Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gänge des Hauses bewacht", aber wir wollen, daß sie immer weiter hinaussehen lerne über den engen Bezirk ihres Hauses, daß sie Anteil nehme am Leben da draußen. Wir ertragen heut nicht mehr den Typus des Mädchens, das sich nur als Objekt für die Ehe betrachtet. Wir verlangen, daß auch die Frau sich berufen fühlt, Führerrollen übernehmen zu können. Wir begrüßen die Frau im Berufe des Mannes, wir begrüßen sie auf der Rednertribüne, wir begrüßen sie an der Spitze selbst von Vereinigungen, wir begrüßen sie im sozialen Kampf. Wir möchten nicht nur die gelderwerbenden, sondern die geisterwerbenden Frauen. Wir wollen nicht bloß Freiheit für ihre Person, sondern vor allem für chre Persönlichkeit. Der jüdische Madchentypus von früher und der jüdische Frauentypus von früher, der vor allem auf Dienen und Gehorchen eingestellt war, ist wirklich schon mehr als überlebt. Ter Typus des immer nur Nachlebenden Mädchens ist mit vollem Recht dem sich selbst lebenden — seinem Ich im tiefsten Sinne lebenden — ein für allemal gewichen. Aber gerade, weil wir das alles zugestehen, dürfen wir nunmehr auch deutlich sagen: der vollendetste Typus ist das keineswegs. Wir schätzen die Hausfrau — und die Frau jeder Freiheit, aber gerade unsere jüdisch-liberale Zukunft muß vor allem auf den dritten Typus bedacht sein, den der Esther und ihres Wortes: „Ich und meine Gemeinschaft". Der Frauen, heißt das, die chr köstlichstes Teil — „Weisheit" als Ausgeburt jüdischen Fühlens, „Liebe" als Ausfluß jüdischer Begeisterung — über jede Bildung, Freiheit und Gelehrsamkeit stellen, Mädchen und Frauen, die sich bewußt sind, daß Weichheit nicht bloß Rührseligkeit ist und „männlich" jedwedes „Gefühl" bekämpfen, sondern die es gerade an ihrer Religion erlebt, daß man auch im Gefühl ein Genie sein kann und daß nur die Tiefblicke unserer Genies im Gefühl — von Mose bis auf die Gegenwart - unserer Religion den Stempel aufdrückt, nicht aber die Fülle unserer Gelehrten, die Geistesblitze der „scharfsinnigen" Köpfe. Ach, weshalb sprechen wir denn so viel von der Bedeutung der Mutter für die Religion — der Mutter ganz ohne Unterschied, der ungelehrten wie der gelehrten? Weil wir nicht anders urteilen als Ellen Key, gewiß eine „moderne" Kämpferin, die aber doch das „Mysterium des Mutterseins" auch der modernen Frau als Höchstes erhalten möchte. Ja die an Mysterium grenzenden Kräfte der Frau, ihr angeborener tiefschauender Trieb, ihre Unmittelbarkeit, ihre Leidenschaft, ihr in sich blicken, nach innen horchen, ihr gottverbundenes, ergriffenes Gemüt, ihre Schöpfernatur, zu der sie bestimmt ist — all das ist religiös, all das soll das Kind beeinflussen, soll es so mit Begeisterung erfüllen, so stolz und so stark machen, so frei und so groß, daß es willig das Wort in sich aufnehme: „Ich und meine Gemeinschaft" -- dieses Wort des Trotzes und der unerschütterlich ausharrenden Liebe, des Opsersinns bis zum Aeußersten. Gewiß ist solch ein Wesen „Gnade", ist Anlage, Begabung, Geschenk wie Gerne stets. Gewiß sind das unsere Auserwählten, die Berufenen, unsere Führerinnen. Aber Beispiele können hier auch so viel, Erziehung kann gar mancherlei anbilden. Die Neuzeit berichtet von zwei schlichten Frauen, die Typen der „Weisheit mrd Liebe" waren, schlichte, aber so innige Menschen, wirklich ergriffen, wirklich religiös. Oder kann man das Testament Ulla Franks etwa in anderem Sinne lesen, das Testament an ihre „geliebten Kinder und Enkel": „Seid fröhlich und zufrieden und geistig hochgemutet. Achtet die Tradition! Mein Bekenntnis vom Sinne des Lebens ist: „Die h öchste Güte ist die tiefste Weisheit."" — Und wer gedenkt nicht noch jenes Lebens voll Leid und Liebe, wie es uns in den schlichten Versen der Gertrud Marx entgegentritt, die dereinst ihr Testament an die Frauenwelt in die innigen Worte zusammenfaßte: „Frauen sind die Mittlerinnen zwischen den Geschlechtern. Frauen sinds, die Frieden sinnen allen wilden Fechtern. Frauen sinds, die Liebe tragen, um das Leid zu stillen. Frauen sinds, die alles wagen um der Liebe willen?" Und eröffnet sich nicht gerade durch diese Worte unseren jüdisch-liberalen Mädchen und Frauen ein ganz besonderes Arbeitsfeld, ein wirklich jüdisches, ein wirklich frauliches, ein Feld im Dienste der Menschen-Gcmeinschaft und damit zur Ehre der jüdischen — ich meine, „auf Frieden zu sinnen allen wilden Fechtern", ich meine, für den Gedanken des'Friedens zu arbeiten? „Wie können wir dauernden Frieden schaffen", fragt wieder Ellen Key, und sie antwortet: „Von den Frauen der neuen Zeit und ganz besonders von den jungen Müttern kann die Umwandlung der Seelen erhofft werden. Sie müßten chre Kinder lehren, das Leben zu ehren, zu lieben und ihm zu dienen. Sie müßten die Kämpferfreude und Talenlust ihrer Söhne auf die Errettung von Menschen statt auf Vernichtung lenken. Sie müßten ihre Kinder lehren, daß das zeitweise Niederschlachten der kräftigsten männlichen Bevölkerung zweier Länder nichts anderes ist als ein verbrecherischer Wahnsinn". Schlägt euch das Herz nicht höher, ihr jüdischliberalen Mütter, bei der herrlichen Aufgabe, die euch hier winkt? Hat nicht euer Prophet einst das Wort gesprochen: „Der Ewige ist unser Sieg?" Nicht euer Lazarus es niedergeschrieben: „Vom Standpunkt der Menschheit ist Krieg der Abgrund aller ethischen Kultur?" Nicht euer Steinthal sich dahin erklärt: „Die Verbrüderung der Menschheit als Ziel ist eine erhabene Idee." Nicht euer Cohen einstmals behauptet: „Die Grundkrast der Menschenseele ist ebenso gewiß der Friede, wie er das Ziel der Menschengeschichte ist." „Der Krieg ist der Satan der Weltgeschichte." Liegt nicht hier eine Aufgabe vor, bei der die Zukunft der Jahrtausende aus dem Spiele steht, eine Aufgabe auch der Bevölkerungspolitik, von der jetzt so sehr viel die Rede ist, im allgenteinen und auch bei uns. „Ich und meine Gemeinschaft" — wer aber weiter erkennen will, wie und aus welchen Quellen vor allem, aus innerer Schau nämlich und tiefstem Frommsein, jüdischliberale Frauen und Mädchen iin Esthergeist sich betätigen können, er wird je an jenen Gestalten nicht vorübergchen können, die uns allen seit der Weltkonserenz so wohl vertraut, an jener Lich Montagu und ihrem ergreifenden Wort: „Ich habe nur ein Tüpfelchen getan, aber ich hätte nichts tun können, wenn ich nicht eine lebendige Religion gehabt hätte, die mich treibt, etwas zu Inn, weil — in aller Demut sei es ausgesprochen — Gott von mir verlangt, daß ich es versuche." Und nicht vorübcrgehen an der Gattin Basel Hrnriques, die wie er in Opfersinn bis zum Aeußersten sucht, „nicht nur Kinder, sondern junge Männer und Mädchen zur Liebe für den Glauben zu führen, in welchem rhre Väter und Vorväter lebten", i>ic sich mit ihrem Gatten die Aufgabe gestellt hat, Kindern der orthodoxen Juden die Botschaft des liberalen Judentums neu ausz u l e g e n, ehe sie zu weit gegangen sind", und die im Ostend von London chre Arbeit begann. ,/Jch und meine Gemeinschaft." Man weiß, wie oft Esther im Mittelpunkte der Bühne stand, wie sie den Stoff für Tragödien und Tragöden geliefert. Aber unsere Rolle, die wir uns schreiben, unsere Megilla, die stets aufgerollt ist, u n s e r e gottrunkenen Mädchen und Frauen, unsere religiös-liberal Ergriffenen und Besessenen — sie hat vielleicht nur Racine erkannt, wenn er die Esther ausrufen läßt: „Ruft er mich, schnell bin ich bereit — zu seines Reiches Herrlichkeit." Purim! VonMartinBandmann, Friedenau. Purim! — Fest der Loose! — Welches Kind der Provinz erinnert sich nicht der bunten Bilder, welche bei Nennung des Wortes Purim vor seinem geistigen Auge aufsteigen? —- Orientalische Pracht, bunte Tracht, ein König mit goldener Krone und goldenem Zepter, — die gute Esther, — der fromme Mordechai, — der böse Haman! — Wenn Vater uns diese Geschichte erzählte, lauschten wir andächtig seinen Worten; es war nichts Neues, was wir zu hören bekamen. aber «s hatte doch stets den Reiz des Neuen, so fcffefte u»gr die Erzählung — der Sieg des Guten über das Böse, wie es eben immer im Märchen zugeht. Auch wir Alten freue« uns, wenn beim Borlesen der Megillah alte Zeiten und Geschehnisse uns näherrücken und den Sieg des Judentum« künden. — Es wiederholt sich alles im Laufe der Zeiten. Die Hamans sind nicht ausgestorben, der Judenhaß treibt seine Blüten. Auch heute wird von unseren Feinden dem Volke vorgeredet, daß wir nicht Deutsche, sondern Gastvölker und Schädlinge am Gemeinwesen sind. Das im Kriege vergossene Blut, welches sonst Fremde aneinanderkittet, hier vertiert es die Kraft der Bindung. Lügen haben kurze Beine — aber sind imstande, zu schädigen. An uns liegt es, unsere« Mitbürgern zu zeigen, daß wir gute Deutsche auch ab! gute Juden sein können und sind. Durch Beobachtung der Gesetze nehmen wir unseren Feinden das Recht, uns anzngreifen, durch Festhalten an unserem Glauben beweisen wip» daß Religion und Staatsbürgerrecht nicht miteinander kollidieren. Nur wer vom Glauben seiner Väter sich freimacht und gar diesen verächtlich zu machen versucht, verliert die Achtung auf beiden Seiten. Der bankrott Ein Nachwort zum krantzprozeß ♦ Der Berliner Krantzprozeß hat eine Ueberfülle von Presseäußerungen hervorgerufen, die sich bemühen, aus den einzelnen Erfahrungen des Prozesses Allgemeinerscheinungen zu erklären. Dabei ist gerade dieser Prozeß dazu angetan, vor Verallgemeinerungen zu warnen. Es ist sicher ein Ausnahmefall in Deutschland, daß Eltern ihren Kindern ihre Wohnhäuser überlassen und sie dort völlig ungehindert schalten und walten zu lassen. Es ist selbstverständlich nur eine Einzeltatsache, daß Eltern nicht einmal fragen, wo der Sohn, der eine mehrtägige Autoreise ins Ausland unternommen, sich in dieser Zeit aufgehalten. Trotzdem muß zugestanden werden, daß das Bild, das die Verhandlungen entrollt haben, kein Zufallsbild ist und keinen Einzelsall darstellt. Man darf nicht vergessen, daß Wedelinds „Frühlingserwachen" bereits vor dreißig Jahren Verhältnisse geschildert, deren Wiederkehr der Prozeß aufgedeckt hat. Es mag also überraschend klingen, aber der Prozeß hat den Eingeweihten keine Ueberraschungen bereitet. Er ist nur ein Beweis mehr für die Tatsache, gegen deren Bekenntnis wir uns wehren, die aber eine der ernstesten Tatsachen der Gegenwart ist: der Bankrott der Familie. Die Familie galt bis noch vor kurzem als der Hort und Zusammenhalt gutbürgerlicher Sitte und Sittlichkeit. Der Prozeß hat bewiesen, daß sie ein Schemen ohne Lebenskraft, eine schöne Redeform ohne Inhalt ist. Die Familie war noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein starker erziehlicher Faktor, eine seelische Bindung und innere Hemmung. Sie ist es nicht mehr. Es hilft keine Schönmalerei und kein Selbstbetrug: die Jugend ist ihr entwachsen, und die Alten stehen händeringend ohnmächtig dieser Tatsache gegenüber. Was ehedem gutbürgerlich hieß, gilt heute als spießbürgerlich. Allen Deklamationen gegenüber, die diese Entwicklung verdecken oder beschönigen wollen, stehen die unerbittlichen Tatsachen, in die schlaglichtgleich der Krantzprozeß Hineingeleuchtei hat. Bereits drei Jahrzehnte ist die Bewegung alt, welche der Amerikaner Lindsey vor kurzem in seinem Buche recht verspätet als Revolution der Jugend geschildert hat. Er hätte sein Buch richtiger das Fiasko der Eltern oder den Zusammenbruch der Familie nennen sollen, denn alle Bilder und Beispiele seines Buches sind ein einziger und fortlaufender Beleg für die Ohnmacht und das Mißverstehen der meisten Eltern gegenüber dem Lebensrechte chrer heranveifenden Kinder. Diese Kinder fanden etwa bis zu der oben angedeuteten Zeitgrenze den inneren Halt in der Familie. Sie bildete den Zusammenhang, in dm sich das Kind willig einreihte. Hier fand es die Verwurzelung für seine gesunde Entfaltung. Hier waltete jene Gegenseitigkeit, welche Eltern veranlaßte, ihr Leben im Hinblick auf ihre Kinder zu führen, und die Kinder veranlaßte, sich ihren Eltern unterzuordnen. Familiensinn und Familiengeist blieben die Schutzengel des Kindes noch über die Grenzen des Elternhauses hinaus. Die Hut der Eltern war die ideale Abwehr von (Ägenbegehrungen. Der junge Mensch wußte, wohin er gehörte, und fügte sich vielleicht nicht ohne Widerstreben, aber er fügte sich doch, weil er den Wert der Obhut der Familie gefühlsmäßig empfand. Ein verhängnisvoller Wirtschastsprozeß hat die Grundlage dieser Familiarität zerstört. Die Väter haben keine Zeit, sich ihren Kindern zu widmen, und die Mütter haben keinen Sinn für den Ernst dieser Mutterausgabe. Die auf Eigenerwerb angewiesene Jugend fühlt, daß das Familienleben nur noch eine Heuchelei, eine mit mehr oder minder großem Geschick gespielte Komödie ist. Sie hat sich in der Jugendbewegung und in allerlei Vereinen selbst ein Surrogat geschaffen. Und wo dieses Surrogat versagt, geht sie eigene Wege. Der Respekt vor dem Eiternhause ist eine Fiktion geworden. Schuld an diesem Zusammenbruch ist aber nicht, wie man es sich so gern einredet, die Jugend. Schuld ist das Elternhaus, das seit drei Jahrzehnten völlig versagt. Schuld sind die Väter, die keinen Sinn für das Seelenleben und das Lebensbedürfnis ihrer herangereisten Kinder haben, die es nicht verstehen wollen, daß ein eigener Mensch auch ein Recht hat, sich seinen eigenen Weg zu wählen. Schuld sind die Mütter, die sich in sozialer Betätigung einen billigen Ersatz für ihren eigentlichen Lebenskreis gesucht und sich ihren Kindern entfremdet haben. Eltern, die das Seelenleben ihrer Kinder kennen, sind geradezu Ausnahmen geworden. Eltern und Kinder leben nebeneinander, aber nicht miteinander. Natürlich klagen die Eltern über die Respektlosigkeit ihrer Kinder, über die fehlende Ehrfurcht der halbreifen Jugend. Aber die Ankläger vergessen, daß sie sich selbst anklagen, daß sie die eigentlichen Schuldigen sind, aber nach dem berüchtigten Rezept „Haltet den Dieb" die Schuld außer sich suchen. Die Entfremdung zwischen Eltern und Kindern ist so groß, daß man ohne Uebertreibung von einem Zusammenbruch des Familienlebens und einem Bankrott des Familiensinnes sprechen muß. Diese beklagenswerten Verhältnisse haben sich während der Kriegszeit zur Unerträglichkeit verschärft. Die Väter waren jahrelang im»Feld und kehrten gar nicht oder leidend und innerlich gebrochen heim. Die Mülter mußten die Alltagssorgen auf sich nehmen und büßten dabei unbewußt ihre Mütterlichkeit und Fraulichkeit ein. Die heimkehrende der Familie Von Stadkrabbiner Dr. Rieger, Stuttgart Jugend war durch die Kriegsjahre der Familie entwachs«» und völlig ungeeignet, sich in die alte Familienordnung einzureihen. Gewiß gab es Väter und Mütter, Söhne u«d Töchter, die sich auch in dieser Zeit den Sinn für Familiarität! zu erhalten verstanden haben. Sie haben es begriffen, ihre» Kindern das Recht auf sich selbst nicht zu beschränken. Sie haben ihnen das Maß von Freiheit verstattet, das für de» Gegenwartsmenschen Daseinsbedingung ist. Zugleich ab« waren sie weise genug, die Fühlfäden, die geistigen Bindungen, die innerlichen Beziehungen zu schützen, die für da« reifende Kind richtunggebend, charalterbildend und fundamental sind. Statt des öden Schimpfcns auf die angeblich entartete Jugend, statt des gedankenlosen Berdammens vo» Erscheinungen, die in der Zeit begründet sind, statt de« gewaltsamen Unterdrückens des Verlangens nach einer gewissen Ellbogenfreiheit und nach Selbstbestimmung, die dar gute Recht eines Menschen ist, der sich sein tägliches Brot selbst erwirbt, haben sie ihren Kindern die Freiheit eingeräumt, die, mit guter Sitte und innerer Vornehmheit vereinbar ist. Vor allem haben sie ihren Kindern die Freude am Elternhause, den Stolz auf die Familie und auf ererbte Ucberlicserung unaufdringlich anerzogen. Sie haben ihre« Hause den religiösen Sinn, die altfromme Innerlichkeit, die vergeistigte Intimität, die Feierstimmung religiöser und familiärer Festtäglichkeit gerettet, die so ernst eindringlich zu Ki»- derherzen spricht. Sie sind für ihre Kinder nicht nur die zufälligen Eltern, die Gelderwerber — sie tragen jene unsichtbaren Königskronen, jene vergeistigte Priesterwürde, mit der unsere verklärten Eltern in unserer Erinnerung fortleben. Unsere Kinder sehen ihre Eltern nicht beten, sonder» nur arbeiten. Woher soll ihr Respekt stammen? Wir brauche» betende Eltern, zu denen unsere Kinder aufschauen, Elter«, die für Ideen und Ideale mit ganzer Persönlichkeit ei«- treten, Charaktere, aber nicht Alltagsmenschen ohne innere Würde. Unsere Kinder haben ein Anrecht auf ein Elternhaus. Was wir ihnen bieten, mag ein boarding-house sein, ei» geeignetes Pensionat, ein Elternhaus ist es nicht. Wir Juden pflegen uns diesen Zeitbildern gegenüb« gern in die Brust zu werfen: bei uns ist es besser! Es war einmal besser. Daß Familiensinn auch bei den Juden eine absterbende Erscheinung ist, beweisen die Mischehen. Sie sirck nicht nur sozial als eine zwangsläufige Erscheinung d« wachsenden Proletarisierung der Juden zu werten, sie offenbaren den ernsten Niedergang des Familiensinnes. Mensche» mit ausgeprägtem Familiensinn und Selbstbewußtsein halte» auf Familie und Religionsgemeinschaft und beweisen diese Selbstachtung bei der Wahl ihrer Gatten. Wenn aber nach der deutschen Reichsstatistik für die Zeit von 1901—1926 von Juden neben 93 661 reinjüdischen 29 901 Mischehen geschlossen worden sind, also ein reichliches Viertel aller jüdische» Eheschließenden sich einen christlichen Ehegesährten gewähL hat, so beweist diese Zahl den' unaufhaltsamen Verfall d« familiären Energie, den Bankrott der Familie. Und wen» die unerbittlichen Zahlen dartun, daß z. B. in Preußen i« Jahre 1900 von 7692 in Mischehen geborenen Kindern 179-, also 23,7 o/o, in der jüdischen Religion erzogen wurden, während 76,3 o/o dieser Kinder dem jüdischen Bekenntnis entfremdet wurden, so bezeugt diese Zahl, daß mit dem mangelnden Sinn für die Familie das Anwachsen der religiösen Indifferenz Hand in Hand geht. Hier liegt die Wurzel des Niederganges in unserer Jugend offen. Ihr ist die Religion durch das Elternhaus verekelt und dadurch geraubt worden. So leichtfertig, leichtsinnig hat kein Geschlecht gegen die Religion gesündigt wie das letzte. Noch vor 30 Jahren war ein gewisser Rest religiöser Uebung und gottesdienstlicher Frömmigkeit in unseren Familie» selbstverständlich. Er hat sich inzwischen in ein Nichts verflüchtigt. Der Religionsunterricht auf verlorenem Posten, da ihm die Resonanz des Elternhauses fehlt. Diese Elter» mißachten ganz öffentlich das, was ihren Kindern als heilig und unverbrüchlich geschildert wird. Es gehört in diesen Zusammenhang, daß lediglich aus Gründen der Steuerflucht alljährlich Familien das Judentum verlassen, die bisher zu den ältesten und angesehensten gehörten, daß also eine Gemeindesteuer, welche notorisch Begüterte ohne weiteres tragen können, sie zur Felonie, zur Fahnenflucht aus dem angestammten Glauben verführt. Wenn in Württemberg eine altjüdische Familie allein deshalb aus dem Judentum austritt, weil die Behörde auf Grund eines ministeriellen Erlasses verlangt, daß chr Kind bis zu Schluß des Halbjahres während der Religions stunde in dem Raum verbleibt, i» dem anderen Kindern hebräischer Unterricht erteilt wird, s» ist das ein furchtbares Beispiel, wie die kleinlichsten Gründe zur Rechtfertigung des Austrittes aus dem durch Familie und Tradition ererbten Väterglauben mißbraucht werden. Wie muß diese Tatsache aus das Kind wirken, das einmal erfahren wird, weshalb die Eltern den Väterglauben verlassen haben!! In wundervollen Worten stellt der christliche Dichter Gutzkow in seinem „Uriel Aeosta" dar. wie tief in unserem Volke die Famllie wurzelt. Wir müssen beschämt bekenne», daß er van einer toten Vergangenheit redet. Er hüll unserer