Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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monumentale Wirkung. Ohne Verwendung malerischen und dekorativen Schmuckes soll eine Stätte des Friedens geschassen werden. Daß im großen und ganzen diese Forderungen aus das beste durchgeführt werden konnten, bewies ein Bortrag des bauausführenden Architekten Regicrungsbaumeister Nathan, der am Montag abend in der Aula des Philantropin gehalten wurde. Danach schließt sich der neue jüoischc Friedhof nördlich des allgemeinen an; die Gräber lausen in O st - W e st - R i ch t u n g. Vor dem Portal ist eine platzartig« Erweiterung für parkende Autos projektiert, ein großer Borhos zeigt auf der »linken Seite das Trauerhaus mit dem anschließenden Leichcnhaus, aus der rechten Beamtenwohnungen, Büros und die Gärtnerei. Hinter dem Vorhof liegt die Ehren reihe der um die Gemeinde besonders verdienten Persönlichkeiten, auf einem Nebenplatz findet sich der Kindersriedhof. Der Gesamtplan des Friedhofes wird von einer großen Mittelallee durchschnitten, die von einer Querallee, die auf den Marbach w c g läuft, gekreuzt wird. Das Gelände wird, mit Tannen und Trauerweiden bepflanzt, ein seinem Zweck entsprechendes Aussehen erhallen. Das Hauptportal wird sich als eine große, einfache, unkomplizierte, nur von 5 sechs Meter hohen Bogen unterbrochene Masse kennzeichnen. Jede weitere malerische Ausschmückung fehlt. Das Friedhofshauptgcbäude birgt einen Kondolenz-, Gebets- und Traucrraum. Ans der anderen Seite befindet sich ein Raum für das Harmonium, einer für die Händewaschungcn, die Totenwache und schließlich ein Raum für je sechs männliche und sechs weibliche Lcichenzellen. Angrenzend an das Verwaltungsgebäude lvird sich noch ein Blumenverkaussrauin, ein Büimenbindcrauin und eine Garage für 2 Leichentransportlvagen finden. Eudrnsderg (Hessen). (Persönliches.) Lehrer Perlstein, der mehr als drei Jahrzehnte in unserer Gemeinde als Lehrer und Kantor wirkte, hat infolge Erreichung der Altersgrenze die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhalten. Von den Vorträgen sind zu nennen: „Jüdisches und Christentum" (Frl. Clara Fröhlich), „.Heinrich Heine ein deutscher Jude" (Herr Peter Berliner), „Pessach-Gcdanken" (Frl. Käthe Liebccfeld), „Der N.umcrus-Clausns" (Herr stud. jur. Eurt Fracnkel), „Tie Juden in China" (Frau Rechtsanwalt Rechnitz), „Die Uhr bei den Alten" (Frau Dr. Zadek), „Die gegenwärtige Hochschul-politische Lage" (Herr Pud. jur. Curt Fracnkel) und „Gedanken über das Reichs-Schulgesetz" (Herr Ernst Glaser). Kassel. (Aus der Gemeinde.) Tie Vorbereitungen zum Statut der Wahlen für das Gcmeindcältestcn-Amt sind nach einer Mitteilung des Grmeindevercins so weit gediehen, daß demnächst mit der Berüsfentlichung zu rechnen ist. Gleichzeitig dürfte dann auch die in der Dezember-Versammlung des Gemeindcvereins in Aussicht gestellte Aussprache und Durchsüh.'nng der Wahlresorm nicht mehr tauge auf sich ivarten lassen. Leipzig. (Der Ausfall der G c m e i n d e w a h l e n.) Die durch die Ungültigkeitserklärung der letzthin abgchaltenen Wahlen notwendig gewordene Neuwahl fand am 26. Februar statt. Zu wählen waren insgesamt 11 Gemcindevertreter, von denen 7 die reichsdeutschen Wähler und 4 die ausländischen Wähler zu bestimmen hatten. Es erhielt die Liberale Partei 5 Mandate, die Jüoifche Volkspartei 3 Mandate, die Vereinigte Orthodoxie 2 Mandate und die Poale Zion 1 Mandat. Das Ergebnis weicht nur hinsichtlich des 11. Mandates von dem für ungültig erklärten Wahlergebnis ab, oa es hierfür durch die Bereinigung der orthodoxen Listen einen orthodoxen Vertreter an die Stelle eines Liberalen zum Gemeindevertrcter bestimmte. Magdeburg. (G o l d c n e Ho ch z e i t.) Am 5. März 1928 feiert Herr Nathan Abrahamoivsky mit seiner Gattin das güldene Hochzeitsscst. Auch unsere liberale Ortsgruppe nimmt an diesem freudigen Ereignis lebhaften Anteil und gratuliert diesem würdigen Ehepaare herzlichst zu ihrem Ehrentage. Der Jubilar ist eine der markantesten Persönlichkeiten unserer Gemeinde, ist ein treues Mitglied unserer liberalen Bereinigung und personifiziert in seinem Denken und Handeln seit Jahrzehnten wahres und frommes jüdisches Empfinden. In allen Wohltätigkeits-Bereinigungen ist er Führer und Förderer und seit Jahrzehnten in der Repräsentanz als Vertreter der liberalen Richtung schöpferisch und achtunggebietend tätig gewesen. Ralibor. (Todesfall.) Ein langjähriges treues Mitglied unserer Vereinigung, Herr Stadtältester und Stadtrat Hans Höniger, ist im Alter von 56 Jahren hier verstorben. Herr Höniger hat sich besonders als Stadtverordneter und später als Stadtrat hervorragende Verdienste in Ratibor erworben. .Vegesack. (Vorsteher-Jubiläum.) Zur Feier des 25jährigen Amtsjubiläums ihres Vorstehers Jakob Wolfs hatte die Synagogen-Gemeinde Aumund-Vegesack einen Festgottcsdicnst angeordnet. Das Gotteshaus war festlich geschmückt und mit andächtigen Zuhörern, die durch ihre Anwesenheit dem Jubilar ihre Sympathie zum Ausdruck bringen wollten, dicht besetzt. Prediger Heinemann widmete dem. verdienten Gemeindeoberhaupt anerkennende Worte für sein gemeinnütziges Wirken, und der Gefeierte dankte bewegten Herzens für die unverhoffte Ehrung. Im Hause des Jubilars erschienen dann am folgenden Tage Vertreter des Vorstands und der Repräsentanten, um. nochmals Glückwünsche auszusprcchen und eine Ehrengabe zu überreichen. Herr Rosenberg richtete herzliche Dankesworte an den Jubilar, der zur Frier des Tages später die Gcmeindemitglieder zur Kasfeetasel geladen hatte. Witzenhausen. (8 0. Geburtstag.) Der frühere Gemeindeälteste und Kreisvorsteher der hiesigen Gemeinde, Herr S. Nußbaum, konnte am 20. Februar in körperlicher und geistiger Frische unter reger Anteilnahme der gesamten Ortseingeses enen seinen 80. Geburtstag feiern. In seiner 40 jährigen Amtstätigkeit hat sich der Jubilar große Verdienste um die Erhaltung und Förderung der re.rgichen Institutionen erworben; auch der jüdische Lileraturverein verdankt seiner Anregung die Entstehung, wie er ihm auch seit mehr als 2b Jahren regste Mitarbeit als Vorsitzender rngedeihen ließ. Aus der Bewegung Dortmund. (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum.) Unsere Ortsgruppe hatte ihre Mitglieder und Freunde gebeten, am 6. Februar zu einem Vortragsabend zu erscheinen, an dem die liberale Abgeordnete für Westfalen, Frau Ottilie Schönwald, Bochum, sprechen sollte. Das Thema „Die Stellung der Frau in der jüdischen Gemeinde" hätte sehr viele Frauen gefesselt, wenn nicht schon eine Woche vor dem Abend die führenden Damen des Frauenbundes dahin informiert waren, daß Frau Schöncwald nicht kommen würde. Der Vorstand der Ortsgruppe wußte diese Tatsache erst einen Tag vorher; einige Mitglieder des Vorstandes -erst am Nachmittag des 6. Februar. Die Situation war nun nicht angenehm und entschloß sich Herr Lehrer Nnßbaum in letzter Stunde, den Gästen eine Darstellung von Nathansen's Schauspiel „Hinter Mauern" zu geben. An Hand des Schauspiels sprach der Redner über brennende Gegenwartsfragen, berührte die Stellung der vielen .Indifferenten zu allem Religiösen und wie gearbeitet werden muß, um auch bei diesen gleichgültigen Menschen den Willen zum Judentum und zur Gemeinschaft zu stärken. Jüdisches Leben muß sich auswirken im Besuch des Gottesdienstes wie in der von Liebe zur Religion erfüllten häuslichen Feier. Nicht Borträge und nicht Vereinsarbeit vermögen den ethischen Wert und die Verinnerlichung einer einzigen wahrhaft erlebten gottesdienstlichen Stunde zu ersetzen. — Dem Jndisserentismus ber jüdischen Massen steht die hohe Ethik, die Tiefe und Kraft der Gedanken des Judentums gegenüber, die ihre Stärke aus dem Buche der Bücher — der Bibel — schöpfen. — Immer in Verbindung mit der Handlung des Stückes aus dieser erwachsend, wandte sich der Redner dann der Tendenz des Schauspiels zu, über Judentum und Christentum zu wahrem Menschentum zu gelangen. Nathansen sieht das ln jeglicher Ueberwindung der Religion, die nur di« Menschen trennt nach seiner Auffassung. Herr N. wies diesen Gedanken weit zurück; wir wollen als Juden Menschen sein, denen ihr Judentum wert und teuer ist. Judentum ist reines, edles Menschentum und bedarf nicht zur Erreichung des Zieles ethisch hochstehender Menschen der Mischehe oder der Taufe. Wenn solche Gedanken unsere Brust erfüllen — so schloß der Redner — ist Nathansen die Kraft, die Böses will, doch Gutes schafft. Reichhaltiger Beifall bezeugte Herrn N., wie seine Schilderung gewirkt hatte und auf alle Anwesenden machten die Ausführungen einen starken Eindruck. Eine lebhaste Aussprache folgte dem Vortrag und im Verlaus derselben gab Herr Andorn noch einige Seiten aus Eomond Fleg „Der kleine Prophet" den Hörern zur Kenntnis. — Kein verlorener, sondern ein gehaltvoller Abend »var dieser 6. Februar. Fürth. (Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum.) Tie hiesige Ortsgruppe der jüoisch-.iberalen Vereinigung trat am Abend des 23. Februar im Berolzheimeranum nach längerer Pause wieder einmal mit einem Vorträge an die Oesfentlichkeit. Der Vorsitzende, Distriktsrabbiner Tr. Behrens, wies in seinen einleitenden Worten aus Ziele und Ausgaben des Vereins für das religiös-liberale Judentum hin und erteilte dann nach Begrüßungsworten an die Versammlung und an den Redner des Abends diesem selbst bas Wort. Es loar der Generalsekretär der Liberalen Bereinigung für Deutschland e. B., George Gvctz, Berlin, der nunmehr über „Das liberale Judentum und der Zeitgeist" sprach. Er zeichnete in einstüiwigem Vortrag streng sachlich und mit bemerkenswertem Elan das Werden des religiös-.ibcralen Judentums. Aus dem geschichtlichen Gang der Ereignisse, die vor hundert Jahren zur politischen Emanzipation führten, hervorgegangcn, hat es an die Gedanken und an die weitblickenden, umfassenden Ziele der Propheten angeknüpst, die bei aller Achtung des geschichtlich Gewordenen daraus gedrungen haben, die Ewigkeitswerte von aUem Zeitbedingten zu scheiden. Diesen Weg mußte mit Notwendigkeit der religiöse Liberalismus gehen, wenn er nach prophetischem, nach dem der Geschichte innewohnenden Gelst das Judentum erhalten und durch die Stürme der Zeit retten wollte. Es ist sein Verdienst, daß er immer das Gebot der Stunde erkannt und dem lebendigen Pulsschlag des Lebens gedient hat. Die Entwicklung des liberalen Gedankens ist beweiskräftig genug. Keine religiöse Richtung hat sich seiner Einwirkung entziehen können. Die Unterschiede haben sich in wenigen Generationen vermindert. Alle Reform ist in Wirklichkeit nicht so sehr Abschaffung und Beseitigung erstarrter Formen, sondern mit der Belebung der Form Erneuerung, Vertiefung des Gehalts, Kräftigung des religiösen Geistes, der aus den vornehmsten Quellen schöpft, nach namhaften Vorbildern seinen Wog bestimmt. Gotlescrkenntnis, Gotte-sliebe, Gottesnähe stehen ihm an erster Stelle, entscheiden das Verhältnis zur Umwelt, umgrenzen die Assimilation, die wohl die Form beeinflussen mag, im Bezirk des geistigen Lebens aber nur unter dem Zeichen der Ewigkeitswerte, nicht aber des Zeitbedingten Ausnahme finocn kann. Damit mündet der religiöse Liberalismus in den Strom der messianischen Hoffnungen, die seinen universalistischen Anschauungen ganz besonders naheliegen, dadurch kommt es zur Ablehnung der nationalen Weltaussassung des Zionismus und zu einer Befruchtung des religiösen Lebens unserer Zeit, die der anders gearteten Orthodoxie fern liegt. Indem der Liberalismus diesen Weg einschlägt, so gt er seinen großen Führern Abraham Geiger, Baeck und Hermann Cohen und dient dem Judentum in wahrhaft religiösem Geiste. Mit einem Aufruf zur Arbeit an diesem Werk, das unserer Gemeinschaft ganz neue Ziele und weitaus-greifenden Gehalt answeist, schloß ber aus bemerkenswertem Niveau gehaltene Vortrag, der starken Beifall fand. Rabbiner Dr. Behrens würdigte diese Tatsache in seinem Schlußworte, indem er für den religiösen Liberalismus völlige Gleichberechtigung im jüdischen Gemeinschaftsleben forderte. Halle (Saa'e). (Ortsgruppe der Bereinigung des liberalen Judentums.) Unsere diesjährige ordentliche Generalversammlung fand am Montag, den 29. Februar 1928, statt. Die Versammlung war gut besucht, als Gast konnten wir den Generalsekretär unserer Vereinigung, Herrn Goctz, rn unserer Mitte begrüßen. Unser erster Vorsitzende. Herr Sanitätsrat Dr. Oppenheimer, ecöffnete die Sitzung um 9 Uhr. Der Schriftführer gab eine kurze Uebersicht über die Tätigkeit unserer Ortsgruppe im vergangenen Vereinsjahr, der Kassierer erstattete den Kas'cnbcricht, dessen Richtigkeit von den Herren Gerson Burghardt und Adolf Simonsohn anerkannt wurde. Ein Paragraph unserer Satzungen wurde mit allen gegen eine Stimme geändert. Der neu gewählte Vorstand setzt sich wie folgt zusammen: 1. Vorsitzender Herr Sanitätsrat Dr. Oppenheimer; 2. Vorsitzender Herr Dr. Hirsch; 1. Schriftführer Herr Georg Oppenheim; 2. Schriftführer Herr .Hans Loewcnstein; Kassierer Herr Willi Katz; Beisitzer: Frau Dr. Ettlinger, Rabbiner Dr. Kahlberg, Justizrat Aronsohn, Herr Hugo Mainzer, Herr Albert Schivabach, Herr Josef Abramowitz. Ten Höhepunkt unserer Sitzung bildete der hieraus folgende Vortrag des §crrn Goctz mit dem Thema: „Krisenvorgäuge im deutsch-jüdischen Gemeindeleben". Der Redner schilderte die Entwicklung des liberalen Judentums von dem Judentum im früheren jüdischen Reich, über das Ghetto'ndentnm und über die Emanzipation zur Zeit Mofcs Mendelssohns bts zur letzigcn Zeit. Während zur ersteren Zeit und auch noch im Ghetto das Judentum rein jüdisch völkisch eingestellt war, ha! es sich in der Folge rein religiös entwickelt und ist, besonders in den Westländern, ganz und beivußt in der Kultur seiner Mitwelt aufgegangen. Aus diese Basis stellten sich sowohl die liberalen Juden, wie auch die gesetzestrcuen. Deshalb war es für beide Gruppen möglich, gemeinsam zusammen zu arbeiten. In diese gemeinsame Arbeit hat die jüdische Volkspartei, bei der jetzt leider auch die gesetzestreucn Mitarbeiten, einen Keil getrieben, die gemeinsame Arbeit gestört und die These ausgestellt: nicht die Religion eint die Juden, sondern die Nationalität. Es würde für uns liberale Juden bedeuten, die ganze in den letzten 109 Jahren entstandene Weiterentwicklung zurückzubauen, wenn wir uns gegen diese Rückentwicklung nicht mit aller Macht stemmen würden. Wir sind mit unserer ganzen Kultur mit dem Deutschtum verwach en und als Deutsche allein tvollen mir unsere Religion Hochhalten und weiterentwickeln. An Hand der Vorgänge in der Großgemeinde Berlin zeigt uns der Redner, wie unheilvoll sich in der Praxis die Lehre der jüdischen Volkspartei unter dem Vorsitz der Zionisten auswirkt. Er mahnt zu einem engeren Zusammenschluß und weiterem Ausbau unserer Vereinigung, um dem Wirken der jüdischen Volkspartei besser entgegentreten zu können. An den Vortrag schloß sich eine sehr rege Debatte an. Es wurde auch ein Antrag eingcbracht, daß durch. Werbung an der ^Vergrößerung unserer hiesigen Ortsgruppe gearbeitet werden soll. Schluß der Sitzung 12 Uhr. Leipzig. Gelegentlich der durch den Einspruch der Orthodoxen erforderlich gewordenen Wiederholung der im November vorgenommenen Wahlen zur Gemeindevertretung fand eine gut besuchte Wählervcrsammlung statt, die von dem liberalen Wahlausschuß einberufen war. Das Hauptreferat hielt Herr Generalsekretär George Goctz mit dem Thema „Krisenerscheinungen im jüdischen Gemeindeleben". Um zur Beantwortung der Frage zu gelangen, ob es überhaupt Krisen im jüdischen Gemeindeleben gebe, wies der Vortragende in einem kurzen geschichtlichen Ueberblick darauf hin, daß Judentum nichts anderes als Religion sei. Wohl habe man immer für die Judenheit den Begriff Volk angewandt, nie aber in dem Sinn, mit dem man heute in nationaljüdischen Kreisen die Judenheit kennzeichnen wolle. Zudem sei, auch wenn man von dem jüdischen Volk sprach, nie anders gedacht worden, als daß damit die durch die Religion gebildete Gemeinschaft verstanden wird. Auch als die Emanzipation im Beginn des 19. Jahrhunderts die Judenheit in eine neue Lage brachte, sei kein Zweifel darüber gewesen, daß das Kennzeichen des Judentums ausschließlich die Religion sei. Es habe wohl heftige Kämpe um die Auffassung der Religion gegeben, aber Gesetzestreue und Freunde einer religiösen Reform seien sich darin einig gewesen, daß in der Religion das Wesenszeichen des Judentums liege, und hätten aus diesem Grunde auch immer in gewissen jüdischen Dingen miteinander gehen können. Anders sei das erst geworden, seitdem die nationalen Juden im Gemeindeleben sich Geltung zu schassen versuchten und in die Auffassung von Gcmeindeleben Gedanken hineintrugen, di« mit dem Judentum als Religion unvereinbar seien. An einer großen Reihe von Beispielen aus dem jüdischen Leben 6et Gegenwart, die vorzugsweise von den Berliner Verhältnissen her, ab« auch in anderen deutschen Städten zutreffen, genommen waren, zeigte der Referent, wie durch die Propaganda und durch die Arbeit i« Sinne der nationaljüdischen Auffassung die Uneinigkeit in den Gemeinden verstärkt worden sei, so daß man, wie es sicherlich sür Berlin zutrefse, geradezu von Krisenerscheinungen sprechen dürfe. Unter diese» Verhältnissen könnten wohl innerhalb einer Gemeinde Orthodoxe und Liberale Zusammengehen, da sie wenigstens die gleiche religiöse Plattform besitzen. Dagegen könne man unmöglich sich mit der nationaljüdischen Auffas>ung zusammenfinden, die das jüdische Gemeindeleb«» in ein dem eigentlichen Judentum fremdes Fahrwasser geleiten möchte. Der mit lebhaftem Beifall ausgcnommene Vortrag ries eine angeregte Aussprache hervor, an der sich Vertreter aller Gemcindcparteien beteiligten. In der Aussprache traten die Gegensätze, die sich hier wie wohl in den anderen Großgemeinden in gleicher Weise im Gemeindeleben geltend machen, hervor. Seitens der liberalen Vertreter wurde« die Angriffe in entschiedener Weise zurückgewie,en, wenn auch der Wille der Liberalen zum AusdruU gebracht wurde, für die Einheit des Gcmeindclcbens Sorge zu tragen. Es war dies seit einer Reihe von Jahren die erste von Liberale» einbcrufcne Versammlung. War auch die Beteiligung liberacr Mitglieder keineswegs so stattlich wie cs angesichts einer immerhin recht heftig geführten Wahlpropaganda hätte erwartet werden dürfen, so war sie doch andererseits nicht unbefriedigend und gibt zu der Hoffnung Berech.igung, daß künftighin der Zusammenschluß der Liberalen festere Form gewinnen wird. Drängen müßte hierzu auch das Ergebnis der Wahl; das in der für ungültig erklärten Wahl vom November seitens der Liberalen neu gewonnene Mandat hätte mit Leichtigkeit auch jetzt gehalten werden können, wenn eine festgefügte Organisation die liberalen Wähler in genügendem Ausmaße zur Wahlurne geführt hätte. Es darf immerhin mit Befriedigung ausgenommen werden, daß wenigstens durch diese Wahl eine Verschlechterung gegen den noch bestehenden Zustand nicht eingetreten ist. Zurzeit setzt sich die Gemeindesitzung aus 17 liberalen Vertretern gegen l6 Verordnte der anderen Parteien zusammen. Liegnitz. (Liberaler Veretn der Synagogen-Ge m e i n d e.) Am Mittwoch, den 22. Februar, fand in den Räumen der Silesia-Loge ein Vortragsabend statt, zu welchem gleichzeitig drei Vereine geladen hatten, Central-, Liberaler- und Mitte.stands-Vcrein. Ter Redner des Abends war Herr Dr. Nathan Birnbaum- Berlin. Thema: „Der Weg des Judentums in der W e l t g e s ch i ch t e." Die Art, wie der Herr Redner das Thema durchführte, war bewunderungswürdig und mußte stärkstes Interesse erregen! Man erlebte eine Stunde wahrhafter Erbauung! Tie sehr zahlreich erschienenen Hörer aller Parteien folgten dem Referat bis zum Schluß mit größter Aufmerksamkeit uno dankten Herrn Dr. Birnbaum durch reichen Beifall. Ralibor. (Jüdisch-liberaler Jugcndverei n.) Am 19. Januar konnte unsere Ortsgruppe aus ein Jahr Jli-Arbeit zu rückblicken. Vor dieser Zeit gab es in Ratibor schon einen andere» Jli, der besonders unter dem damaligen Rabbiner Herrn Tr. Diene» mann blühte, dessen Führung nach dem Fortgange des Herrn Rabbiners Dr. Dienemann in andere .Hände überging, der dann noch einige Zeit arbeitete, aber dann plötzlich seine Arbeit ausgab, um ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Mit dem Aushören des Jli lösten sich auch die Kameraden, eine Jugendabteilung für 8—15 jährige, aus, und somit war in Ratibor die gesamte liberale Jugendbewegung eingefchla'en; sie wäre es heute noch, wenn nicht im Januar v. I. sich einige Mutige gesunden hätten, die eines Tages an die ehemaligen Jli-Mitglieder und an verschiedene andere, von denen sie vermuteten, daß sie Mitarbeiten würden, Einladungen zu einer „wichtigen Besprechung" ergehen ließen. Elf waren dieser Einladung gefolgt; es waren recht wenige, aber sie waren sich alle einig, einen Jli wieder neu zu gründen. Man schritt zur Vorstandswahl, ans dieser gingen hervor: als 1. Vorsitzender .Herr Apotheker Dr. Zadek, als 2. Vorsitzender Frl. Anni Fracnkel, als Beisitzer Frau Rechtsanwalt. Erika Rechnitz, als Schriftführer Herr Ernst Glaser und Frl. Käthe Bieberfeld. Die Gewählten nahmen bis aus den in Abwefcnheit gewählten Herrn Zadek, der die Wahl später ablehnte, an. Es wurde als 1. Vorsitzender Frl. Anni Fracnkel gewählt. Dies war unsere erste Versammlung, ihr folgten noch 11 andere, ordentliche Versammlungen und 7 Vorstandssitzungen. Diese Versammlungen füllten hauptsächlich Vorträge aus. Es fand außerdem eine Freüazabendseier. statt; die Feier des Purim- und Chanukah-Festes wurde festlich begangen. Außerdem hielt Herr Rabbiner Tr. .Halpersohn, Breslau, einen Vortrag über „Das Judentum und der Liberalismus im Judentum". Im November v. I. besuchte Frl. Fracnkel den Breslauer Jli. Im Juni gingen wir in die Sommerserien, um im Oktober die Winterarbeit wicoer aufzunchmen. Nach den ersten beiden Wintcrvecanstaltungcn nahm die Besucherzahl merklich ab. Es wurden Stimme» laut, die den Jli in der bisherigen Form, also mit Vorstand und nicht einmal richtig eingeschriebenen Mitgliedern, nicht mehr weiter bestehen lassen wollten. Man formn.ierte nun einen diesbezüglichen Antrag und einigte sich nun, den Jli in eine Arbeitsgemeinschaft umzuwandeln, um alte Mitglieder, die sich jetzt durch Unterschrift verpflichteten, mehr zur Arbeit heranzuziehen. Es schrieben sich 17 ei» und das ist auch unsere heutige Mitgliedcrzahl. Der Vorstand legte nieder und cs bildeten sich zur Weirersührung der Geschäfte eine Arbeitsgemeinschaft. Dieser traten Frl. Eva Tichauer, Frl. Anni Fracnkel, Herr Peter Berliner u,ü> Herr Ernst Glaser bei. — Im März d. I. findet eine Feier des Purim-Festes statt. Vereinsnachrichten Der Hilfsverein der deutschen Juden hält am Sonntag, de» 4. März, 11 Uhr vormittags, seine diesjährige Generalversammlung in Berlin, im BrüdervcreinshauS, Kurfürstcnstraße 115-116, ab. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit im Jahre 1927. 2. Rechnungsbericht. 3. Entlastung des Schatzmeisters und des Geschästssührenden Ausschusses. 4. Wahlen. 5. Anträge. 6. Verschiedenes. Im Anschluß an die Generalversammlung wird Herr Dr. Bernhard Kahn, Mitglied des Geschäftsführenden Ausschußes des Hilfsvereins, über: „Die Lage der jüdischen Massen in der Nachkriegszeit" sprechen. Geschäftliches In jedem Kleibcrschrank schlummern Sachen, die unmodern geworden sind oder aus anbern Gründen nicht mehr dem Geschmack der Gegenwart entsprechen. Sie umzugestallen, und rein und sein in neuer Farbe auserstehen zu lassen, ist die vornehmste Aufgabe der Firma Bergmann G. m. b. H., Alt Moabit 95/97. Ob es sich darum handelt, einen Anzug, ein Beinkleid, einen Mantel des Hausherr» wieder wertvoll zu machen oder aus alten Vorräten neue Kinderkleidung zu schneidern — ein Weg bis zu der nächsten Bergmann- Filiale ist lohnend. Eine sachgemäße chemische Reinigung verleiht wieder Ansehen, und auch Umfärben kostet nicht viel. Bei Bergmann ist die Arbeit in guten Händen. Hrer hat man die große Erfahrung und gcht mit aller Vorsicht und Sorgfalt ans Werk. 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