Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 11 (16.3.1928)
- Date
- 1928-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Schwärmerei und Wahrheit Tie Sehnsucht nach Zion lebte nach der Zerstörung Jerusalems in den Herzen der nach Babylon Vertriebenen, namentlich der Priester und Leviten, „an den Bächen Babylons saßen sie und weinten." Tie nachexilischen Propheten hatten die Hoffnungen auf einen Wiederaufbau des Tempels erweckt, friester und Leviten gedachten trauernd der alten guten eiten, der sorgenlosen Existenz. Das Volk, namentlich die ärmeren Kreise, hatte weniger Ursache, sich zurückzusehnen, seit Salomos Zeiten war es gedrückt und ausgesogen worden, vergeblich hatten die Propheten gegen die Reichen und Uebermütigen, gegen Schlemmer und Wucherer gekämpft. Zwei Menschenalter waren seit dem Exil verflossen, als C y r u s die Rückkehr zwecks Wiederaufbaues des Tempels gestattete. Nur eine kleine Zahl machte von der Erlaubnis Gebrauch, die Mehrzahl verblieb in der neuen Heimat. Schon lange vor der Zerstörung bestand nur noch eine scheinbare Selbständigkeit des Reiches. Nicht die staatliche Wiederherstellung war die Sehnsucht und die Hoffnung gewesen, nur der Wiederaufbau des Tempels des religiösen Mittelpunktes, war das Ziel der Wünsche. Etwa 4M Jahre konnten die Rückgekehrten ihren religiösen Interessen unter abwechselnd persischer, ägyptischer und syrischer Oberhoheit nachleben. In den spärlichen Nachrichten, die uns aus dieser Zeit überkommen sind, finden wir keine Andeutung von irgend welchem Streben nach nationaler Selbständigkeit. In dieser Zeit war das Interesse nur auf die Fortentwickelung der Religion gerichtet, und zu diesem Zwecke die Absonderung von den umwohnenden Völkerschaften immer strenger durchgesührt. Tiefe Trennung erweckte aber bei den Nachbarn Feiiü>- schaft und Haß, jedoch auch im eigenen Lande mehrten sich die Gegner solcher Beschränkungen und Einengungen. Als dann Antiochius IV. den syrischen Thron bestieg, gewannen die Feinde des Volkes mrd die Gegner in dessen Mitte das Ohr des neuen Regenten, wußten durch Verleumdungen chn aufzubringen und Verordnungen herbeizuführen, die das Volk ins innerste Herz trafen. Er verbot die Ausübung aller religiösen Vorschriften, besonders die Sabbatfeier, die Speisergesetze und die Beschneidung; das Heiligtum ließ er verunreinigen. Wie heute noch ganz Israel einmütig zusammensteht, wenn es M, die Heiligkeit und Reiicheit seiner Religion zu verteidigen, so erwachte auch damals die sittliche Empörung und religiöse Begeisterung. Zuerst erhob ein kleines Häuflein die Waffen gegen die syrischen Unterdrücker, größer und größer wurde ihre Schar, ohne Furcht vor Leid und Gefahr, Tod und Untergang wurde der Kamps gegen die gewaltige Großmacht ausgenommen und zum Siege geführt. Nur zum Schutze der Religion, nicht für politische Selbständigkeit hatten die Makkabäer die Waffen ergriffen, mit dem Rufe: „Für Gott und die Religion!" stürzten sie in den Kampf, bluteten, starben und siegten. Lange währte der Krieg. Mattathias und zwei seiner Söhne, Juda und Jo na tan, hatten -ihr Leben hingeben müssen, bis ein anderer Sohn, Simon, den Sieg errang und von Syrien als Volksoberhaupt und Hoherpriester anerkannt wurde; unter chm ward Judäa ein selbständiger Staat. Aber diese Selbständigkeit war nur durch ein Bündnis mit Rom erreicht worden, und in dieser Verbindung lag der Keim des Verfalls. Rom handelte stets nur im eigenen Interesse, seine Pläne waren weitausschauende, wurden langsam aber sicher verfolgt. Nur 70 Jahre konnte sich Judäa der politischen Selbständigkeit erfreuen, aber diese Jahre waren erfüllt von Parieihaß und Streit, von Blut und Bürgerkriegen. Tann wurde Roms Saat reif, mchr und mehr schlug es das Land in Hesseln und Bande, bis es zuletzt ganz unter Roms Herrschaft geriet, erst zu einer römischen Provinz herabsank, um endlich ganz vernichtet zu werden. Jerusalem wurde züm zweiten Male zerstört, mit seiner Selbständigkeit war es endgültig zu Ende, wenn auch 60 Jahre später es durch BarKochbas Aufstand noch einmal zu einem kurzen Traum kam, dem ein schreckliches Erwachen folgte. TaS Wort des Propheten Secharia, welches erbei der Rückkehr aus Babylon ausgerufen hatte: „Nicht durch Kriegsmacht, nicht durch Gewalt, sondern in meinem Geist, spricht der Herr Zebaoth" hatte sich wiederum als einzig wahre Richtschnur erwiesen und verblieb von da an die Fahne des Judentums. Mit der Zerstörung Jerusalems war die politische Geschichte der Judenheit beendet, die Geschichte des Judentums begann. Für dieses, als Religionsverband und Religionsvolk wurde zum Leitstern für seine ferneren Aufgaben der Ausspruch des Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert: nichts anderes als Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gotte." Tie Sehnsucht nach Zion, als religiösem Zentrum, blieb in den Herzen der Juden, aber es wurde als religionswidrig angesehen, selbstmidig die Rückkehr nach Jerusalem.zu betrüben. Man erwartete sehnsuchtsvoll die Zeit, in der Gott di«j Vertriebenen Zions zum Aufbau des religiösen Heiligtums zurückführen würde, aber der Grundsatz: „Jede Vereinigung um Gottes willen hat Bestand, ist sie aber nicht um Gottes willen getroffen, dann geht sie zugrunde" fand allgemeine Anerkennung. Solche Versuche, in das Walten Gottes einzugreifen, blieben nicht aus. Etwa 10M Jahre nach dem Untergang des Staates trat ein schwärmerischer Jüngling, David Alroy, mit der Angabe auf, ein Nachkomme des davidischen Königshauses zu sein, und versuchte, Anhänger für seine messianischen Träumereien zu finden; die Bewegung endete unglücklich. Ein kabbalistischer Phantast, Abraham Adula fia, unternahm 100 Jahre später einen gleich erfolglosen Versuch. Ihm folgten etwa 200 Jahre danach zwei Schwärmer, David Reubeni und Salomo Molcho, mit gleichem Mißerfolg. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts trat prit derartigen Phantasien der unselige S a b b a t a i Zewi auf, sein Versuch wurde mit Strömen Muts der von chm Verführten bezahlt. Hundert Jahre später spielte der abgefeimte Betrüger Jakob Frank wieder seine mysteriöse Rolle als Messias. Wir studieren Geschichte, um aus ihr Erfahrungen zu sammeln. Tie Ergebnisse unserer Geschichte zeigen klar und deutlich, daß das Judentum aus sich heraus nie das Bttmrfnis und das Streben nach nationaler Selbständigkeit gehabt, daß es seinen Zweck stets nur in Religionsübung gesehen hat. Aber wer studiert jüdische Geschichte? Vor 150 Jahren noch niemand, vor 100 Jahren nur wenige, heute fast nur Gelehrte, Rabbiner und Lehrer, die große Masse weiß von ihr blutwenig. Wäre die Kenntnis der Geschichte Allgemeingut der Judenheit gewesen, dann hätten Schwärmer und gar Betrüger niemals größere Kreise verführen und schließlich ins Unglück stürzen können. Auch der Wunsch nach Wiederherstellung des früheren Tempeldienstes ist eine geschichtliche Unmöglichkeit. Wie viele unserer Glaubensbrüder beten nicht heute noch dreimal täglich: „Erlöse uns um Deines Namens wlllen, sammle uns von den Enden der Erde, setze wieder Richter ein, wie ehemals, aber regiere Du, o Gott, allein über uns in Gnade .und Barmherzigkeit, kehre in Erbarmen nach Jerusalem, Deiner Stadt, zurück, lasse den früheren Dienst zu Deiner Ehre wieder einrichten und gib uns Frieden, Heil und Segen", wie wenigen von ihnen ist aber bewußt, was sie tausendmal im Jahre erflehen. Haben sie wirklich den Wunsch, ihren jetzigen Wohnsitz aufzugeben und nach Palästina zurückzukehren? Wirklich Sehnsucht nach den früheren Richtern, nach den Streitigkeiten zwischen den Saducäern und Pharisäern, den Hilleliten und Schamaiten, nach weiterem Aufbau von Verordnungen und Erschwerungen? Wünschen sie wirklich eine alleinige Regierung Gottes, ohne menschliche Obrigkeit, menschliche Gesetze und Gerichte, die Herbeiführung von Zuständen, wie in der Richterzeit, in der „jeder tat, was in seinen Augen recht erschien"? Wollen sie wirklich die Wiedereinführung des Opferdienstes? «Brand" und die Bibel Zu Ibsens 100. Geburtstag am 20. März. Von Rabbiner Tr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Wir verdanken Ibsen nicht nur das Wort in seinen Briefen, das in seiner Wahrheit noch heute und immer weiter zu Recht besteht: die Juden, der Adel des Menschengeschlechts. Was hat sie in ihrer Absonderung so rein und in Poesie erhalten trotz aller Roheit von außen? Weil sic k e i n e n S t a a t mit sich herumzuschleppen brauchten. Wären sie in Palästina geblieben, sie wären längst in ihrer . Konstruktion unter gegangen wie andere Völker, — sondern derselbe Dichter hat auch in seinem gewaltigsten Drama grade und in seinem wahrscheinlich unvergänglichsten, im „Brand", das Problem der Religion in den Mittelpunkt gestellt und dieses Problem durch zahlreiche direkte und indirekte Anspielungen aus unsere Bibel zu lösen versucht. Aber dieses Drama geht unfern Kreis noch ganz besonders an. Ist es doch der ungestüme Drang nach Verweltlichung der Religion und Versrommung der Wett, nach Durchbrechung der Schranke, die so viele von der religiösen Gemeinschaft nur deshalb trennt, weil sie hier das Göttliche nicht als „Gott" verehren können, den persönlichen Gott in den Mittelpunkt aller Fragen und alles Gestaüens gestellt sehn, die ihrer bewußte und um den Einzelnen wissende Gottheit als Herrin ihres Lebens nicht mehr airerkennen können und doch religiös, tief religiös fühlen und so in ihrem Wollen bestimmt werden — ist es doch dieser Drang und diese Sehnsucht, die so vielfach, so vielfach die unsrige ist, für die der Held kämpft und leidet und an der ec schließlich zugrunde geht. Brand, der sich — am Anfang des Dramas — durch den Schnee müht, wird vergeblich von einem Bauern auf den gefährlichen Weg aufmerksam gemacht. „Ich muß, ein Größerer mir's gebot." „Wie nennt er sich?" „Gott selber ist's. Als schwaches Werkzeug mich erliest ,er." Er trifft einen alten Bekannten, und von ihm nach dem Ziel seines Weges gefragt, erwidert er: „Zum Begräbnis wand re ich." „Begräbnis?" „Ja, eingesargt der Gott der niedern Erdenscelen, den ihr in eurem Herzen bargt." Doch weshalb ist das nötig? Weil die Frömmigkeit überall eine halbe ist. „Ein jeder weiß, ob groß, ob klein, von alilem etwas nur zu sein. Ein wenig ernst bei heil'gen Fragen, ein wenig treu der Väter Brauch." Und wie stellt man sich Gott vor? Gar verschieden und gar weichlich, und schwächlich. Doch Brand hat eine andere Vorstellung. „Mein Gott ist nicht so matt gesinnt. Ter meine ist t u r m, der deine Wind. Unbeugsam meiner, deiner dumpf, alliebend meiner, deiner stumpf... Sein Ruf ist wie ein Sturmgetön, das aus dem F e u e r b u s ch erscholl zu Mose, auf des Horebs Höhn, ein Riese er, jedem der Zoll. Die Sonne stand in Gideons Tal aus sein Gcheiß." Und als der Bekannte ihn davor warnen will. Altes durch Neues zu verdrängen, saßt Br. seine Absicht dahin zusammen: „Nach bloßem Neuen, streb ich nicht. Aufs E w'g e nur leg' ich Gewicht. Ter Kirche Satzungen und Lehren verniag ich füglich nicht zu ehren. Sie sind entstanden in der Zeit. Und also kann es wohl gescheh'n, daß sie auch in der Zeit vergehen... Doch eins bleibt ewig unermessen, der nnerschafsne freie G e i st , der lebenbringend sich erweist." Ter Bekannte geht. Brand bleibt allein und hat noch ein Zusammentressen mit einem geisteskranken Mädchen, das auch von Religion spricht. „Wer flieht noch weiter von Vernunft", fragt sich Brand. „Ter Leichtsinn, der Stumpfsinn, der Wahnsinn?" Er kommt an den Strand. Und als eine Frau die Schreckenstat ihres Mannes berichtet, der sein Kind getötet und Hand an sich selbst gelegt und im Verscheiden ist, will Brand zu ihm — trotz heftigen Sturmes. Vergeblich die Warnungen der anderen. „Ja euer Gott hilft keinem fort. Doch wißt, der meine ist an Bord." Agnes, die Erwählte des Bekannten von vorher, sollt ihm, sagt sich von ihrer ersten Liebe los und folgt Brand für immer. Er aber hat bei dem Toten ein erschütterndes Erlebnis gehabt. Tie Macht des Schicksals hat sich ihm offenbart. „Schwindel — tiefe Rätselfragen, wer darf euch zu deuten wagen? Doch am Abgrund tanzt die Schar, ohn' Bewußtsein der Gefahr." Er soll an diesem kleinen, engen Ort Priester werden. Er weigert sich erst, er will hinaus zu den „Tausenden". Tenn „eines kannst du nie verschenken, dein Selbst, dein Ich, den heil'gen Tein." Er bemerkt Agnes, die er begeistert hat, und die ihn zu verstehen glaubt. „Hier drinnen fühl ich mächt'ge Ströme rinnen; weltengroß nach allen Seiten fühle ich mein Herz sich weiten." Und Brand: „Ja im Innern, da, da liegt es, wer dort kämpfet, der besiegt «es." Tie Mutter trifft ihn und wlll das Versprechen von ihm, daß, er ihr in der Sterbestunde nahe sein werde. Er aber will es nur, wenn sie sich ihrer Habe entäußert, nach der sie immer so gegiert. Sie will einen Teil geben. Er aber verlangt „alles oder nichts". Dach sie kann sich noch nicht entschließen. Und so sagt auch er nicht zu und geht auch später wirkliche nicht, als die Stunde gekommen war. Er warnt auch Agnes jetzt schon: „Doch ich bin im Fordern strenge. Alles oder Diese „gute alte Zeit" ist endgültig vorüber, die Zionsfehnsucht malt sich eine Vergangenheit, die niemals existiert hat, eine Zukunft, die nie emtreten kann, die aber in ganz anderer Weise dereinst in Erfüllung gehen möge. Ter Prophet Jeremias hatte schon vor der ersten Zerstörung Jerusalems die Zukunft des jüdischen Volkes ge- „Siche, es kommen Tage, da Ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund schließe, und dies wird mein Bund sein: Ich will mein Gesetz in ihr Inneres legen und ihnen ins Herz schreiben. Ich will ihr Gott, und sie sollen Mein Volk sein." Alle Späteren haben auf diesem Gedanken aufgebaut, haben dadurch die Lebenskraft des jüdischen Stammes gestärkt und erhalten, er ist die messianische Hoffnung Israel» geworden. Nicht polüische Selbständigkeit, soirdern ein Gottesrerch, nicht nationale Staatenbildung, sondern ein goldenes Zeitalter der allgemeinen Gotteserkenntnis, das ist die religiöse Zukunft des Judentums, das ist die Wahrheit! Joseph Kau ff mann, Weißenfee. Mnna Schwarz GedenMatt zum 40jährigen Jubelfest des Frauenoereins der Berliner Logen (18. März 1928). Von Professor Tr. Eugen Wölbe. Als vor nahezu einem halben Jahrhundert in dem pommerschen Städtchen Pyritz eine ledige Mutter jüdischen Glaubens der gesellschaftlichen Aechtung seitens der Gemeinde anheimfiel, ward in der jugendlichen Minna Rosenau (später verehel. Schwarz) das soziale Empfinden gegenüber jener angeblichen Sünderin stärker und nachhaltiger als in ihren ebenso wohlbehüteten und daher keinerlei Gefahren ausgesetzten Gefährtinnen geweckt. Dies Mitgefühl mit den Verstoßenen und Hilfsbedürftigen blieb andauernd rege. Darum begrüßte sie es, daß sie dem Manne ihrer Wahl nach Berlin folgen durfte, denn hier bot sich der warmherzigen, sozial ein> gestelllen Frau ein reicheres Betätigungsfeld als in dem Provinz städtchen. Kaum hatte der 1842 in Amerika gegründete Orden „B'nai B'riß" in Deutschland Wurzel gefaßt, als sich auch schon die Frauen der Berliner Logenmitglieder zu einem Unterstützungsverein zusammenschlossen. Im Anfänge des Jahres 1888 aber machten sich in dem einer geordneten Organisation entbehrenden Könventikel Bestrebungen geltend, die auf feste Konstituierung sowie auf Inangriffnahme umfassenderer sozialer Wohlfahrtspflege abzielten. Diese Tendenzen führten zur Gründung des „Frauenvereins der Berliner Logen", die an jenem Marztage erfolgte, an dem der erste Deutsche Kaiser das Zeitliche segnete. Von dem Gedanken geleitet, der notleidenden jüdischen Bevölkerung Arbeit zu verschaffen, statt sie mit Mmosen. abzuspeisen, sorgte der neue Frauenverein für Beschäftigung, Handwerkszeug, Nähmaschinen etc. Mit der Aufnahme von Damen, deren Männer dem Orden „B'nai B'riß" wicht angehörten, erhöhte der Verein seine Leistungsfähigkeit, die sich — infolge Anregung seitens des damaligen Großpräsidenten Maretzki — in der Vermehrung der Aufgaben um eine großzügige Wochenpflege auswirkte. Sett dem Jahre 1902 widmet sich der Frauenverein lediglich diesem Zweig« jüdischer Liebestätigkeit. Ten Wöchnerinnen stellte er zunächst Pflegerinnen, deren Hilfe die Ehemänner der Sorge um den geregelten Haushalt überhob. Jetzt unterziehen sich 22 wohlausgebildete Pflegerinnen dieser segensreichen Tätigkeit. Mit der Uebernahme der Vereinsleitung (190/) gewann Frau Minna Schwarz größeren Einfluß auf die Verwirklichung der dem sozialen Geiste der Zeit entsprechenden Zwecke und Ziele. Sie setzte zunächst die Aufnahme der werdenden Mütter in ein jüdisches Entbindungsheim durch. Dann aber faßte sie die Ausbildung jüdischer Säuglingspflegerinnen nichts verlang' ich." Doch sie glaubt, es aushalten zu können: „Mir die Nacht! Durch Todesnot! Fernher winkt ein Morgenrot!" Drei Jahre später. Agnes spricht über den Gatten und er über sie und sein Ämt und seine Auffassung von Gott und Menschen. „Im Amt sah ich ein Martyrium. Und sieh, wie freundlich kehrt sich's um, es folgt Gelingen meiner Spur." Sie erinnert daran, daß er oft Blutstränen geweint habe. „Kann sein, doch hatt' ich einen Freund. Mit dir zog hier die Liebe ein, ein-Heller Frühlingssonnenschein... Tie Summe all der Lieb und Güte, die ich verborgen still und reich, blieb aufgespart zu später Blüte, zum Kranze um dem Haupt für euch." Aber Agnes verweist darauf, daß er auch andern Liebe schenkte. Weint 'eine Mutter, schreit ein Kind, da fehlt cs nimmer auch an dir. Tu bist dein Elend Rat und Krücke. » An deines Herzckus reichem Tisch findet die Not stets Brot und Fisch." Aber nicht immer nehme er es milde. Er schlage oft, wo er streicheln sollte. Ta aber verweist Brand aus G o t t e s Streu g e in der Liebe und Liebe in der Strenge. „Hart ist sie, bis du zitternd hinkst, bis bn zerknirscht die Hand« ringst." Agnes äußert ihre ersten Zweifel, doch der Gatte „Merk dir die Wahrheit, wie vertrakt sie auch dem großen .Haufen sei: Schließ niemals einen feigen Patt." Doch Brand ist sich bewußt, wie viel er fordert. „Ich beiße mir in Qual und Schmerz wohl auf die Zung', und statt zu zücht'gen, möcht' ich den Armen gern bcschwicht'gcn, ihn drücken an mein liebend Herz." — Eine Sorge erfüllt ihn, die um sein Kind. Es müßte fort, 'sonst droht ihm der Tod. Agnes: Gott darf nicht, er wird gnädig sein." Brand: „Und wenn er dürfte? — O, er darf. War nicht auch Abrahams Messer scharf?" Hub in seinem Entschluß, dazubleiüen, wird er durch den Vogt gestärkt. Dieser Frömmigkcitsheuchler möchte den ecnsten Förderer Brand sorthaben. „Das bißchen Aufschwung, die Erhebung, die wohl aus seiner Erdenbahn der Mensch braucht, ist es auch ein Wahn, werd' ich' besorgen mit Ergebung. Doch laßt den Werktag Werktag sein und gebt ihm keinen Heil'genschein." Brand: „Und dennoch bleib' ich, euch zum Trotz... ich lache eures bitter» Spotts. Ter Mann, der recht sein Ziel erkannt, folgt einer SchriftvonGottes Hand, der Feuerschrift: Hier ist dein Land!" Und der ganze Gegensatz kommt in den Worten zum Durchbruch: „Die Besten folgen meinen Fahnen." (Brand.) Die meiste» gehn auf meinen Bahnen." Einen Augenblick schwankt er aber doch, als der Doktor die Ottsveränderung um des Kindes willen für unumgänglich erklärt. Aber der Hohn des Arzte-