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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-03-30 · 13 (30.3.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
13 (30.3.1928)
Date
1928-03-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Wirtschaften in Polen gtgründet, die sich mit ihren Erzeugiliisen auszeichnen und gute Veldienile zu verzeichnen yaben. Tie landrvirtschastlicye Vlrocu in Beßaravlen vcrues während o^r ganzen Jeu unter schweretr Beorngungen. Sw litt auch injolge oer nrigecegelten Bezreyungen zwischen dem beßarabischen „On" und dem Verbände der Mischen 0)enossenschaften. Letztens wird eine Reorganisierung oei der territorwlen Abgrenzung der Arbeitsgebiete von Jca und „Ort" durchge,uyrt. A«les in altem investierte „Ort" in den landwirtschaftlichen Arbeiten in Beßarabien über Rm. 42000. teils in der Form von turzfristtgen, meistens aber von longsrisligcu Krediten. An Rüctzahlungen, gingen im verslofsenen Jahre über Rm. 21000. ein. Auf dent Gebiete der agronomischen Unterweisung in Beßarabien weiidrte „Lr!" große Ausmertsanneit dem Weinbau zu. II. Berufliche Ausbildung. Trotz drr schwierigen finanziellen Lage wurden im Vorjahre 12 neue Lehranstalten gegründet. Im Verlause dieser Feit sind aber von den 1l Fachschulen, die „Ort" in Rußland unterstützte, 9 in das Siaalsbudgct einbezogen worden. „Ort" ergriff dann die Initiative zur Errichtung von speziellen Fortbildnngs.rnstalten für Lctnlinge, die in der für das Handwerk neu geschaffenen Situation von attuciler Bedeutung sind. Lolche gibt es gegenwärtig in Odessa, Minsk und Kiew. Gründung von Muslerweristätten für Erwachsene zwecks Produitivierung der deelassierten wird nunmehr in Angriff genommen. Im Allgemeine.: unterhielt „Ort" im Jahre 1027 HO Fachschulen mit einer (Gesamtzahl von 1 750 Lchülern. Im letzten Jahre wurden auch in Gemeinschaft mit Joint- und Jca Kurse für Instruktoren veranstaltlt und eilte sachliche Konferenz der Verwalter der jüdischen .Handwerisschnleu vrgani,iert. III. Tie Hilse sür den Aufbau des Handwerks geivährte „Ort" durch feine kooperative Einkaufs-Gesellschaft, die im Lause des Vorjahres jüdische Handwerker mit ProduktionS n.itlelu ans dem Wege von Kredit im Betrage von 072 000. Rm. versorgt. Niederlassungen dieser Kooperative bestehen bereitin Litauen, Lettland, Polen, Bneowina, Beßarabien und Rußland. Insgesamt hat „Ort" im Vorjahre Rnr. 1050000. airSgegeben. Tas Budget für das erste Halbjahr 1028 beträgt Rm.' 840 000. . Als wichtige Funktion betrachtete die Ientralverwaltnng den organiwiorM.'u Ausbau des Verbandes. Eine erfolgreiche Onmpagne wurde in Polen dnrchaesührt. Tie Fast der „Ort"- Mitglieder in Westeuropa hat sich verdoppelt. 20 neue „Ort"- Organisationen in Enrova irnd 0 .,Ort"-Komitees in Süd asri'a sind eutnandeu. Tie nächsien Aufgaben skizzierend, sü! rre der Berichterstatter, Herr Tr. Li.rgalowskh, aus: ..Wie groß, dei A'lkt.en brr Hitseteislnng seitens verschiedene- Komitees oder Ltistnngen, ..amerikanische und westeuropäische" auch sein mag, so wird doch die Verwirklichung der historischen Ausgabe der wirtschaftlichen Umschichtung setzten Endes davon abhängen, in wieweit es gelingen wird, die Anfbanenergien der ost ein-Mischen jüdischen Marse und bereit Willen zum Uinban zu organisieren und in Taten umzuwandeln. Tas Wachstum deS „Ort" hängt mit dem Wachstum der schassenden Kräfte der beteiligten Massen zusammen. Leine Kraft wurzelt in der volkstümlichen Beweguirg, deren Förderung und Ausgrüaltnng er als feine vornehmpe Mission b'trachte-. Die Götttnger Synagogengememde vor der Pfändung Tie Göttinger Gemeinde soll an die Hildesheimer Genteinde zur Aufrechterhaltung des Landrabbinats dieser 1500 Mark zahlet!, und zwar aus Grund eines fast 00 Jahre alten (Gesetzes. Es wurde zu einer Zeit erlassen, als es in Göttingen nur wenige jüdische Seelen gab. Ta Göttingen seit Jahrzehnten ein eigenes Rabbiuat hat, hat das Landes rabbiuat sür Güttingen jeden Sinn verloren. Nur: besteht der groteske Instand, daß die Göttinger Gemeinde im Gegensatz zrr der doppelt so reichen .Hildesheimer Gemeinde einerseits von dem preußischen Staate Beihilfen erhält, andererseits Zuschüsse nach Hildesheim entrichten soll. Daß dies in der steuerlich sehr belasteten und durch die Notwendigkeit, demnächst zwei alle Beamte in den Ruhestand zu versetzen, in arge Berlegenheir geratenen Gemeinde die größte Erbitterung hervorrnft und bei manchem Lauen dem Ansehen des Judentums schadet, läßt sich denken. In diesen Tagen soll die Pfändung vorgenotnmen werden. Bedauerlich ist, daß wahrscheinlich dieser Skandal in die breite Oeffenttichkeit dringen wird. Wilhelm von Scholz im Verband Rationaldeutscher Juden Wilhelm von Scholz, der Vorsitzende der Sektion für Dichtkunst der „Preußischen Akademie der Künste" hielt am 22. März 1028 im Bankettsaal des Restaurants „Rheingold" aus Einladung des Verbandes Nationaldeutscher Inden einen formvollendeten Vortrag, dessen Thema lautete „Bon unserem N a t i o n a l g e f ü h l". Au. Hand der Historie wies Wilhelm von Scholz nach, daß der sogenannte „rassenreine" Staat nichts anderes darstelle als eine Utopie oder einen schönen Traum, daß aber Deutschland insbesondere durch seine geographische Lage allein eine solche Utopie vollkommen ausschlösse. Deutschlands Grenzen standen von jeher dem Einfall fremder Volksströine offen. Huunenschwärnn» rasten in entfesseltem Nomadenlum über die deutschen Felder und Fluren, Russen, Spanier, Kelten, alles hinterließ die Spuren kriegerischer Einfälle auf deutschem Lande und in deutschem Blut. Ein bekannter Forscher und Rassentheoretiker hat nachgewiesen, daß beispielsweise aus einem Torfsriedhof bei Halle a. S. bereits die Schädel form e n aller Rassen und M i s ch l i n g s v ö l k e r der Erde zu finden seien. Auch ein kleines Städtchen, wir Rottweil in Schwaben, wo Römerblut und Hunnenblut in besonderer Mischung neue Menschenartungen züchteten, wurde von Wilhelm von Scholz herangezogen, um die Tragödie der deutschen geographischen Lage als eines Turchgangslandes „tat exochen" zu beweisen. Aber mit Recht wies der Dichter daraus hin, daß eben dieses Mixtum compositum einen kulinrell fruchtbaren Faktor bedeute. Er trat den Beweis dafür insbesondere bei den Schlesiern an, bei denen sich ungefähr um das 12. Jahrhundert durch die Mischung fränkischsächsischen mit slawischen, hauptsächlich polnischen Elementen, ein vollkommen neuer, außerordentlich leistungsfähiger Stamm herausbildete. Aber wenn Scholz auch, wenigstens im Falle Deutschlands, die Möglichkeit eines unteilbaren rassereinen Volkes leugnete, so begriff er doch sehr wohl, daß, in. vielen Menschen die Sehnsucht leben könne, quasi zu einem nationalen Wesen „erlöst" zu werden. Nur dürfe dieses nationale Wesen nicht mehr in einer gewaltsamen Sollanschauung bestehen, die zum Untergang verurteilt sei, sondern sie müsse einen gesunden Wirklichkertssinn verraten, der niemanden nach seiner Abstammung, jeden hingegen nach feiner deutschen Bewährung frage. In diesem Zusammenhang kam er aus die Romantik zu sprechen, die er als eine Sehnsucht der Sprossen aus n e u d e u t s ch e m Stamm, im Gegensatz zu den geschlosseneren altdeutschen Stämmen definierte. Mit Recht aber bezeichnete er jede Sehnsucht als glühender und fruchtbare!, denn Besitz. Und diese Sehnsucht ist das menschliche Ideal des Deutschtums. In geistreichen Hypothesen erging der Dichter sich nunmehr über das Nationalgesühl als solches, das nach chm nur zwei Pole kennt, nämlich Haß und Liebe. Haß gegen fremde Völker, Liebe zum eigenen Volk. Und er begründete die Wesensverschiedenheit des Nationalgefühles nach 1870, lvo Deutschland, wie jedes siegreiche Volk, keinen Haß kannte, weil er gegenstandslos gewesen wäre, und dem Nationalgefühl nach dem Weltkrieg, wo sich erst langsam aus dem Chaos wieder ein einheitliches Nationalgesühl entwickeln mußte, dessen edelste Wurzel die aus Leid — aus dem gemeinsamen Leid aller Deutschen — sprießenden Liebe sein müsse. Er zitierte das Römerwort: „Die siegreiche Sache gehört den Göllern, die besiegte dem Cato." Biel catomsches Lebensgefühl mußte sich nach Niederlage und Niedergang Deutschlands erst auf Gedeih und Verderb zu langem Leiden mit Deutschland verbunden fühlen, um zu erkennen, daß kein Raum mehr vorhanden sei für Haß. Mit Fug verlangte er von jenen Deutschen, denen eine solche Entsagung schwer fiele, und die immer noch Rache und Wiedervergeltungsgedanken in sich nährten, daß sie erstens lernten, jeden Gegner für ebenso ehrlich und überzeugt zu halten wie sich selbst, zweitens weniger das Trennende als das Verbindende des N a t i o n a l g c f ü h l e s empfinden und betonen lernen. Mit der Sophokleetifchen „Antigone" ries er all diesen Revanchepolitikern zu: „Nicht mitzuhassen, initznliebcn sind wir da." Und er führte aus, daß es im Grunde ja niemals die Völker seien, die einander mit blutigem Krieg überziehen, sondern immer nur Regierungen, die heute kommen und morgen gehen. Mit tiefer Innigkeit aber sprach er von der magischen Gewalt des Lebens, die allem wahren Nationalgefühl zu Grunde liegt, Uttd die er in der Sprache, in der gemeinsamen Sprache eines Volkes, zu erkennen glaubt. Tie Sprache sei das „Sesam öffne dich" alles Nativnalgesühles. Wenn Johannes am Kreuze von den „substantiellen Worten" gepredigt habe, die wirkten, oder wenn und damit wandte er sich insbesondere an die national)e.utschen Juden seines Auditoriums — die jüdische Sage das Wort an den Anfang alles Seins setzt, so sei das ein heiliges, mit Ehrfurcht zu betrachtendes Symbol. „Auf den Armen des Herrn" — so sprach der Dichter — stüitden Schriftzcichen wie weiße Flammen auf schwarzem Grund. Dieses Deutschland der Sprache, das jedem Deutschen ins Herz gewachsen ist, und das Scholz mit dem alten Rom verglich, das auch hervorgegangen sei ans den Kämpfen Latiums mit den Etruskern und anderen Fremdvölkern und dessen Sprache, das weltbeherrschende Latein darum auch alle Strenge, alle Abgehärtetheit, ja alle Härte soldatischen Wesens verraten hätte, um schließlich doch in dem stolzen Nationalbekenntnis zu gipfeln: „Civis romanus sum", walte heute noch geheimnisvoll wie eine vielfältige, schöpferische, dunkel gebärende Mutter, die von ihrer Sehnsucht mehr weiß als von aller Erfüllung. Instinktiv rede die Sprache von Staatsgesinnung, aber von Volksgefühl. Dieses Volksgefühl aber müsse allgemach einen jeden Deutschen durchdringen. Aushöreit müsse das ewige blutige Ballsprel, wo Grenzlatrde und goldiger Besitz hinüber- und herübergeschlendert würden. Heller und heller werden aber müsse und würde jenes Licht einer bestimmten geistigen Farbe, das ausgebreitet liege über dem Deutschland genannten Stück Mitteleuropa. Und unser Nationalgefühl habe nicht der Illusion eines rassereinen Deutschlands nachzujagen, aber es habe von jedem deutschen Staatsbürger, sei er germanischer, sei er jüdischer Abstammung, zu fordern ein „Deutschland der Seele, des Geistes, des Willens, der L e i ft u n g, kurzum des deutschen Bewähre ns". Dieses deutsche Bewähren sei allein das Kriterium unseres Nationalgefühles. Mit drei stimmungsvollen Sonetten, betitelt „Willen und Glaube", schloß der Dichter seinen ebenso inhaltsreichen wie formvollendeten Vortrag, dem der Vorsitzende, Rechtsanwalt Naumann, nur noch einige bewegte Worte des Tankes folgen ließ ' Toris Wittner. Herr Dr. Oskar Lohn und seine «sogenannten" Liberalen Von Dr. Kurt Fleischer- Berlin. Der emeritierte Staatspolitiker Herr Dr. Oskar Eohn ist nun iu die Gemeindestube eingezogen, um das erstaunte Volk in die Technik des Spieles aus dem Instrumente der großen Politik einzusühren. Fürwahr, er ist ein anerkannter Virtuose. Er hat uns noch gefehlt, und zwar als Vertreter nicht einer religiösen Richtung, sondern der sozialistisch-nationaljüdischen Arbeiterschaft (Poale Zion). Wie uns was gespielt wird, soll ein politisch Lied aus der letzten Repräsentantensitzung zeigen. Der gewiegte Politiker spricht gern von den „sogenannten" Liberalen. Wir wollen ihm drob nicht grollen; denn es liegt bei ihm wohl die Verwechslung des politischen Liberalismus, den er kennt und bekämpft, mit dem religiös liberalen Liberalismus, mit unserer „sogenannten" Weltanschauung vor, für die ich bei Herrn Dr. Cohn keinerlei Verständnis voraussetze. Und nun das Lied selbst: Vor etwa zwei Monaten haben die Liberalen die Getzattserlchhung des Herrn Tr. Freund mit der Stimme des Herrn Tr. Cohn abgetthnt, der als Linkssoziali't folgerichtig mit uns stimmte. Infolge des Einspruches der Liberalen konnte ein Fehler im Protokoll der Sitzung diesen „Schaden" auch nicht wieder gutmachen und man mußte mit besserer Regie erneut die Gehaltserhöhung beantragen. Dazu hält nun Herr Dr. Cohn eine Rede in zwei Teilen. Teil 1 (für seine sozialistischen Arbeiterwähler). _ Die Gehälter der Oberbeamten und Rabbiner hätten längst die Höchstgrenze erreicht. Er könne weitere Aufbesserungen nicht mitmachen (so auch seine Abstimmung vor 2 Monaten). Vielmehr müßte an die Besserstellung der Kleinbeamten gedacht werden. Beifall auch bei uns Liberalen. Aber Teil 2 (für die Freunde im zionistisch-mittelparteilichen Block) aber er denke garnicht daran, sich in die „Galeere" der „sogenannten" Liberalen zu begeben und mit ihnen gegen die Erhöhung zu stimmen, wie er es übrigens vor kurzer Zeit noch bei der Zulage zu einem Rabbinergehalt fertig brachte. Wir hätten nicht etwa sachliche, sondern nur persönliche Motive der Feindschaft gegen Herrn Dr. Freund. Deswegen (also gegen seine bessere politische Erkenntnis) werde er sich der Stimme gänzlich enthalten. Sollte dabei der erfahrene Politiker übersehen haben, daß bei der nun folgenden Abstimmung mit 10 zu 10 die Stimme des Vorsitzenden, der dem Block angehört, den Ausschlag gibt? So geschah's und das Gehalt des Herrn Tr. Freund einschließlich des Wohnungsgeldes beträgt nunmehr 23 200. Mark. Nein Herr Dr. Cohn, eine so große Politik machen wir nicht mit und sür alle Zukunft nicht. Unsere Stimmen werden weiterhin nach sachlichen Gesichtspunkten abgegeben werden, auch wenn eine uns gegensätzliche Partei mit uns stimmt, auch sogar, wenn ein guter Antrag von Herrn Dr. Cohn ausgehen sollte. So habe -ich z. B. in meinem Antrag auf Einsetzung einer sozialen Kommission vor meinen geeigneten Parteifreunden die Herrn Dr. Cohn und Ministerialrat Goslar zu Mitgliedern vorgeschlagen, weil ihre Kenntnis und ihr soziales Empfinden m. E. dem Wohle des Ganzen dienen werde, notabene falls die Kommission zu arbeiten anfängt. Wir Liberalen wollen und können das Instrument der großen Politik nicht spielen. Praktische Lebenserfahrung, jüdisches Herz, Wissen und Wollen sind und bleiben unsere Leitsterne. Sie allein sollen über unserer Gemeindearbeit leuchten. Max Hachenburgs Lebenserinnerungen eines Rechtsanwalts Max Hachenburg, — der bekannte Mannheimer Rechtsanwalt, hat Lebenserinnerungen geschrieben, die für jeden Juristen und Politiker lesenswert sind. Dem Kenner der Mannheimer Verhältnisse bereiten sie noch einen besonderen Genuß. Daß ein Jude unter den deutschen Rechtsanwälten an führender und repräsentativer Stelle steht und zu den angesehensten juristischen Schriftstellern zählt, darf uns mit Genugtuung erfüllen. Das Wesen dieses Blattes gibt den Gesichtspunkt, von dem aus das Werk betrachtet werden soll. Hachenburg stammt aus einer alten Mannheimer jüdischen Familie. Auf dem alten Mannheimer jüdischen Friedhof stehen viele Grabsteine mit dem Namen Hachenburg. Mütterlicherseits stammt Hachenburg aus einer Rabbine'rfamilie. Der Großvater Elias Präger war Rabbiner in Bruchsal, der Onkel Moses Präger Stadtrabbiner in Mannheim (Schöpfer des Mannheimer Gebetbuches). Ein wundervoll plastisches Bild entwirft Hachenburg von seiner Mutter, an die ich aus meinen Jugendjahren noch Erinnerungen habe. Ja, so waren unsere Mütter und Großmütter, harmonische Naturen, die mit angestrengter Tätigkeit im Hauswesen eine hohe Allgemeinbildung vereinten und immer noch Zeit zu weiterer Fortbildung fanden. Das Judentum betreffende Fragen werden nur kurz berührt. Die Hauptquelle des Antisemitismus sieht Verfasser in der niedrigen sozialen Bewertung des Juden und dem Beharren auf dieser überlieferten Einstellung, die eine gewisse Suggestivgewalt hak. Er empfiehlt als Heilmittel die Anpassung. Aber „nur dann läßt sich die Assimilierung erreichen, wenn die, welche das deutsche Ethos in sich ausgenommen haben, es als Juden weilergeben". Darf man daraus schließen, daß Hachenburg die Flucht aus dem Judentum verdammt? Im Hinblick aus das antisemitische Vorurteil empfiehlt er seinen jüngeren jüdischen Kollegen das „Abwarten bis ihr gerufen werdet" Aber als Korrelat vermißt man die Mahnung an diejenigen, die selbst die „Abwartenden" aus niedrigen oder nichtigen Beweggründen — und dazu rechne ich die sogen. Rücksichtnahme auf das Volksempsinden — zurückstoßen. Ueber die weiteste jüdische Kreise, insbesondere unsere Juristen, beschäftigende Frage, die man schlagwortartig als „jüdische Rechtsnot" gekennzeichnet hat, äußert sich Hachenburg nicht; er würde sie wohl verneinen, wie er auch die Vertrauenskrise der Justiz leugnet. Sonst erfährt man aus dem Buch, das Hachenburg als vielseitig interessierten Menschen zeigt, nichts über seine Stellung zur jüdischen Gemeinschaft. Und doch hat er innerhalb derselben Leistungen aufzuweisen, die über die Zugehörigkeit kraft Abstammung hinausgehen. Hachenburg hat dem Synagogenrat (d. i. Vorstand) der jüdischen Gemeinde Mannheim von 1893—1012 als Mitglied angehört. Er war Mitglied der badischen israelitischen Landessynode (d. i. des Landesparlaments) und zweimal der bewährte Präsident dieser Synode in den Jahren 1898 und 1901. Er hat vom Jahre 1903 ab dem badischen Oberrat der Israeliten (also der israelitischen Oberkirchenbehörde) mehrere Jahre angehört. Bon dieser sich über lange Jahre erstreckenden Tätigkeit sagt .Hachenburg in seinem Werke nichts, das doch sonst vieles enthält, was mit dem beruflichen Leben des Verfassers nicht oder in nur losem Zusammenhänge steht (wobei noch anzusühren wäre, daß H. gerade als Jurist in diesen jüdischen Körperschaften geschätzt war). Von der Präsidentschaft 5).'s in der Synode, von der Mitgliedschaft im Oberrat kann man Rühmliches Nachlesen in dem Geschichtswerk von Adolf Lewin, Geschichte der badischen Juden S. 436, 454, 463, 457 (wo sogar eine ganze Rede wörtlich nachzulesen ist), und neuerdings in der Heimatgeschichte der badischen Juden von B. Rosenthal (S. 404 fgd.), im Verordnungsblatt des badischen Oberrats der Israeliten, man wird in einem Artikel über Hachenburg davon lesen können (er wird ihm nicht entgehen!), aber auf den 352 Seiten der Lebenserinnerungen dieses Mannes ist kein Sterbenswörtchen davon zu lesen. Warum diese Zurückhaltung? Bedeuteten diese Tatsachen in H.'s Leben so wenig, daß sie nicht einmal andeutungsweise in seinen Erinnerungen aufzunehmen waren? Sie gehörten doch sicherlich nicht zu dem geheimen Gut des Privatlebens, worüber sich nichts erzählen läßt. Warum sollte die Welt nicht erfahren — intra et extra muros —, daß H. seine Kraft auch der jüdischen Gemeinschaft zur Verfügung gestellt hatte? Ob eine Erwähnung, eine Darlegung der Bedeutung dieser Tätigkeit dem Ansehen der jüdischen Gemeinschaft genützt hätte, weiß ich nicht. Aber das weiß und empfinde ich, daß diese Unterlassung mehr ist als eine bedauerliche Unterlassung, daß sie von der jüdischen Gemeinschaft als ein Schlag ins Gesicht, als ein Affront empfunden werden muß. Daß er nicht beabsichtigt war, ändert nichts an der Sachlage. Es ist nicht der erste, den wir erleben, es wird auch nicht der letzte sein, der uns aus den eigenen Reihen zuteil wird. Leider fällt für uns damit ein leiser Schatten auf das sympathische Bild des Verfassers. Und deshalb können wir das Buch, so sehr seine Lektüre ein Genuß ist, nicht mit voller Befriedigung aus der Hand legen. Justizrat Dr. Appel-Mannheim.

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