Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Der Mi che Gotlesbegrm Tie iftaelüifch-jüdifche Glaubenswelt hat sich in ihren! ältesten Quellenwerken sicherlich nicht mit der systematischen Konstruktion eines Gottesbegriffes befaßt; sie schöpfte aus dem primitiv-naiven Leben für das Leben und hielt sich von der Ausbildung theologischer Systeme fern. Nach Jahrtausende langen Versuchen und Jrrgängen des menschlichen Geistes, der durch logische Beweisführungen die Probe auf die Richtigkeit seiner Vorstellungen und Bewußtseinsvorgänge machen möchte, wissen wir heute auch, daß auf dem Gebiete des Gottesbegriffs nur recht begrenzte Erfolge kraft menschlicher Einsicht zu erzielen find. Begriffe sind nämlich gedankliche Formungen menschlicher Erkenntnisinhalte. Diese Formungen können auf die Art des modellierenden Künstlers original bilden, sie können aber auch wie durch einen Stempel nachprägen oder wie durch eine Gußform mechanisch gestalten. Nachprägende, mechanische Formung der Erkenntnisinhalte wird zur Formel. Aber auch die 'freischöpferische, künstlerische Formung der Erkenntnisinhalte oder die Begriffe sind nicht ungebunden: sie sind gebunden an die Erfassungsmöglichkeit der Eigenschaften, die dem Erkenntnisgegenstand anhaften oder innewohnen; denn wir Menschen können nur durch die Erkenntnis der Eigenschaften eines Erkenntnisobjektes dessen Wesen erfassen. Philosophisch ausgedrückt heißt dies: Die Substanz wird erkannt durch ihre Attribute. Das erkenntnismäßige Gott„begreifen", der Gottesbegriff stellt uns nun vor das schwierige Problem, daß wir durch eine menschlich begrenzte Erkenntniskraft ein übermenschlich und überirdisch unbegrenztes Wesen erfassen wollen. Hier stehen sich gleichsam Dinge zweier verschiedener Reiche gegenüber, die naturnotwendig geschieden oder unterschieden sind und die doch zueinander streben. Die Brücke zu schlagen, welche die beiden Reiche verbindet, sind unsere menschlichen Geistesmittel unzulänglich. Begriffliche Bestimmung der Gottheit bringt uns Menschen nicht nur keine tiefere G l a u b e n s st ä r k e, sie bringt uns auch keine klarere und vollkommenere Erfassung der Gottheit im Vergleich zur primitiveren Vorstufe, die wir mit Glaubens v o r st e l l u n g bezeichnen können. Die Vorstellung, welche das ursprüngliche Element des Glaubensinhalts ist, trägt vielmehr für den Menschen eine Vollkommenheit in sich, weil sie subjektiv klar ist. Glaubensvorstellungen können aber Anfechtungen erfahren und so gezwungen werden, das persönlich klare Bild zu menschlich allgemein gültigen Begriffen zu festigen. Vielleicht geht die Begriffsbildung im Glaubensbereich überhaupt auf Zweifel von innen oder auf Angriffe von außen zurück; denn erst durch systematisch geordnete Begriffe läßt sich für und wider reden und eine Schutzwehr errichten. Häufig finden wir, daß die begriffliche Schutzwehr gegen jedes Rütteln dadurch gefeit werden soll, daß man sie zum undiskutablen Dogma erklärt. Die meisten Menschen tragen die Gottheit als eine Vorstellung in sich und haben kein Verlangen, ihr Vorstellungsbild durch ein begriffliches System auszubauen. Sehr vielen Menschen aus der Jetztzeit ist die Gottheit aber nur Macht des Schicksals oder eine Umschreibung der Natuurgewalt, je nachdem die Mächte des inneren Erlebens oder des äußeren Geschehens in der Gesamteinstellung dieser Menschen vorherrschen. Diese Einstellung zur Gottheit kommt zwar jener falsch gedeuteten Sehnsucht unserer Tage entgegen, daß Religion Privatsache sein solle und daß Religion nur als Religiosität freiwaltende Kraft besitze; aber hier zeigt sich gerade der Wert der begrifflichen Systematik: denn sie erst kann die in einer Religion liegende Gemeinschaftsbindung erweisen und auf ihren Wert oder Unwert prüfen. Und darum wurde, so frei sich der einzelne Mensch in seiner Gottesvorstellung fühlt und so unzulänglich unsere menschlichen Erkenntnismittel für dieses Gebiet sind, immer wieder der Versuch gemacht, zu Religionsbegriffen fortzuschreiten. Wie man das Dasein Gottes in allen Abschnitten der Geschichte religions-philosophisch beweisen wollte, obwohl alle Beweise mehr oder minder unzulänglich bleiben mußten, so wollte man. die subjektiven Gottesvorstellungen zu objektiven Gottesbegriffen erhärten. Aber die Ergebnisse, die erzielt wurden, waren nicht absolut objektiv, sie mußten immer menschlich relativ bleiben. Hatten die Untersuchungen auch als reines geisteswissenschaftliches Problem gelockt, ihr Ergebnis und ihr Wert lag schließlich immer darin, daß sie Normen für die sittliche Lebensführung des Menschen erbrachten. Zu diesen erkenntnis-theorettschen Unzulänglichkeiten treten theologische Schwierigkeiten hinzu: Eine .systematische theologische Erfassung des Gottesbegriffes findet sich bei uns Juden zwar erst bei unseren mittelalterlichen Religionsphilosophen, die sich, wohl angeregt durch hellenistisch-arabische Vorbilder, an diese Methode begaben; aber ein Grübeln über das Wesen Gottes findet sich bereits in den ältesten Teilen unserer Bibel, obwohl bie Menschen jener Zeit von der naiven Vorstellungswell des Lebens umgeben waren. Die verschiedenen Namensbezeichnungen, welche die Gottheit in der Bibel führt, sind zweifellos Beweise für den Versuch, das Wesen Gottes oder richtiger gesagt die Wesensäußerungen Gottes von verschiedenen Blickpunkten aus zu schauen. Zwar will eine moderne Bibelkritik aus den verschiedenen Gottesnamen, wie „elohim", „schadaj", „adonaj", die wir mit „Gott", „Allmächtiger", „Ewiger Herr" übersetzen, dartun, daß die Bibel durch die verschiedenen Namen verschiedene Grade des Gottesbegrifss erkennen lasse, die sich aufsteigend entwickelt hätten; wer aber den Gesamtgeist der Bibel unbefangen auf sich wirken läßt, kann nicht daran zweifeln, daß diese Versuche einer Quellenscheidung der Bibel haltlos sind und daß die verschiedenen Namensbezeichnungen uns dem Wesen Gottes aus verschiedenen Situationen heraus näherbringen wollen. Durch Andeutung oder Ausmalung einzelner Züge und Eigenschaften wollte man das Gesamtbild verdeutlichen, durch emsiges Zusammentragen der Einzel werte den Gesamtwert erzielen. In den genannten drei Namensbezeichnungcn wollten so die alten Bibelerklärer bereits das Weltrichtertum, die Schöpfertat und die Liebe Gottes finden. Obwohl diese Namen ihrer ethymologischen Ableitung nach Wesenszüge der Gottheit andeuten und obwohl auch in der Patriarchenzeit bereits Gott als „Schöpfer des Himmels und der Erde" und als „Richter der ganzen Erde" ausdrücklich gezeichnet wird und obwohl zur gleichen Zeit die Gerechtigkeit und Liebe Gottes als selbstverständliches Merkmal angenommen werden, ringt doch der größte unserer Gotterwählten, Mose, um eine weitere Begriffsbestimmung und wenn bei seiner Berufung zum Führer aus der ägyptischen Knechtschaft (2. Buch Mose, Kap. 3, Vers 4) ihm eine göttliche Autorisierung mit auf den Weg gegeben wird durch die Worte Gottes: „eheje ascher eheje" „Ich werde sein, der ich sein werde", so konnte die Betonung dieses Begriffsteils den Propheten Mose nach anfänglichem Zaudern zwar bestimmen, die Mission zu übernehmen; er konnte sich aber auch damit als vollendeter Begriffsbestimmung nicht zufrieden geben. Im 33. Kapitel des 2. Buches Mose müht er sich in kindlich rührender Art darum, Gottes Wesen und Herrlichkeit erfahren zu dürfen. Die Erfüllung seiner Bitte kann ihm in der gewünschten Weise nicht gewährt werden. Aber durch jene Schilderung von Gottes „Vorbeiziehen", die wir im Kapitel 34 des 2. Buches Mose finden und die in der jüdischen Liturgie, besonders der höchsten Feiertagszeit, so wuchtige Bedeutung erfahren hat, erweitert sich ihm und uns das begriffliche Bild des göttlichen Wirkens. In den beiden Bibelsätzen (Vers 6 und 7) werden jene Eigenschaften Gottes aufgezählt, die wir gewohnt sind, als die 13 „Maße" zu bezeichnen: „Herr Gott, barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Liebe und Treue. Er bewahrt die Liebe bis ins tausendste Geschlecht. Er vergibt das Vergehen, die Missetat und die Sünde. Und läßt nicht ungestraft." Wenn diesen 13 Maßen Gottes in den späteren religions-philosophischen oder ethisierenden Betrachtungen der Bibelerklärer auch die Zusammenfassung zu „zwei Maßen" der Gottheit gegenüber steht, zum „Maß des Rechtes" und zum „Maß der Barmherzigkeit", so wird uns doch aus der Aufzählung der Eigenschaften, durch die Gott mißt, vor allem ein sittlicher -Maßstab gegeben, nach dem wir Menschen selber unsere Lebensführung bemessen sollen. Immer klarer arbeitet sich die Erkenntnis durch, daß durch die Begriffsbestimmung nicht das Wesen der Gottheit erreicht wird, daß wir die Gotteswesenheit überhaupt nicht begrifflich erfassen können und daß es eine Vermessenheit ist, in menschlichen Worten das göttliche Wesen zu zeichnen. Der talmudische Lehrer, Rabbi Jochanan, bemerkt zu den Einleitungsworten des hier erwähnten göttlichen Vorbeiziehens „und der Ewige zog vor seinem Antlitz vorüber":. „Wenn dies in der Schrift nicht geschrieben stünde, wäre es nicht möglich es auszusprechen." Diese Worte eines talmudischen Lehrers zeichnen kurz die großen theologischen Schwierigkeiten, welche zu den oben ausgeführten erkenntnistheoretischen Unzulänglichkeiten in der Bestimmung des Gottesbegriffs hinzutreten. Was wir immer der Gottheit an Wesenszügen zusprechen, trägt nämlich menschliche Züge; und wenn man auch die Eigenschaften Gottes wie allweise, allmächtig, allgerecht, allgütig, durch die Vorsatzsilbe allgleichsam ins Unendliche projiziert hat, es hastet chnen doch immer 'der peinlichirdische Rest des Menschlichen an. Alle diese Eigenschaften find nun einmal — wenn auch reine — Affekte der Gottheit und die Gotthett muß affektfrei bleiben. So haben sich unter Führung des Maimonides jüdische Religionsphilosophen zu der Auffassung durchgerungen, man könne von Gott überhaupt nicht aussagen, was er sei, man könne nur aussagen, was er nicht sei und meinten, die Schwierigkeit zu überwinden, indenp sie zu beweisen suchten, daß die Attribute Gottes nicht Affekte, sondern Tugenden seien. Aber auch diese Unterscheidung ist nicht stark genug, um die theologische Schwierigkeit aus dem Wege zu räumen. Das Problem bleibt für uns Menschen sowohl religionsphilosophisch als auch theologisch ungelöst, wir können nicht beweisen, wie Gott ist, wir können nur dartun, wie uns Gott erscheint, die ihm zugeschriebenen Attribute sind nicht Attribute des Wesens, sondern Attribute des Wirkens. Nach Aufzeigung der erkenntnistheoretischen und theologischen Schwierigkeiten, welche der Erfassung des Gottesbegriffes entgegenstehen, tonnte es scheinen, als ob wir dieser Frage gegenüber zu vollkommener Ohnmacht verurteilt wären. Es gibt aber doch eine Macht in uns Menschen selber, die uns Gott und sein Begreifen zur Gewißheit werden läßt: das religiöse Bewußtsein. Dieses ist uns neben dem theoretischen (Logik), sittlichen (Ethik) und ästhetischen (Aesthetik) als eine eingeborene Kraft gegeben und ist die Voraussetzung für alle religiösen Ueberzeugungen des Menschen. Aus ihm geht auch der Monotheismus des ältesten Judentums hervor. Ohne die Voraussetzung dieses ursprünglichen religiösen Sinns oder Gottesbewußtseins könnte die Gottheit sich im Menschen überhaupt nicht verinnerlichen. Und weil dieser Gottessinn — ohne philosophische Spekulation — die Gottheit in sich birgt, scheute man sich auch nicht, von einer besonderen Beziehung harmlos zu sprechen, in welcher Gott zum Israeliten oder zu Israel stand. Man ging in dieser Harmlosigkeit sogar so weit, der Gottheit menschliche Eigenschaften und Leidenschaften beizulegen, wobei man sich der symbolischen Bedeutung dieser Schilderungen wohl bewußt war. Man scheute sich auch nicht, Gott „den Herrn Zebaoth" und „den Mann des Krieges" zu nennen und man fürchtete dabei den Vorwurf nicht, daß man dadurch einen grausamen „Gott der Rache" als Ideal-Bild der höchsten Vollkommenheit in sich trage, so wenig wie mitteleuropäische Staaten der Neuzeit das militärische Losungswort „mit Gott für König und Vaterland" in diesem Sinne ausgelegt wissen wollten. Man trug vielmehr alle Erscheinungen des Lebens, alle Gestaltungen der Natur, alle Erscheinungsformen des menschlichen Seins und Wollens in diesen Gottesbegriff zusammen. Und wenn auch zu den verschiedensten Zeilen der jüdischen Geschichte Abirrungen von den großen Gedanken des jüdischen Gottesbegriffs zu verzeichnen waren, bei den führenden Großen blieb der wesentliche Inhalt des jüdischen Gottesbegriffs gesichert; im Bericht von der Schöpfung und vom Paradies, von der Süntflut und vom Turmbau zu Babel lebt grundlegend der Gedanke vom universalen Gott der Menschheit; in den Patriarchengeschichten wie im Dekalog, in den zivilen Rechtsvorschriften wie in allen Offenbarungen der Propheten predigt unverkennbar die jüdische Religion den allgemeinen Rechtsgedanken der Menschheit, der auf einem ethischen Monotheismus aufgebaut ist und warnt oder verheißt, daß die einzige Gottheit waltet auch wo menschliches Gesetz und juristisches Eingreifen eine Grenze gefunden haben. Witwen und Waisen, Arme und Fremde sind in dieses Gotteswalten ebenso miteinbezogen, wie der durch Machtmittel Starke, der sich in seiner Willkür geborgen wähnt. Der jüdische Gott ist der Gott der Natur wie der Gott der Geschichte, der Gott der Kraft wie der Gott der Milde, der Gott des Rechtes wie der Gott der Liebe. Wenn dieser „eifervolle Gott", der keine anderen Götter neben sich duldet, sich in der Form des ethischen Monotheismus im Judentum erhalten und allen Abirrungen zum Trotz einheitlich durchgesetzt hat, so ist damit die fundamentale Gewalt, die in diesem Gottesbegriff enthalten ist, erwiesen. Und geht man nunmehr in der begrifflichen Bestimmung der jüdischen Auffassung von der Gottheit weiter, dann erkennt man, daß mit dem genannten „eheje ascher eheje" die fundamentale Voraussetzung des jüdischen Gottesbegriffes gegeben ist: Die Existenz Gottes, und zwar die ewig gleiche Existenz, ist der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, von dem aus wir Menschen uns für unser Tun und Lassen orientieren müssen. Gott allein ist das sich ewig Gleichbleibende, weil Vollkommene und ist so unveränderlicher Maßstab für alles Streben nach Vervollkommnung. Dieses weite Gebiet der menschlichen Aufgaben, die wir die sittliche Vervollkommnung nennen, kann hier in diesem Zusammenhang nicht im einzelnen untersucht werden, diese Auswirkungen unseres Themas gehören in die Sittenlehre des Judentums. Doch leuchtet wohl ein, daß aus der gezeichneten postulietten ewig gleichbleibenden Aistenz Gottes jene Begriffsbestimmung sich ergibt, die wir mtt der Heiligkeit Gottes zu bezeichnen pflegen, und die an vielen Stellen des jüdischen Schrifttums genannt und geschildert wird. ES