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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-02-17 · 7 (17.2.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
7 (17.2.1928)
Date
1928-02-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 7 Beilage 17. Februar 1928 'mm Wahrheit. Der Fleck auf der Ehr' oder: Me Kulturschande Europas Von Bernhard Breslauer Wir bringen nachstehend den letzten von Bernhard Breslauer veröffentlichten Aufsatz (Jüdisch-liberale Zeitung Nr. 18 vom 6. Mai 1927) zum Wiederabdruck. Er ist auch heute noch aktuell und zeigt, wie Breslauer in allen Gogenwartswirren Wahrheit und Klarheit herbeizuführen bestrebt it>ar; er zeigt ferner, wie not uns heute angesichts der allgemeinen Zerfahrenheit Männer tun, die das von ihn Angestrebte mit gleicher Konseauenz und Energie in die Wirklichkeit umzusetzen verstehen. Die Schriftltg. „Lagt immer nur die Wahrheit", so prägt man allen Kindern ein. Und dm Erwachsenen? Theodor Storm lehrt seinen Söhnen: „Erquickend wie Gewitter sind zu Zeiten goldene Rüclsichtslosigteiten," oder ins Prosaische übertragen: Am rechten Platz sagt den Menschen die Wahrheit. Manch anderer Mensch meint wieder: Tu's nicht, sprich nicht immer die Wahrheit laut aus. Tu machst dir nur Feinde, und erreichst doch nichts damit. Und doch ist es „erquickmd" und manchmal notwendig, der Menschheit die Wahrheit in's Gesicht zu sagen. Versuchen wir es. Gibt es in Teutschland liberale jüdische Gemeindeverwaltungen? Gibt es liberale Rabbiner? 600000 Deutsche jüdischen Glaubens gibt es ungefähr. Tavon halten, wenn wir die Mitglieder der Separatgemein- -en abziehen, infolge der Zuwanderung aus dem Osten etwa zehn Prozent der Gemeindemitglieder die rituellen Vorschriften. Tiefe zehn Prozmt der deutschen Judm beherrschen die übrigen 90 Prozent in den Gemeinden. Wer nicht mit ihnm hält, gehört einer anderm Religion an, oder ist im besten Falle „Nochjude". Und wie stellm sich die Gemeindeverwaltungen dazu? In dem größten Teil der Verwaltungen, haben die Liberalen ziffernmäßig die Mehrheit. Als Grundsatz ihrer Verwaltung wird überall angegeben, „allm Richtungen gegenüber „objektiv" und „tolerant" zu sein." Wmns so wäre, möcht's trefflich scheinen. Aber hinter Objektivität und Toleranz verstehen die Gemeindeverwaltungen, das alles, was die zehn Prozent fordern, eingeführt werden muß, und zwar nicht nur ftir die zehn Prozent, sondern für alle Gemeindemitglieder. Tie 90 Prozent Liberale werden nicht beachtet. Alle Gemeindeinstitute sind so eingerichtet, daßi sie der Orthodoxie gefallen. Tie Kaschruth-Komission ordnet an, und die Gemeindeverwaltung gehorcht. Von jedem Beamten und Angestellten fordert sie Jnnchaltung der orthodoxen Einrichtungen und Vorschriften. Ein liberaler Rabbiner wurde in eine neue liberale Gemeinde berufen; er wurde auf Herz und Nieren hinsichtlich seines Liberalismus geprüft. Als er die Gegenfrage stellte, ob ihm gestattet sei, am Sabbath zum Gottesdienst in die Synagoge zu fahren, schlug der durchaus liberale Vorsteher die Hände zusammen und erklärte ganz entsetzt, daß dies natürlich nicht anginge, weil dadurch die Anschauung der Gemeindemitgliüier (also auch der 90 Prozent) verletzt würde. Ein Beamter, der in einer Tienstwehnung wohnte, wollte nach seiner Art leben. Es wurde ihm sofort bedeutet, daßi er in der Tienstwohnung nur nach rituellen Regeln seine Nahrung zubereiten dürfe. Bei einer Beerdigung nahm einer der Teilnehmer bei einer Ansprache an die Trauernden seinen Hut ab. Sofort kam ein Mas: Hutabnehmen gibt es nicht. Wer eine Trauerrede hält, muß den Hut aufbehalten. Es gab eine Zeit, in der sich die Gemeindeverwaltung mit der Wissenschaft des Judentums beschäftigte und sie nach Kräften förderte. Heute haben die Verwaltungen nur „Wuchtigeres" zu tun. Man erörtert den großen und kleinen Tropp; man veröffentlicht im Gemeindeblatt feste Regeln, wie man sich beim Chomezbatteln zu verhalten habe, (muß das Chomez eventuell verkauft werden. . ., so heißt es trefflich und charakteristisch in der Verordnung.) Wir fragen: Wie viele von den zchn Prozent Orthodoxen haben eine Ahnung vom Tropp? Wie viele batteln Chomez? Keine der liberalen Verwaltungen hat während des Krieges und in der Jnftationszeit den armen Gemeindemitgliedern, die sich auf rituelle Weise verpflegen wollten, es aber nicht konnten, vorgehalten, daß in den Zeiten der Not und Gefahr von den rituellen Vorschriften Tispenz erteilt werden kann. Keine gestattet den armen alten oder tranken Leuten, die in die Gemeindeanstalten ausgenommen werden, nach ihrer Art wie bisher zu leben, alle zwingen sie, mit der Aufnahme in ein Gemeindeinstitut eine neue Lebensweise zu beginnen und unterwerfen sie strengen Visitationsregeln. Ob auch in diesem Jahre wieder die Wirtschaft des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde in Berlin zu Ostern für einen Schekel verkauft worden ist? Tie weit überwiegende Mehrzahl der Gemeindebeamten ist nicht liberal. Wer sich liberal gebärdet, hat wenig Aussicht aus Anstellung. In der Tat überwiegt unter den Angestellten und Beamten die Zahl der Orthodoxen (und Zionisten). Es gibt sonach zwar Liberale in den Gemeindeverwaltungen, aber keine liberale Gemeindeverwaltung. — Und die „liberalen" Rabbiner? Wenn man ihre Schriften liest, möchte man manchmal glauben, daß es Liberale unter den Rabbinern gibt. Sie lehren, wie sich in ältesten Zeiten die Ausübung der jüdischen * Vorschriften gestaltet hat, sie entwickeln den Fortschritt der Religion und ihrer Ausübung, sie zeigen, wie und wann die einzelnen Vorschriften sich dem Leben angepaßt haben. Jedermann kann Nachlesen, in welcher Weise die Landessprache im Gottesdienst Anwendung gefunden hat, wie Männer und Frauen im Gottesdienst mitgewirkt haben, daß und aus welschem Grunde.gewisse Gebräuche sich in alter Zeit und manche andere im Mittelalter entwickelt haben. Ta aber bleiben sie stehen. Tre Anwendung der Grundsätze der Fortentwicklung auf die heutigen Tage stockt, die Anwendung auf sie selbst, ihre Tätigkeit und ihr Leben fehlt. Statt Vorbild des Fortschritts zu sein, geben sie ein Bild der Rückständigkeit, statt ihre Ansicht vor allen Juden, deren Führer sie sein wollen und sollen, offen auszusprvchen, verstecken sie ihre Beratungen hinter verschlossenen Türen. Wann und wo hat in Teutschland ein Rabbiner oder ein Rabbinatskollegium seinem Gemeindevorstand gesagt: Tie Grundsätze, die wir theoretisch für gülttg halten, müssen wir auch praktisch! ins Leben übertragen, sonst folgt man chnen nicht, sonst glaubt man uns nicht. Daß, dies möglichist, zeigt das rege Gemeindeleben der Engländer und Amerikaner jüdischen Glaubens. Statt dessen führt man ein Leben, wie man es im Mittelalter geführt hat. Statt dessen wagt man nicht, selbst diejenigen Schritt zu tun, die man im Innern für richtig oder wenigstens für zulässig hält. Welcher Rabbiner hat die deutsche Sprache für die Gebete emzuführen sich bemüht, die seit altersher immer in der Landessprache gebetet wurde? Man betet noch heute lieber aramäisch statt deutsch. Wo bleibt das Gebetbuch für die liberale Gemeinde? Statt dessen wird im Gottesdienst hier und da rückwärts revidiert, oder wenigstens jede Fortentwicklung unterbunden. „Rast ich, so rost ich". Ein gutes Wort, aber unbekannt geworden in den Kreisen der deutschen Rabbiner. Und die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel. So kommt es, daß! die liberalen geistigen Führer zwar die Fortentwicklung des Judentums kennen und anerkennen, aber von dem Fortschritt im jüdischen Leben erschrocken stehen bleiben. - Bleibt noch ein Wort über die neueste Richtung im modernen Leben zu sagen, den Zionismus. Warum soll es nicht Leute geben, die den Wunsch» „im nächsten Jahr in Zion" wörtlichnehmen und betätigen wollen. Man kann vielleicht darüber den Kopf schütteln, aber es muß auch solche Käuze geben. Nur müssen diese Juden sich! nicht über die Glaubensgenossen in ihrer Heimat erheben, nur müssen sie sich nicht einbilden, daß sie die einzigen oder daß sie die wahren Juden sind. Nur müssen sie ihre Bestrebungen nicht verschleiern und vertuschen. Schon das Ziel ihrer Bestrebungen, das, trotz allen offiziellen Ableugnens, nach den öffentlichen Reden und veröffentlichten Aussätzen ihrer Führer und Anhänger der jüdische Staat in Palästina war und ist, dürfen sie nicht in eine „öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte" umwandeln, wie ihr in dieser Bestimmung mit Ach und Krach entstandenes Baseler Programm erklärt. Tie schlauen Engländer haben sie an dieser Unwahrhaftigkeit gepackt und haben ihnen diese rechtlich gesicherte Heimstätte, selbstverständlich unter englischer Oberhoheit und in einer englischen Kolonie, gewährt. Jetzt sitzen sie in Palästina und können nicht aus und ein. Es fehlt ihnen vor allem am „nervus rerum", am Gelde. Ta gründen sie den Keren-Hajessod und wollen aller Welt einreden, daß dieser durchaus nicht für den Zionismus, sondern für Kulturarbeiten tn Palästina bestimmt sei. Sie wissen, daß die Tummen nicht alle werden. Ta führen sie ihre begeisterten Anhänger in das Land, die dort ein neues Volk errichten sollen, und das unergiebige, srnch lärme kleine Ländchen känn nicht einmal die wenigen Fanatiker ernähren, die sich« zur Einwanderung haben bestimmen lassen. Fragt doch die Juden im Lcknde, ob sie sich mit Steineklopfen, ob sie sich selbst als Dienstboten oder Wagenführer ihren Unterhalt verdienen? Fragt doch die Juden, die in die deutsche Heimat zurückkehren, nach dem Grunde ihrer Rückwanderung. Wenn sie offen sind, sagen sie euch, daß die Besiedelung Palästinas durch deutsche, ja durch Ostjuden, eine Unmöglichkeit ist. Schickt 10000 Kapitalisten in das Land, früher wird aus dem lleinen Ländchen nichts werden. Diese Kapitalisten aber kommen nicht und werden sich hüten, ihr Geld in einer englischen Kolonie oder einem dxreinstigen arabischen Staate anzulegen. Und inzwischen wird in Deutschland weiter mit allen Mitteln agitiert, wirk» die deuffche Jugend jüdischen Glaubens fanatisiert, werden die Erwachsenen immer weiter zur Auswanderung angeregt, wird mü allen Mitteln, mit Kinovorstellungen und Pro-Palästina-Komttees auf das unmögliche Land hingewiesen und, was das schlimmste ist, Wetter der Versuch gemacht, die große Zahl der nicht--« zionistischen Judm, die ihrer dmischen Heimat treu bleiben wollen, zu entwurzeln, sie ihrer Hermat zu entsremdm und allen Judenfeinden die Möglichkeit gegeben, ihre Waffen gegen die Juden zu schmieden. Alle Achtung vor denen, die aus Fanatismus, oder, wenn wir es höflich nmnen, aus Ueberzeugung nach Palästina gehen und dort bleiben. Was soll man aber über alle jme denken, die mit großm Worten eine Zahl deutscher Juden zur Auswanderung nach Palästina anregen, sesbst einmal chre Nase in das Land ihrer „Sehnsucht" stecken, und dann gemütlich nach Hause, nach Teutschland zurückkehren, hier chren alten Kohl bäum und weiter hetzen? So steht es in Wahrheit mit dem Zionismus und den Zionisten in Teutschland. Aber den schönen Worten der Zionisten glaubt man, die Wirklichkeit lernt man nicht kennm, und auch von dm Herren Rabbinern läßt sich so mancher durch mystischen Gedankenkram oder durch Verkennung der Verhältnisse blenden. Allerdings wagen sie nicht, chre Ansichten und Wünsche öffentlich auszusprechen; auch hier unterhalten sie sich nur hinter verschlossenen Türen. Was geht die misera Plebs an, was ihre Führer dmken! Was würden die Gemeindemitglieder auch dazu sagen, wenn sie erfahren, daß die Alten unter Verleugnung chrer früher öffentlich bekannten und verkündeten Anschauungen, sich von der Jugend, die soeben erst die Kanzel bestiegen hat und -Seift lernen muß, wie es in dm Gemeinden zugehl, fortreißen und auf Wege führen lassen, die die Gemeindemitglieder nicht gehen wollen Und die Gemeinden? Die Gemeinde... voller Huld Sicht dies alles mtt Geduld. Bis ihr eines (hoffentlich nicht zu späten) Tages diese Geduld reihert, und sie dm Verwaltungm, den Rabbinern und den' Zionistm in Deutschland die Wahrheit ins Gesicht sagm wird. Von Toris Wittner. Das „rassmschützlerische" Königreich Ungarn, dem nichts ermangelt als ein legitimer Träger der heiligen Stefanskrone, hat einen neuen Begriff und eine neue Formet innerhalb der Phraseologie der Rassenverhetzung gefundm. Ter vielgeprüften Nation, die in ihrer Hilflosigkeit und Zerrissenheit einen Horthy königliche Würde selbstgefällig verwalten läßt, blieb es Vorbehalten, einen ihrer fmrigstm Patrioten, einen Bollblutungam, der aber auch gleichzettig ein Exponent des geistigm, kulturellen Europas war, gerichtsnotorisch anzuprangern als nicht „bluthaften" Sohn der von ihm so heiß geliebten madjarischen Heimat. Und warum? Weil eben dieser geistige und körperliche Adelsmensch, der stolze, von ganz Europa ° gefeierte Magnat, der Baron Ludwig Hatvany , zwar ein Bürger Ungarns sein konnte, auf den die gesamte, nichtungarische Welt mit Bewunderung blickte, aber als Nachkomme jüdischer Eltern nie und nimmer der madjarischen Erde „bluthast" verbunden sein durfte. Es gehörte die ganze Ideologie und die inbrünstige Vaterlandsliebe des mttlionenreichm Dichters Ludwig Hatvany, der in allen Hauptstädten Europas daheim war, dazu, sich freiwillig dem Häscherapparat der Horthyschen Justiz auszuliefern und dem Freigeleit des ungarischen Staatsgeblldes Glauben zu schenkm. Wer vor etwa dreißig Jahren längere Zeit in Budapest, dazumal noch der ehrgeizigen Haupt- und Krönungsstadt der habsburgischen Toppelmonarchie, weilte, mochte zwar der blendenden Schönheit dieser sowohl natürlich als architektonisch durch seltme Vorzüge geschmückten Stadt bedingungslos unterliegen. Aber wenn er als heimlicher Beobachter durch die prunkenden Straßenzüge, die pomphaften Fremdenhöfe, die Theater- und Vergnügungslokäle streifte und die verschiedenen Kreise der Bevölkerung — vom hosfärtigen, pelzgeschmückten Magnaten an bis zum kleinbürgerlichen Greisler der Waitzmer Gaffe hinab — zu erkennen strebte, so ward ihm eine große und unumstößliche Tatsache offenbar. In der goldstrotzenden Oper, wo die schönsten Frauen der Welt kokett lächelnd an den Logenbrüstungen lehnten oder in der wellberühmten Konditorei von Kugler, wo dieselben Frauen nachmittags ihr Eis löffelten und sich mit ihren Kavalieren, den galanten Stutzern der Andrassystraße, Stelldichein gaben, oder abends im Hotel Hungaria, wo die Zigeuner auf Geige und Cimbal schluchzten und die Hundertguldenscheine zum Primas ebenso verschwenderisch hinüberslogen wie die schmachftenden Blicke aus glutvollen Frauenaugen: über alle diese Stätten war ein Glanz und ein Schimmer gebrütet, wie man ihn wohl nur in wenigen anderen Städten des Kontinents finden mochte. Und dennoch, besonders wenn die heißen Weine des Landes allenthalben Köpfe und Sinne erhitzten und hie und da eine Maske fiel, wurde der Westeuropäer das peinigende Gefühl nicht los: Firnis, Firnis, alles Firnis! Tie Kultur, deren äußere Symbole zwar im Ueberfluß vorhanden schienen, hatte in diesem Lande offenbar noch kein Heimatsrecht. Sie war kein Eigengewächs des madjarischen Bodens, sondern fremder Import. Französische Odeurs, gemischt mit den schärferen und durch? dringenderen Parfüms des Orients. In den weitläufigen Schlössern, umgeben von unermeßlichen Jagdgründen, die sich längs der Donau hinzogen, hauste die dekorative Aristokratie des Landes, trank und spielte und koste mit schönen Frauen. Aber es war ein gleichsam mittelalterliches Rittertum, eine selbstherrliche Tyrannis, die da schaltete und waltete und wohl kaum je auf den Gedanken verfallen wäre, in einem schlichten Bürgersmann oder gar unter einem Arbeiterwams auch einen Menschen zu achten, geschweige denn, ihm gleiche Rechte zuzugestehen. Lauter kleine Etzels saßen auf den altersgrauen Burgen, und rings um sie kriÄelte und wibbelte ebenfalls eine kleine emsige Menschheit: dem äußeren Anschein nach die späten Nachfahren jener Hunnen, die dereinst aus östlichem Niemandsland die Donau hinabgefahren und sich dorten niedergelassen hatten. Wenn die Magnaten in der ungarischen Nationaltracht nach Budapest ins Parlament oder nach Ofen auf die Königsburg fuhren, so boten sie gewiß einen gleichzettig impetnosen und malerischen Anblick. Und in den Händen dieser unbeugsamen Magnaten lag auch die Polttik des Landes, der sich selbst der König von Ungarn (der österreichische Kaiser) oft zähneknirschend zu beugen hatte. Tie politischen Grasen: so nannte man jenseits der Lettha die ungarischen Volksvertreter. Tenn fast immer war es einer aus den alten Geschlechtern der Andrassy, Appomyi, Carolyi, oder wie sonst nach Nam' und Art sie heißen mochten. Sie waren Mad-* jaren; sie konnten Hunnen sein; nur eines waren sie niemals: nämlich Europäer. Das Bürgertum, in fast jedem anderen Lande die küllurtragende Schicht, war beiläufig vor schier dreißig Jahren noch fast ausschließlich deutsch und wurde erst allmählich, allerdings ziemlich gewalttätig, madjarisiert. Tie deutschen Namen, die bis dahin das Städtebild beherrscht hatten, verschwanden mehr und mehr und wurdm durch echt ungarische ersetzt. Auch in den Schulen wurde mehr oder mehr nationalisiert. Zu jener Zeit spielte in der kapitalkräftigen Bürgerschaft auch noch das Judentum eine wesentliche und bedeutsame Rotte. Tie reichen jüdischen Familien in der ungarischen Metropole hielten sich deutsche, französische oder englische Gouvernanten, Erzieher und Hofmeister, um den Anschluß an die mitteleuropäische Kultur nicht zu verlieren, sondern womöglich zu steigern. Das jüdische Proletariat aber? Das war ein Kapitel für sich. Und wahrlich, kein erfreuliches. Hier war schon Balkan in Reinkultur und von westlicher Zivttisation auch nicht die geringste Spur Mehr. Man hatte ein unbehagliches Gefühl, wenn man aus den Armntsquartieren an der Peripherie in das glänzende Zentrum der Stadt zurückkehrte. Man ahnte unter der noch scheinbar ftiedsam ruhenden Oberfläche dumpf gärende Gegensätze, die nur der ersten besten Gelegenheit zu harren schienen, um in Bruderzwist und Bürgerkrieg und blutige Greuel ausznarten. Präzedenzfälle lagen zur Genüge vor. Nirgends — außer in Rumänien und Rußland — hatte es Judenverfolgungen, Pogrome und Rttualmordprozesse von gleichem Fanatismus und ähnlicker Grausamkeit gegeben. Durch seinen Blutaüerglauben und oie

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