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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-03-16 · 11 (16.3.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
11 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Die messianische Hoffnung Die mesflanische Hoffnung des Judentums Bon Rabbiner Dr. Albert Wolf, Dresden. In der von dem Christen Herman herausgegebenen, in zweiter Auflage 1927 von Harling bearbeiteten „Geschichte des jüdischen Volkes" wird als Motiv der jüdischen Geschichte die Messiasidee bezeichnet. Den Sinn der Geschichte des Judentums sehen die Verfasser in dem Streben nach Verwirklichung des Reiches Gottes. Tatsächlich dürste die Messiasidee die leitende, oft freilich unbewußte, man könnte sagen, metaphysische Idee der jüdischen Geschichte sein. Da um der Verwirklichung dieser Idee willen das Judentum lebt und leben muß, ist sie naturgemäß auch der immanente Grund aller Lebenserscheinungen des Judentums. Insofern ist es auch richtig, wenn in dem Buche gesagt wird: „Die eigentliche Ursache aller Leiden der Juden liegt in der Messiasidee." Aber ebenso gut könnte man sagen: Die eigentliche Ursache der frohen Bejahung des Judentums durch die Juden ist die Messiasidee. Der Christ sieht in der Geschichte des Judentums eine Geschichte des Leidens. Der Jude leidet nach christlicher Auffassung um des Messias willen. Im jüdischen Denken und Empfinden aber bedeutet die Messiasidee nicht sowohl die Ursache alles Leidens als vielmehr den Sinn und Zweck des Daseins, um derentwillen man auch Leiden, wenn es notwendig ist, auf sich nimmt. Dem Christen ist Leiden Schicksal. Für den Juden ist Leiden nicht sinnloses Schicksal, sondern durch den Zweck bestimmtes Kämpfen und Ausharren. Der Jude leidet um eines Zweckes, um einer Idee willen. Dieser Zweck ist der Grund seines Lebens, wie alles Leben überhaupt. Er ist der Sinn der Welt. Dafür zu leiden, heißt, die Welt bejahen, die nur durch Kämpfen, Mühen und Leiden zu ihrem Ziele geführt werden kann. Der Messias des Christentums ist der Leidende, der das Leid der Welt auf sich nimmt, und der die Welt überwindet. Der Messias des Judentums erscheint zwar bisweilen auch in Anlehnung an Secharjah 9 als der Arme und Elende; aber zumeist ist er doch der Königssohn, der Sohn Davids, der Menschensohn, der die Welt zu ihrem Ziele führt. Darum kann nur eine typisch-christliche Auffassung von der Geschichte des Judentums in dieser Geschichte vor allem das Leid sehen, während der Jude auch den Fortschritt in der Geschichte erkennt, an diesem Fortschritt frohen Anteil nimmt und darum das Leid, das dtkrch diesen Fortschritt bedingt ist, zwar als ein Nebel, aber nicht als Wesen der Geschichte sieht. Der Messias, der die Welt zu ihrem Ziele führt, das also ist der Messias des Judentums. Dies Ziel aber ist unendlich. Es ist unendlich groß in seiner sittlichen Vollendung, es ist unendlich fern in seiner Verwirklichung. Das Reich des Messias wird nicht, weil sein Kommen sich verzögert, in den Himmel versetzt, sondern das Reich des Messias im Sinne des Judentums ist von dieser Welt, es ist das Gottesreich auf Erden. Aber das tägliche Harren auf das endliche Kommen des Messias ist durch den weltbejahenden Willen des Judentums zum immerwährenden Streben nach dem Reiche des Messias gewandelt. Das Reich des Messias ist zur Idee, d. - h. zur unendlichen Aufgabe gestaltet. Im Sinne des biblischen Judentums stellt sich dieses Reich dar als das Friedensreich, über das ein König aus Davidschem Stamme herrscht. „Es geht ein Reis aus Jsais (Davids) Stamme, es keimt ein Sproß aus seinen Wurzeln. Es ruht auf ihm der Geist des Ewigen, der Geist der Weisheit und der Vernunft, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Ewigen. Gerechtigkeit ist der Gurt seiner Hüften und Treue der Gurt seiner Lenden. Es wohnt der Wolf mit dem Lamme, der Panther lagert beim Böcklein; Kalb und junger Löwe lagern zusammen, ein kleiner Knabe leitet sie." Die Vorstellung von dem Könige des Rechtes, der aus Davids Stamme hervorgeht, verbindet sich mit der Vorstellung vom Reiche Gottes. „Der Ewige wird König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig." Diese beiden Vorstellungen von dem König aus Davids Geschlecht und von dem Reiche Gottes auf Erden bilden den Grund, auf dem alle späteren Messiaserwartungen aufgebaut sind. Das Reich Gottes auf Erden denkt man sich als ein Reich des Friedens, dessen Herrscher ein König aus dem Stamme Davids, ein nach Brauch mit Oel gesalbter König, der Messias (Moschiach, der Gesalbte) sein wird. Dreses Reich Gottes, Malchuth Schaddar, das Reich des Allmächtigen, ist ein irdisches, ein auf Erden zu erstrebendes irnd zu verwirklichendes Reich. Ein Doppelsinn aber entsteht. Das Judentum scheut sich, Gott mit Namen zu nennen. Anstelle des Gottesnamens finden wir sehr häufig das Wort Schamajim Himmel. Als Beispiel diene dre bekannte Bezeichnung für Gottesfurcht. Da gebraucht das spätere Judentum nicht mehr den Ausdruck Jirath Adonai Ehrfurcht vor dem Ewigen, sondern, um den Gottesnamen zu vermeiden, spricht man von Jirath Schamajim der Ehrfurcht vor dem Himmel, wobei Himmel nichts anderes bedeuten soll als Gott, in keinem Falle einen Gegensatz zur Erde, in räumlicher Beziehung bedeutet. So spricht man auch von einem Reiche des Himmels als von dem Reiche Gottes. Das himmlische Reich ist nicht ein räumlich von der irdischen Welt getrenntes Gebiet. Das himmlische Reich Malchuth Schamajim ist eben das Reich Gottes, das auf Erden verwirklicht werden soll. Aber der Ausdruck braucht nur wörtlich genommen zu werden, und es wird daraus das Himmelreich, auch räumlich von dieser Welt geschieden, das Reich, das nicht von dieser Welt ist. Auch im Judentum erhält bisweilen das Wort vom Gottesreich diesen Sinn eines überweltlichen jenseitigen Himmelreiches. Dies umsomehr, je mehr sich die wirklichen irdischen Zustände von dem Jdealbilde eines Gottesreiches auf Erdm entfernten, und je weniger begründete Aussicht vurhanden war, daß ein israelitischer König aus Davids Geschlecht zur Herrschaft gelange, vor dessen Friedensscepter sich alle Völker neigten, dessen gerechtem Urteilsspruch und dessen Friedenswort alle Menschen lauschten. Das Kommen des Messias wird nun wirklich in eine ungewisse Zukunft versetzt leathid labo, das Reich des Himmels wird zum Reiche der Zukunft, zur kommenden Welt, Olam haba mit all den Unbestimmtheiten und unklaren Gefühlsmomenten, die mit diesem Begriff bis auf unsere Tage verbunden sind. Und wie der Mensch, den die Wirklichkeit um alles betrogen bat, letzte Zuflucht findet in seinen Träumen, so zieht sich das Judentum in seine Traumwelt zurück. Und sein Traum heißt kommende Welt, heißt Messias. Persönliche, nationale, menschheitliche Sehnsucht fließen in dem einen Begriff des Messias zusammen; das Reich, das er der Welt bringt, bedeutet Erlösung von irdischem Leid, ist die Erfüllung nationaler Hoffnungen, ist das Reich des Guten und des Friedens für alle Menschen. Nach einem Worte des Talmud sind dem Messias die Schlüssel der Auferstehung der Toten übergeben. Die Unsterblichkeitssehnsucht des Menschen ist mit der Messiashoffnuug verquickt. Die Zeit der Auferstehung ist aber auch die Zeit der Rückkehr Israels nach seinem Lande. Zugleich ist cs die Zeit, da nach verzweifelten Kriegen und Kämpfen die Welt des Friedens endlich teilhaftig wird. Eine eindeutige klare Lehre vom Messias, von seinem Wirken und von seinem Reiche gibt es nicht. In den Sagen und Erzählungm vom Messias spiegelt sich deutlich die Not und Sorge der Zeit wider. So in der Armilussage, in der wohl auf das weltbeherrschende Rom angespielt wird. Armilus ist der Widersacher, der Messias der Völker, der gegen Israel kämpft und große Not über Israel bringt. .Die Sage berichtet von der Geburt des Armilus: In Rom gibt es eine Marmorsiatue, schön von Gestalt, ähnlich einer Jungfrau. Die Sündhaften unter den Völkern kommen und erregen den Stein und halten Beilager. Ihr Samen wird in der Mitte des Steines bewahrt, und ein Kind wird daraus gebildet. Der Stein spaltet sich, ein menschenähnliches Wesen geht daraus hervor, sein Name ist Armilus. Das ist der Antimessias, der lange triumphiert und der die Erde beherrscht, der der Bosheit zum Siege verhilft über die guten Mächte, der aber schließlich von dem Messias ben David, dem rechten Messias, dem König der Gerechtigkeit und der Liebe, besiegt wird. Wir ersehen aus dieser und ähnlichen Sagen, wie das Volk sich in seiner Not eine geistige Zuflucht geschaffen hat. Tie Menschlichkeit siegt über die Bosheit. Ter kalte Stein, mit dem die Sünde sich gepaart hat, hat den Herrscher der Welt geboren. Aber seine Herrschaft ist begrenzt. Er wird von dem Sohn des Menschen besiegt. Wir sehen, wie der Glaube des Judentums an den Sieg des Guten stärker war als die Not. wie dieser Glaube geholfen hat, über die verzweifelnde Stimmung Herr zu werben und immer wieder den Weg in die Zukunft zu finden. Freilich war die Gefahr vorhanden, daß durch allzu drastische Schilderung der Freuden der Messiaszeit die gegenwärtige Not zu stark empfunden würde, daß man dann das Kommen des Messias berechnete und daß, wenn die Berechnung sich als falsch erwies, Verzweiflung die Gemüter erfaßte. Darum tadelten die Weisen solche Berechnungen. Ein Lehrer sagte: „Es mögen vergehen, die das Ende verrechnen. Denn sie sprechen, weil die Zeü da ist, er aber nicht gekommen ist, wird er Überhaupt nicht kommen. Vielmehr harre seiner, wie es heißt, wenn er auch zögert, harre auf ihn." Ern anderer Lehrer meinte sogar: Die alten Prophlezeiungen den Messias betreffend, seien bereits in dein Tagen des Königs Chiskia eingetroffen, die Israeliten hätten darum keinen Messias mehr zu erwarten. Allerdings spricht aus diesen Worten mehr der Bericht auf eine Hoffnung als der gesunde Lebenswille des Judentums. Ter Lebenswille des Judentums hat die Hoffnung immer von neuem geweckt. So sagt Rab: Alle Zeitpunkte sind vorüber, sein Kommen hängt nur von Buße und guten Werken ab. Mit diesem Satze ist der Standpunkt gewonnen, von dem aus allein die Messiashoffnung bewertet werden darf. Tenn allein die Beziehung auf das Gute, auf die Entwicklung der Sittlichkeit und der religiösen Einsicht der Menschen gibt der Messiassehnsucht ihren religiösen Sinn und ihre sittliche Bedeutung. Me Berechnung der Zeü des Messias, alles Ersinnen von Zeichen des kommenden Messias ist ein Ausfluß, des Zweiselns am Leben. Ter Glaube hat sein Ziel, das unabhängig ist von Zeichen und Wundern. Das Ziel des wahrhaft jüdischen Glaubens ist die Herrschaft des Guten und des Friedens, das Reich Gottes auf Erden. Dieses Reich aber kann allein aufgebaut werden durch die sittliche Kraft und die religiöse Hingabe des Menschen. Das besagt die folgende Erzählung des Talmud: Am Eingang der Höhle des Rabbi Simon ben Jochai traf Rabbi Josua ben Levi den Propheten Elia. Er fragte ihn, wann kommt der Messias? Elia -erwiderte, geh, frage ihn selbst. Wo befindet er sich? Am Eingang der Staat (Rom). Und was ist sein Zeichen? ,Er sitzt zwischen Annen mit Krankheü belasteten, und er bindet ihre Wunden einzeln auf und bindet sie einzeln wieder zu. Ta ging er (Rabbi Josua ben Levi) zu ihm hin und sprach: Friede sei mit dir, mein Lehrer und Meister. Er antwortete: Friede sei mit dir, Sohn des Levi. Er fragte ihn, wann kommt der Herr? Er erwiderte, heute. Er kam zu Elia unld berichtete chm und sagte chm, er hat gelogen. Denn er hat zu mir gesagt, heute komme ich, urch er ist nicht gekommen. Ta erwiderte Elia: So hat er es gemeint: „Heute, wenn ihr auf seine Stimme hört" (Psalm 95,6). Elia ist nach alter Ueberlieferung der Vorbote des Messias, der sein Kommen ankündigt. Diesem Vorboten des Messias wird das Wort in den Mund gelegt, daß! das Kommen des Messias abhängt von den Menschen selber. Er kommt noch heute, wenn ihr Gottes Wort vernehmt. In dieser Bedeutung ist die Messiaslehre eine Grundsäule des Judentums. Nicht durch ein Wunder kommt der Messias, sein Kommen ist von der Gesinnung und der Tat des Menschen abhängig. So widerspricht der Messiasglaube des Judentums der Lehre von der absoluten Sündhaftigkeit der Menschen. Und nicht erlöst der Messias die Menschen von der Sünde, sondern man könnte den Satz gewissermaßen umkehren und sagen, die Menschen erlösen >den Messias: denn er kommt erst, wenn die Menschen sein Reich würdig vorbereitet haben. Das ist die Hoffnung des Judentums, daß die Menschheit immer höher sich entwickelt, daß sie immer näher kommt dem Ziele, das ihr aufgegeben. Ter Glaube an den Messias aber ist der Glaube an dieses Ziel. Ter Messiasglaube des Judentums ist ein Protest gegen die Anschauung von einem blinden Schicksal sowohl wie gegen die Lehre von einem nur durch äußere, natürliche Ursachen bestimmten Weltgeschehen; er bedeutet den Glauben an den Fortschritt der Geschichte, die nicht Ablauf eines vorbestimmten Geschehens ist, sondern Gestaltung eines Zieles, Aufbau der Welt. Ter Messiasglaube ist der Glaube an den Menschen, an seine Freiheit, an seine sittliche Kmft und an die Aufgäbe, die chm in der Welt gegeben ist, und -der Messiasglaube ist schließlich der Glaube an das Kommen des Gottesreiches auf Erden, das wir, wenn sein Kommen sich auch verzögert, erhoffen und erstreben sollen: jenes Re'ches, von> dem der Prophet Jesaias kündet: Es wird sein am Ende der Tage, da wird feftaegründet sein der Berg des Hauses des Ewigen, und alle Völker werden zu ihm strömen. Und viel« Völker werden kommen und sprechen, auf, lasset uns hinaufzichen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, und er lehre uns seine Wege, und wir wollen wan/deln auf seinen Pfaden. Denn von Zion geht die Lehre aus, und das Wort Gottes von Jerusalem. Und er wird richten zwischen dm Völkern und entscheiden vielen Nationen. Und sie werden chre Schwerter zu Sensen umschmieden und chve Sperre zu Winzermessern. Nicht mchr erhebt Volk gegen Volk das Schwert, nicht erlernm sie ferner dm Krieg.

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