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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-03-09 · 10 (9.3.1928) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
10 (9.3.1928)
Date
1928-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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unfreiwillig parodistisch wirkende, literarisch wertlose Schmarren des Silvesterabends, dem wiederum eine geschmacklose Rassenvechetzung das Gepräge lieh. Gleichviel, ob der selbstherrlich veranlagte Jürgen Fehling das Szepter der Regie in beiden Fällen schwingen mochte: die letzte Verantwortlichkeit blieb bei Leopold Jeßner, der aus irgendwelchen utmerforschlichen Imponderabilien 'Selbstverrat beging, indem er sich mit den Sünden Jürgen Fehlings solidarisch erklärte. Die von rechtsgesinnten Kreisen erhobenen Vorwürfe gegen die unverstümmelte Aufführung des „WozUek" im Schillertheater hingegen vermögen wir nicht zu unterschreiben. Ein für allemal: das Theater ist weder ein moralisches Institut, noch eine Kleinkinderbewahranstalt. Alte Jungfern beiderlei Geschlechts, die an einem Worte voll Kraft und Saft Aergernis nehmen, tun besser, daheim die, Fibel zu lesen. Aber all diese die Freunde Jeßners verdrießenden Schritte vom Wege sind längstens wieder ausgeglichen durch seine grandiosen Inszenierungen des „Florian G eye r" und „D e r W e b e r". Leopold Jeßner hat wieider „heimgesunden"' und die seelische oder geistige Infektion ist vergessen, ob sich die Obskuranten im Landtage auch noch io eifrig die Schädel einrennen mochten. Und der 50. Geburtstag! Leopold Jeßners bot willkommenen Anlaß, ihm durch würdige Feiern seiner Mitarbeiter und stürmische Huldigungen seiner Freunde mit Fug zu beweisen, daß>der Platz, den er einnimmt, in der Republik des Gei st es und der Geistigen unerschüttert und unerschütterlich feststeht. Immer, wenn eine junge, selbstherrliche, auf eigenen Wegen eigenen Zielen zustrebende Kraft auf dem Plane erscheint, wird man von einem „Fall""Greden. Otto Brahm war ein solcher „Fall". Max Reinhardt war ein solcher ,-Fall", und der „Fall" unserer Epoche Heißt nun einmal „Leopold Jeßner", weil in ihm sich die stärksten und eilgenibrödlerischsten Potenzen unserer Zeit verkörpern. Der „Fall" wird gesteigert und kompliziert, weil in Jeßner neben und außer dem in politicis noch radikaleren Piscator politisch-republikanische und künstlerisch revolutionäre Triebe am Werke sind. Und weil in unserer königlich-preußischen Republik die konservativen Elemente eine geschlossene Phalanx des Widerstandes bilden. Jeßner ist aber nicht nur jung — trotz seiner 50 Jahre — sondern auch unverbraucht. Vielleicht hat gerade seine Herkunft aus dem kleinen polnischen Ghetto, deren er sich so gerne rühmt, ihm frühzeitig die Weisheit ins Blut gegossen: „Truck erzeugt Gegendruck". All der Druck, der vielleicht aus seinen Vorfahren gelastet hat, mag in dem späten Erben und Enkel, dem Träger westeuropäischer Kultur, die Schärfe und Unerbittlichkeit des Gegendrucks und die Zähigkeit, sich selbst durchzusetzen, konzentriert haben. Jeßner verschmäht gemeinhin Kompromisse und verlacht Konventionell. Daher säumen Feinde, Gegner und Neidlinge selbstverständlich jeden Weg, den er aufrechten Hauptes schreitet. Auch wir sind, wie wir eben dargelegt haben, nicht immer und keinesfalls bedingungslos mit dem künstlerischen Schaffen Leopold Jeßners einverstanden. Aber in jeder seiner Bühnenleistungen hat sich bis auf die letzten tragischen Intermezzi ein schöpferischer Gedanke und ein unbeugsamer Wille, diesen Gedanken durch die Tat zu gestalten, offenbart. Und wenn „man" (d. h. die „Intellektuellen") ehedem das weiland „Königliche" Schauspielhaus nur mit einem mitleidigen Lächeln streifte mnd bestenfalls bedauerte, welch großer Aufwand — an hochwertigen Künstlern und künstlerischem Material — schnöde hier vertan ward, so horcht man heutzutage gespannt auf, sobald es heißt: eine Uraufführung oder eine Neueinstudierung im Staatstheater stehe bevor. Vielen urteilsfähigen Kritikern des Berliner Bühnenlebens wird beispielsweise Jeßners Neubelebung gewisser klassischer Werke, die uns sakrosankt sind, nicht ohne einen automatischen Protest von Herz und Hirn eingehen. Aber sei's drum! Auch wenn uns hin und wieder ein Experiment als zu gewagt, ja als verwegen im Sinne der Dichtung erscheinen mag, das Experiment als solches bleibt ein Verdienst, dem nicht allein um seines Mutes, sondern auch um seines Ideenreichtums willen Hochachtung gebührt. Auch als Reinhardt die Klassiker, wie e r sie auffaßte, zur Darstellung brachte, fehlte es nicht an ernstzunehmendem Widerspruch. Tenn jeder Neuerer ist ein Revolutionär, der das Heute oder bester noch das!Morgen gegen die kompakte Masse der Ewig-Gestrigen zu vertreten sucht. Bor 25 Jahren hieß dieser kühne Aufrührer Max Reinhardt. Und dazumal gab es auch einen „Fall Reinhardt". Heute heißt er „Leopold Jeßner", und darum werden von Zeit zu Zeit immer wieder jene, die das Bestehende um sieden Preis verteidigen, nur, well es besteht und ihrer Meinung nach immer bestanden hat, Sturm laufen gegen einen, der A wagt. Zeitliches nicht mit Ewigem zu verwechseln und dem Gerste seiner Zeit gerecht zu werden. Alle großen Menschhettserscheiuungen sind Empörer genlesen wider eine Vergänglichkeit, die sich als Unzulänglichkeit erweist. Auch! Leopold Jeßner ist vom Stamm dieser trotzigen Empörernaturen. Vielleicht überhitzt und überspitzt er seine Eingebungen sogar zuweilen, well er seinen Geist und seinen Willen schärft an der Stumpfhell der anderen, die auf die Fahne des Ewig- Unveränderlichen schwören. Jedenfalls: ob'für oder wider Leopold Jeßner: soviel steht fest, daß an seine Persönlichkeit heute der stärkste künstlerische Einfluß Berlins und die schöpferischsten Potenzen der deutschen Bühne gebunden sind und daß sein Name in den Annalen der ehrwürdigsten Berliner Bühne ruhmreich fortleben wird. Darum: mag auch die akute „Vertrauenskrise" Jeßner überwunden sein, die latente Krise, die den Namen Leopold Jeßner an der Stirne trägt, möge uns noch lange erhalten bleiben. Und die nächsten fünfzig Jahre mögen ihn ebenso jung und unbekümmert finden wie das vergangene halbe Jahrhundert. Zu dem Jubiläum von gestern aber beglückwünschen wir nicht den Jubilar, sondern uns selbst, denn wir fühlen uns als die Beschenkten, innerlich reicher Gewordenen. Die Frankfurker Israelitische Religionsgesellschaft eine Körperschaft öffentlichen Rechtes Ter Preußische Landtag verabschiedete in seiner Sitzung am Sonnabend, den 3. März, in zweller und dritter Lesung den Gesetzentwurf, der die israelitische Religionsgesellschast in Frankfurt a. M. zur Körperschaft öffentlichen Rechtes wacht. Tie Verhandlungen über das Zustandekommen des >Hes zogen sich einige Jahre lang hin. Der Staatsrat verlangte die Abänderung des Artikels 1 der Verfassung, in der gesagt wird, die in Thora, Talniud und den rabbinischen Cvdrzes Schulchan Aruch enthaltenen Bestimmungen seien der Kehlllath Jeschurun die höchste Autorität. Im Interesse dos Ansehens der Staatsautorllät verlangte der Staatsrat, daß vor dem Worte „Autorität" das Wort „religiöses" eingeschaltet werde. Das Preußische Staatsministerium ist dem Gutachten des Staatsrates nicht beigetreten mit der Begründung, daß, durch die Einschaltung des Wortes „religiöse"" der Sinn des in Betracht kommenden Satzteils nicht verändert würde und daß zweitens die Religionsgesellschast kaum zu der Abänderung bereit sein würde. Vor der Abstimmung hiell der völkische Abgeordnete Boß, eine antisemitische R«>e, in der er ausführte, die israelitische Religion sei keine Religion im Sinne von Kulturstaaten. (Jta.) Der Verband russischer Inden in Denkschland Die Berliner Repräsentantenversammlung hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, dem Verband russischer Juden in Deutschland eine Subvention zur Verfügung zu stellen. Der nachfolgend« Aufsatz gibt einen Ueber-- blick über die segensreiche Tätigkeit des Verbandes. Die Red. Seit 1920 besteht in Berlin ein Verband russischer Juden in Deutschland. Er hat sich gebildet, als in Folge des Krieges uird der Revolution in Rußland eine große Anzahl russischer Juden sich als Flüchtlinge nach Deutschland wenden mußten. Aufgabe des Verbandes war es, von seiner Gründung an durch gegenseitige Unterstützung seiner Mitglieder den mittellos Gewordenen in der schweren Zell zu helfen. Seit Anfang 1921 ist Vorsitzender des Verbandes der frühere russische Landesgerichtsrat, Wirklicher Staatsrat Exc. Jacob Teitel, der schon früher in Rußland durch seine energische Beteiligung an allen Hilfsmaßnahmen für die leidenden jüdischen Massen sehr bekannt und beliebt war. Die Tätigkeit des Verbandes erstreckt sich auf zahlreiche Gebiete. Er fördert nach Möglichkeit eine Rückkehr der Flüchtlinge nach Rußland, sowie die Auswanderung von Deutschland nach anderen Staaten; sucht diejenigen, die arbeitsfähig sind, Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen; gewährt Unterstützung an diejenigen Flüchtlinge, die außer Stande sind, sich selbst zu ernähren; errichtet Lehrkurse zur Anregung von praktischen Kenntnissen usw. Nach dem vorliegenden Bericht über die Tätigkeit des Verbandes in den Jahren 1920—27 wurden z. B. 1926 vom Verband 1125 Gesuche um einmalige bezw. monatliche Unterstützungen erledigt, wovon 1049 stattgegeben und 76 abgewiesen wurden. Im selben Jahre wurden von ihm 48 Familien jüdischer Jnterlettueller ständig unterstützt, an Kleinkaufleute und Handwerker 41 Darlehen zum Erwerb von Werkzeugen, Material und Waren in Höhe von je 50 bis 500 Mark gewährt (für diese Art Hilfe erhielt der Verband vom „Internationalen Arbeitsamt"" beim Völkerbund 1926 eine besondere Subveniion). Schon 1922 wurde eine Lehrwerkstatt für Strickarbeiten begründet, in welcher 300 Mädchen und Frauen verschiedenen Alters diese Arbeit erlernen und Beschäftigung erhalten konnten. Seit 1924 bestehen Lehrkurse für Stenographie, Maschinenschrift, Buchführung und englische Sprache, sell 1926 Lehrkurse für Zuschneiden und Nähen, Massage und Schönheitspflege. Im Herbst 1926 konnten die Lehrkurse des Verbandes in einem eigenen Heim untergebracht werden im Hause des bekannten Philantropen Hermann Abraham, Schaperstraße 34. Es wird vom Verband ferner ärztliche und juristische Hilfe geleistet; die Leitung des medizinischen Hilfswerks obliegt Frau Dr. med. R. Seligmann, der juristischen Beratungsstelle dem russischen Rechtsanwalt A. A. Goldenweiser. Ein besonderer Damenausschuß ist mit der Untersuchung der Lage der notleidenden Familien beschäftigt, ein Ausschuß für kulturelle Angelegenheiten veranstaltet regelmäßig Vorträge und Vorlesungen über wissenschaftliche und literarische Gegenstände. Bis zu den letzten Jahren konnte der Verein alle von ihm benötigten Mittel unter den wohlhabenderen Kreisen der jüdischen Flüchtlingskolonie in Berlin sammeln. Er brauchte kerne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern war sogar im Stande, andere Wohltätigkellsorganisationen seinerseits zu unterstützen. Seit dem Jahre 1924 aber ist ein großer Rückschlag zu verzeichnen. Die russisch-jüdische Kolonie in Berlin wird immer ärmer und der Verband mußte sich daher schon verschiedentlich an andere Organisationen mit der Bitte um finanzielle Unterstützung wenden. So erhielt der Verband 1924 von Dr. Bernhard Kahn, dem europäischen Direktor des „Joint Distribution Committee"" eine Subvention von 6000 Dollar, 1926 weitere 7000 Dollar. Die „Jca" unterstützte den Verband in den Jahren 1924 bis 1926 mit je 25000, 20000 und 20 000 franz. Frcs. Der „Hllfsverein der deutschen Juden"" veranstaltete 1925 eine Sammlung zu Gunsten des Verbandes, die 5500 Mark einbrachte, der schweizerische Gemeindebund gab 1926 1000 schweiz. Frcs., die „Alliance Jsraelite Universelle"" spendete in den Jahren 1924 bis 1926 je 25000, 10 000 bezw. 5000 franz. Frcs. Der Vorsitzende des Verbandes, Teitel, machte in den letzten Jahren verschiedene Reisen ins Ausland, um Mittel für den Verband zu sammeln, besuchte u. a. auch Genf, wo der Direktor des internationalen Arbeitsamtes Albert Thomas und der Chef des „Service des refugies russes"" Major Johnson einen Betrag von 5000 Dollar als Betriebsfond für Gewährung von Darlehen an Flüchtlinge leihweise zur Verfügung stellten. Vom Umfang der Tätigkeit des Verbandes kann man sich auf Grund des Rechenschaftsberichtes für 1926 einen Begriff machen. In diesem Jahr betrugen die Einnahmen im ganzen 132 363,91 Mark, von denen zum 1. Januar 1925 in der Kasse nur 3431,13 Mark geblieben waren, der Rest ging auf Unterstützungen, Krankenpflege, Unterstützung Studierender usw. auf. Da aber in der letzten Zeit die Not unter den russischjüdischen Flüchtlingen unaufhörlich im Wachsen begriffen ist und die vorhandenen Mittel nicht mehr ausreichen, entschloß sich der Verband, einen Aufruf mit der Bitte um Unterstützungen an die deutschen Glaubensgenossen zu erlassen. In dem Aufruf, der vom Polizeipräsidium der Stadt Berlin genehmigt und von dem Vorsitzenden des Verbandes, Staatsrat Teitel, und dem bekannten russisch-jüdischen Geschichtsschreiber S. Dubnow unterzeichnet ist, wird auf die furchtbare, durch Krieg, Revolution und Pogrome hervorgerufene Katastrophe des russischen Judentums hingewiesen, auf die schwere Lage der Flüchtlinge, von denen „viele Tausende, denen sowohl jeder Ausweg, als auch der Rückweg in die Heimat versperrt ist, gegen ihren Wlllen in Deutschland" bleiben müssen. Am Sonntag, den 5. Februar, fand im Beniner Logenhaus eine Konferenz des Leiters des Verbandes der i c H 0 K. 0 t AD russischen Juden statt, zu der alle Rabbiner der Stadt Berlin eingeladen worden waren. Staatsrat Teitel und der russischjüdische Dichter Dr. S. Tschernichowsky schilderten die Notlage der russisch-jüdischen Flüchtlinge. Die anwesenden Vertreter des Berliner Rabbinats machten verschiedene Vorschläge über die Einzelheiten der möglichen Hilfsaktion. Es wurde schließlich eine Kommission zur Ausarbeitung eines praktischen Programmes eingesetzt. I. L. Eros und Ethos im Judentum Der seiner praktischen Bedeutung nach durchaus noch nicht voll ausgeschöpfte Fall des Krantz-Prozesses, der uns mit Entsetzen aus den Theorien Freudscher Psychoanalyse in die wirren Jrrgänge der erwachenden geschlechtlichen Rchungen unserer modernen Jugend hinabzog, auch das lebhafte Interesse, das die Bücher des holländischen Gelehrten van de Velde von der „vollkommenen"" und noch mchr das letzte von der „Abneigung in der Ehe"" finden, und dazu die in erschreckendem Maße zurückgehende Zochl der jüdischen Ehen erklären den starken Beifall, den ein Vortrag des Breslauer Dozenten Dr. Heinemann in der jüdischen Volkshochschule wecken mußte, unter dem Titel: Eros und Ethos im Judentum. Der Vortrag wies der Idee des Eros im Judentum, der Sehnsucht des einzelnen nach Ergänzung seines eigenen Wesens durch das des anderen Geschlechts, ihren festen Platz innerhalb des Gesamtbereiches der kulturellen Entwicklung an. Zuerst hat sie das hellenische Schönheitsideal abgelöst, das schon in der hellenischen Antike und noch mehr späterhin im Römertum die Palme der Schönheit allein den Starken oder den Klugen zuerkannte und dabei die individuelle Eigenart so sehr auf diese allein beschränkte, daß die Gemeinschaft von ihren willkürlichen Strebungen ausgeschlossen blieb. Das Bewußtsein ihrer Unzulänglichkeit aber prägte schon allen Kunsterzeugnissen der Antike einen unverkennbar tragischen Zug auf. In der spätgriechischen Zell, besonders in den Grenzgebieten Großgriechenlands, entartete die althellenische Idee des Eros zudem so sehr zur niedern Sinnlichkell, daß sie hier völlig zum Astartendienst der älteren Semiten hinabsank. — Im Mittelalter bereitete der Eros des Judentums dem Ideal des Minnesangs ein Ende. Dieses war zumeist auf die äußere Eleganz und Pracht des höfisch ritterlichen Lebens gerichtet. Zudem war der Minnedienst der fahrenden Ritter und ihrer Sänger vor allem den Ehefrauen der Schloßherren zugewendet, so ging das Kulturproblem des Minnesanges letzten Endes auf die Erwerbung oder Erweiterung des eigenen Grundbesitzes mit dem Beistand edler Frauen durch die Begünstigung der stärksten Körperkrast hinaus. Unverkennbar deutlich wird dies, wenn man die Folge der Ritterromanzen des berühmtesten Epikers der Romania, Kriftians von Troies, durchgeht, und der beste deutsche Minnesänger, Herr Waller von der Vogelweide, weiß auch in seinen Liedern kein darüber hinausgehendes Ideal auszufinden. — Endlich wurde auch die kirchliche Askese verdrängt, die über alles das Ideal der Jungfräulichkeit erhob, die Brautwerbung Christi aber dennoch mit allen Gluten einer greifbaren Sinnlichkell ausschmückte. Durch solch, allegorische Umschreibung sucht die kirchlich durchtränkte Anschauung die klaffende Geistesleere des Monachus, des einsiedlerisch zurückgezogen lebenden Mönches auszufüllen, der nach der Weisung des alternden Hieronymus nur Gott und seine Seele kennt, sonst nichts weiter auf der Welt. Doch nicht aus deutscher Volkskraft heraus wurden besonders die beiden letzten Weltanschauungen durch Luther überwunden, sondern durch den biblischen Erosgedanken, denn wenn Luther das wackere Weib und sein rüstiges Wirken im Hause schildert, wie es späterhin auch Schiller besungen, so schöpfte er aus dem Hohenlied der jüdischen Hausfrau im Schlußkapitel der Sprüche Salomos, das vordem im jüdischen Haus am Freitagabend gesprochen wurde und durch die Vertonung eines genialen jüdischen Tonkünstlers vielleicht noch einmal zu fnschem Leben erwacht. Dieses Ideal der jüdischen Hausfrau preist an ihr wohl auch ihre Schönheit, aber nicht minder, ja noch mchr ihre körperliche Kraft, ihre ' Gewandcheit und Uebung in der Verrichtung der häuslichen. I

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