Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Purim 56SS Von Doris Wittner. von allen religiösen Festen, die der gläubige und gesetzestreue Jude in Ehren zu halten und feierlich zu begehen pflegt, trägt das auf den 6. März, nach jüdischer Zeitrechnung den 14. Tag des Monats Adar, fallende Purim, das sogenannte Losfest, den freudigsten und heitersten Charakter. Mag sein, daß allein die Zeit, die die Grundlage dieses Festes bildet und die identisch ist mit der Wiederverjüngung der Erde und aller lebenden Kreatur, dieser Feier von vornherein eine fröhliche und verheißungsvolle Note verleiht. Aber auch die biblischen Vorschriften selbst, die dieses Fest gebieten, in Erinnerung dessen, daß dereinst das Los zu Gunsten der schönen Königin Esther, einer Tochter Judas, und ihres Oheims und Pflegevaters, des frommen, klugen und königstreuen Benjaminiten Mardochai, entgegen den grausamen Plänen ihres großen Widersachers, des königlichen Günstlings Hamann, des Agagiters, fallen ließ, haben zum Purimfeste eitel Freude, Rausch und Ausgelassenheit anbefohlen. Gleichviel, wie man über das „Buch Esther" denken mag; ob man es nur als historischen Roman von hohem poetischen Wette ansehen und seine Kanonisierung vielleicht kritisch beurteilen mag, so wird man es doch immer, selbst bei allen etwaigen Bedenken gegen die bestehende Kanonizität, als ein echtes rechtes Volksbuch, das geeignet war, das Elend der Knechtschaft eine Weile vergessen zu machen, bewundern und hochschätzen dürfen. Und man wird dann auch, eben um der jüdischen Ueberlieferung willen, selbst einen möglichenfalls übertriebenen apologetischen Eifer verzeihlich finden, der das Buch Esther unmittelbar in die Nachbarschaft der Propheten Jesaja und Jeremia rückt und ihm die gleiche Würde und Geltung einräumen will wie den feurigen Weissagungen jener heiligen Männer. Es uiüerliegt keinem Zweifel: das Buch Esther, in dem, abweichend von allen anderen kanonischen Büchern, der Name Gottes niemals genannt wird — vielleicht aus einem unbewußten Gefühl der Pietät heraus, den Namen des Höchsten nicht in fragwürdige Nachbarschaft gelangen zu lassen, bleibt von unsterblicher Schönheit, ob man ihm seinen Platz nun lieber im Kanon oder in den Apokryphen anweisen möchte. Skeptiker mögen vermeinen, daß das Wort „Pur" eine sprachliche Gleichbedeutung mit unserem heutigen Worte „Los" nicht zulasse, und daß der Name eher mit einem persischen Frühlings- und Neujahrsfest Zusammenhänge, bei dem die Perser noch heute einander Geschenke und Süßigkeiten zuzusenden pflegen. Aber selbst in Ansehung einer solchen Exegese können und wollen wir nicht verkennen, daß das Buch Esther ein Denkmal jenes spezifisch jüdischen Geistes darstellt, wie er sich unter dem harten Druck der Fremdherrschaft in der nachexilischen Zeit allmählich herausgebildet hatte. Und da dieser Geist keineswegs ein irreligiöser ist (denn wir erwähnten schon, daß im Buche Esther der Name Gottes absichtlich vermieden ist, hat seinen Grund offenbar nur in der ängstlichen Scheu, ihn bei der ausgelassenen Feier des Festes etwa zu verunehren), so können wir auch verstehen und billigen, daß Purim noch heute als ein Dankfest aus Anlaß eines göttlichen Schutzes, der, durch dreitägiges Fasten erbtten, dem jüdischen Volke in höchster Bedrängnis zu Teil ward, selbst nach Jahttausenden hochgehalten und lustvoll begangen wird. Der biblischen Tradition zufolge schrieb der aus naher Todesnot mit allen Würden und Ehren bekleidete Jude Mardochai, nunmehr der allmächtige Großwürdenträger am Hofe des Königs Ahasveros, alle Begebenheiten, vom Sturze der Königin Vasthi an bis zur Jnthronisierung der Königin und seiner eigenen Erhebung, persönlich auf und sandte schreiben an alle Juden in den einhundertundsiebenunddes Königreiches, das von Indien bis rmch Aethropren reichte, in die nahen und fernen Provinzen, um allen Juden zur feststehenden Pflicht zu machen daß sie alljährlich den 14. und den 15. Tag des Monats Adar festlich begehen sollten, — entsprechend den Tagen, an denen die Juden von ihren hartnäckigsten Femden Ruhe bekamen, und den Monat, da ihnen Kummer m Freude und Trauer in eitel Wonne verwandelt wurde —, indem sie sie als Tage der Gasterei und der Freude feiern, einander gegenseitig Gaben und den Armen Geschenke senden sollten. Und die Juden machten das,!; jlc 8tt tun begonnen, und was Mardochai an sie geschrieben hatte, zum feststehenden Brauche. Weil Hamann, der Sohn Hamedathas, der Agagiter, der Feind aller Juden, e?^bn geplant hatte, sie umzubringen, urü> das ^s ist das Los — hatte werfen lassen, um sie ö» vertilgen, der König aber, als Esther vor lhu trat, schriftlich befohlen hatte, daß der verderbliche Plan, Purim den Hamann gegen die Juden geschmiedet hatte, auf sein eigenes Haupt zurücksallen möge und daß man ihn und seine Söhne an die für die Juden bestimmten Galgen hängen solle: deshalb nannte man diese Tage Purim, eben nach dem Worte Pur. Und eben deswegen — wegen des gesamten Inhaltes dieses Briefes sowohl, als wegen dessen, was sie selbst in dieser Hinsicht schon erlebt hatten oder was auch nur auf Schleichwegen zu ihnen gedrungen war — machten es die Juden für sich und ihre Nachkommen, sowie für alle, die sich ihnen anschliaßcn würden, zu einer unwiderruflichen Pflicht und zu einem unabänderlichen Gesetz, daß sie alljährlich diese zwei Tage nach der über sie geltenden Vorschrift und Zeitbestimmung zu begehen hätten, und daß diese Tage im Gedächtnis bewahrt und in allen Zeitaltern, Geschlechtern, Provinzen und Städten begangen werden sollten, so daß diese Purimtage im Bereiche der Juden nie verschwänden und ihr Gedächtnis bei ihren Nachkommen nimmer erlösche. Und die Königin Esther, die Tochter Abihails, und der Jude Mardochai schrieben abermals unter Einsetzung chres ganzen Ansehens, um auch dieses zweite Purimschreiben zum unumstößlichen Brauch zu erheben. Und Mardochai sandte Schreiben an alle Juden in die 127 Provinzen, das ganze Reich des Ahasveros, mit freundschaftlichen und wohlgemeinten Worten, um diese Purimtaye zu ihren bestimmten Zeiten für alte Ewigkeit ä u nt Gesetz z u erheben, gleichwie der Jude Mardochai und die Königin Esther sie für sich zum Gesetz gemacht und gleichwie sie die Vorschriften in Betreff der Fasten und ihrer Wehklage für sich selbst und für ihre Nachkommen zu fester Satzung bestimmt hatten. Und der Befehl E st Hers erhob die Purimvorschrift zum Gesetz; und er ward ausgezeichnet in einer Urkunde. Also zu erforschen und nachzulesen im Kanon und also gültig und von allen gläubigen und gesetzestreuen Juden befolgt noch heute im Monat Adar des Jahres 5688. Und warum auch sollten .selbst die Juden einer vorgeschrittenen Zeit und völlig veränderter Daseinsbedingungen, sofern sie sich dem Alten Bunde noch zugehörig fühlen, nicht willig die Gelegenheit ergreifen, auch einmal der Freude zu geben, was der Freude ist, und Verfolgung, Leid und Völkerverhetzung zwei Tage hindurch mit Wissen und Wollen zu vergessen? Es gibt nur wenige jüdische Feste, denen Ausgelassenheit an der Stirn geschrieben steht. Purim ist eine jener rühmlichen Ausnahmen, da Tanz und Spiel und Mummenschanz nicht nur erlaubt, sondern geboten sind. Gewiß: im Tempel vernehmen die Gläubigen die wundersame Mär von der Schönheit der Königin Esther und der Rechtschaffercheit ihres Oheims Mardochai, die das Leben des großen Königs Ahasveros vor seinen Gegnern schützte. Und sie hören die Kunde, die fürwahr einem Märchen gleicht, daß Schönheit und Rechtschaffenheit obsiegen können und dereinst — vor etlichen tausend Jahren — obgesiegt haben über Mißgunst, Scheelsucht und mörderische Heimtücke selbst so mächtiger Gegner, wie es der große Hamann und die chm ergebenen Scharen fremder Söldlinge waren. Eine Kunde, insbesondere heute, da wiederum Bruderzwist und Rassenhaß umgehen und bei jeder Gelegenheit der Jude zum anderen Mal als Sündenbock in die Wüste geschickt werden soll, gar freudvoll und tröstlich hu vernehmen. Und wenn würdige Männer und verständnisvolle Matronen aus der erhabenen Ueberlieferung des Buches Esther im Tempel neue Hoffnunng und Zuversicht gesogen, so gestattet man der jüngeren Generation mit tausend Freuden, sich des Abends auf Maskenbällen und anderen Festlichkeiten — den sogenannten Purimbällen - nach Herzenslust zu erlustieren. In allen wohlhäbigen jüdischen Häusern aber wird festlich gekocht und gebacken, glüht edler Wein in gläsernen Kelchen. Blumen, Backwaren, sinnvolle Gaben fliegen von Haus zu Haus, von Freund zu Freund. Wohlverstanden: es ist ja eine Jubelfeier, die ihre Stunden feurig beschwingt. Tie Zeit ist hart. Und hart das Los der Juden, die eingesetzt worden sind zwischen allen Völkern der Erde, Haß und Zwietracht der einen wider die anderen auf sich zu nehmen und zu büßen. Darum tut es wohl und verdient gefeiert zu werden, wenn ungläubig gewordene Geschlechter wieder einmal vermahnt werden, daß alle Dinge ihr Maß in sich tragen und daß zuweilen die große göttliche Gerechtigkeit — auch ohne daß der Name Gottes selbst ausgesprochen werden muß — blitzgleich aus verfinstettem Himmel herniederfahren kann. Und andächtigen Ohres lauschen darum die Gläubigen, wenn es heißt: ,Henes Tages schenkte der König Ahasveros der Königin Wher das Haus Hamanns, des Widersachers der Juden. Mardochai aber erhielt Zutritt zum Könige, denn Esther hatte diesem mitgeteilt, was er ihr sei. Und der König zog dann den Siegelttng ab, den er dem Hamann hatte abnehmen lassen, und übergab ihn Mardochai. Esther aber setzte Mardochai über das Haus Hamanns.Mardochai aber ging von dem Könige hinaus in einem königlichen Gewände, purpurblau und weiß, und mit einer großen goldenen Krone, mit einem. Mantel von Byssus und Purpur, und die Stadt Susa jauchzte und freute sich. Den Juden war Glück und Freude und Wonne und Ehre zu Teil geworden. Und in jeder Provinz und in jeoer Stadt, wo nur der Erlaß des Königs und sein Gesetz hingelangte, war Freude und Wonne bei den Juden, Gasterei und Feste. Und viele von der heidnischen Bevölkerung wurden Juden, weil der Schrecken von den Juden auf sie gefallen war.... Darum machen die Juden aus dem Lande und die in den Ortschaften des offenen Landes wohnen, den 14. des Monats Adar zu einem Tag der Freude und Gasterei und zu einem Festtage, wobei sie sich gegenseitig Gaben zusenden. Der König Ahasveros aber legte dem Lande und den Inseln des Meeres einen Tttbut auf. Und alle Erweise seiner Macht und Stärke und die genaue Schilderung der hohen Würde Mardochais, zu der 'ihn der König erhob, das alles ist ausgezeichnet im Buch der Geschichte der Könige von Medien und Persien. Denn der Jude Mardochai hatte den zweiten Rang au mittelbar nach dem Könige Ahasveros uno ftano rn hohem Ansehen bei den Juden und war beliebt bei den sämtlichen Volksgenossen, da er das Heil seines Volkes suchte und für sein ganzes Geschlecht zum besten redete." Strenger Kanon, dessen Buchstaben wie in Erz gegossen für Zeit und Ewigkeit stehen, oder nur süße Legende, ersonnen und gesponnen, um den Menschen, besonders den hartgeprüften, zu stärken und die Gnade unvergänglicher Hoff' nung über chn auszugießen? Uns gilt es gleich. Aber wir beugen uns tief selbst vor einer nur allegorischen Weisheit, die geeignet ist, den kleingläubigen Menschen zu erheben und ihm neuen Mut einzuslößen. Darum halten auch wir es für eine Pflicht, insbesondere zu Nutz und Frommen der jüdischen Menschheit, den 14. Tag des Monats Adar, bürgerlich gesprochen bcu 6. März, allda das Los dereinst zu Gunsten der Juden gefallen, mit frohem Sinn zu begehen und sich der heiligen Ueberlieferung als einer Stärkung des Herzens für und für, festlich und feierlich zu erinnern. Liberale Frauen Von Rabbiner Dr. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. M. In Hebbels „Judith" fordett die Heldin den Ephraim auf, Holofernes zu töten. Er aber lehnt mit den Worten ab: „Erst zeig mir den, der das Unmögliche möglich macht." Und daraus Judith: „Ich werd ihn dir zeigen. Er wird kommen. Er muß kommen. Und ist deine Feigheit die deines ganzen Geschlechts, dann hat ein Weib das Recht erlangt auf eine große Tat." „Eine große Tat" sie war es, die auch Esther einst vollbrachte und wodurch sie das Judentum rettete. Einen Augenblick schwankt sie, aber nicht länger. Mordechaj packt sie bei ihrer Judenehre, und sie weiß, was sie zu tun hat. „Obgleich es gegen das Gesetz" - will sie zum König gehen. Alles setzt sie aufs Spiel. „Bin ich verloren, so bin ich es." Klugheit und Frauenlist, Anmut und Schönheit müssen chr Helsen, damit sie schließlich dem König in Gegenwart des Feiirdes ihren königlichen Judenftolz, ihre unlösliche, glühende Verbundenheit mit den Ihrigen durch die Worte offenbaren kann: ,Hch und meine Gemeinschaft." Sie hat das „Unmögliche möglich gemacht". Sie hat das Judentum gerettet. „Obgleich es gegen das Gesetz" — „Bin ich verloren, so sei ich es" — ,Hch und meine jüdische Gemeinschaft" oder: Wille zur Freiheit — Opfermut bis zum Aeußersten — begeiftette Hingabe an die Gesamtheit, es sind auch die Forderungen an die liberalen Frauen, durch die sie das Judentum mit retten sollen. Sind sie aber nicht dadurch gerade „modern" und wandeln auf den Spuren der „Frauenbewegung"? Singen sie nicht wie die „Frauenlogik": „Ein eignes.Leben will ich und nichts weiter. Ich will allein die steilen Wege klimmen und mir mein Leben still für mich gestatten." Sprechen sie nicht wie Gettrud Bäumer: „Die Frau von heute kann es einfach nicht mehr fertig bringen, Herz und Hand, Einsicht und Wissen von den großen Ausgaben fernzuhatten, die chrer heute harren. Sie muß verkümmern und versteinern an der besten Kulturkraft, die sie besitzt." Gewiß, schätzen wir es heut noch wie am „wackern Weib", wenn die Frau ,chie