei Geistesmächte in ihm vereint sind: Ter Geist des Judentums, der am Peßachfeste vor Jahrtausenden geboren wurde, und der uits seitdem in der Festesfeier immer wieder an unsere Bestimmung gemahnt, zur Ueberzeugungstreue uns aneifert, und der Geist des Frühlings, der mit diesem Feste bei uns einzieht und uns den Gott der Freiheit und der Erlösung verkündet. Elia verurteilt und bekämpft alle Unentschiedenheit und alle Halbheit. Ter Kampf Elias gegen das Königshaus Ahabs, das den Götzendienst des Baal in Israel eingeführt hat, und gegen die Propheten des Baal, die in jener entscheidenden Versammlung am Karmel ihren Götzen vergebens anriefen, war nicht zuletzt gegen das Volk gerichtet, das vor dem Baal seine Knie beugte, dem Elia Wankelmut und Uirentschiedenheit vorhielt mit den Worten: „Wielange wollt ihr noch nach beiden Seiten hinken? Ist der Ewige der wahre Gott, so wandelt chm nach; ist es aber Baal, so 'wandelt diesem nach!" Und sein Kampf für den Ewigen, in dom er allein stand, enbete mit einem Siege. Das Volk, das den wohlverdienten Vorwurf schweibend hingenommen hatte, rief, als der zündende Strahl hernredersichr und das Opfer verzehrte, begeistert und einmütig aus: „Ter Ewige ist der wahre Gott!" Ter Prophet wird vielfach als ein Fanatiker bezeichnet, weil er in seinem ungestümen Eifer vor der Gewalttat nicht zurückschreckte, well er nicht nur gegen die Baalsprophetm gewütet, sondern auch das eigene Volk bei Gott verleumdet hat. Er klagte ganz Israel des Bundesbruches an und machte es für die Zerstörung der Altäre und die Tötung der Gottes- Propheten verantwortlich, während der Herr selbst ihm cucgegenhielt, daß noch 7000 Israeliten vorhanden seien, die nicht von ihm abgesallen wären und das Knie vor Baal nicht gebeugt hätten. Das tadeln unsere Weisen an dem Propheten. Jedoch mit Unrecht. Elia hat Israel nicht verleumdet. Diese 700t) haben zwar Baal nicht angebetet, jedoch auch nichts für die Erhaltung der Religion getan. Sie setzten dem allgemeinen Abfall keinen Widerstand entgegen; sie waren die Unentschiedenen, die nach beiden Seilen hinkten, nnb die darum Elia am Karmel ausforderte, sich zu entscheiden; denn es wäre noch besser, wenn sie gleich den anderen abfieleu, als daß sie in dieser Halbheit und Scheinheiligkelt verharrten. Wahrhaftigkeit verlangt Uebeceinstimmung im Denken, Fühlen und Wollen, verlangt, daß die Religion unseres Herzens mit unseren Worten und unseren Taten übereinstimme. Eifervoller Kampf gegen die Halben und Lauen, gegen den Jndifferentismus, das ist die eine Botschaft des Prophe ten Elia auch au das Israel unserer Tage. Tiefer Jüdifst-' reutismus äußert sich in der Duldsamkeit gegen die Ab trünnigen, in der Unbesocgtheit gegenüber den Erscheinungen, die als Zeichen der Zeit eine ungeheure Gefahr für die Zukunft des Judentums und unserer Gemeinschaft bilden, in der Lässigkeit und Lauheit, mit der viele in unserer Mitte jüdischen Aufgaben, jüdischen Interessen gegenüberstehen, in der Gleichgültigkeit, mit der sie die Frage der Erziehung der Jugend zu treuen Anhängern unserer Religion, die Frage der eigenen Festigung in den Anschauungen des Judentums behandeln. Diese traurigen Vorgänge unserer Zeit urrd der Jndifserentismus ihnen gegenüber machen alle Gegenanstrengnngen fast zunichte. Mit welchen Mitteln lehrt uns Elia den Kampf führen? Sicherttch hat auch er des Mittels der Unterweisung und der Zurechtweisung sich bedient, durch Unterricht und Predigt die Abwehr versucht. Und Unttrriclu, und Predigt-) sind zweifellos noch heute geeignete Mittet der Abwehr; sind sie doch die Grundqucllen, ans bencu die Liebe zur Religion ihre Nahrung gewinnt. Aber die Nest gung und Verführung zum Abfall ist viel zu groß, als daß wir damit ausreichen könnten. Auch die Gleichberechtigung und Gleichbewertuug, die uneingeschränkte auf allen Gebieten des Lebens, die wir nicht gewaltsam herbeiführen können, so sehr wir sie wünschen und erstreben, würde kaum aller Not ein Ende machen. Im Kampfe gegen die falsche, übertriebene Toleranz, gegen die Art von Jndifferentismus, gegen die Elia sich gewandt hat, müssen wir es ihm gleichtun. Wir müssen den Abfall strenger und offenkundiger als bisher mit Verachtung belegen. Mit Abtrünnigen nach wie vor verkehren, das heißt so tun, als ob nichts geschehen wäre, Austritte- Taufen, Mischehen3) immer nur entschuldigen, verzeihlich oder gar begreiflich finden und duldsam hinnehmen, das bedeutet doch, gleichfalls nach beiden Seiten hinken, und verdient diesen Vorwurf. Wie jene 7000 in den Tagen Elias, so müssen auch wir ausgerüttelt werden, damit wir nicht länger nach beiden Seiten hinken. Sollen Charakterfestigkeit urrd Ueberzeugungstreue, die durch die vielen Anfeindungen des Judentums urüi der Juden ohnehin schon auf eine harte Probe gestellt werden, den Erwachsenen wie in der Jugend nicht völlig abhanden kommen, dann dürfen wir keine Lauheit und Gleichgültigkeit -zeigen gegenüber Eltern, die ihre Kinder schon frühzeitig unserer Gemeinschaft entführen, oder die zwar den Abfall für ein Unglück halten, dennoch ihren Kindern den Uebertritt verzeihen und ihnen auf der neuen, vielleicht sogar aussichtsvolleren Laufbahn hilfreich beistehen, so wie zuvor. Wollen wir die Wankenden und innerlich wenig oder gar nicht Gefestigten vor dem Abfall bewahren, dann zeigen wir ihnen durch unsere Abkehr von denen, die unsere Fahne verlassen haben, wie sehr wir solche Treulosigkeit vernrteileir und verachten. Haben wir in der Gestalt Elias die innerste Seele Israels entdeckt, so stimmt hierzu der Eifer, mit deur wir für die Religion, für die Wahrheit, für den Einig- Einzigen kämpfen, ein Eifer, der gegenüber den inneren' Feinden, die das Judentum bedrohen, sich von Fanatismus uur schwer freihalteu kann. Ter Elfer ist wohl am Platzst, weil es die Wahrung der religiösen Ueberzeugung, die Erhaltung der Heiligtümer unseres Herzens und unseres .Hauses gilt. Elia kündet uns aber noch eine zweite Botschaft, die Botschaft des Friedens und der Versöhnung. So wenig Rücksicht er einerseits gegenüber den Abtrünnigen kennt, gegenüber den Lauen und Halben, so sehr tritt er für Duldung und Verständigung ein unter denen, die auf dein gleichen Boden der Religion stehen, nur in den Aenßerungen ihres religiösen. Denkens und Empfindens sich unterscheiden. Elias Eifer für die Ueberzeugungstreue nach außen hin verdürbet sich mit Milde im Innern zu harmonischer Einheit. Bon dem Eiferer Elia sagt der Prophet: „Er wird einst kornmen, um das Herz der Väter ihren Kindern und das Herz der Kinder ihren Vätern wieder zuzuwcnden." Au die Väter und Söhne wendet sich Elia mit der Forderung des gegenseitigen Verstehenlernens und der gegenseitigen Duldung, ohne die eine religiöse Gemeinschaft so wenig wie irgend eine an dere bestehen kann. Die Allen müssen die Jungen perstehen lernen und ihnen Rechnung tragen. Sie dürfen sie nicht in rücksichtslosem Eifer schon als Abtrünnige bezeichnen und brandmarken, well sie sich bemühen, aus der Vergangenheit sich nur das zu erhalten, was ihnen auch im Lichts der Zeit verstattet, ihren reXigiöfen Pfad fortzusetzen. Wir brauchen nicht zu fürchten, daß alle diejenigen — und zumeist sind es die jungen Menschen — dem Ewigen die Treue brechen, die den Gebräuchen, wie dem Kultus der Alten fast entfremdet, von neuer Blldung erfüllt, nach neuen Formen für ihre gottesdienstlichen Feiern in Haus und Synagoge verlangen. Sie folgen nur dem natürlichen Zuge ihres Herzens; sie erfüllen damit auch die Bestimmung des Judentums. Gerade an das Peßachfest knüpfen sich ja alle die großen Wandlungen, welche die Verjüngung der Religion zur Folge hatten. 0 Der Talmud ist geradezu unerschöpflich in Sagen, deren Held Elia ist. -) Gottesdienst überhaupt. 3) Nachahmung nichtjüdischer Sitten und Gebräuche.

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