Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bedarf auch keiner besonderen religionsphilosophischen Schulung, um aus dieser reinen und unvergleichlichen Höhe unseres Gottes die weitere Begriffsbestimmung Einzigkeit abzuleiten, wie sie im Sch'ma, dem Hauptbekenntnis des Judentums, kundgegeben wird. Und daß infolge der Unveränderlichkeit des göttlichen Wesens diesem nichts körperliches anhaften kann, weil wir Menschen die Veränderlichkeit des stofflich Körperlichen beweisen können, ist wohl auch für den Laien eine leichteingehende Schlußfolgerung. Wir wollen aber hier nicht eine Aufzählung aller Einzelzüge und aller Wesensarten der jüdischen Gottheit vornehmen, denn diese Aufzählung, um die man sich mit Sorgfalt in den verschiedensten Religionslehrbüchern bemüht hat, wird immer Stückwerk bleiben. Hier kann nur auf die charakteristischen Züge des jüdischen Gottesbegriffs hingewiesen werden, die seine Eigenart und seinen Wert offenbaren. Man hat diesem jüdischen Gottesbegrifs auf der einen Seite rein nationale Begrenztheit aus das Volk Israel, auf der anderen Seite Weltferne, gedankenblasse Schemenhaftigkeit anheften wollen und man findet das Wesentliche dieses Gottesbegriffs, wenn man die beiden Charakteristiken, die in ihrer Uebertreibung als Vorwürfe gedacht waren, auf das richtige Maß zurückführt. Gott ist bis ins Einzelne nah und durch seinen universalistischen und sittlich vorbildlichen Charakter ewig fern. Es ist die unbestreitbare Eigenart des jüdischen Gottesbegriffs, daß er diese Spannung als bestehend bezeichnet und jede Vermittlerrolle für die Ueberwindung dieser Spannung ablehnt, so fern die Verbindung nicht vom Menschen selber hergestellt werden kann. So stehen unter Ablehnung aller polytheistischen, im Irdischen befangenen Glaubensvorstellungen, auch wenn diese menschennäher wären, und unter Ablehnung aller Halbgötterverehrung sich im jüdischen Gottesbegriff der supernaturalistische einig einzige Gottt und die eine Menschheit gegenüber, in der eigensten Schöpfung der jüdischen Religion: im lebenbejahenden ethischen Monotheismus. Es ist zwar eine aus der Menschennatur verständliche Sehnsucht, gerade aus dem Bewußtsein der eigenen Unvollkommenheit heraus, sich durch einen Vermittler die Vollkommenheit zu gewinnen oder doch über die Unvollkommenheit hinauszuwachsen; und es hat auch im Judentum an Versuchen nicht gefehlt, eine vermittelnde Kraft zwischen Gottheit und Menschheit in besondere Mittlerrolle einzufügen, man denke an den vom Alexandriner Philo aufgenommenen Logos, welcher in unverkennbarer Linie sich am Anfang des Johannes-Evangeliums zu den Sätzen verdichtet: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort usw." und welcher sich dann im Christentum zum „heiligen Geist" auswirkte. Aber das Judentum hat ebenso diese Mittelglieder zweier getrennter Reiche wie die pantheistische Lehre von der vollkommenen Übereinstimmung und Deckung zwischen Natur und Gott abgelehnt und hat es gewagt, Gott und Mensch als zueinander strebende und einander findende Welten zu lehren, die Gottheit aus Liebe in Gerechtigkeit walten, und den Menschen durch Demut und Ehrfurcht streben zu lassen. So wird bei mancher logischen Unvollkommenheit die sittliche Vollkommenheit des Systems geschaffen, dem Menschen wird die Verantwortung und Entscheidung überlassen und dies ist das Kriterium aller Sittlichkeit. So neigt sich der Begriff des heiligen, einig-einzigen und geistigen Gottes nach jüdischer Lehre aus der Höhe der überlegenen Vollkommenheit, die wir das Ideal zu nennen pflegen, uns zu als seelisch nahe, persönlich führende liebevolle Macht, die, wenn wir im Bilde oder im Gleichnis sie auch nicht darstellen können, uns doch nicht als abstrakter Gedanke, sondern als väterlich nahes Walten umfängt. Und so ist der Gottesbegriff uns begreifbar, weil wir ihn so brauchen: Denn alle Religion ist nur der Menschen wegen da. Rabbiner Dr. S. L e v i, Mainz. klopstocks biblische Dramen Zum 125. Todestage des Dichters: 14. Marz. Bon S. M e i s e l s. Die Bibel war von jeher eine der Hauptquellen, denen die deutschen Dichter die Stoffe für ihre Dichtungen entnahttten. Zunächst hatte das biblische Epos Eingang in die deutsche Literatur gefunden. Wer auch das biblische Drama wuroe frühzeitig ausgebildet. Beretts im Jahre 1562 wurde bei der Einweihung des Elisabethauses in Breslau eine deutsche Komödie „Kain und Mel" aufgeführt. Im 17. Jahchundert dichtete Matthias Holzwatt einen „Saul", ein Stück, das an Schaugepräge und Personenmenge die modernen szenenuud bilderreichen Stücke weit überbot. Dieses Stück wurde in Böhmen von hundert redenden und fünfhundert stummen Personen gespielt. Das Stück „Adam und Hewa" von Jakob Ruef, einem Wundarzt und Steinschneider zu Zürich, ging 1550 in Züttch mit einhundertundsechs handelnden Personen in Szene. Christian Weise (1642 bis 1708) schrieb die Schauspiele „Isaaks Opferung", „Jakobs Heirat", „Der keusche Josef" und andere. Diese biblischen Stücke wurden in Zittau, einer alten Sitte gemäß, an bestimmten Spieltagen durch die Schuljugend aufgefühtt. Eine Blütezeit biblischer Dichtung hat die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts zu verzeichnen. Es ist interessant und gewissermaßen recht seltsam, daß im 18. Jahrhundert, gerade zu der Zeit, als in England, Frankreich und Deutschland der Kampf gegen die posüive Religion heftiger denn je entbrannt war, die meisten Dichter auf biblische Stoffe zurückgriffen. Es ist ferner bemerkenswert, daß viele Dichter erst durch Bodmers Uebersetzung von Miltons Epos „Das verlorene Paradies" (1730) zur Bearbeitung biblischer Stoffe angeregt wurden; sie kamen also nicht geradeswegs von der Bibel her, sondern gleichsam auf einem Umweg zu chr zurück. Auf die vielen biblischen Epen, von denen hier nur der „Noah" Bodmers und „Ter geprüfte Abraham^ Wielands erwähnt sein mögen, folgte eine Reihe biblischer Dramen. Wie Bodmer der erste war, der wieder biblische Stoffe in der deutschen Literatur einführte, so hat er sich auch in biblischen Dramm versucht. Er schritt» unter anderem: „Ter erkannte Joses", „Der Tod des ersten Menschen^, „Ter Vater der Gläubigen", ein Drama, das die Opferung Isaaks behandelt, ferner „Der Fußfall vor dem Bruder", ein biblisches Dirama für Kinder, das die Großmut Josefs gegen ferne Brüder schildert. An sich wohl wenig bedeutend, aber im Bechältnis zu ähnlichen Erzeugnissen jener Zeit am bedeutendsten sind die bwlifchen Dramen von Frittwich Gottlieb Klopstock. Es mag ja Zufall sein, aber es ist immechin nicht ganz ohüe Bedeutung, daß der Dichter der Messiade, daß der Barde Klopstock aus dem alten, ewig frischen Quell der Bibel, und zwar des Mm Testammts, für sein dichterisches Schaffen Kraft mtb Begeisterung schöpfte, lange bevor er seine Bardenlicder sang und an den Nordisch-germanischen Göttern seine mißglücktm Wiederbelebungsversuche unternahm. Wir besitz m von Klopstock drtt biblische Dramm; zunächst „Tjer Tod Adams", chie erste dramatische Arbeit des!Dichters, dann das Trauerspiel „Salomo" und das Trauerspitt „David". Diese Trauerspiele sind aber ebensowenig Dramen wie etwa Klopstocks Tramm aus germanischer Urzeit, die der Dichter „Bardiete für die Schaubühne" nennt; fte find lediglich dialogisierte sentimentale Idyllen oder lyrische Dialoge. Ter moderne Mmsch dürfte ihnen kaum irgend welchen Reiz abgewinnen können. Aber zu Lebzeiten des Dichters gehörtm diese biblischm Trauerspiele zur Familimlektüre; sie wurden viel und mtt Andacht gelesen, und so manche fromme Bürgerfamilie mag über dm „Tod Aipams" Tränm der Rührung geweint haben. Bon Klopstocks dramatischen Arbeiten hatte sein Trauerspiel „Ter Tod Mams" den größten Erfolg. Das Stück wurde in Deutschland sowohl wie in Frankreich mit Beifall aufgmommm; merkwürdigerwttse gefiel es den Franzosen besser als Pen Deutschen, von den Franzosen .wurde es nahezu überschwenglich gelobt. Chef d'oeuvre bien an dessus de l'Oedipe de Sophocle, avec lequel il a quolque ressamblance, urteilt darüber ein französischer Kritiker jener Zeit. Das Stück brachte später Gleim in fünffüßige Jamben. In ttnem Briefe an Lessing berichtet Gleim, er habe den „Tod Wams" „vorgelesen und mitgeweiwt". Der „Tod Adams" ist auch das ttnzige Werk, mit dem Klopstock in der neuhebräischen Literatur vettreten ist; das Stück wurde von Hirsch Loebtt aus Litschkow (Böhmen) ins Hebräische übertragen und ist unter dem Titel „Mot Adam" 1817 in Prag erschienen. Außer diesem Trauerspiel sind nur noch Uebersetzung en von einigen wenigen Klopstockischen Oden in dm älterm hebräischen Zeitschriften. zu finden. Wie der „Messias", die Oden und Elegien, wie die Bardiete, so haben auch Klopstocks biblische Trauerspiele eine Reche von Nachahmungen gefundm. Johann Kaspar Lavater schrieb ein an Handlung armes, dafür aber an sentimentalm Phrasen überrttches Drama „Abraham und Isaak". Hermann Niemayer veröffentlichte „Thirza und chre Söhne", ein Stück, das die Geschichte der sieben Märtyrer aus dem Buche der Makkabäer behandelt; ferner „Abraham auf Moria", eilt religiöses Drama. Christian Gras zu Stolberg schrieb „Belsazer, ein Schauspiel mit Chören". In diesem Zusammenhänge sei auch erwähnt, daß Klopstocks Gattin Margareta (Meta) ebenfalls ein biblisches Trauerspiel „Ter Tod Abels" verfaßt hat; es findet sich in ihrm Hinterlassmen Schriften, die 1759 in Hamburg erschimen sind. Es erweist sich, daß die Bibel, stofflich und bedanklich, ttne Art stehender Pol in der Erscheinungen Flucht bedmtet. In jenen Tagen, da das fromme Gemüt noch feine Blüten trieb, da war die Bibel das Trostbuch der Menschheit; da lasen dieses Buch der Vater und der Sohn und die Mutter und die Tochter mit gleicher Inbrunst. Später aber, da das Buch der Bücher aufgehört hatte, die Hauspostille zu sein, da bemächtigten sich der biblischen Stoffe die Schreiber und die Schaffmden, und sie schrieben biblische Epen, biblische Tramm, biblische Romane. Aber die biblischm Stoffe sind kttne dankbaren Stoffe, deren dramatische Momente schon an der Oberfläche sichtbar sind und sich demnach dem Dramatiker von selbst aufdrängen. Eine bescheidene Begabung kann mit ihnm nicht fettig werden. Tie Bearbeitung eines biblischm Stoffes ist für einen Dramatiker durchaus keine lttchte Aufgabe, denn da müssen die festen und fesselnden Charakterzüge der Menschen und die spannenden dramatischen Bestandteile der Handlung erst wie aus einem verborgenen Schacht ausgegraben werden. Das erfordert einen Dichter, der in Zeitenfernen sehen und die biblische Welt und ihre Menschen intuitiv erfassen kann. Leopold Zehner, der fünfzigjährige Züngling Bon Toris Wittner. Mißtrauensvoten, Vertrauensvoten, Verleumdungen, Schmähungen, Skandalosa aus Tritt und Tritt, Dementis, Interpellationen im Landtag, erregte Diskussionen für und wider.... Ja — für und Nider welche gcheiligten Güter der Nation eigentlich? - „Vertrauenskrise" — denkt man bei sich - vielleicht in die hart umstrittene, unvolkstümlich gewordene Justiz oder in die dunklen Machenschaften der Reichswehr mit dem fatalen Sündenbock, Herrn Lohmann, an der Spitze, oder aber in die politischen Eigenmächtigkeiten unseres nicht minder verhängnisvollen Vizttänzlers, Herrn Tr. Hergt, oder in die volkswirtschaftliche Vergeudung zu Ehren des afghanischen Amanullerich, und was es an derlei Gott und dm Menschen wohlgefälligen Anlässen mehr gibt? - Mit Nichten! Weder dies noch das! Vielmehr galt das höllenbreughelhafte Spektakulum einem einzigen Menschen, nämlich dem von wütenden Stürmen umbrausten Intendanten unserer Staatstbeater, Leopold Jeßner, der mitten in dem aufreizenden Lärm mit jünglinghafter Frische seinen 50. Geburtstag beging und sich mutig dem Tosen der entfesselten Meute stellte! Seit im November 1918 der große Kladderadatsch über Deutschland hereinbrach und in seinem Gefolge alle Potentaten und Potentätchen unter dem demostrativen Schweigen aller bishengen Stützen von Thron und Altar geräuschlos ihre Kränchen unter dm Arm nahmen und ihre Thrönchen verließen, taten es ihnen die etwelchen, aus königlichen oder fürst lich en Pnvatsch atullen subventionierten Repräsentationsbühnen schleunigst nach, indem auch sie elastisch aus den sogenannten „Boden der Tatsachen" rutschten und aus devoten Hoftheatern zu ausrichtigm „gesinnungstüchtigm" Staatstheatern wurden. Ta man nun bislang für die Besetzung solcher Posten nicht eben geeignete Kräfte herangebildet hatte, waren die Anwärter auf die republikanischen Jntendantensessel nicht gerade üppig gesäet. Bis zu dem „dies ater" des 9. November hatte die übliche Mischung von Verständnislosigkeit, sübmisser Kunstfremdheit und Byzantinismus völlig genügt, um zur Leitung der finrnziell am kräftigsten dotierten Bühnen des Reiches zu qualifizieren. Ein kommandierender General taugte zu dem Amt eines Hostheatettntendantm ebensowohl als ein emerittetter Hofmarschall. Staatserhaltend« Gesinnung, schranzmarttge Unterwürfigkeit, kurz: der vorschriftsmäßige „beschränkte Untertanmverstand", der flugs in sich selbst zusammenknickte> wenn es dem „Mechöchsten" gelegentlich belieben mochte, persönlich in die Maschinerie des Kunftbetttebs einzugreifen, Entfaltung höfischen Gepränges und — nicht zu vergessen - sorgfältige Wahrung von Lugend und Keuschheit auf eben den Brettern, die fürwahr — diese Welt nicht bedeuteten: das waren, nehmt alles nur in allem, die Eigenschaften, die einen tadellosen Hostheatettntendantm ausznzeichnen hatten. Nach diesem Rezept war füglich auch immer verfahren worden. Tie „weißeu höflichen Manschetten" blieben unbefleckt. Und der Rest war Schweigen. Tie Kunst, insbesondere aber die aus dem Geiste der Zeit erwachsende Kunst, rannte in Siebenmttlenstieseln an dm berüchtigten höfischen Instituten vorbei. Tie Kulturträger des Landes mieden oder höhnten sie. Und in den pomphaften Häusern schichtete sich aller Moder überholter Traditionen; tobten ein verlogenes Pathos und ein noch verlogeneres Ethos sich ungehemmt aus; mimten Heroinen biblischen Alters jugendliche Naive; und das Ergebnis erntete dafür den wohltemperierten Beifall verkalkter Abonnenten und standesgemäßer Abonnentinnen im unverwüstlichen „Schwarzseidenen", „Ridicule" und Lorgnette irn Schaßt Die jungen Töchter des Landes, sofern sie hochgeboren waren, erhielten in diesen Häusern auf „Sittsamkeit" zugeschnittene Darstellungen unserer Klassiker: erste Eindrücke, dre ihnen die größten Geister der Natton für Zeit und Ewigkeit verleideten. Die junge, brausende Gegenwart aber stürmte draußen vor dm Pforten dieser Tempel wider den Heiligm Gttst in zügelloser Dynamik und mit dem revolutionären Rythmus aller Werdenden, Wachsenden und Wollenden, vorüber. Kunst wollte sich nicht mit Gunst identifizieren lassen, und darum erschollen auf ber Straße die jubelnden Reveille der Kommenden. Nicht ein Ton jedoch drang von draußen nach drinnen; kein Widerhall antwortete aus dem dumpfen Gemäuer dem großen Wecken der Gegenwart. Und dach: ttnes schönen Tages war Zukunft unoecschens Gegenwart geworden und ritt die Vergangenheit mitjamt all ihren kommandierenden Generälen, emeritierten Hoftnarschällm, erlauchten Perrücken und Zöpfen, ihrer prunkenden Staffage, 'ihren fünffüßigen Jamben, stelzbeinigen Heroinen und ihrem vergeblichen Bemühen, den Geist der Zeit zu unterdrücken, ganz ttnsach über den Haufcu. Wir alle, die wir die neuen Morgenröten dämmern sahen, haben es freudig begrüßt, als der Wirbelsturm einer jungen Welt auch alle Tore zu den wohlbehütetcn Tempeln des U n geistes aufriß und frische Lust einströmm hieß, in die Katakomben musischer Gespenster. Tie alten Tafeln waren zerbrochen: neue wollten gebildet und mit den Buchstaben pulsenden Lebens bedeckt werden. In revolutionären Zeitläuften, vor denen jeweils dräuend das Medusenhaupt der Anarchie emporragt, finden sich gemeinhin weder Muße noch Mut genug, Stürzendes zu nützen oder Andrängendes auszühalten. Und so geschah cs, daß, über Nacht aus den morschen Kerkern byzantinischer Ueberlieferung und zerschliftener Menschhtttstülissen die Brutttätten jener neuen Ideen und Ideale erwuchsen, die mit Stolz von sich sagen durften: „Ich bin die Flamme, ich bin das Schwert." Wohlan! Tie Stätten waren gefunden. Nicht immer und allenthalben aber die Träger von Flamme und Schwert. Ter Reichshauptstadt war der Zufall gnädig gesinnt, indem er den vormaligen Leiter der Königsberger Städtischen Bühne, Leopold I e ß n e r, (heute ist es sein Bruder Tr. Fritz Jeßner), nach Berlin verschlug. Ec erschien den Männern des politischen neuen Regimes als der gegebene Mann auch für den neuen Kurs „in litteris et artibus". So waltete und schaltete Leopold Jeßner alsbald auf dem Posten, von dem sttn Vorgänger, der höfisch geschniegelte Theatergraf, Exzellenz von Hülsen, mit dem lockig gekrausten Feinschmeckerkopf über der riesenhaften Kürassiergestalt, hatte weichen müssen. Botho, Gras von Hülsen- Haeseler, war, dank seiner nie versagenden Glätte und Gefälligkeit, ttne in der Berliner Gesellschaft ungemein populäre Erscheinung. Angesichts sttnes alten Adels und sttner offensichtlichen Bevorzugung durch den Kaiser rechnete man ihm seine persönliche Liebenswürdigkeit und sttne Fähigkeit, den erlesensten Tafelfreuden elegant zu präsidieren, als individuelle Verdienste an. Anders Leopolo Jeßner! Auch er hochragend von Gestalt, ohne äußere Merkmale der Zugehörigkeit zu dem Wüstenstamm, liebt er es doch, insbesondere bei einem von ihm ebenfalls verständnisvoll geschätzten edlen Tropfen, selbst den arglosesten Gesprächspartner zu überraschen durch die unvermittttte Mitteilung, daß er beengten und beschränkten Verhältnissen entstamme, 'daß seine Eltern als iptthodoxiej Juden irgendeiner kleinen Gemeinde der Ostmark angehörten, und daß ver, der als pietätlos Verschriene, dem alten Bund inbrünstige Treue zolle. War der Graf Hülfen eitel Lächttu und Liebenswürdigkeit, so strotzt Leopold Jeßner von Kanten und Ecken, die abzuschleifen er bisher kaum gesonnen schien. In allem ist Leopold Jeßner der juste Gegensatz seines Vorgängers. War es Hülsens Kunst, zu vermitteln und Vergleiche zu schaffen, so fetzt Leopold Jeßner offenbar fttnen Stolz darein, Konflikte zu schüren, anzustoßen und am Ende immer den eigenen Willen als letzten Trumpf auszuspielen. So mag es gekommen fein, daß man im Anfang der Dinge hier und da von einem „Fall Jeßner" redete, daß dieser „Fall" sich allgemach zu einer „latenten Krise" auswuchs, und daß die jüngste Spielzeit nicht nur seine selbstverstälndlichen Gegner, sondern auch manch' treu ergebene Anhänger, Freunde und Parteigänger Jeßners an chm irre werden ließ. Gerade, well eines kräftigen Baumes Rinde verträgt, gekerbt zu werden, darf man auch Leopold Jeßner die Auszeichnung eine rausrichtigen Kritik nicht versagen. Und darum muß — just von sttnen Verehrern — ruhig eingestanden werden, daß es in diesem „Winter unseres Mißvergnügens" auch im Staatlichen Schauspielhaus bei manchen Neueinstudierungen und Reprisen etliche, mit dem Wesen Leopold Jeßners unverttnbar dünkende Fehlgriffe und Frhlbesetzungen gegeben hat. Tie bis zur Karikatur verzerrte Darstellung des „Kaufmanns von Venedig" mit der dem Shakespeareschen Geiste kaum homogenen, aber allerdings den niedrigsten Pöbelinstinkten entgegenkommenden Interpretation Shylocks ist an dieser Stelle schon ausführlich b e - und verurteilt worden. Auch die Uebettragung der „Porzia" an Elisabeth Bergner erwies sich als ein Mißgriff übttster Att. Mau hatte vielleicht geglaubt, durch die zugkräftigste Publikumsschauspittenn Berlins das Defizit des Staatstheaterüudgets zu verringern. Aber derlei materielle Motive dürfen niemals obsiegen über die selbstverständliche künstlerische Einsicht, daß die auf einen grotesken Verkehrsturm verbannte, kanarienvogtthaft zirpende, in dem weiten Raum des Staatstheaters kaum vernehmbare Künstlerin durch eine solche Zumutung eher gekränkt, als in ihren wahrhaften Fähigkeiten zur Geltung gebracht wurde. Auf den mißglückten „Shylock" folgte der