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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-17 · 7 (17.2.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
7 (17.2.1928)
Date
1928-02-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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mit der Sprache zu kämpfen hatte, die Vorlesungen Kants Nicht besuchte. In der Liste der jüdischen Zuhörer Kants, über deren Zahl und Namen ziemlich genaue Angaben existieren, ist der Name Falkensohn nicht vorhanden. Nach kurzem Ansenthalt in Königsberg begab sich Falkensohn nach Berlin, wo er in Moses Meridelssohn einen geistigen und in Daniel Itzig einen materiellen Förderer fand. Durch Mendelssohn wurde er mit Ramler und Lessing bekannt; sie fanden an dem jungen und wißbegierigen polnischen Juden ihr Gefallen und sagten ihm manch aufmunterndes Wort. In Berlin wandte er sich mit doppeltem Eifer dem Studium der deutschen Sprache zu, las fleißig deutsche Literaturwerke, insbesondere deutsche Dichtung, daneben trieb er Latein, Griechisch, Geschichte, Mathematik und Philosophie. Er machte rasch Fortschritte. Schon nach kurzer Zeit durfte er es wagen, die ersten literarischen Versuche in deutscher Sprache zu machen. Er schrieb deutsche Verse, schlichte, schöne Lieder, wie sie jeder Jüngling zu schreiben pflegt, der eine Hoffnung ist. Als erste und einzige Frucht seiner Muse gab Falkensohn im Jahre 1772 ein Versbuch unter dem Titel „Gedichte von einem .polnischen Juden" heraus. Diese deutschen Gedichte eines polnischen Juden erregten rn damaligen Literaturkreisen ziemlich Aufsehen. Im allgemeinen wurde das Büchlein recht günstig ausgenommen. Goethe schrieb darüber einen längeren kritischen Aufsatz in den Frankfurter gelehrten Anzeigen; die Rezension ist in Goethes Werken als elftes Stück der Aufsatzreihe „Schriften zur Literatur" abgedruckt. Es ist vielleicht die merkwürdigste Rezension, die Goethe geschrieben hat. Sie lobt ein wenig, tadelt viel, ist zum Schluß von einem guten Wunsch für den Verfasser begleitet und hebt sich in der Mitte durch einen pathetischen Anruf an den deutschen Genius zur dichterischen Höhe empor. „Zuvörderst müssen wir versichern", schreibt Goethe, „daß die Aufschrift dieser Bogen einen sehr vorteilhaften Eindruck auf uns gemacht hat. Da tritt, dachten wir. ein feuriger Geist, ein fühlbares Herz, bis zum selbständigen Aller unter einem fremden rauhen Himmel aufgewachsen, auf einmal in unsre Welt. Was für Empfindungen werden sich in ihm regen, was für Bemerkungen wird er machen, er, dem alles neu ist?... Er wird finden, was er nicht ftucht, und suchen, was er nicht findet. Denn seine Gefühle, seine Gedanken in freien Liedern der Gesellschaft, Freunden, Mädchen mitteilen; wenn er nichts Neues sagt, wird alles eine neue Seite haben. Das hofften wir und griffen — in Wind ... Abstrahiert von allem, produziert sich hier wieder ein hübscher junger Mensch, gepudert und mit glattem Kinn und grünem goldbesetzten Rock, der die schönen Wissenschaften eine Zeit lang getrieben hat und unterm Treiben fand, wie artig und leicht es sei, Melodiechen nachzutrillern." Nach einigen weiteren Bemerkungen über das Uroriginelle und zum Teil Mittelmäßige in den Versen des polnischen Juden schließt Goethe mit dem Wunsch, dem Verfasser „auf denen Wegen, wo wir unser Ideal suchen, einmal wieder und geistiger" zu begegnen. Zu einer richtigen Wertung der Goetheschen Kritik kommt man, wenn man Goethes eigenes Urteil über seine Frankfurter Rezensionen in Betracht zieht. „Tie Rezensionen für die Frankfurter gelehrten Anzeigen", so schreibt er, „haben einen eigenen Charakter. Wild, aufgeregt und flüchtig hingeworfen, wie sie find, möchte ich sie lieber Ergießungen meines jugendlichen Gemüts nennen als eigentliche Rezensionen. Es ist auch in chnen so wenig ein Eingehen in die GegenMnde als ein gegebener, in der Literatur begründeter Standpunkt, von wo diese wären zu betrachten gewesen, sondern alles beruhet durchaus auf persönlichen Ansichten und Gefühlen." — In feiner rrrtiscyen Betrachtung über die Gedichte eines polnischen Juden läßt Goethe gerade das außer acht, was in diesem Falle das Wichtigste war, (nämlich das Phänomen Falkensohn. Daß ein polnischer junger Mann, der noch mit Lessing sich in einem jiddischen Deutsch (Mr einem deutschen Jiddisch unterhalten mußte, durch Mühe und Fleiß^ in kürzester Frist die deutsche Sprache so weit erlernt, daß er in ihr glatte, schöne, kunstgerechte Verse schreiben kann, ist immerhin eine Leistung, die Anerkennung verdient. Von diesem Gesichtspunkt aus wären die Gedichte Falkensohns zu betrachten gewesen. Es war verfehlt, hier einen rein Goetheschen Maßstab anzulegen. Jsaschar Bär Falkensohn war übrigens mit der Dichtkunst nur befreundet, nicht verschwägert. Sein Wahlstudium war die Heilkunde, die er eifrig trieb. Er promovierte im Jahre 1773 zum Doktor der Medizin und wirkte dann als praktischer Arzt in Mitau. Er starb 1781. Ob er auch später der M^se Treue bewahrte, ob er vielleicht im Stillen rauch weiterhin deutsche Verse schrieb — man weiß es nicht. Einen zweiten Gedichtband hat Falkensohn nicht herausgegeben. Krawalle und Streik an den Hochschulen in Budapest und Provinz An den Hochschulen in Budapest und in der Provinz haben in Verbindung mit der Behandlung der Revisionsvorlage über den Numerus clausus im Abgeordnetenhause heute »vieder >vie zur Zeit der Unterbreitung Unruhen begonnen. Aus Betreiben der Rechtsradikalen haben die Studenten den passiven Widerstand beschlossen. An allen Fakultäten der hiesigen, der Szcgcdiucr und Tvbrccziner Universität kam es zu lärmenden Austritten. Die wenigen christlichen Hörer und jüdischen Studenten, welche sich zu den Vorträgen eingesunden hatten, wurden gezivungen, die Lehrsäle und daS Gebäude zu verlassen, lvobei cs vielfach zu antisemitischen Rüpeleien gekommen ist. Einige renitente Studenten widerietzten sich direkt den Anordnungen der Professoren, so daß die meisten Vorlesungen abgebrochen werden oder unterbleiben mußten. Der Unterrichtsminister Graf Klcbelsbcrg verfügte die Sperrung der Budapester Universität und der übrigen Hochichulen der .Hauptstadt, um weitere Demonstrationen gegen die Behandlung der Numerus clausus-Novetle im Abgeordnetenhause hiiuauzu- Mau rechnet damit, daß die Debatte über den Numerus clausus erst Ende dieses Monats zum Abschluß kommen wird. Ein zweiter Grund zur Schließung der .Hochschulen sind Tätlichkeiten, die sich christlich-nationale Studenten gegen den Piaristen- Ordensbruder und Professor der Mathematik Joseph Sutak haben zuschulden kommen lassen, »veil sich Pros. Sutak gegen den Streik erklärte und seine Vorlesungen weiter abhielt. Die Vorgänge spielten sich folgendermaßen ab: Die Vorlesung des Professors Fehcr wurde durch ohrenbetäubendes Schreien und Lärmen gestört und mußte abgebrochen werden. Die Kratvallmacher zogen dann zu den Lehrsäleu des Professors Joseph Sutak. Der Student Emerich Kemeri trat in ungarischer Gala auf den Professor zu und forderte ihn auf, nicht zu lesen. Der Professor erwiderte, er werde nur tun, was der Rektor verfüge. Diese Erklärung wurde mit ungeheurem Lärm entgegcngenommen. Daraus beauftragte der Professor die Pedelle, die Tore zu sperren und von den im Gebäude Befindlichen Ausweise zu verlangen. Diese Prozedur ging ziemlich lärmend vor sich. Professor Sutak setzte seinen Vortrag ruhig fort. Als er daun das Univcrsitätsgebäude verließ, kam ks zu Tätlichkeiten gegen ihn. * Sprechsaal * Für diese Rubrik übernimmt die SchristleUung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Gedanken einer jüdischen Mutter Von Rosalie Gladtke-Kubatzki, Ostrode O./Pr. Wir Juden flechten in die meisten unserer Psalmen und Gebete den Wunsch ein, daß Gottes Name sich immer mehr ausbreite und daß alle Menschen den ewig einzigen Gott anbeten mögen. Wir hoffen von der Erfüllung dieses Wunsches die Verbrüderung aller Menschen und aller Religionen. Obgleich wir diese Bitte recht oft aussprechen und anhören, nehmen wir doch an, daß diese Zeit in sehr ferner Zukunft liegt und bemerken gar nicht, wie sehr viel wir dazu beitragen könnten, diese schöne Zukunft, die wir mit Recht die messianische nennen, wenn auch nicht herbeizuführen, doch ganz bedeutend näher zu bringen. Wir Juden sind ein kleines, aber anerkannter Weise intelligentes Volk. Von uns hat die ganze civilisierte Welt den Grundstein aller Kultur, die Gesetzeslehre, erhalten. Wir sind daher auch gewissermaßen verpflichtet, in dem Bestreben nach allgemeiner Verbrüderung und Ausbreitung des göttlichen Namens voran zu gehen. Allgemeine Verbrüderung und Ausbreitung des göttlichen Namens hängen ganz eng zusammen. Ein Verständnis für Gott, der mit gleicher Liebe alle Menschen umfaßt, ist aber nur möglich, wenn wir uns mit allen unseren Mitmenschen verbrüdert fühlen, auch mit denjenigen, die nicht immer unserer Ansicht sind. Wir können auch nur mit solcher Gesinnung im Sinne Gottes leben und handeln, denn können wir uns denken, Gott wohlgefällig zu sein, wenn wir uns für gut halten und aus Andersdenkende parteiisch herabblicken? Und dieses tun häufig die Besten unter uns. Wo wir uns in unserer Religionsgemeinschaft hinwenden, wo wir gute, minder gute und sehr gute Reden hören, immer zieht es sich gleich einem Faden durch die Rede, daß man uns Juden als das allein auserwähltc Volk verherrlicht. Wäre es nicht besser, auch die Splitter im eigenen Auge zu sehen? Wir Juden sollen als Vorbild der Moral und Sittlichkeit eben besser sein als die andern Menschen. Wir sollen schon deshalb besser sein, weil wir die Empfänger und Ausbreiter der göttlichen Lehre sein wollen und wir schon deshalb in jedem Kultursortschritt voran gehen müssen. Beim Kulturfortschritte zur Verwirklichung des sittlichen Ideals geht das Judentum aber durchaus nicht voran; es trägt im Gegenteil alles dazu bei, diese Verbrüderung zu verhindern. Ganz besonders geschieht dies im eigenen Lager. Den so denkenden Glaubensgenossen wird bald der Vorwurf der Assimilation gemacht: Man wolle das Judentum abstreifen, schäme sich seiner Abstammung, man versuche den Christen alles nachzumachen usw. Jeder, der diese Zeilen liest, wird ähnliche Aeußerungen schon gehört haben und wird wissen, daß der starre Ring, den das Judentum um sich gezogen, wohl hie und da durchbrochen werden kann, und, wenn man heute im Kreise der uns umgebenden Menschen leben will, durchbrochen werden muß, ohne daß man das Judentum abstreifen will, ohne daß man sich seiner Abstammung schämt und ohne daß man den Christen alles nachäfsen will. Wenn man irgend eine schöne, christliche Sitte annimmt, so kann das durchaus nicht eine Herabsetzung unserer Religion sein, denn Vieles, was bei den Christen gebräuchlich ist, entstammt aus dem Judentum. Man denke nur an den Brautschleier, der vorerst nur bei den Juden üblich war, an den Trinkspruch bei Festlichkeiten (Kiddusch), an die Prozession (Simchaus Hataura) und vieles andere. Doch worauf ich besonders aufmerksam machen wollte: Ist die vom Staate gesetzlich eingeführte Fleischbeschau nicht ein Gesetz, welches dem Judentum entstammt? Und warum schließen wir uns diesem Gesetze nicht an? Es ist uns da eine Hand zur Verbrüderung entgegcngestreckt und es ist höchst unrecht von uns, daß wir sie nicht annehmen. Jahrhunderte lang hatten die Juden vollständig recht, wenn sie auch allein darauf bestanden, daß das Fleisch vor dem Genüsse untersucht werden müsse und wurde dieses Gebot ebenso von vorsichtigen Christen beobachtet. Heute jedoch, wo alles zum Genießen bestimmte Fleisch amtlich untersucht wird, heute fällt die rituelle Fleischbeschau in sich zusammen. Wendet doch der von der jüdischen Gemeinde angestellte Beamte gar nicht die Hilfsmittel an, die heute der Wissenschaft bereits zur Verfügung stehen; er kann also das Fleisch gar nicht so genau untersuchen, wie der staatlich angestellte Beamte. Ist es doch schon vielfach vorgekommen, daß ein Kultusbeamter ein Stück Vieh gesund gefunden, während es der Tierarzt sodann als ungesund erklärt hat. Nun wird der Kultusbeamte sagen: Gott sprach, Ihr sollt cs in dieser bestimmten Weise machen und daran dars nichts gerüttelt werden. Gott hat aber auch den Sinn des betreffenden Staatsbeamten gelenkt, der die Fleischbeschau zum staatlichen Gesetze gemacht hat. Gott hat auch den Menschen die Einsicht gegeben, Mikroskope und andere Hilfsmittel zu erfinden und sie zum Nutzen der ganzen Menschheit zu verwenden; der ganzen Menschheit, allen Menschen, die nicht eigensinnig sagen sollen: „Ich mache es so, wie ich es immer gemacht Habel" Gott ist unveränderlich, aber nicht die Gesetze. Von unseren Weisen sind schon in früheren Zeiten Gebräuche geändert worden. Religionsgesetze, an denen nicht zu rütteln ist, hat Gott mit eherner Schrift in unser Inneres geschrieben, und sind sie gewesen, seit sich eine menschliche Brust regt. Diese Gesetze spiegeln sich in den zehn Geboten. Es ist darin von der Eltern- und Kindesliebe die Rede, von der Bewahrung des Nächsten-Lebens und seines Eigentums und von einem moralischen Lebenswandel. Alles andere sind Staatsgesetze, wie wir sie jetzt auch haben und es ist ein Unrecht an uns selbst, wenn wir uns neben den heutigen Staatsgesetzen auch noch die Jahrtausend alten Gesetze auferlegen, was heute durchzuführen fast unmöglich ist. Selbst Moses sagte: „Gehorchet der Obrigkeit!" und hat sicher die Obrigkeit gemeint, der man zur Zeit unterstellt ist. Nun kann man aber sagen: „Tue doch jeder, was er will; es wird ja kein Zwang ausgeübt, es herrscht ja völlige Freiheit!" Ja, das ist wahr, man hat sich auch schließlich daran gewöhnt, von seinen Glaubensgenossen als Abtrünnige betrachtet zu werden, dock) nun kommt der Augenblick, wo die Kinder in die Schule zu gehen beginnen und ist dies der Kern dessen, wovon ich hauptsächlich sprechen wollte. Das kindlich .Herz ist sehr gut vorbereitet. Die jüdische Mutier hat dem Kinde schon von seinem einzigen einigen Gotte erzählt, von dem alles Gute kommt, der auch das Kind und die lieben Eltern beschützt und dem sich das Kind mit ganzem Herzen anschließen möge. Und das Kind nimmt sich fest vor, recht fromm zu sein und alles Gute zu tun, wie es der liebe Gott haben will. Nun kommt die Schule mit dem ganzen Wust von Speisegesetzen und drückt diese recht fest in die weiche kindliche Seele, stellt sie auch ganz in eine Reihe z. B. mit dem Gebot: „Du sollst deine Eltern ehren!" Nein, die Schule sagt sogar: Die zehn Gebote, die in unserem Herzen stehen, die sind selbstverständlich. Ausgabe der jüdischen Schule wäre es, sich mit den rituellen Vorschriften zu beschäftigen, und mancher Lehrer sagt auch noch: „In allen Dingen sollt ihr euren Eltern gehorchen, aber wenn euch etwas befohlen wird, was gegen diese Gesetze verstößt, so sollt ihr ihnen den Gehorsam verweigern." Armes jüdisches Kind! Und arme jüdische Eltern! Der Ziespalt in der Familie ist fertig. Das Kind sieht bald, es herrschen zu Hause andere Ansichten als in der Schule. Die meisten Lehrer machen den Eltern einen Vorwurf daraus. Sollten aber etwa die Eltern dem Kinde gegenüber heucheln und ihre Ansichten, die sie ein Stück Herzblut gekostet haben, vor den Kindern verleugnen? Denn leicht ist es wohl nie, vieles fallen zu lassen, worin man erzogen ist. Die Eltern möchten gern ihre Kinder vor diesen Seelenkämpfen bewahren. Solange die jüdische Religionsschule aber in dem alten Geleise wandelt, hat jedes Kind dieselben Seelenkämpfe durchzumachen. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. I Kämpfe können auch läutern, und eigenes Nachdenken kann den Glauben an Gott nur befestigen, wenn daS Kind gut geartet ist. Aber Kinder sind sehr verschickten. Sehr bald müssen sie einsehen, daß nicht alles, was sie in der Religionsstunde gelernt haben, wirklich Religion ist, sondern frühere Gebräuche, welche für die heutig« Zeit nicht nötig, auch nicht durchführbar sind. Sie geben sich auch nicht die Mühe, zu unterscheiden, welche Gebote sie einhalten sollen und welche nicht. Es ist ihnen ja in der Schule gesagt worden: „Alle Gesetze sind vor Gott gleich!" und sie werfen mit dem, was sie nicht halten können, die ganze Religion samt ehren Sitten und Gesetzen über den Haufen. Man sieht das alle Tage, und daran krankt das Judentum, weil es verlangt, was heute nicht gehalten werden kann und dadurch immer mehr die 'Religionslosigkeit eintritt. Laßt euren Kindern einen Religionsunterricht geben, der auf den zehn Geboten basiert, und behandelt alles andere, das Judentum betreffend, als Geschichte. Was es au Wert hat und für unsery Vorfahren gewesen ist, wird es dadurch nicht verlieren. Dann erst werdet Ihr in dem Heranwachsenden Geschlecht Juden erziehen, die allen Menschen aller Religionen ein Vorbild sein tverden und so kommen wir der glücklichen Zukunft einen Schritt näher, in welcher alle Menschen den ewig einzigen, unsichtbaren Gott «nbeten. Was andere Völker zu der Annäherung aller Nationen und Religionen zueinander beitragen, will ich hier nicht erörtern. Wer aber mit der heutigen Literatur vertraut ist, der weiß, daß auch bei Nichtjuden sehr viel getan und geschrieben wird, um die Religion möglichst rein herzustellen. Daß Gott uns allen dazu verhelfen möge, ihn als unfern einzig ewigen Vater zu verehren und als seine Kinder und unter uns als Brüder zu fühlen, das wallte Gott! * Aus den Gemeinden * Berlin. (Israelitischer Frauen-Unterstützungsv e r e i n.) Es hat sich in Berlin jetzt die Sitte eingebürgert, daß begüterte Familien für Wohlsahrtsveranstaltungcn ihre Privaträume hergeben, um ihren betrcfsendeu Vereinen die teuren Saalmieten zu ersparen. Da in solchen Fällen auch die Vortragenden Künstler ihre Darbietungen spendefreudig umsonst herzugebeu pflegen, sind die Unkosten gleich Null und der gesamte Ertrag kann dem vorbestimmten Zwecke zngesührt werden. Auch hat die Einführung gelehrt, daß stilvoll behaglich eingerichtete Privaträume weit mehr Gäste zu künstlerischem Genießen locken,als ei» kaltfremder Vortragssaal, der oft zur Hälfte leer bleibt. So hat auch der schon 1880 gegründete Israelitische Fraucn- Untcrstützungsverein am Sonntag vormittag in die vornehme Behausung von Sanitätsrat Birnbaum am Kurfürstendamm geladen. In einem Vorspruch wies die 2. Vorsitzende des Vereins (erste Vorsitzende ist Frau Clara Jordan), Frau Henriette May, darauf hin, daß der Verein durchaus keine Konkurrenz des jüdischen Wohlfahrtsamtes, sondern dessen Ergänzung sein wolle. Er kann weit mehr als dieses so vielseitig in Anspruch genommene Amt, sich den individuellen Verhältnissen der Hilfesuchenden anpassen, kann mit Rat und mit Empfehlungen aus mancher schwierigen Situation heraushelfen, und kann, wo es nottut, rascher geben als ein Amt, bei dem alles seinen vorschristsmäßigen Instanzenweg gehen muß. Stimmungsvoll setzte dann die Vortragsfolge dieser Feierstunde mit Mendelssohns E-Dur-Konzert ein, von der jungen Geigerin Senta Pinette meisterhaft gespielt. Leo Gollanin, dieser große und starke Künstler, sang längst zu Volksliedern gewordene Schubertlieder, liebe vertrante Weisen, die, von seiner herrlichen Stimme getragen, doch als ein Neues, Nicgehörtes an unsere Seele drang. Auch bei der dann folgenden Vortragskünstlerin: Frau Johanna Meyer, große Kunst!, vornehmer Verzicht auf jede äußerliche Effekthascherei. Die Vortragskünstlcrin Johanna Meyer begann mit den Versen eines vom Lichte dieser Erde Abgetrennten: Max Zodikow, der in frühester Kindheit erblindet, von äußeren Eindrücken abgeschnitten, uns die rätselvollen Erlebnisse seiner im All umhertastenden Seele in weichen, tiefen Tönen vermittelt. Sie gab dann die im besten Sinne echt jüdische Novelle „Komme sofort" von Luzie Avellis: die von feinem Humor getragene Geschichte einer armen Trödlerin, die doch als siegreiche Heldin durch den kleinen Alltag des Lebens schreitet. Auch Dichtungen von Thekla Skorra und Felix Salten brachte die Künstlerin mit ihrem durchdachten Vortrag zu vollem Erfolg. Dann wieder Musik: Senta Pinette geigte leidenschaftliche Töne einer Orientalischen Phantasie und Zigeunerweisen, mit denen einst Sarasate unsere Großeltern berauscht. Alles in Allem: kein modernes Programm, keine die Nerven aufpeitschenden Absurditäten — aber Kunst!, echte, aus jüdischer Seele kommend und denen zu Herzen gehend, die da in Andacht lauschten: die kulturell hochstehende Gesellschaft des Berliner Judentums aus der Vorkriegszeit! Und zum Schluß als Zugabe noch kleine Kostbarkeiten: Leo Gollanin mit ostjüdischen Volksliedern! Die muß man von ihm gehört haben, und man muß ihn auch dabei gesehen haben. Berlin. (7 0. Geburtstag.) Am Montag, den 6. Februar, beging Dr. Ing. c. h. Aron Hirsch, Scniorchef der Firma Hirsch, Kupfer- und Messiugwerke A.-G., seinen 70. Geburtstag. Geboren i. I. 1858 als ältester Sohn des damaligen Juniorenchefs der Firma Aron Hirsch de Sohn, trat er schon in jungen Jahren in diese im Jahre 1805 gegründete Firma ein. In die Zeit seiner Tätigkeit fällt die Ausdehnung der Handelsfirma zu einer weltumspannenden Organisation. Um die Jahrhundertwende siedelte Aron Hirsch von Hrlberstadt, seinem Geburtsort, nach Berlin über. Er gehörte u. a. dem Aussichtsrat der Deutschen Bank an und ist Mitglied der Berliner Industrie- und Handelskammer. Der Jubilar steht den gesetzestreuen jüdischen Kreisen Deutschlands nahe und ist Mitkurator jüdischer wissenschaftlicher Anstalten. Bingen. (Zur Klarstellung.) In der Nummer 5 unserer Zeitung veröffentlichten wir unter der Ueberschrist „Verfehlte Anprangerung" Ausführungen zu der Rabbinerausschreibung der Synagogen-Gemeinde Bingen. Wir beschäftigten uns insbesondere mit den haltlosen Vorwürfen der Jüdischen Rundschau, die sich darüber entrüsten zu müssen glaubte, daß die Synagogen-Gcmcinde Bingen bei ihrem Inserat ausdrücklich einen Rabbiner liberaler, nichtzionistischer Gesinnung forderte. Wir brachten zum Ausdruck, daß es selbstverständliches Recht jeder Synagogen-Gemeinde sein müsse, sich zu ihrem geistlichen Führer eine Persönlichkeit mit d e u jüdischen Anschauungen zu wählen, die mit der Mehrheit der Gcmeindemitgliedcr harmoniert. Unsere Veröffentlichung hat uns einige Zuschriften eingetragen. In einigen wird darauf hingewiesen, daß bereits vor vielen Jahren von einer jüdischen Gemeinde eine Ausschreibung erfolgt ist, in der ausdrücklich ein zionistischer Rabbiner verlangt worden ist, daß damals aber die Rundschau sich in Stillschweigen gehüllt hat. Andere Zuschriften stellen ein Rätselraten dar, was »vohl mit der Schlußbemerkung unseres Artikels gemeint sei, daß Bingen seit zwei Jahren einen zionistischen Rabbiner gehabt hat, und mit dem Zusatz: „Welche Erfahrungen mögen die Herren, die vor zwei Jahren keine Bedenken trugen, einen zionistischen Rabbiner zu wählen, inzwischen gemacht haben?!" Wir bemerken dazu, daß mit dieser Aeußeruug keine persönliche Spitze gegen Herrn Rabbiner Dr. Maybaum, der bisher in Bingen amtierte, verbunden sein sollte. Es sollte lediglich gesagt sein, daß doch hier aus Grund der gemachten Erfahrungen, die z. B. neben anderm auch in der Gcmcindezusammensetzung gesucht werde« könne», sich die frühere Wahl eines zionistischen Rabbiners als nichtopportun herausgestellt hat. Frankfurt a. M. (Aus dem G e in c i u d e v o r st a n d.) Zur Veranstaltung eines Synagogcnkonzcrts erhält die K ö n i g st e i n e r Synagoge einen Kredit. Weiterhin wurden Zuwendungen dem C e n t r a l v e r e i n, der hydro-therapeutischen Abteilung des Gemeindekrankenhauses und der Wirtschastsbcihilse zur Beschaffung von Kartoffeln für bedürftige Gemeindemitgliedcr bewilligt. Der Einrichtung eines vertretenden dritten Vorsitzenden in der Gemeindevertretung gibt der Vorstand seine Einwilligung. — Der Gemeindevorstand ersucht die lohnsteucrpflichtigen Gemeindemitglieder, sotveit sie nicht von den Finanzämtern zur Abgabe einer Einkommensteuererklärung ausgesordert wurden, bis zum 2 0. Februar den Gesamtbetrag ihres Bruttoeinkommens sowie der hierauf abzeführten Lohnsteuer mit-

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