Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-24 · 8 (24.2.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
8 (24.2.1928)
Date
1928-02-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613955--2609-2620100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Welkreligionen Bon Dr. % Kahlberg, Halle a. S. Tie Volkshochschule in Halle hat vier EinzelvortrLge über Weltreligionen im ersten Wintertrimester 1927 halten toffen. Prominente Vertreter kamen zu Worte. Die Themata lauteten nicht einfach wie die Religionen, nur der Vertreter des Buddhismus hat sein Thema „Aus dem Bereiche des Buddhismus" genannt. Sonst hatten die Vortragender: sich Themen gewählt, in deren Rahmen sie das chrer Meinung nach Bedeutsamste ihrer religiösen Weltanschauung entwickeln konnten. Ter erste Referent sprach über den lebendigen Geist, »inen Versuch, Begriff und Wesen des Geistes zu bestimmen, kr weist darin nach, daß dies nur möglich ist durch 'den klauben, durch die Offenbarung, die der Geist weniger begreift als vielmehr erlebt, und dieses Erlebnis, das hörte man zwischen den Worten des Redners hindurch, hat der gläubige Katholik in der rechten Auffassung des Dogmas von Vater, Sohn urd heuigen Geist. In der Helle des heiligen Geistes tritt der Begriff des Geistes am deutlichsten hervor. Ein für die Zuhörer wohltuender Gegensatz zu diesen für Nichttheologen sehr schwer verständlichen Ausführungen war der schon erwähnte Vortrag über den Buddhismus, dm Sanitätsrat P- Dahlke vom Buddhistischen Hause in Berlin-Frohnau hielt. Ganz klar auch für den Nichtphilosophen zeigte er den Buddhismus als Wirklichkeitsichre zwischen Naturwissenschaften, Philosophie und Religion stehend, uninteressiert an den Problemen dieser Gebiete. Er führte den Grundsatz durch, daß Leben Leiden ist, daß Buddhismus dieses Leiden überwinden heißt. Diese Ueberwindung geschieht durch Bekämpfung der Sucht; sie ist das Aufhören des Lebens, das Nirvana. Auch Lic. Schreiner, der über „Tie Krisis der Ethik und das Evangelium" sprach, erntete wohlverdienten Beifall; hauptsächlich für die allgemeinverständliche Art, in der er sein Thema „Tie Krisis der Ethik und das Evangelium" behandelte. Er zeigte das Zerbrechen des Ethos, besonders asa qurt 3ua3qout 3avg zrhun 3iq 'apigaß) lusjpnfel jnv langte die Umwertung der Werte, d. h. gegenüber dem Eudämonismus, der mit dem Pessimismus so nahe verwandt ist, dm Willm zum Unbedingten. Das Unbedingte ist ihm der Heiland. Tie evangelische Religion bringt Erlösung aus dieser sittlichen Krisis, die Vergebung und die Ncugeburt des Menschen. Als letzter kam der Vertreter jüdischer Weltanschauung, Tr. Martin Buber aus Heppenheim, zu Wort, der über „Die Problematik der Gegenwart und das alte Testament" sprach. Wie der erste, so setzte auch der letzte Redner viel zu viel voraus. Im allgemeinen wurde er von den Juden ebenso wenig verstanden, wie von beit Christen, obwohl er am Schluß seines Vortrages seine Ausführungen durch Vorlesung mehrerer Stellen aus dem alten Testament in der eigenen wundervollen Uebersetzung klarzumachen versuchte. Er erblickte das Problematische unserer Zeit in dem Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit, dem Zwiespalt in den verschiedenen Lebenskreisen des Menschen und die Ausfassung, daß unsere als schlecht empfundene Zeit zum Pessimismus führe. Demgegenüber zeigt das alte Testament die Einheit von Geist und Leben, von Mensch und Gott, die als Forderung güracht, zur Enischeidung, d. i. Erneuerung, auffordert. Tie Vorträge waren ausnahmslos überfüllt. Während der beiden ersten mußten einige Hörer sogar auf den Produktionsapparat des Auditorium maximum klettern. Tie beiden letzten wurden darum in einem noch größeren Raum, die Aula des Reform-Realgymnasiums, verlegt. Daraus erhellt wohl am meisten der Wert dieser Veranstaltungen der Volkshochschule. Der überaus starke Besuch zeigt, daß ein trefreligiöser Zug durch unser Zeitalter geht, und daß in allen Schichten der Bevölkerung, aus denen sich die Hörer zusammensetzten, das Bestreben lebt, auch fremde Weltanschauungen kenne,: zu lernen. Ter Universitätsprofessor Romano Guardini aus Berlin, der über den Katholizismus sprach, wies als Ansangsredner auf das schwere Problem hin, das solche Vorträge an sich persönlicher Ueberzeugung gegenüber bedeuten. Aber auch er stellte fest, daß die heutige Zeit vergleichen will und deshalb danach verlangt. Bedauerlicherweise schlte in dem Zyklus ein Vortrag über den Islam. Es müßte doch hochinteressant sein, das Problem der Willensfreiheit, die diese Religion bekannllich verneint, von einem Mchammedauer behandelt zu sehen. Sollte die Schwierigkeit,^ einen solchen Vertreter mit wissenschaftlicher Bildung in Deutschland zu finden, unüberwindbar sein, so wäre vielleicht ein Uuivcrfilätsprosessor, der über semitische Philologie liest, für einen solchen Vortrag zu gewinnen. Ter Islam durfte umso weniger fehlen, da er doch mehr als der Buddhismus den Namen einer Weltreligion verdient. Es ist ja bekannt und der Vertreter d.'s Buddhismus hat es unterstrichen, daß er keine ReliZon, sondern eine ethische Weltanschauung darstellt. Vor allen Dingen aber hatten alte Vorträge in der Art gehalten werden müssen, wie Herr Dr. Dahlke gesprochen hat. Das bedeutet, die Ausführungen müßten dem Kreise der Hörer mehr augepaßt sein; esdurfle nicht zuviel vorausgesetzt werden. Das wäre zweifellos auch der Fall gewesen, lvenn die Redner nicht über Einzelsragen ihrer Religion gesprochen hätten, sondern wenn wiederum, wie beim Buddhismus, die Themen gemutet hätten: „Das Wesen des Katholizismus, der evangelischen Religion, des Judentums, und wie gesagt auch der Islam." Von unserem jüdischen Standpunkt aus härte man darum über unsere religiöse Weltanschauung vielle.cht besser einen Theologen sprechen lasten wtlen. Statt der gewiß überaus gehaltvollen und tiefen Ausführungen Bubers hätte z. B. Baeck über das Wesen ües Judentums sprechen müssen, der ja unter diesem Titel auch das bekannte Buch geschrieben hat. Die Dichter-Akademie tritt für Franz Werfel ein Der Dichter Franz Werfel, Mitglied der Dichter-Akademie, war atw Anlaß der Verleihung des Schiller-Preises an ihn, Gegenstand hcpiger Angriffe seitens der antisemitischen Presse in Deutschland, Oesterreich und der Tschechoslowakei. Man zitierte Aussprüche von Figueerr seiner Dichtungen und zog daraus Schlüsse auf eine Tcutichseindlichkeit seinerseits. Tie Preußische Akademie der Künste verbreitet nun eine Erklärung ihrer Dichrerjektion, die sehr warm für den Dichter eintritt. Es heißt in der Erklärung u. a.: „Die Zuteilung des Schillerpreises an Franz Werfel hat einer Berliner Zeitung Anlaß zu einem Protest gegeben, der auch in anderen Blättern Widerhall fand. Es werden „merkwürdige Zitate aus den Werken des Dichters" zusammengetragen, und weil er Beethoven und Wagner als die „Mörder der Musik" bezeichnet habe, weil er Beethoven für „den obersten aller Beelzebube" erklärte, weil Versammlungskalender Breslau. AnMlich der Anwesenhrn des Herrn Pros. Dr. Elbvgen-Berli« lädt der Liberale Verein der Synagogengemeinde seine Mitglieder und Freunde für Donnerstag, den 1. März. 20.3V Uhr, in den großen Saal des Hotels „vier Jahreszeiten", Gartenstraße 66-70, zu einer Veranstaltung mit folgendem Programm rin: Prolog: Frau Ruth Engel, Gesangsvortrag: Frau Fischer. Vortrag des Herrn Prof. Dr. Eibogen: Die Stellung des liberalen Judentums in den religiösen Kämpfen der Gegenwart. Freie Aussprache. Frankfurt a. M. Freisinniger Verein für jüdisches Gemeindeleben E. B. (Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum E. BZ. Wir machen nochmals aus unseren GeseUschastsabend mit Tanz aufmerksam. Derselbe findet am Mittwoch, 29. Februar, abends 9 Uhr. als „Schaltjahrfest" in sämtlichen Raumen des Hotel „Frankfurter Hof" statt. Die verschiedenen Ausschüsse haben das Fest wohl vorbereitet und verspricht solches ein gesellschaftliches Ereignis zu werden, und ist bereits das Tagesgespräch. Es finden Tanztourniere sowie Tanzaufsührungen — ausgesühri von Damen der Gefrllschast — und andere überraschende Dardielungen statt. 3 Jazz-Bands spielen zum Tanze auf und für Erfrischungen in jeglicher Art ist gesorgt. Die Leitung des Abends liegt in den Händen bewährter Frankfurter Künstler und das reichhaltige Programm verspricht vollen Erfolg. Liegnih. Liberaler Verein der Synagogen-Gemeinde. Unser nächster Vereinsabend findet am Montag, den 5. März, abends 8.39 Uhr, in den Räumen der Silefia-Loge statt, und zwar in Form eines Rezitationsabrnds, veranstaltet von Frau Anna Wolfsdorf-Wolsenbüttel. Wir bitten um zahlreiches Erscheinen. Gäste willkommen. Mannheim. Dienstag, 26. Februar, abends 8.30 Uhr, im Gemeindehaus M. 6. 12 Vortrag: „Das liberale Judentum und der Zeitgeist", Referent George Goetz (Berlins, Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum e. v. Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (im Auerbachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162s: Freitag, den 24. Februar, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt Rabbiner Dr. Salomonfli. Sonnabend, den 25. Februar, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 2. März, Gottesdienst verbunden mit Gefallenen-Gedächtnisfeier. Predigt Rabbiner Dr. Salomonfli. Berlin-Wilmersdorf-Schöneberg. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäciiienfchule, Rikolsburger Platz): Liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 7.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 24. Februar, Predigt Rabbiner Dr. Vogelstein-Breslau. Freitag, den 2. März, Gottesdienst verbunden mit Gcfallenen-Gedächtuisseier. Beginn 7.15 Uhr. sich bei ihm der Satz findet: „In Deutschland wird jeder bessere Mensch Alkoholiker oder Sonderling, oder gar beides zusammen", soll Werfel als ein fanatischer Hasser jedes bewußten Deutschtums erkannt sein, dem die Auszeichnung des Schillcrpreises nicht zukomme. Jeder Leser mußte diese Anklage so verstehen, daß die zitierten Schmähungen ein in eigenem Namen ausgesprochenes Glaubensbekenntnis Werfels darstellen, für das er persönlich eintrete. Es sind aber hemmungslose Aeußerungen eines fieberkranken Fanatikers, des deutschen Musikers Fischböck in dem Roman „Berdi". — . Wollte man einen Dichter für jedes Wort, durch das er seine Gestalten charakterisiert, mit seiner persönlichen Gesinnung haftbar machen, so würde Shakespeare ein Verbrecher gewesen sein und der Dichter Franz Moors, des Sekretärs Wurm, des Geßler hätte niemals den Schillerpreis verdient, so wenig als Goethe, der den Mephistopheles zum Sprachrohr benutzte und so wenig als Heinrich von Kleist, dem mit derselben Logik der Name eines nationalen Dichters abgesprochen werden könnte, weil er eine seiner Gestalten in der „Hermannschlacht" ausrufen läßt: „Was gilt Germanien mir"." Die antisemitische Presse scheint durch die Abfuhr, die ihr durch die Erklärung der Dichter-Akademie zuteil geworden ist, nicht belehrt loorden zu sein. Die „Deutsche Zeitung" spricht von der „Beschäftigungslosigkeit der Dichter-Alademie, die lalmudischc Kunst der Rechtfertigung für einen Dichter, dessen Bekenntnis gegen Deutschland dem Wesen nach gerichtet ist und bleibt, auswende." Aus den Gemeinden Berlin.;G e d e n l g o t t e s d i c n st für I. - R. Breslauer.) Beim Freitag-Abend Gottesdienst vom 17. Dezember in der Liberalen Synagoge Norden nahm Herr Rabbiner Dr. Salomonfli Veranlassung, unseres Heimgegangenen Führers, des Herrn Justizrat Bernhard Breslauer in der Predigt zu gedenken. Unter Zugrundelegung des Textes aus dem Wochenabschnitt: „Siehe ich sende einen Engel vor dir her, um dich aus dem Wege zu behüten und dich an den Ort zu bringen, den^ ich dir bestimmt habe", erwähnte der Redner Bedeutung und Leistung Breslauers für die heilige Sache des vorwärtsstrebendcn und nach Befreiung ringenden Judentums. Ter größte Schmerz um den Toten liege in der Erkenntnis, daß sein Werl von Stillstand, Rückschritt und Verkennung bedroht werde, und nur die allgemeine .Horsnnng und das Vertrauen auf ebenbürtige Nachfolger sei der einzige Trost in dieser Zeit der Finsternis, der Verivüstung und des Unterganges. Berlin. (:'l imzvwitsch Sieger i m Internationale n Berliner Schachturnier.) Ain 20. Februar spä.nachts wurde im internationalen Schachturnier in Berlin die Schlußrunde gespielt. Das Gesamtergebnis des Turniers ist folgendes: Nimzowitsch, der bekanntlich Jude ist und auS Dänemark stammt, hat mit zehn Punkten einen glänzenden Sieg errungen und erhielt den ersten Preis. Den zioeiten Preis erhielt Bogoljuboiv mit den dritten Preis Tartakower mit 8 Punkten. Chemnitz. (E in „O r t" - A b c n d.) Am 16. Februar ds. Js. fand im Privathause von Herrn Arthur Sußmann in Chemnitz ein Vortrag des Generalsekretärs der „Ort"-Gesellschast zur Förderung des Handwerks und der Landtvirtschaft unter den Juden, Abt. Deutschland, Herrn Dr. Michael Traub, statt, zu dem die bekanntesten Persönlichkeiten der Chemnitzer jüdischen Gemeinde erschienen waren. — In seiner Einleitung sprach Herr Arthur Sußmann von der außerordentlich bedeutungsvollen Tätigkeit des „Ort"- Berbandes für den jüdischen Wiederaufbau im Osten und dem Interesse, welches das deutsche Judentum am Schicksal des Ostjudentums nehmen müsse. •— Herr Dr. Traub betonte in seinem Referat über „Der wirtschaftliche Emanzipationsprozcß der osteuropäischen Juden", daß der Wiederaufbau der im Kriege zerstörten Formen jüdischen Wirtschaftslebens den Umbau seiner wirtschaftlichen Struk.ar zur Voraussetzung habe. — Die jahrelange künstliche Hemmung des jüdischen Wirtschaftslebens, insbesondere die Konzentration aus einige wenige schwache wirtschaftliche Positionen machten vor dem Kriege eine gesunde soziale Entwickelung unmöglich. Nicht nur die prozentuale Beteiligung der jüdischen Bevölkerung an einzelnen Berufen, sondern die Art der Berufe selbst wies einen unnormalen Charakter auf, — denn der jüdische Händler war in den meisten Fällen Kleinhändler und letzten Endes Lustmensch; der jüdische Handwerker aber war beruflich überaus schlecht ausgebildet und füreine ernste wirtschaftliche Konkurrenz nicht gerüstet. Die Entwicklung des Wirtschaftslebens in den osteuropäischen Staaten wirkte nach und nach erschütternd aus die Wirtschaftsstruktur der Juden im. Osten und zwang 2i/ü Millionen Juden im Lause von wenige» Jahrzehnten zur Auswanderung. Der natürliche Zuwachs hat indessen die Auswanderung wettgemacht; im Jahre 1914 war die Bevölkerungszahl der Juden in Rußland annähernd die gleiche wie am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Bereits vor dem Kriege mußten daher die Juden Osteuropas im allmählichen Produktivierungsprozesse ihres Wirtschaftslebens die einzige Rettung von dem drohenden wirtschaftlichen Untergange erblicken. Dieser jahrzehntelange historische Prozeß ist durch den Krieg unterbrochen worden, setzte aber nach dem Kriege namentlich in Rußland mit elementarer Gewalt wieder ein. Indem der „Ort" diese Entwickelung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln fördert, leistet er keine philantropische, von außen kommende Hilfe, sondern greift aktiv aufbauend in den wirtschaftlichen Umgestaltungsprozeß der ostjüdischen Massen ein. — Der überaus interessante Abend hat sich zu einem gesellschaftlichen Ereignis für das jüdische Chemnitz gestaltet und der „Ort"-Bewegung viele neue Freunde und Gönner zugeführt. Die nach der Veranstaltung erfolgreich durchgesührte Sammlung legte Zeugnis von dem ernsten Willen der Chemnitzer jüdischen Bevölkerung ab, an dem großen Werke der „Ort"- Bewegung aktiv mitzuarbeiten. Dresden. („L aßt uns u n seren Kindern lebe n.") Die Leiterin des Kinderhortes der hiesigen Gemeinde, Emmy Jacob, veröffentlicht einen Aufruf, der den Ausbau des Dresdner Kinderhortes und die Schaffung weiterer dem Wohl der Jugend dienender Einrichtungen bezweckt. In dem Ausruf heißt es u. a.: „Wer die beklagenswerten Verhältnisse kennt, wer weiß, wie viele, abgesehen von der pekuniären Lage, unter der Wohnungsnot zu leiden haben, und in geradezu armseligen, oft feuchten Kammern Hausen, so daß die Kinder Tag und Nacht der ungesundesten Lust ausgesetzt sind, der ist von dergroßen Ausgabe, die der Kinderhort löst und immer besser zu lösen eifrig bemüht ist, überzeugt. Der Hort will den mutterlosen Kindern ein Zuhause geben, ein Zuhause den Kindern, deren Mütter gezwungen find, am Erwerbsleben teilzunehmen. Der Hort will die Kinder schützen vor den Gefahren der Straße, er will das Elternhaus tagsüber ersetzen, will Erzichungs- und Bildungsstätte sein, will den Kinoern das Leben froh uno heiter gestalten. „Kommt, laßt uns unseren Kindern leven!" Diese Worte des Kindcrsreundes und Erziehers Friedrich Fröbel möge im wertesten und tiefsten Sinne jede jüdische Frau, jeder jüdische Mann erfassen. Nicht allein Sorge und Sorgfalt für das eigene Kind genügen. Jedes Kind hat Anspruch auf Licht und Sonne, auf eme fchöne Jugend." Frankfurt a. M. (Das Gesetz über die „Israelitische Religionsgemeinschaft" vor dem Preußischen Landtag.) Der Gesetzentwurf üver die Anerkennung der L-ynagogen-Gemeinde „Israelin,che Religionsgemeinschaft" als Körperschaft öfjentlichen Rechie» hat nunmehr, nachdem der Staatsrat sein Gutachten abgegeben hatte, die weiteren Stationen des Kultusministcriums, des Ministeriums des Innern, des Justizministeriums und des StaatSministeriums passiert und ist dem Landtag zugcgangen. Der Staatsrat hatte gewünicht, daß in dem Artikel 1 der nunmehr öffentlich rechtlich zu sanktiollierenden Satzung, lautend: „Das Grundgesetz der Israelitischen Religionsgesell,chaft Kehilaty Jeschurun ist das alte jüdische Rcligionsge,etz, wie es in Thora, Talmud und rabbinischen Codices, Schulchan Aruch, überliefert ist; die in ihnen enthaltenen Bestimmungen sind ihr die höchste Autorität", vor dem Worte „Autorität" das Wort „religiöse" eingeschaltet werde, offenbar um die Staatsautorität zu wahren. Außerdem wollte der Slaatsrat in das Gesetz selber einen Satz eingejügt sehen, lautend: „Satzungsgemäße Bestimmungen, die nicht in der Anlage zu diesem Gesetz angeführt sind, sind ohne Wirkung." Das Staalsministcrium ist dem Gutachten des Staatsrats nicht beigetreten und begründet dies u. a. wie folgt: „Die Einschaltung des Wortes „religiöse" vor dem Wort „Autorität" in Artikel 1 der Satzung würde den Sinn des in Betracht kommenden Satzteils nicht verändern. Sie könnte aber nur durch eigenen Beschluß der Religionsgeselkschaft bewirkt werden. Ob dir Religionsgesellschaft hierzu bereit sein wird, ist angesichts der von jeher bei ihr in Geltung gewesenen Bestimmungen des Art. 34 Satz 1 ztveifelhaft. Jcdeusalls würden die Verhandlungen hierüber das Zustandekommen des Gesetzes unnötig verzögern." „Israelit" spricht den Wunsch aus, daß der Landtag sich die Vorlage des Staatsministcriums ohne weitere Aenderung zu eigen mache, nachdem mit der Verhandlung über reine Formalien Jahre hingegangen sind. Hannover. (Die S y n a g o g e n s ch ä n d u n g vor dem Richter.) Bekannllich wurde der Student Eberhard Müller in der Verhandlung vor dem Schöffengericht am 1. Dezember 1927 wegen Aufreizung zum Klassenhaß und Beschädigung von Kultgegenstände» zu drei Monaten Gefängnis unter Zubilligung von Bewährungsfrist verurteilt. Gegen dieses Urteil hatten der Staatsanwalt und. der Verurteilte Berufung eingelegt. Zu dem für den 20. Februar angesetzteu Termin erschien aber der Angeklagte nicht, ließ vielmehr durch seine Mutter dem Gericht mitteilen, daß er durch fieberhaste Erkrankung verhindert sei. Sechzehn Zeugen mußten unverrichteter Sache abziehen. Das Gericht beschloß Vertagung. Kassel. {()'> ründ u n g eines Provinzialverbaudes K u r h c s s c n der Jüdisch-Konservativen Bereinigung.) Ans Anregung interessierter Kreise hatte die Jndisch-Konservalive Vereinigung letzcen Sonntag eine Tetcgiertcn-Bersammlung einberufcn. Den Verhandlungen, die internen Charakter hatten und zur Gründung des Provinzialverbandes Kurhessen der Jüdisch-Konservativen Vereinigung Deutschlands führten, folgte abends eine öffentliche Bersaminlung, in der Rabbiner Dr. Nenhaus, Mülheim (Ruhr), über „Grundlagen des konservativen Judentums" und Moritz A. Loeb, Berlin, über „Die religiöse Entwicklung innerhalb des Judentums im letzten Jahrhundert" sprachen. Kassel. tT er neue P o t i z e i p r ä I i d c n t.) Zum Nachfolger des in den Ruhestand getretenen Polizeipräsidenten Freiherr» von Korss ist Obcrrcgicrungsrat Dr. Hohenstein, der Vertreter des Polizeipräsidenten i» Etberseld, ernannt worden. Dr. .Hohenstein entstammt einer rheinischen jüdischen Familie und war früher auch im Berliner Potizeiprasidinm tätig. Kassel. (Ein v ö l k i s ch er Hetzer geht straffrei aus.) Vor der großen Strafkammer wurde dieser Tage wieder mal gege» den antisemittscheit Buchhändler v. Tolsperg verhandelt. Das Schässengerickft hatte ihn zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er i» ,einem Schaufenster den „Nationalsozialist" mit beleidigenden Aeußerungcn über Zeugen ans einem ihn betreffenden früheren Prozeß ausgehängt haben sollte. In km Bericht war von den Zeugen gesagt worden, daß sie vor „grauem Entsetzen geir.au,cl,dt" und in Bezug auf das Kolnidre-Gcbet - dem Sinne nach — auch einen Meineid geschworen hätten. Rechtsanwalt Dr. O. hatte Strafantrag gestellt und war als Nebenkläger ausgetreten; der Staatsanwalt und der Angeklagte hatten gegen das Schosseiigerichtsurteil Berufung eingelegt. Der Sachverhalt wurde wieder vom Angeklagten zugegeben; er wollte aber den Inhalt nicht gekannt haben, weil er die Zeitschristen aushänge, ohne sie zu lesen, damit die jüdischen Rechtsanwälte, die ihm einen Strick zu drehen suchten, ihm nichts anhaben könnten. Dr. O. wies aus das Ungeheuerliche des Vorwurfs hin und glaubte, daß der dolus eventualis gegeben sei. Der Staatsanwalt beantragte 300 Mark Geldstrafe, weil die Zeugen gegen solche Anwürfe geschützt werden müßten. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß v. D., der sich seiner antisemitischen Gesinnung rühmt, dem Gericht noch den Wunsch äußerte, daß es „deutsch und nicht jüdisch!" urteilen sollte. Wider Erwarten wurde der Angeklagte freigesprochen. Die Schwere der Beleidigung stehe zwar außer Zweifel; es sei aber nicht erwiesen, daß der Angeklagte den Inhalt gei! j 3 i j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.