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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-17 · 7 (17.2.1928) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
7 (17.2.1928)
Date
1928-02-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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zuteilen. Eine schriftliche Veranlagung zur Kultussteuer wird den , Lohnsteuerpflichtigen später zugehen. Lohnsteuerpflichtige, die dieser Aufforderung nicht rechtzeitig Nachkommen, werden unter entsprechender Anwendung des § 210 der Reichsabgabenordnung im Wege der Schätzung veranlagt. Frankfurt a. M. (Ein Achtzigjähriger.) Am 14. Februar beging Herr Jacob Schwarzschild, ein langjähriges Mitglied der liberalen Vereinigung, Ortsgruppe Frankfurt, seinen 80. Geburtstag. Der bescheidene, liebenswürdige Mann stand im Mittelpunkt der Sympathiebeweise weitester Kreise. Jacob Schwarzschild, in Homburg geboren, lebt seit langem in Frankfurt und geht bis auf den heutigen Tag in unveränderter Frische seinem Berus als amtlicher Makler nach. Von warmer Begeisterung für alles Schöne erfüllt, hat er in uneigennütziger Weise sein ganzes Leben in den Dienst der Musik gestellt und gehört so seit 50 Jahren dem Vorstand des berühmten Frankfurter Rühlschen Gesangvereins an. Gleich eng verbunden ist er auch mit dem Frankfurter Liederkranz, dem er ebenfalls als Ehrenmitglied angehört. Zu Ehren des Jubilars veranstaltete der Cäcilienverein verbunden mit dem Rühlschen Gesangverein am 16. Februar eine interne Feier im „Börsenkeller", bei dem ihm die herzlichsten Glückwünsche seiner Mitarbeiter und Freunde in überaus reichem Maße zuteil wurden. Hamm. (Lehrerwechsel.) Für den aus seinem Amte als Rcligionslehrer, Kantor und Prediger der hiesigen Gemeinde geschiedenen Lehrer Weiler, der 22 Jahre diese Funktionen versah, das Amt eines städtischen Lehrers nach seiner Pensionierung als Religionslehrer aber beibehält, ist Lehrer Fritzler aus Wanne-Eikel zur lieberuahme der genannten Aemter im Gemeindedienst gewählt worden. Mit seinem Amtsantritt, der am 1. April erfolgen soll, wird auch die Errichtung einer jüdischen Volksschule geplant. Hannover. (Feuerbestattung.) Nachdem, wie wir in Nr. 2 bereits berichteten, der zweite Ortsrabbiner sich bereit erklärt hat, vvr einer Feuerbestattung zu fungieren, fand die erste Trauerfcier, bei der ein hannoverscher Rabbiner im Ornat amtierte, am 9. Februar statt. Frau Luci Elsbach, die Tochter und Schwiegertochter zweier der angesehensten hannoverschen Familien, war nach ganz kurzes Krankheit nach fünfjähriger Ehe im blühenden Alter von 25 Jahren verschieden. Mehr als tausend Menschen gaben ihr das letzte Geleit. Orgelspiel umrahmte die Feier. Der Rabbiner sprach vor seiner Rede das Hazur tomim und zum Schluß das Kaddischgcbct. Harmutfachsen (Hessen). (Entlarvte Friedhofsschättder.) Vor etwa vier Jahren sind aus dem hiesigen israelitischen Friedhof durch völkische Vandalen 63 Grabsteine umgestürzt und zerstört worden. Trotz rühriger Nachforschung wollte es nicht gelingen, die Täter zu ermitteln und ihrer Bestrafung zuzuführen. Die Redseligkeit einer christlichen Näherin hat erst kürzlich dazu bcigetragen, daß die Attentäter, zu denen neben dem Bruder der Näherin auch die Söhne des Pfarrers und des Lehrers im Orte gehörten, wenigstens bekannt sind. Die polizeilichen Vernehmungen, die infolgedessen eingeleitet wurden, haben ergeben, daß im ganzen 7 (meistens jugendliche) Personen am Frevel der Friedhofsschändung beteiligt waren; nach anfänglichem Leugnen sollen auch alle bereits ihre Tat eingeistanden haben. Wenn sie dieselbe auch auf die Vorkriegszeit zurückzuverlegen versuchten, um vielleicht dadurch unter Berufung auf Verjährung straffrei ausgehen zu können, so dürfte dieses Manöver kaum glücken, weil ja die Tatsachen diesem Versuch widersprechen, mit Rücksicht auf die Schwere des Vergehens dars wohl mit ernster Bestrafung der Uebeltäter gerechnet werden. Kassel. (Für den Hilssverein der deutschen Jude n.) Hier hatte sich kürzlich eine neue Ortsgruppe des Hilfsvereins der deutschen Juden gebildet, die Dienstag Abend zu einer Versammlung in den Vortragssaal der Landesbibliothek einlud. Leider war die Beteiligung seitens der Gemeindemitglieder sehr schwach, als nach Bcgrüßungsworten des Justizrats Dr. Rothsels der Sekretär für das Auswanderer-Wesen, Henry Chassel, Hamburg, von der produktiven Fürsorge des Hilssvereins sprach. Zehntausend ostjüdische Auswanderer harrten in. den letzten Jahren der Ausreise-Erlaubnis. In den Hamburger Ucberseeheimen fanden sie körperliche und seelrsche Stärkung durch die Einrichtungen des Hilssvereins. Betrug die Zahl der Auswanderer in den letzten beiden Jahren auch nur ein Zehntel derjenigen von 1913, etwa 3 und 4000 Köpfe, so waren die Leistungen des Hilssvereins doch durchgreifend genug, um manche in Frage gestellte Ausreise zu ermöglichen. Daß die Unterstützung dieses Hilfswerks eine moralische Pflicht aller edel denkenden Glaubensgenossen ist, wußte der Redner durch ergreifende Details aus dem Leben in den Auswanderer-Hallen eindringlich zu illustrieren. Auch der zweite Redner des Abends, Generalsekretär Dr. M. Wischnitzer, richtete einen herzlichen Appell an die Zuhörer, die Tätigkeit des Hilssvereins zu propagieren. Er schilderte seine Reiseeindrücke in der Ukraine bei den Kolonisten und zeigte an Hand klarer Lichtbilder das Werden der Bauernkolonien in Südrußland. Eingehend verbreitete er sich über die Aufgaben des Hilfsvereins, der das Kulturprogramm in erster Linie fördern wolle, also Schulen, Wohlsahrts-- anstalten zu hygienischen und kulturellen Zwecken einrichten werde, während der Joint, die Jca und andere Organisationen mehr die Siedlungsfrage finanziell stützten. Aus den Bildern ersah man interessante Einzelheiten von der Beschäftigung der russischen Bauern, ihren Heimstätten, den Mitteln ihrer Ansiedlungsmethoden und den bisher erreichten Efolgen. Wenn 15 000 jüdische Familien schon angesiedelt werden konnten, so ist dies ein erfreulicher Beweis der Siedlungspolitik überhaupt. Sie zu fördern, sollte — wie Landrabbiner Dr. Walter es in einem Schlußwort noch bekräftigte — jedem deutschen Juden heilige und ernste Pflicht sein. Königsberg. (Erfolgreiche „Ort"- Aktion in Königsb e r g.) Am 8. Februar 1928 fand eine von der „Ort"-Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden, Abt. Deutschland, einberufene Versammlung statt, die von dem Universitätsprofessor Dr. Sokolowsky geleitet wurde. Der Vorsitzende betonte einleitend die große Bedeutung der Produktivierungsbestrebungen der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern und erteilte alsdann dem Generalsekretär der Gesellschaft „Ort", Abt. Deutschland, Herrn Dr. Michael Traub, Berlin, das Wort zu seinem Lichtbildervortrag über „Die Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden des Ostens". Der Referent schilderte zunächst die Entstehungsgeschichte der „Ort"-Bewegung. Schon im alten Rußland habe sich ein großer Hang der Juden zum Handwerk und zur Landwirtschaft gezeigt und die im Jahre 1880 gegründete Gesellschaft „Ort" stellte sich die Förderung dieser Bestrebungen zur Aufgabe. Der Weltkrieg, die ungeheuren Schrecken der Bürgerkriege und die Pogrome haben unter der osteuropäischen Judenheit ungeheure Schaden in physischer und wirtschaftlicher Beziehung hervorgerufen. In jahrelanger Tätigkeit gelang es der Gesellschaft „Ort", viele Stätten jüdischer Arbeit, die zum Teil zerstört waren, wieder aufzurichten und neue Arbeitsstätten zu schaffen. — An Hand zahlreister Lichtbilder zeigte der Redner die jüdischen Handwerks- und Lehrstätten in den verschiedensten Berufszweigen. Von besonderem Interesse waren die Bilder, welche die Juden in den osteuropäischen Ländern bei der Landarbeit zeigten. — Die vom „Ort"-Verbande gegründete Einkaufs-Gesellschaft unterstützt jüdische Landwirte und Handwerker durch Hergabe von modernen Maschinen und Werkzeugen in Form von Krediten. — Mit besonderem Nachdruck betonte der Redner, daß der „Ort" auch in Deutschland die Produktivierungsbestrebuugen der jüdischen Bevölkerung durch die gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft der Jüdischen Arbeitsnachweise in Berlin unterhaltene Schnciderlehrwerkstätte, durch Chauffeurkurse u. a. m. fördert. — Der Appell des Referenten, Herrn Dr. Traub, die Bestrebungen des „Ort" durch Eintritt in die Gesellschaft zu unterstützen, fand in dem aus den Vertretern verschiedener Richtungen zusammengesetzten Königsberger Aktions-Ausschuß lebhaften Beifall. Dem Ausschuß gehören unter Vorsitz von -Universitäts-Professor Dr. Sokolowsky, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Falkenheim, Justizrat Holz, der frühere Landtagsabgeordnete Justizrat Dr. Lichtenstein, Gemeinde-Rabbiner Dr. Lewin, Artur Cohn, Erwin Goldstein, Dr. Daugilajcky, Rittergutsbesitzer Sandelowsky-Norgehnen, Prof. Dr. Rudolf Cohn, Prof. Dr. Kutzinsky, Lesser Hirsch, Elias Hirsch, Albert Loose, Dr. Erich Cohn, Syndikus Sabatzky und viele andere angesehene Vertreter der Königsberger Jüdischen Gemeinde an. — Die zu Gunsten der „Ort"-Gesell- * * . schüft eingelcitete Sammelaktion hat bereits ansehnliche Resultat« zu verzeichnen. Krefeld. (Einführung des Oberrabbiners Dr. B l u h m.) Am 8. Februar fand hier die Einführung des neugewählten Oberrabbiners Dr. Arthur Bluhm statt. Bvi'chtzm in der Synagoge veranstalteten Fest- und Einführungsgottesdienst bemerkte man neben den Mitgliedern der Synagogengemeinde Vertreter der weltlichen Behörden und auch der christlichen Kirchingemeinschasten. Nach Orgelvorspiel und Chorgesang crsolgte zunächst^die Begrüßung und Verpflichtung des neugewählten Oberrabbiners dürch den Vorsitzenden des Vorstandes der Synagogengcmeinde Krefeld, Herrn Gustav Cohn. Herr Cohn gedachte des nach fast 25 jähriger Tätigkeit aus Gesundheitsrücksichten in den Ruhestand getretenen «Oberrabbiners Dr. Levy, gab sodann einen historischen Uebcrblick über die Entwicklung der Synagogengemeinde Krefeld, deren Gründung im Jahre 1809 durch den Kaiser Napoleon veranlaßt worden ist. Der neugewählte Oberrabbiner, so schloß der Vorsitzende, sei Träger einer Tradition, er werde manche Hemmnisse zu überwinden chaben, aber, da er schon ein Jahr lang in vorbildlicher Weise den bisherigen Oberrabbiner vertreten habe, werde er sicher als neugewählter geistlicher Führer eine segensreiche Tätigkeit entfalten. - Durch Handschlag wurde dann Oberrabbiner Dr. Bluhm auf sein Amt verpflichtet. — Nachdem der Chor die große Fest-Keduscha mit Orgel- und Posaunenbegleitung vorgetragen hatte, welche aus die Zuhörer einen nachhaltigen Eindruck machte, hielt .Herr Oberrabbiner Tr. Bluhm die Festpredigt, die allgemein wegen der packenden und doch sachlichen Vortragsart, wegen ihres klaren Aufbaues und gedankenreichen Inhaltes einen tiefen Eindruck auf die Gemeinde machte. Tic Krcselder Tageszeitungen berichten, daß .Herr Dr. Bluhm ungeachtet seiner kaum 27 Jahre, mit denen er der jüngste Oberrabbiner in Deutschland ist, über geistige Abgeklärtheit und Gedankentiefe verfügt. Aus der Fcstpredigt sind besonders folgende Sätze bemerkenswert: Die jüdische Religion hat eine Jnnenkultur, die zu pflegen wir als notweirdig erachten und deren Duldung wir fordern müssen. In dankens- und begrüßenswerter Weise haben die hiesigen kirchlichen und weltlichen Behörden unseren Wünschen Rechnung getragen. Was wir von den anderen fordern, müssen wir diesen auch auch zugestehen. Gegen einen Vorwurf müssen wir uns entschieden wehren, daß man uns wegen der Zugehörigkeit zum Judentum die Zugehörigkeit zum deutschen Volte abspricht. Wir fühlen mit unserem d e u t s ch c n V a t c r l a n d e. Seine Not i st unsere Not. Sein Geschick ist unser Geschick. Wir haben keinen sehnlicheren Wunsch, als als freie deutsche Bürger zu gelten und mit allen in Frieden und Eintracht zu leben. Der Redner kam dann auf die Ausgaben seines Amtes zu sprechen. Er wolle Führer und Freund aller Gcmeindemitgliedcr sein, an den sich jeder vertrauensvoll auch dann wenden könne, wenn man sich jedem anderen verschließe. Um seine Ausgaben erfüllen zu können, habe er das Vertrauen der Gemeinde notwendig. Gewiß müsse er sich erst das Vertrauen erwerben, aber er hoffe, daß doch schon ein gewisses Maß Vertrauen zu ihm vorhanden sei und daß er zum Wähle und Segen der Gemeinde seine! Aufgaben durchführen könne. Mit Gebet und Segen sowie Chorvortrag von Beethovens „Die Himmel rühmen" fand die festliche Veranstaltung ihren Abschluß. Soest. (B r a n d i n d c r S y n a g o g c.) In der hiesigen Synagoge geriet durch ein schadhaftes Ofenrohr ein Balken in Brand Nachbarn und Feuerwehr bemühten sich um die Löschung des Brandes. Bei den Löscharbeiten stellte sich heraus, daß das Gevälk unterhalb des Verputzes schon mehrere Tage geschwelt haben muß. Das Gebälk rvar im Umkreise von drei Metern angegriffen. Anna. (Vom Israelitischen Altersheim.) Das Israelitische Altersheim in Westfalen versendet seinen 23. Jahresbericht, und zwar mit einem gewissen Frohgefühle, da dieses seit 1914 wieder zum ersten Mal möglich ist. Es waren sorgenvolle Jahre, >var doch oft der Fortbestand des Altersheims bedroht; doch die schwere Zeit ist überwunden; die Verhältnisse sind wieder gesundet. Welche sichtbaren Wunden hat nicht hier der unglückliche Krieg geschlagen! Am 31. März 1914 besaß der Verein Altersheim ein Barvermögen von fast 100 000 Mark und wiegte sich schon in der Hoffnung, in nicht allzuferner Zeit die Anstalt allein von den Erträgnissen unterhalten zu können, also nicht gar zu sehr aus Spenden angewiesen zu sein; in absehbarer Zeit wird dies kaum möglich sein. Das letzte Geschäftsjahr erforderte für Instandsetzung des Hauses größere Summen, die aber dank der sorgfältigen Leitung gut balanciert wurden. Als besonderes Geschenk verdient eine Radioanlage der Dortmunder Frauenloge besonders hervorgehoben zu werden. Das Heim war von 13 Männern und 28 Frauen bewohnt, darunter 3 84 jährige, deren Gesundheitszustand im allgemeinen sehr gut lvar; sechs Hochbetagte sind in der Berichtszeit zur ewigen Ruhe heimgezogen. Geradezu wehmütig muß es uns berühren, zu lesen, daß die 403 namentlich auf geführten Jahrzeit-Stiftungen bis auf einige aus den letzten Jahren durch die Inflation wertlos geworden sind. Umso berechtigter ist darum die Bitte des Vorstandes, die Aufwertung der Beträge vorzunehmen; dadurch würde dem Altersheim wieder ein Fonds geschaffen, aus dessen Erträgnissen wieder mehr Freistellen geschaffen werden könnten. Nach Eingang des Seminars der Marks-Haindorffschcn Stiftung zu Münster hat das Heim noch 55 Stiftungen übernommen; von den Stiftungsbeträgen ist auch da nichts mehr vorhanden. An der Spitze des Gcsamtvorstandes stehen zur Zeit die überaus rührigen Herren I u st i z r a t D r. Kempenich als Vorsitzender und Konrektor a. D. Emil G o l d s ch m i d t, beide in Dortmund. In überaus schöner Weise schildert die in Unna erscheinende Zeitung „Hellweger Anzeiger und Bote" einen Besuch des Altersheims, wovon wir hier nur die Schlußsätze wiedergeben möchten: *. „Im Büro d e r Oberin .... lausen die tausend Fäden einer großzügigen Organisation, eines Musterbetriebes seiner Art zusammen.... Und der Gesamteindruck dieses Unnaer israelitischen Altersheims, das mit seinem Baumhof und hochheckigen Gemüsegarten ettva 12 Morgen Gelände umfaßt? — Hier atmet Wohlsein und Heimatseele für das verlassene Alter. — lieber dem Haupteingang des Hauses spricht von innen in einer großen Inschrift das rührende Wort des Psalmisten: „Wirf mich nicht fort zur Zeit des Alters, Wenn meine Kräfte schwinden, verlaß mich nicht." — ★ Aus der Bewegung Hannover. (Erster öffentlicher Vortrag in der Religiös-liberalen Vereinigung Hannoverscher Juden.) Der mit großer Spannung erwartete Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein aus Breslau über: „Sinn und Forderungen des religiösen Liberalismus im Judentum" fand am Mittwoch, den 8. Februar, im dichtbesetzten Saale des Alten Rathauses statt. Mit den einleitenden schwer dahin-, und doch sicher emporschreitendcn Versen Rückerts gab der Redner sich und der Versammlung gleich zu Anfang das Niveau, dem er auch bis zum letzten Wort seiner Ausführungen treu blieb. Weil er aber Gemeinplätze mied und nach Form und Inhalt in jedem Satz Gereiftes, Vollendetes gab, deshalb können diese Zeilen nur eine schwache Vorstellung von dem vermitteln, was der Abend an Erleben bedeutete. — Redner zog zunächst die Grenze zwischen religiösem und politischem Liberalismus, betonte, daß Liberalismus nicht im Einklang stehe mit religiöser 'Gleichgültigkeit und bewies, daß Liberalismus nicht etwa eine Subtraktion von der Orthodoxie sei. Man dürfe Religiosität eines Menschen nicht messen an den religiösen Formen, die er halte. Allgemein betrachtet, sei Liberalismus nicht religiöser Abbau, sondern religiöser Ausbau. Echte Kritik sei etwas Schöpferisches. Religiöser Liberalismusberuhe auf der hohen Wertung der Religion und der menschlichen Peinlichkeit. Religion bestehe nicht um Gottes, sondern um der MeKschen willen. Religion sei durch Menschen übermittelt, darum leuchte' sie, ähnlich den Strahlen des Prisma, verschiedenen Menschen- und Epochen wechselnd. Daß Mose, vom Sinai kommend, sein strahlendes Antlitz verhüllen mußte, zeige schon, daß der volle Glanz der göttlichen Größe von den meisten Menschen nicht ertragen wird. Der Liberalismus wolle keine neue Religion schaffen, er wolle aber der Gefahr der Erstarrung begegnen. „Wir wollen nicht nur zum Gott unserer Väter beten, er soll auch der Gott unserer Kinder und Enkel sein. Was Ewigkeitswert hat, muß uns in ewiger Veränderung entgegentreten. Die liberale Anschauung geht davon aus, daß die Zeitlosigkeit der Religion, daß ihr Wort und ihr Geist jederzeit dem Menschen begreiflich sein muß. - Zu uns muß die Religion in der Sprache unserer Zeit sprechen; denn wir brauchen die Religion." Die Frage: „Was ist Judentum?" werde verschieden beantwortet, so z. B. mit „Klal Jisroel", dem jüdischen Gemeinschaftsbewußtsein. Aber keine der verschiedenen Antworten könne der Liberalismus als zeitlos verbindlich anerkennen. Er fordere hingegen mit Kohelet: Alles lebendig zu seiner Zeit. Liberalismus beanspruche den Begriff des Lebendigen in der Religion, nichts solle verleugnet werden vom ersten Worte der Heiligen Schrift bis zu den Problemen des modernen Judentums. Das sei das beständige methodische Prinzip im Liberalismus. Liberalismus anerkenne den geschichtlichen Zusammenhang und die Tradition, die nicht für den eine Belastung sei, der mit Stolz aus seiner Gemeinschaft Vergangenheit blicke. (Stolz, der nicht Hochmut, sondern Verantwortungsgefühl auslöst.) Redner beleuchtete sodann die Stellung des Liberalismus zum Messianismus, zur Wiederauferstehungzum Wiederaufbau des Tempels und der Wiedereinführung des Opserdienstcs. Dem religiösen Verantwortungsgefühl sei cs überlassen, sich mit den religiösen Formen auseinanderzusetzen. Zum Schluß forderte der Redner: Religiösen Sinn und religiöse Feier im Hause; Kenntnis des Judentums; von der Gesamtheit Anerkennung der vollen Gleichberechtigung der liberalen Anschauungen auch in der Gemeinde; Gestaltung des Gemcindelebens, so daß es dem Liberalen in Schule und Gottesdienst Befriedigung gewähren kann; deutsche Wiedergabe des Thora- und Prophetcnabschnittes; Wahrhaftigkeit im Beten, daß kein Gebet gesprochen wird, daß nicht mit unserem Leben vereinbar ist; stetige Besserung des Religionsunterrichtes; Schaffung guter Lehrbücher; Förderung jüdischer Wissenschaft; Heranziehung der Frauen zu lebendiger Mitarbeit; die gleiche religiöse Unterweisung des weiblichen Geschlechtes wie des männlichen; Umgestaltung uni» Ausgestaltung der sozialen Arbeit. Redner gab zum Schluß seiner Ucberzeugung Ausdruck, daß so auch die hannoversche Gemeinde zur Ehre des Judentums und zur Ehre Gottes wirken werde. In der einstündigen Debatte wurden zunächst Anfragen gestellt, so z. B.: „Wie ist eine Aussöhnung zwischen Liberalismus und Orthodoxie möglich?" „Welche Erfahrungen hat man speziell in Breslau mit dem Liberalismus gemacht?" Ferner wurde in der Debatte daraus hingewiesen, daß die in Hannover in die Gemeindeverwaltung gewählten liberalen Vertreter nicht allein von ihren Gesinnungsgenossen, sondern auch von solchen, die nach den ortsüblichen Ansichten dem Judentum vollständig sernstehen, gewählt worden seien, so daß den Gewählten darum zu empfehlen sei, ihre Forderungen zu mäßigen. Es wurde warnend betont, daß durch übereilte Schritte die Einheitsgemeinde leicht zerstört werden könnte. Auch der Religionsunterricht war wiederum einmal Gegenstand ausgiebiger Debatte, wobei Herr Landrabbiner Dr. Freund die Lehrerschaft gegen ungerechtfertigte Borwürse verteidigte. Bezüglich der vom Redner vorgetragenen Gedanken, erklärte Herr Landrabbiner Dr. Freund sich mit manchem einverstanden, was Herr Rudolf Hcrzberg, der die Versammlung in vorbildlicher Unparteilichkeit und mit führerisch sicherer Hand leitete, in seinem Schlußwort mit Genugtuung hervorhob. — Das Ganze: ein Anfang und ein guter Anfang. Liegnitz. (Liberaler Verein der Synagogen-Gem c i n d c.) Am Montag, den 30. Januar 1928, hatten wir einen sehr anregenden, interessanten Vereinsabend, der erfreulicherweise recht gut besucht war. Unser 1. Vorsitzender, Rechtsanwalt Dr. Scheyer, sprach über Edmond Fleg's erst kürzlich erschienenes Buch: „Ein kleiner Prophet", welches sich nur mit jüdischen Fragen beschäftigt, und zwar mit „der jüdischen Frage". — Das Buch ist in Tagebuchform geschrieben, versetzt uns nach Paris und schildert uns das Leben und die Scelenqualen eines Heranwachsenden Knaben, Claude Levy, dessen Eltern nur dem Namen nach Juden sind. — Edmond Fleg liest wunderbar in der Seele des Kindes! Die Gespräche zwischen Claude und seiner kleinen Freundin Mariette sind rührend und unendlich sein gezeichnet! Herr Dr. Scheyer las sie uns nach einer kurzen Einleitung zum Teil wörtlich vor und übermittelte den gespannt lauschenden Hörern die schönsten und wertvollsten Kapitel. Das Buch enthält eine ernste Mahnung, unser Judentum in den Vordergrund zu stellen und schließt mit dem Hinweis auf eine allgemeine, weltmessianische Zeit. — Begeisterter Beifall dankte dem Redner und Herr Kantor Sommerfeld, welcher sich hierauf zum Wort meldete, sprach Herrn Dr. Scheyer noch besonders den Dank aller Anwesenden aus. Am 10. Februar veranstalteten wir wieder eine Freitag-Abend- Feier und konnten erfreut eine überaus rege Teilnahme feststellen. Diesmal galt diese wohl im besonderen Maße Fräulein Dr. Ellen Littmann-Berlin, welche nach längerer Pause wieder einmal bei uns weilte. — Nach feierlichem Kiddusch und anschließender Teetafel gab Herr Dr. Scheyer in herzlichen Worten der Freude Ausdruck, Fräulein Dr. Littmann bei uns zu sehen uird erteilte der Rednerin hieraus das Wort zu ihrem Referat über „Herder und die Bibel". — Man folgte den auf außerordentlich hohem, geistigen Niveau stehenden Ausführungen mit größter Aufmerksamkeit und dankte für den fast 1 Stunde währenden lehrreichen Vortrag mit einmütigem Beifall. Unser 1. Vorsitzender ergriff hierauf nochmals das Wort, um der Rednerin im Namen des liberalen Vereins herzlichst zu danken und sprach die Bitte aus, Fräulein Dr. Littmann möge keine 3 jährige Pause mehr cintreten lassen, sondern recht bald wieder zu uns nach Liegnitz kommen! — Hierauf blieb man noch bis 11 Uhr gemütlich beisammen. Vereinsnachrichten Der Verein Reue Synagoge veranstaltet Mittwoch, den 22. d. M., abends 8 Uhr, im großen Saale der Ressource, Oranienburger Str. 18, einen Vortragsabend, \5ei dem Herr Ehrenreich über synagogale Musik mit besonderer Berücksichtigung des Gottesdienstes in den Berliner Synagogen sprechen wird. Der Vortrag wird durch Sologesänge des Herrn Leo Gollanin und durch Chorgesänge des verstärkten Chors der Neuen Synagoge unter Leitung des Herrn Gollanin und des Chors der Alten Synagoge unter Leitung seines Dirigenten, Herrn Benno Spott, illustriert werden. Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens, E. V., zu Berlin, Geschäftsstelle NO. 18, Große Frankfurter Straße 80-81, hält am Mittwoch, den 22. Februar 1928, pünktlich abends 8 Uhr, seine diesjährige Generalversammlung im Plenarsaal des Gemeindehauses, Rosenstraße 2-4, ab. Reicksbund jüdischer Frontsoldaten E. V., Ortsgruppe Berlin, Bezirk Charlottenburg. Sonnabend, den 18. Februar, Gesindeball im Logcnhaus, Kleiststraße. Eintrittspreis 2,— Mark, Abendkasse 2,50 Mark. Gäste willkommen. Das erste Berliner jüdische Hallen-Sportsest, welches am 18. März im Berliner Sport-Palast stattfindet, wird eines der größten Hallen- Sportfeste überhaupt werden. Zirka 2000 Sportsleute und Turner mit Abzeichen und Fahnen werden gemeinsam aufmarschieren. 300 Frauen-Mitgliedcr des Bar Kochba werden moderne Gymnastik-Uebungen zeigen. Ein Hallen-Tennisspiel, ausgeführt vom S. C. Hakoah, wird zum ersten Male vorgeführt werden, und von besonderem Interesse sind die Laufkonkurrenzen, da der Bar Kochba seine besten Sprinter, die bekannten Kurzstreckenläufer Gerber, Levin, Kurz 1 u. 2, Simenauer und Simon, an den Start schicken wird. Der jüdische Boxclub Maccabi wird seine besten Kämpfer im Ring antreten lassen. Den Abschluß bilden zwei große Rundenstaffeln, bei welchen die Vereine ihr bestes Läufer-Material einsetzen, und die dadurch zu scharfen Kämpfen führen werden. Frauenverein der Berliner Logen U.O.B.B. E. V. (Mütter- und Säuglingsheim). Die für den 4. März geplante Feier des 40jährigen Bestehens des Frauenvereins muß wegen des auf diesen Tag angesetzten Nationaltrauertages für die Gefallenen auf den 18. März verlegt werden. Die Veranstaltung des Festaktes findet also am Sonntag, den 18. März, im Marmorsaal des Zoologischen Gartens, vormittags 11 Uhr, statt. Ein eigens für dieses Fest von Fritz Engel verfaßter Prolog wird von Frau Edith Herrnstadt-Oettingen gesprochen werden.

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