Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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V* ■wie auch den jüdischen Hofarzt Don Samuel, nach eigenem Ermessen zu strafen. Don Joseph ward mit seiner gesamten Familie in den Kerker geworfen. Es starb der einst so stolze Sohn Judas den grimmigen Kerkertod, und sein Gefährte, der kluge Arzt, verendete unter den Qualen der Folter. Gonzalo hatte nicht vergessen, die beträchtlichen Besitztümer beider Familien einzuziehen. Der erste Schritt war getan. Es galt nun, das Werk des Verderbens auf a'le Juden Kastiliens auszudehnen. War ja in der Tat ein großer Teil von ihnen zu Wohlstand, Ehren und Bildung gelangt nach glanzvo’len Jahrhunderten der Duldung, im Besitz der Menschenrechte, im Sonnenlicht geistiger Blüte. Wieder stand Gonza’o vor Alfonso. „Mein Herr und König! Der Maure steht vor Kastiliens Tür. Er will das christliche Land dem fluchwürdigen Islam unterwerfen. Was soll geschehen?“ „Denkst Du an einen Feldzug? Wir können nicht Krieg führen. Seit Don Joseph nicht mehr lebt, ist die Staatskasse leer!" Wie von der Viper gestochen, fuhr Gonzalo auf. „Mein Herr und König möge mich hören! Geld genug ist im Lande. Man muß cs da zu packen wissen, wo es unrechtmäßig aufgespeichert liegt. Man gebe mir königliche Vollmacht! Ich schaffe es!" „Wie wi Ist Du es schaffen, Gonzalo?“ „Mein Herr und König möge mir den Oberbefehl über die Truppe und alle Befugnisse im Lande zuerteilen, so schaffe ich alle brachliegenden Schätze des Landes herbei!“ „Ich frage, wie Du es schaffen willst, Gonzalo. Die Ungeduld zerreißt mein Hirn. So sprich!“ „Man enteigne die Juden all ihres Besitzes und verbanne sie aus Kastilien. Fernerhin rege man die Reichen unter den Christen an, hohe Abgaben zu leisten, Besitztümer herzugeben. Man verkünde, daß sie nun end ich die Feinde und Verderber des Landes, die Juden, los werden und alles Land wieder ihnen, den Gläubigen des Kreuzes, gehören würde. Ja, ich bin dessen sicher: nicht nur die Reichen würden freudig geben, nein, auch die Armen brächten jubelnd ihr kleines Scherflein.“ Der König stand ainnend. „Ich will cs mit meinen Räten besprechen.“ „Die Gefahr ist nahe, mein Herr und König. Lange überlegen heißt, den Feind ins Land rufen.“ „So rüste vorerst ein kleines Heer und ziehe zur Grenze.“ Gonzalo tat, wie ihm befohlen. Bald kam die erste Siegesnachricht. Der feindliche Feldherr war gefallen, sein kleines Heer auseinandergestoben. Gonzalos Aussichten, auch über Alfonso’s zögernden Sinn zu siegen, waren gestiegen. Sein Uebermut wuchs ins Ungemessene. Sein Ziel war nahe. Nieder mit Juda! Alfonso beriet sich mit seinen Räten. Noch zögerte man. Der Geist Alt-Kastiliens wehrte sich gegen schmachvo les Unrecht. Tiefe Trauer und heiße Angst herrschte in den jüdischen Gemeinden des Landes. In allen Gotteshäusern und Schulen stiegen flehentliche Gebete zum Gotte Israels empor, erschollen wehe Klagegesänge aus leid- und sorgebeschwerten Herzen. Große Fasten wurden eingesetzt; aus Judas Häusern war alle Freude verbannt. Hamann war wieder da! Der böse Geist, der Israel durch die Lande hetzte. Hamann, Hamann! Und Purim stand vor der Tür. Würde Gott eine neue Esther senden? * Mit schwerem Herzen und zermartertem Hirn war Alfonso aus der hohen Ratsversammlung in seine Gemächer zurückgekehrt. Die Entscheidung stand mit fast gleichen Stimmen. Einige gossen wie Gonzalo Gift und Geifer über die Juden aus. Einige der Klugen und Gerechten warnten vor den geplanten Gewaltsmaßregeln gegen die Juden. Kastilien beraube sich tüchtiger, kluger und schaffenseifriger Untertanen, die durch diese Eigenschaften zwar sich selbst, aber auch dem Staate und Hofe große Einnahmen brächten. Denn schaffende Köpfe und Hände wögen mehr als einmal konfiszierte Besitztümer. Auch solle der edle König so Schimpfliches nicht beginnen. Wem sollte Alfonso Recht geben? Als der König grübelnd im Gemach auf und ab schritt, wurde ihm Leonora gemeldet. Freudig leuchtete es in seinem Antlitz auf. Leonora trat ein. Alionso ging ihr entgegen, küßte ihr Hände, Stirn und Mund. Wie schön war sie mit ihrem Haar von Ebenholz, ihren Geist und Güte ausstrahlenden Schwarzaugen, ihrer Stirn von Alabaster, heut noch weißer als sonst vor Erregung der Seele! So schön war sie, so edel von Gesinnung, so klug mit ihrem Rate, daß Alfonso seiner königlichen Gemahlin die Treue gebrochen hatte, um Leonoras willen. Sie war die Königin seines Herzens, die wahre Gefährtin seines Lebens, seiner Sorgen und Freuden. Sie, Leonora. „Du Trösterin kommst zu mir. Ich bin in Sorgen, Leonora.“ „So auch ich, Alfonso. Jn Sorge um Dich, mein Teurer!“ „Um mich geht es nicht! Um Kastilien geht es, um die Christenheit. Der Islam rückt näher. Was soll ich tun?“ Leonora sah ihn sieghaft lächelnd an. „Um Christenheit und Kastilien ist mir nicht bange. Aber um Dich bin ich in Kummer. Du bist im Begriff, etwas zu tun, was Deiner unwürdig ist, neues Unrecht zum alten hinzuzufügen.“ Aufbrausend rief Alfonso: „Wann hätte ich altes Unrecht begangen? Wäge Deine Worte, Leonora. Du sprichst mit Deinem König!“ „Ich spreche mit meinem geliebten Herzensfreunde. Ich spreche mit einem verantwortlichen Menschen und Christen, den ich vor Schmach und Reue bewahren will. Du wolltest wissen, welch altes Unrecht Du begingst? Nicht lange ist es her, da ließest Du zwei Männer Deines Hofes, zwei Freunde und Ratgeber in Folterqualen und Kerkernot umkommen ...“ „Sie verdienten es, wie man mir berichtet hatte.“ „Wer hatte Dir dies berichtet? Ein Mann war es, der aus der Niedrigkeit und Unbedeutendheit durch jenen Juden emporgehoben wurde, und der in schmählichem Undank seinen Wohltäter verderbte. Ist das ein Christ? Ist das ein Ratgeber? Darf ein Alfonso, mein Alfonso, auf ihn hören? Erinnere Dich jenes anderen Alfonso, Deines großen Vorfahren, der selbst einem Gregor VII., dem Sie 1 Vertreter Gottes auf Erden, Trotz bot, als er Mord und Untat an unschuldigen Juden forderte. Und Du wolltest einem kläglichen Gonzalo nicht Trotz bieten?“ „Was treibt Dich, für die Juden zu bitten?“ „Gerechtigkeit treibt mich, Alfonso, und Liebe zu Dir!“ „Sie haben den Reichtum des Landes an sieh gerissen, sagt man.“ „Und geben ihn dem Lande wieder. Nicht nur an Gut und Geld, nein auch an Geist und Kunst, den hohen Dingen des Lebens. Wie schön klingt in ihren Liedern Spaniens herrliche Sprache! Wer meistert sie besser?“ „Leonora, Du machst mir das Herz schwer. Aber man fordert ihren Untergang; das Volk fordert...“ „Das Volk? Ein Aufwiegler hetzt es auf. Ein schlechter Volksfreund, ein Mensch von niederem Sinn! Vergleiche ihn mit Joseph Benveniste...“ „Halte inne, Leonora, den Namen will ich nicht hören!“ „Weil Du tief im Herzen nicht aufgehört hast, ihn zu betrauern, Reue zu fühlen, daß Du ihn hingeopfert.“ Zähneknirschend stand Alfonso vor Leonora. Wie las sie doch in seinem Herzen, das er gewaltsam verstockt hatte! Ach, hätte sie damals gewarnt, wie sie cs jetzt tat! „Soll ich Dich an jene andere Leonora erinnern, Deine holde Schwester, die einst Don Joseph Benveniste für würdig genug hielt, ihn aus der Hand seiner Feinde durch List zu retten, ihn für Dich zu retten?“ „Was so 1 das alles, Leonora? Warum quälst Du mich? Kann ich Vergangenes ungeschehen, Tote lebendig machen? Das hilft mir nicht über die Sorgen der Gegenwart.“ „Aber es verhindert Sorgen und Reue für die Zukunft.“ „Dein gutes Herz, das Herz der edlen Frau, sieht die harten Dinge der Welt anders, als sie sind. Jetzt heißt es, Geld schaffen zur Abwehr und zukünftigen Schaden am Lande verhüten.“ „Die Abwehr ist erfolgt; die Gefahr vom Islam ist nicht mehr nahe. Aber eine andere Gefahr ist nahe. der Uebermut des Gonzalo.“ „Was willst Du damit sagen?“ Leonora sah die ungeheure Aufregung des Königs. Sie erkannte auch, daß a les bisher Gesagte ihn weder umstimmte, noch zu Entschlüssen brachte. Nun griff sie zur letzten Waffe: „Gonzalo ist Dir ein falscher Freund! Er spricht Uebles über Dich, spottet Deiner Unschlüssigkeit, trachtet nur danach, Dich seinen Plänen gefügig zu machen. Dich, den Herrscher über Kastilien, zu beherrschen.“ Der König stampfte hart mit dem Fuße auf. „Leonora, Du wagst viel! Er ist Großmeister eines hohen christlichen Ordens, mein erster Minister und Oberbefehlshaber über mein Heer, hat Siege erfochten.‘* „Und harrt seines größten Sieges... i^er Dich!“ In tief verletztem Stolz, glutrot im Gesicht, rief Alfonso: „Bei Gott, ich will ihn prüfen, will mir Gewißheit schaffen. Aber wehe Dir, Leonora, wenn Du gelogen und ihn, der jetzt meine Stütze ist, verleumdet hast! G'aubst Du, daß meine Liebe so stark ist, daß sie solch einem Frevel standhält?“ „Du wirst mich inniger lieben, als zuvor, wenn ich Dich von Deinem Unstern befreie.“ Dann aber blickte sie ihn mit traurigen Augen an und sagte, stolz aufgerichtet: „Leonora wird nicht warten, bis Alfonso sie fortwirft.“ Sie wandte sich ohne Gruß zum Gehen. „Leonora, Geliebte, geh nicht so von mir! Vergiß das Wort, das ich in Zorn und innerer Not sprach.“ Er wo lte sie halten und umarmen, sie aber entwand sich ihm und sprach: „Wenn Du zur Erkenntnis gekommen sein wirst, dann wi 1 ich wieder Dein sein.“ Eilig verließ sie das Gemach. * Alfonso befahl, daß Gonzalo zu Madrid vor seinem König erscheinen so lte. Gonzalos Uebermut war aber so groß, daß er dem Befehl nicht Folge leistete. Da er die Folgen seines Ungehorsams kannte, suchte er rechtzeitig Helfer, wiegelte die Ritter seines Ordens und die Bürger gegen den König auf, ja, versuchte sogar, sich mit feindlich gesinnten Herrschern zu verbinden und Heb cs so weit, daß er des Königs Leben bedrohte. So hoch Uebermut und Bosheit war, so tief der Fall: Der Hochverräter wurde gerichtet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. — - * Jubel herrschte in den Häusern der Juden. Esther war neu erstanden, Hamann gerichtet. Der Sinn des Königs wandte sich der Gerechtigkeit wieder zu. Von neuem genossen einzelne Juden das Vertrauen des enttäuschten aber bekehrten Königs und stiegen zu hohen Aemtern auf. Juda war für diesmal gerettet; in den Gemeinden Kastiliens feierte man das alte Purimfest zusammen mit dem Feste der Rettung aus eines neuen Hamann Hand, dem Feste der Rettung durch die spanische Esther. - Der Heutigen Auflage unserer Zeitung Hat die Jüdische Nesormgemeinde zu Berlin Sonderdrucke ihres Gebetbuches beilegen lassen. Die Jüdische Nesormgemeinde stellt nur eine Richtung im jüdischen Liberalismus dar. Um Mißverständnis'en vorzubeugen, bemerken mir ausdrücklich, daß selbstverständlich mit der Beilegung dieser Sonderdrucke wedet eine Identifizierung der Bereinigung für das liberale Judentum noch unserer Redaktion mit der Jüdischen Reformgemeinde zn Berlin oder eine Stellungnahme für ihr Gebetbuch beabsichtigt ist. (Vgl. auch den Artikel in heutiger Nummer.) Synagoge unflensiraBe Am 2. marz vu Uhr, lindst ein L Freitag-Aleid Gottesdienst ■ 10 Rosen 4 Markt Ihr Qartea gewl nt dorch Anpflanznng unsere Rosen. 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Zuschriften erbeien unt B 1872 an die Expedition dieses Bla'tes Malerarbeiten jeder Art Zum Beginn de neuen Schuljahres 1928 soll eine neue unterste Klasse unserer Vorbereiiungsanstalt eröffnet werden. Schüler und Schülerinnen, welche die Reife für Ob'r-ekunda oder das Schuzeuenis eines Lyzeums besitzen, wollen ihre Meldung nebst Abschrift ihres letzten Schulzeugnisses und einem selbsgeschriebenen Lenenslauf dem Lei er der Anstalt, Herrn Studiendirektor Dr. Gntman, Berlin N 24, Qroße Hamburger Straße 27, einsenden. Bedürftigen Schülern u. Schülerinnen können Stipendien in Aussicht gestellt werden. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden. Renovierung von Wohnungen, Geschäftslokalen, Fassaden etc. Robert Gutheim W50, Kulmbacherstr. 7, Fernspr.: Lützow 6260 Kostenanschläge gratis —---- Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. KoNtenlo&e Fetierb«*stattnngr Annahme W 35, Lfltzow-trnße 44, Tel phon: Lützow %0-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Ecke Pasanenstraße, Tehphon: Stein latz (835 4 Gesucht Iwird für einzelne Dame in Berlin als Stutze ^Gesellschafterin ein gebildetes, sol. jüd. Mädchen im Alter von 30 bis 35 Jahren, die auch im Haushalt bewandert ist. Meldungen unter Chiffre K 4829 an die Expedition dieses Blattes Israelitischer Gottesdienst in Frankfurt/Al. Liberaler Ritus: Hauptsynagoge. Freitag, d. 2. 3., abds. 5.45. Sonnabend, d. 3. 3., morg. 0, nachm. 4, Sabbat-Ausg. 6.55. Montag, d. 5. 3., Purim, abds. 6, Jugendgottesdienst Rabb. Dr. Salzberger. Wochengottesdienst: morg. 7.30, nachm. 4. Synagoge au der Königsteiner Straße. Freitag, d. 2. 3., abds. 6.30, Predigt Rabb. Dr. Salzberger. Sonnabend, d. 3. 3., morg. 9.30, Sabbat-Ausg. 6.55. Montag, d. 5. 3., abds. 6, Purim, Jugendgottesdienst Rabb. Dr. Seligmann. Wochengottesdienst: morg. 7.30, abds. 7. Konservativer Ritus: Synagoge am Börneplatz Freitag, b. 2. 3., abds. 5.40. Sonnabend, d. 3. 3., Frühgotlesdienst 6.45, morg. 8.15, nachm. 4, nach Mincho für junge Leute: „Die Grundlehren des Judentums im Anschluß an Maimonides", Herr Rabb. Dr. Hosfmann, abds. 6 Vortrag Megillath Esther, Dr. Ernst Simon, Sabbat-Ausg. 6.55. Montag, d. 5. 3., Purim, abds. 6.10. Dienstag, d. 6. 3., morg. 6.20. Wochengottesdienst: morg. 6.30, nachm. 5.30. Synagoge Bockenheim. Freitag, d. 2. 3., abds. 5.40. Sonnabend, d. 3. 3., morg. 8.45, Vortrag, nachm. 4, Sabbat-Ausg. 6.55. Montag, d. 5. 3.» abds. 6.20, Purim. Dienstag, d. 6. 3., morg. 6.30. Wochen* gottesdienst: morg. 6.45. Israel. Krankenhaus Gagernstr. 36. Freitag, d. 2. 3., abds. 6.40. Sonnabend, d. 3. 3., morg. 8.15, nachm. 4. Montag, d. 5. 3., abds. 6.10, Purim. Dienstag, d. 6. 3., morg. 6.30. Hier fehlt Ihr Inserat Verlag: Vereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. Bruns Wsyda, Berlin NW. 88. — Druck: Hermann Wegner & $*., Berlin-Mariinders.