Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ehrlich aufzeigen, der aber der antisemitischen „Deutschen Studentenschaft" chre stets zu Judenfeindschaft mißbrauchten Anschlagsrechte nicht antastet, weil sie, vorsichtiger als chre Gegenorganisationen, sich in ihrem Decknamen „unpolitisch" gebärdet. Es erscheinen dann noch einige Persönlichkeiten des kulturellen und Wirtschaftslebens oder zugleich beider Kategorien, wie z. B. Chefredakteur Dr. Ernst Benedikt, der lauteste journalistische Rufer im Streite für die famose „christlich-nationale Einheitsfront" bei den letzten österreichischen Wahlen. Es finden sich sogar einige Dichter und Schriftsteller und solche, die es zu sein glauben. Immerhin, es sind tatsächlich einige führende österreichische Männer im Pro-Palästina-Komitee, und da entsteht die erste Frage: Warum haben sich dieselben Männer bisher niemals ebenso einmütig gegen den österreichischen Judenhaß zusanrmengeschlossen? In dem Komitee befinden sich, wie ausgesührt, einige christlichsoziale Politiker; wäre es nicht richtiger gewesen, daß diese Männer zunächst einmal in ihrer eigenen Partei darauf gesehen hätten, daß der Anspruch der österreichischen Juden auf Gleichberechtigung in Oesterreich nicht durch den eminösen Judenpunkt des christlichsozialen Parteiprogramms verkümmert wird? Nun, diese Männer haben es vorgezogen, anstatt eine solche mutige Haltung zu zeigen, den leichteren und bequemerer! Weg ins Pro-Palästina-Komitee zu gehen. Was bezweckt nun dieses Komitee? Das Programm schließt sich beinahe wörtlich dem des deutschen Komitees an, im großen Ganzen handelt es sich hier um eine „politische, kulturelle und wirtschaftliche Fördernng des Palästinaaufbaues". Nun entsteht die zweite Frage: Wie kann das politisch bedeutungslose und wirtschaftlich ruinierte Oe st erreich den Palästinaaufbau fördern, welche politischen und wirtschaftlichen Interessen kann dieses arme Land mit dem noch ärmeren Palästina verbin de rr? Verbleibt die „kulturelle Förderung". Und tatsächlich wird nach dem oben erwähnten Interview Sokolows in der „Neuen Freien Presse" vor allem „kulturelle Zusammenarbeit und kulturelle Unterstützung" gewünscht. Soko.ow sagt sogar lvörtlich: „Die Zusammenarbeit mit einem katholischen Staat dürfte um so ersprießlicher sein, als ich vom Papst wiederholt die Zusicherung erhalten habe, daß er dem Palüstinaausbau sehr freundlich gegenübersteht." Dies erklärt wohl auch zur Genüge das Interesse des österreichischen Bundeskanzlers, der bekanntlich Prälat ist, ergibt aber auch den Grund dafür, weshalb die Sozialdemokraten abseits stehen und im Komitee nicht mittun wollen. Wie werden sich nun die d e u t s ch - ö st e r r e i ch i s ch e n Juden zu diesem Komitee verhalten? In seinem Briefe an Sokolow schreibt Dr. Seipel: „Ich hege hohe Wertschätzung für den Idealismus, mit dem sich so viele Juden in allen Ländern, auch in Oesterreich, Opfer auferlegen, um dem zionistischen Kolonisationswerk die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen." Dr. Seipel hat wohl teilweise recht, es wurden auch hier, selbst in unserem armen Lande Opfer von unseren Glaubensgenossen gebracht, aber dies geschah größtenteils nur aus religiösen und humanitären Gründen, nicht aus politischen. Denn den politischen Zionismus lehnen die deut schö st erreich ischen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit entschieden ab. Deshalb ist es auch von unserem Standpunkte aus gefährlich, wenn Vizekanzler a. D. Dr. Breisky bei der Konstituierung des Komitees ohne nähere Erklärungen emphatisch sagte: „Die Bestrebungen des Zionismus werden von der nichtjüdischen Bevölkerung verstanden und gewürdigt", ist es bedenklich, wenn Dr. Seipel in seinem mehrfach erwähnten Briefe schreibt, daß „die zionistische Bewegung für eines der schwierigsten politisch-sozialen Probleme der Gegenwart eine vernünftige, aussichtsreiche Lösung vorbereitet". Nein, die Herren des österreichischen Pro-Palästina-Komitees werden besser daran tun, sich statt solcher Enuntiationen einer strikten Neutralität im innerjüdischen Meinungskampf zu befleißigen, soll ihr Vorhaben auch nur halbwegs -gelingen, was nach dem hier Ausgeführten noch sehr fraglich erscheint. Oskar Hirschfeld, Wien. Sprechsaal Äür diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzliche Veramwoltung. Der Herr Abgeordnete hat das Wort. In den letzten Nummern dieser Zeitung sind dem Preußischen Landesverbände und seinen führenden Männern wiederholt und recht energisch die Leviten gelesen worden. Es ist mit Recht auf den inneren Konflikt, aus die Krisis, in die er gekommen ist, hingcwiescn worden. Diese Angelegenheit selber soll hier nicht weiter untersucht, zur Debatte gestellt, aber die Frage aufgeworfen werden: „W o sind unsere Abgeordnete? Wo sind die Männer und Frauen, die nach einem freien, gleichen und direkten Wahlrecht in das jüdische Parlament gewählt worden sind? Warum hüllen sie sich dauernd in Schweigen? Warum treten sie nicht vor ihre Wählerschaft hin, berichten,' nehmen Stellung zu 'den großen Fragen der jüdischen Gemeinschaft, die Kenntuis und Klärung heischen: die Gründung des Reichsvcrbandcs, das Reichsschulgesctz, daS Steuerrecht und -Wesen des Landesverbandes, das Wahlrecht in den Gemeinden, das Fraucnwahlrecht, die Gebetbuchfrage, Lehrer-, Rabbiner- und Religionsunterrichtsfragen, Tierschutz- und Schächtangelegenheit und vieles andere. Jedes Kapitel für sich könnte einen Gemcindeabend ausfüllen: da gäbe es keine leeren Säle oder Versammlungsräume, denn das interessiert auch den sonst Indifferentesten. Soviel ich über westdeutsche Verhältnisse unterrichtet bin und die jüdische Presse verfolge, scheinen Kalendarium f. die Zeit v. 3. Z. b. 10. 3. 2$ März 1928 Adar 5688 Sonnabend 3. 11. Wochenabschnitt: T'zawe P. Sochor Hastarah: Samuel I Kap. 15,2—34 Sabbat-Ausgang: 6.28 Uhr Sonntag 4. 12. Montag 5. 13. Fasten Esther Dienstag 6. 14. Purim Mittwoch 7. 15. Schuschan Purim Donnerstag 8. 16. Freiag 9. 17. Sonnabend 10. 18. Wochenabschnitt: Kississo P. Poroh Hastarah: Ezechiel 36,16—36.38 Sabüal-Ausgang: 6.41 Uhr die Abgeordneten - und ich denke dabei zunächst an diejenigen der liberalen Fraktion — kaum oder sehr selten vor ihre Wählerschaft hinzutreten. Eine Schwalbe macht auch hierbei keinen Sommer, wenn einmal die Heimatgemeinde einen Bericht oder Vortrag gehört hat. — Darum soll meine Bitte und Anregung vor allem an die liberalen Abgeordneten ergehen in den Ortsgruppen- oder Gemeindeversammlungen als Vertreter des Landesverbandes zu erscheinen; und es würde Schreiber dieser Zeilen besonders erfreuen, recht oft vom Vorstandstische zu hören: „Der Herr Abgeordnete des Preußischen Landesverbandes, Herr X., hat das Wort!" Andorn-Dortmund. Berliv. (Verzeichnis jüdischer Handwerker.) Ter Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens E. V. zu Berlin, Gcschästsstellc: NO. 18, Große Frankfurter Straße 80-81, hat ein geschmackvoll ausgcstatteles Handbuch herausgcgeben, das neben einem kurzen redaktionellen Teil ein Verzeichnis seiner ihm angeschlossenen ca. 650 Handwerksmeister aller Berufe enthält. Es wird für unsere Leser sicherlich von Interesse sein, sich durch dieses Handbuch zu überführen, in welchem Umfange jüdische Handwerksarbeit in Groß-Bertin ausgeübt wird. Das Büchlein verfolgt den Zweck, unsere Glaubensbrüder von der Gleichwertigkeit der fachlichen Leistungen gegenüber anderen .Handwerkern zu überzeugen: soll zugleich aber ein Appell sein sich im Bedarfsfälle dieses Handbuches zu bedienen. Interessenten erhalten dasselbe durch oben benannte Geschäftsstelle kostenlos. Berliv. (2 5 j ädriges Dienstjubiläu m.) Herr Arthur Goldschmidt, Sekretär des Hilfsoercins der deutschen Inden, beging am 1. März das Jubiläum seiner 25 jährigen Zugehörigkeit zum Beamtcnstab des Hilssvereins der deutschen Inden. Herr Goldschmidt hat an allen Arbeiten des Hilfsvcreins vor und nach dem Kriege, insbesondere aus den Gebieten des palästinensischen Schullvecks und der Auswandererfürsorge, tätigsten Anteil genommen. Vom Vorstand des Hilssvereins haben die Herren Dr. James Simon, Prof. M. Schäfer, Direktor Joachimsohn und Dr. Bernhard Kahn Herrn Goldschmidt eine Adresse überreicht, in der die Dankbarkeit des Hilfsvereins für btc Dienste, die Herr Goldschmidt dem Verein im Jntcces'e der Judcnheit geleistet hat, zum Ausdruck gebracht lvird. Herr Goldschnridt lvurde auch von der ZentralwohlsahrtssteUe der deutschen Juden aus Anlaß seines Jubiläums aus das wärmste begrüßt. Breslau. (R e p r ä s e n t a n t e n s i tz u n g.) Tic Gemeindevertretung, welche am 23. Februar nach zweimonatiger Pause wieder zusammcntrat, haue eine Tagesordnung auszuarbeiten, die sie säst vier Stunden in Anspruch nahm. Das Hauptinteresse erregte der Antrag der Breslauer Zionistischen Bereinigung, dem Keren hajessod eine jährliche Subvention von Mk. 3000, - zu gewähren. Rechtsanwalt Jacobsohn, welcher den Antrag begründete, wies darauf hin, daß sich seit der letzten Ablehnung manches geändert hätte, daß die Minderheit größer geworden wäre, die Haltung des C. V. eine andere geworden wäre, inzwischen viele Gemeinden Subventionen beivilligt hätten und die Gründung des deutschen Komitees Pro-Palästina erfolgt wäre. Justizrat Kaliich erwiderte ihm für die Liberalen, daß er die Veränderungen nicht anerkennen könne und daß er wohl eine Ansiedlung, nicht aber einen national-jüdischen Aufbau in Palästina fördern könne. Er stellte die Zwecke des Empfanges des C.-Vereins- Vorstandes im Auswärtigen Amte richtig und wies darauf hin, daß durch die Tätigkeit der Zionisten die Stellung der Juden verschoben und ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volke in Frage gestellt würde. Er ging dann näher auf Wieners Schrift ein, die geraten habe, an der Kolonisation Palästinas sich wohl zu betätigen. Die christlichen Herren im Pro-Palästina-Komitee bereuen es nicht, wenn man von Juden und Deutschen spreche, wenn die Juden als Rasse behandelt würden und wenn der Völkerbund nichts in Rumänien getan habe, und der Redner schloß mit den Worten: Wir fühlen uns eins mit dem deutschen Volke' und brauchen kein besonderes Kulturzentrum. Namens des Vorstandes gab Justizrat Hirschberg die Erklärung ab, daß cs nicht Aufgabe der Gemeinde sein könne, den Keren hajessod zu unterstützen. Der konservative Gemeindevertreter Dr. Schlesinger unterstützte den zionistischen Antrag, der Vertreter der Agudah lehnte ihn ab. Der Liberale Rechtsanwalt Spitz bekannte, daß er dem Keren hajessod freundlich gegenüberstände, trotzdem aber wegen der maßlosen Agitation der Zionisten für eine Subventionierung durch die Gemeinde nicht eintreten könnte, zumal die Not in Deutschland so groß wäre. Weitere Ausführungen zionistischer Gemeindevertreter ließen mit aller Deutlichkeit erkennen, daß es in Palästina kein anderes als ein national-jüdisches Ausbauwerk geben könnte. Darauf wies auch Justizrat Kalisch hin, als er zum zweiten Male zu Worte kam, daß die Keren Hajessod-Gelder zu nationalen Zwecken verwendet würden. Er hielt den Zionisten vor, daß der Rat der Beisteuernden bis heute nicht gewählt wäre, und betonte, daß die liberalen Rabbiner in ihrer Stellungnahme sich vielfach von anderen Gesichtspunkten beeinflußen ließen. Die namentliche Abstimmung ergab die Ablehnung des zionistischen Antrages mit 12 gegen 7 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen. Zwei andere zionistische Anträge, dem C. V. künftig die Subvention zu entziehen und der jüdischen Privatschule eine solche zu gewähren, verfielen der Vertagung bis zur Haushaltsbcratung. Ebenso erging es dem Anträge des Vorstandes, den Synagogenbeitrag für das neue Steuerjahr auf 10 o/o herabzusetzen. Dabei meldeten die Liberalen ihre Forderung an, sich nunmehr größeren Aufgaben zuzuwenden, die bisher hatten zurückgestellt tvcrdcn müssen, z. B. dem Bau eines Vereinshauses, eines Wohlfahrtsamtes und eines Museums, und die Mittel zu den Vorarbeiten bereitzustcllen. Bei der Wahl drs Büros der Gemeindevertretung erfolgte die Wiederwahl des bisherigen. (Vorsitzender: Justizrat Peiser.) Dem Darlehensinstitut der Fränkelschen Stiftungen wurde zur Verstärkung seiner Betriebsmittel ein zinsloses Darlehen gegeben, der Pinchaß-Synagoge eine einmalige Beihilfe gewährt und ebenso für die Drucklegung des Einheitsgebetbuches eine Beihilfe bewilligt, wobei die konservativen Gemeindevertreter sich der Abstimmung enthielten. — Der Erwerbung der Rohdeschen Parzelle zur Erweiterung des Friedhofs Lohestraße wurde zugestimmt, die Besoldungsresorm zurückgestellt und an Stelle des leider zurückgetretencn Herrn Erich Bayer Herr Generaldirektor Händler in den Vorstand gewählt. Dortmund. (Tagun g.) Am Sonntag, den 26. Februar, hatten sich zum ersten Mal der Soziale Ausschuß für jüdische Wohlfahrtspflege in Westfalen und der Zentralarmcnverband in Westfalen zur gemeinsamen Tagung unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Kronhcim, Bielefeld, vereint. Das Eingangsreserat hielt Dr. Max Kreuzberger, Berlin, über: „Probleme der jüdischen Erwerbslosensürsorge". — Das Problem wird immer dringender, der Boykott gegenüber dem jüdischen Arbeitnehmer immer stärker. — Das frühere System der Wohltätigkeit muß dem der produktiven Fürsorge weichen. Besonders wichtig ist der jüdische Arbeitsnachrveis, der überall, wo er besteht, Hervorragendes leistet. Die Brockensammlungen müssen produktiv umgestellt, die Arbeitslosen möglichst ihrer früheren Täsigkeit zugesührt werden. Darlehnskassen und Genossenschaftsbanken sind als Vorbeugungsmittel gegen Zusammenbruch und Existenzlosigkeit zu gründen. Der Frage der jüdischen Wanderer und der Unterbringung der Stra'entlassenen, Schaffung einer Arbeiterkolonie muß sich die Aufmerksamkeit der Oesfentlichleit zuwenden. — Prediger Goldmann, Herford, verweist in der Diskussion auf die Möglichkeit der Unterbringung jüdischer Strafgefangenen bei der Landwirtschaft, der die billige Arbeitskraft willkommen ist. — An Stelle des durch die Sitzung des Großen Rats im Landesverband verhinderte» Herrn Dr. Ollendors, Berlin, sprach Herr Dr. Lubinski, Berlin, über: Jugend- und Gemeindeheime. — In bewegten Worten sprach er von der Not der jüdischen Jugend, der es gelte, ein Zentrum jüdischen Lebens zu schassen. Er wies auf das Beispiel Amerikas und der nichtjüdischen Konfessionen hin. Es handelt sich um die Existenzfrage des deutschen Judentums, darum müssen die bestehenden Schrvierigkeiten überwunden werden. — Praktische Verwirklichung ist gegeben durch: Anleihe, Beriügungsstellung der Bauplätze durch die Städte, Unterstützung der staatlichen und städtischen Behörden und durch Baupläne, die die Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden in Berlin zur Verfügung stellt. — In der Aussprache fehlte es nicht an Stimmen der Warnung vor neuen Belastungen der Gemeinden und an solchen, die getragen werden vom Willen der Opserbereitschast für die Allgemeinheit. Als vorbildlich im sozialen Denken sei die Synagogengemeinde Hagen genannt. Der Vertreter derselben berichtet, daß dort seit langem für den Bau eines Gemeindehcims gesammelt wird und die Verwirklichung nahe bevorsteht. — Seitens eines Beaustragtcn des Verbands der jüdischen Jugendvcreine Deuischlands wurde daraus hingewiesen, wie stark der Verband sich für die Einrichtung der Jugendheime einsctzt, daß es aber trotzdem nicht angängig sei, wenn größere Geldsummen, die für die Zivecke der Gesamljugcnd bestimmt sind, einem Heime zugute kommen, ohne daß die Allgemeinheit der Jugend von diesen Mitteln bedacht worden wäre. — In der Nachmittagssitzung folgten die Berichte der Vertreter der drei Wohlsalirlscinrichtungen des Sozialen Ausschusses, des Waisenhauses in Paderborn, des Kinderheims in Sassenoocs und des Altersheims in Unna. Tie Berichte ergaben die Mittellosigkeit der drei Anstalten, deren Hauptvermögeu durch die Inflation vernichtet ist, Sorge um die wirtschaftliche Existenz und dringende Bitte an öie Gebesteudigkeit der jüdischen Gemeinden. Frl. Weinrcich von der Zentralwohlsahrtsstellc Berlin gab alsdann einen kurzen Ueberblick über deren Tätigkeit: Gesundheits- und Erholungssürsorge, Fürsorge für Geisteskranke und Kinderpsychopathensürsorge, Einrichtung von Kursen, Schulungswoche im Frühjahr und Herausgabe eures Führers durch die jüdische Wohlfahrtspflege, den Dr. Max Kreuzberger zur Zeit bearbeitet. In der Diskussion wird betont, von Neuzründungen abzu sehen, jüdisch geleitete Abteilungen den allgemeinen Heilanstalten anzugl ledern oder das Heim in Sayn bei Koblenz für Zivecke der jüdischen Wohlsahrtspftege auszubauen. Der Tagung des Sozialen Ausschusses folgte dann die des Zentralarmenverbands unter Leiurng des ersten Vorsitzenden der Synagogengemeinde Dortmund, des Herrn David Lecser. In bewegten Worten gedenkt er der Toten des Verbands, der Herren Moritz Licbenseld, Bochum, und Kronheim, Eickel, die die Versammlung durch Erheben von den Plätzen ehrt. - - Aus dem Jahresbericht ist hervorzuhebcn, daß in den letzten Wochen eine stärkere Rückwanderung aus Frankreich und Belgien eingesetzt hat; pro unterstützte Person sind im Durch chnitt 13,20 Mark ausgegeben worden. Unterstützt wurden 313 Männer, 18 Frauen und 16 Kinder. Der Beitrag soll der gleiche des Vorjahres sein, im Bedarfsfälle eine kleine Nacherhebung erfolgen. Es besteht eine enge Arbeitsgemeinschaft mit der Hauptstcllc für Wanderarmenfürsorge in Köln. Besonders wertvolle Dienste leisten die Warnungslisten von abzureiscnden Bettlern, die den Gemeinden zugestellt werden Dresden. (Von der B e e r d i g u n g s b r ü d e r s ch a s t.) Die Einleitung zum Statut, das die Israelitische Bcerdigungsbrüderschaft zu Dresden am 8. April 1853, also vor nunmehr 75 Jahren aufftclltc; sch.ießt mit den Worten: „Möge dieses Statut, das durch große, fast an Einstimmigkeit grenzende Majorität der Brüderschaft seine Endgültigkeit erhielt, auch den späten Nachkommen Zeugnis ablegen, wie tief ihre Vorfahren von der Liebespfiicht gegen Verstorbene erfüllt waren, und sie mit gleichem Geiste beseelen." Den Erfordernissen einer neuen Zeit hat sich gleich der Gemeindeverwaltung die Bcerdigungsbrüderschaft nie verschlossen. So besteht mit der am 1. Mai 1911 erfolgten Inbetriebnahme der städtischen Feuerbestattungsanstalt die Einrichtung, daß die vor den Einäscherungen stattsindende Traucrseier je nach Wunsch im Trauerhause, auf dem Friedhose oder im Krematorium unter Mitwirkung eines Gemcinderabbiners abgehalte» werden kann. Die ausnahmslose Ueberführung der Aschenreste jüdischer Verstorbener nach dem Gemeindefriedhos, um dort deren Beisetzung statt der jetzigen dauernden Ausbelvahrung in der Urnenhalle des Krematoriums zu ermöglichen, ließ sich indes bisher noch nicht durchführen. Als vom Rat zu Dresden verpflichtete „Bestaltungsordnerin für di« Ausführung aller mit den Beerdigungen von Israelitinnen, verbundenen Obliegenheiten" amtiert ununterbrochen seit nunmehr 40 Jahren Frau Sidonie Hecht. Elberfeld. (Borstandssitzung der Zentral stelle für jüdische Adoptionsvermittlung.) In Elberfeld kamen am 5. Februar die Vorstandsmitglieder der Zentralstelle für jüdische Adoptionsvermittlung zusammen, um die nächsten wichtigsten Arbeiten aus diesem Gebiete zu besprechen und den Bericht des örtlichen Arbeitsausschusses entgegen zu nehmen. Der Tätigkeitsbericht, den die Sekretärin der Zentralstelle gab, zeigte, daß die Zentralstelle neben der lausenden Vermittlung, Auskunsterteilung und Beschaffung von jüdischen Pflegestellcn sowie der Tätigung von Adoptionen ein besonders schwieriges, aber auch dankbares Arbeitsgebiet in Angriff nahm. Es war dies die Ermittlung der jüdischen Kinder, die sich in christlicher Pflege befanden. Hier hat sich die Zentralstelle das Ziel gesteckt, nicht nur durch Ermittlung von Pflegestellen in allen Landesteilen dieses künftig zu verhindern, sondern auch die noch in christlicher Umgebung befindlichen Kinder jüdischen Familien oder Anstalten zuzuführen. Diese verspätete Ueberführung kann jedoch, wie namentlich Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher aus seiner Praxis ansührte, zu großen Härten gegen die treusorgcndcn christlichen Pslegeeltern führen, daher soll an alle Vermittlungsstellen und möglichst an alle Gemeinden ein Anschreiben gerichtet werden, das die Gefahren der verspäteten Unterbringung in einem jüdischen Milieu zeigt und sie ersucht, sich zeitig mit den Amtsbeziehungsivcise Vormundschaftsgerichten wegen Bestallung jüdischer Vormünder in Verbindung zu setzen. In der Aussprache über die Zusammenarbeit der Zentrale mit den örtlichen Vermittlungsstellen wurde der Zentrale die Aufgabe gestellt, dir 'Adoptionsarbeit noch mehr zu konzentrieren, »vährend gerade im jüdischen Pflegestellenwesen eine möglichst weite Dezentralisation angebracht ist. Ein Antrag einiger Adoptivmütter ersuchte die Zentrale, die Namensnennung im Adoptionsvertrage, die heute bereits übergangen werden kann, zu verhindern. Die Zentralstelle hat hier nur die Ausgabe, gemeinsam mit den interkonfessionellen Adoptionsvcrmittluugsanstalten die Gesetzesvorlag« der Neuregelung der Adoption, die sich im wesentlichen mit der Erleichterung der Namensnennung beschäftigt, zu unterstützen, damit sie 'bald Gesetzeskraft erhält. Mit der Frage der Adoption soll sich auch die im Laufe des Jahres voraussichtlich in Elberfeld anläßlich der Tagung des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge stattsindende Zusammenkunft aller Vermittlungsstellen befassen, mit deren Organisierung die Geschäftsstelle beauftragt wurde. Die Neuwahl und die Besetzung der Vorstandsämter wurden einstimmig getätigt, so daß außer den Mitgliedern des Frauenbundes und des Arbeitsausschusses dem Vorstand ein Vertreter der Frankfurter Sammelvormundschaft des Lehrerverbandes, ein Vertreter der Z.W.St. und orthodoxer Kreise angehören. Erfurt. (Einbruchsversuch in der Synagoge.) Bor einigen Tagen wurde in der Nacht wieder ein Einbruch in der hiesigen Synagoge versucht. Beim Eindrücken einer Fensterscheibe wachte der im oberen Stockwerk der Synagoge wohnende Kastellan auf und sah von seinem Fenster aus den Einbrecher bei der Arbeit. Als dieser sich beobachtet fühlte, suchte er nach Uebcrklcttern des Zaunes schleunigst das Weite. Es ist dies bereits das vierte Mal, daß Einbrecher nachts die Synagoge heimsuchten. Efsingen. (Friedhofsschändung.) Der jüdi'che Friedhof in Essingen bei Landau in der Pfalz wurde vor etlichen Tagen verwüstet. 42 Grabstein« wurden umgeworsen und teilweise zerstört. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingeleitet. Als Täter wurden Burschen im Alter von 17 bis 19 Jahren sestgestellt. Der jüdische Friedhof in Essingen dient schon seit nahezu tausend Jahren den jüdischen Gemeinden von Speyer bis Landau als Grabstätte. Seit dem Jahre 1923 ist die Zerstörung des Friedhofs in Essingen in der Liste der Friedhossschändungen in Deutschland die 52. Frankfurt a. R. (Wie der neue jüdische Friedhof aus^ehen wird.) Wie wir kürzlich schon berichteten, hat der neue jüdische Friedhof nun seine endgültige Form im Projekt gesunden, wie ja auch mit den Anfangsarbeiten bereits begonnen wurde. Für die jüdische Gemeinde, die seÄl Jahrhunderten gemäß ihrer religiösen Ansicht die Friedhöfe der Reihungen geheiligt hat, kam nur folgendes Architekturprogramm in Frage. In der Neuanlage soll beibehallen werden die Parallelität der Gräber, die einfach-